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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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16.
Der Traum.

Während sich die Leutchen in der Feenhalde mit Florian's Herzensangelegenheiten beschäftigten, hatte er mit andern Dingen zu thun. Er berechnete die Baarschaft, die er mit sich führte, und andern Theils jeden Augenblick von einem der ersten Handelshäuser in Basel beziehen konnte. An eine Rückkehr nach Bünden durfte er nicht denken, obgleich die Franzosen aus allen Thälern wieder verdrängt waren; denn er hatte den Parteigroll seiner Mitbürger zu fürchten. Er fühlte keine Lust, nachdem er den Franzosen entwischt war, sich von den Oesterreichern nach Tirol schleppen zu lassen. Seine Güter, Wiesen und Alpen blieben ihm in der Heimath gesichert; er hatte die Verwaltung derselben einem redlichen Mann übergeben. Es blieb nur die Frage, wohin mit ihm selber.

Diese Frage beschäftigte ihn so sehr, daß er an einem schönen Junius-Nachmittage, da er allein lustwandelte, Weg und Steg verlor. Er befand sich zwischen Tannengestrüpp und Bergen; vor ihm die schwarzgelbliche Wand der Kalkfelsen, die er bisher nur aus der Ferne gesehen hatte.

Hier, auf einem mit kurzem Rasen bewachsenen Platze, den ein Vorsprung des Felsens beschattete, legte er sich in der Nachbarschaft einer Höhle nieder. Die Ruhe der Gebirgsgegend, durch welche aus der Ferne von Zeit zu Zeit der eintönige Klang der Glocken der Heerden drang, lud ihn zum Schlummern ein.

Flüchtling, seufzte er bei sich, und doch kein Verbrecher; vielleicht geliebt von der Liebenswürdigsten und doch ohne Hoffnung des Glückes.

So, in träumerischem Hinbrüten, sah er Wälder, Berge und Ebenen, Ströme und Seen an seinen Blicken vorübergleiten. Je fester ihm die weiche Hand des Schlummers die Augenlieder schloß, desto reizender wurden die fremden Landschaften, welche um ihn her zu liegen schienen. Endlich erblickte er das Meer, wie längs den Hügeln eines freundlichen, grünen Gestades seine blauen Wellen dahin rollten. In der Ferne stiegen, wie auf blauen Grund gemalt, die Thürme einer Stadt empor. Er wanderte derselben wohlgemuth entgegen, als ihm eine wohlbekannte Stimme zurief; er erblickte seitwärts, von einem Garten umgeben, ein weißes, geschmackvoll erbautes Landhaus, umweht von hohen Pappeln und auf dem Balkon, welchen ein vergoldetes Gitterwerk, als Geländer, umzäunte, winkte ihm Hermione. Er flog mit der Sehnsucht der ersten Liebe zu ihr und sie trat ihm schon im Garten, wie durch einen Wald voll Lilien, entgegen und sagte: Nun binde ich Sie fest. Sie lös'te ein breites Seidenband, welches ihren Leib umfing und wollte ihm dasselbe scherzend überwerfen. Das Band aber wurde zur Schlange, welche sich zugleich um ihn und um sie wand, Beide fest an einander zog und, ihren eigenen Schwanz mit den Zähnen fassend, einen lebendigen Ring bildete. Hermione that einen lauten Schrei und er selbst erschrak so heftig, daß er aus dem Traume auffuhr und die Augen öffnete.

Er sah aber auch im Wachen Hermione noch; er sah sie, von ihm abgewandt, mit schnellen Schritten fliehen, und während der Flucht das Köpfchen noch einmal nach ihm zurückwenden. Er sprang empor, bestürzt und zweifelhaft, ob es Traum, ob Wirklichkeit sei, und rief: Fräulein! warum fliehen Sie?

Erröthend stand die Schöne still, mit ihrem tiefgebogenen Strohhut, am Arm ein von Weiden geflochtenes Körbchen und einen langen, starken Stab in der Hand.

Verzeihen Sie, stammelte sie; ich habe Sie im Schlummer gestört.

Und ich danke Ihnen, theures Fräulein! sagte er; Nichts konnte meinen schönen Traum angenehmer unterbrechen.

Sie haben wirklich geträumt, wirklich? rief Hermione mit Gesichtszügen, worin neben ungeduldiger Neugier ein banger, an Erschrockenheit grenzender Ernst sich malte.

Florian, mehr auf die Frage, welche ihre Gesichtszüge zu stellen schienen, als auf die ihres Mundes, antwortend, sagte: Ist's nicht erlaubt, hier oben zu träumen?

Das wohl, entgegnete Hermione, das wohl; aber – wissen Sie, wo Sie träumten? – Sie zeigte mit dem Stabe gegen die Höhle.

Warum? Nisten dort Drachen oder Schlangen?

Nein, scherzen Sie nicht; kennen Sie jene Grotte nicht? Wissen Sie, welche Sage davon im Lande geht?

Kein Wort.

Es ist der Eingang zum Feentempel, wo wirklich etwas Ueberirdisches waltet; glauben Sie es nur. Und wer hier einschlummert, empfängt weissagende Träume. Sie haben geträumt, wirklich geträumt?

Wirklich, und ich bin den Feen sehr verbunden.

Erschien Ihnen eine?

Allerdings und ich glaube die liebenswürdigste aller Feen, wie sie wohl in Tausend und einer Nacht nie erschienen sein mögen.

O, lassen Sie mich ein wenig neugierig sein; in welcher Gestalt?

In der, die mir, so lange ich unterm Himmel wandle, immer die schönste, die unvergeßlichste und die – ach, daß ich's sagen muß! – die gefahrvollste bleiben wird.

Ich möchte nur die Gestalt der Fee kennen, die Sie im Traume sahen und den Traum selbst.

Florian senkte verlegen die Augen. Ich darf es kaum sagen; was fragen wir auch den Träumen nach, die Wirklichkeit ist der schönste Traum.

Sie schlagen mir die Bitte ab? – Wissen Sie, daß dieser Traum mit Ihrer Zukunft in enger Verbindung steht und daß er belehrend, rathend oder warnend sein kann?

Sie erschrecken mich mit Ihrem Ernste, Fräulein!

Sehen Sie! man nennt den Schlaf gewiß nicht ganz umsonst den Bruder des Todes. Er ist es wirklich, er ist ein halber Tod. Der Leib ist vergänglich, und die Seele nimmt eine andere Richtung, lebt in einer andern Welt, hat andere Sprachen und Zeichen. Träume sind nur die letzten Strahlen eines Abendrothes der Seelenwelt, die über den Ozean des Unendlichen und Raumlosen ein Licht auf das Irdische werfen, wie in der sichtbaren Natur der Schimmer der untergehenden Sonne gegen die Gebirge. –

Florian lächelte; denn das schöne Mädchen stand, ihn belehrend und Glauben gebietend, so erhaben, wie ein philosophischer Graubart, vor ihm da. Er nahm ihre Hand und küßte eine der zarten Fingerspitzen, die durch den Handschuh sichtbar waren, als wollte er wegen des Lächelns um Verzeihung bitten.

Spotten Sie nur, spotten Sie nur! sagte sie ein wenig unwillig, und mußte dabei doch selbst lächeln; Sie werden einst an diesen Augenblick zurückdenken, und dann nicht mehr spotten, ja, Sie werden an mich denken!

Gewiß, gewiß, werde ich an Sie denken, denn schon halbtodt dachte ich an Sie.

Wie, halbtodt?

Sagten Sie nicht, der Schlaf wäre ein halber Tod?

Nein, nur ein Augenblickchen bleiben Sie ernsthaft. Sie sind ein wenig leichtsinnig; gerade jetzt, eben hier, sollten Sie es nicht sein. Erzählen Sie mir von Ihrem Traume.

Wohlan, suchen wir Schatten und Kühlung; ich kann Sie unmöglich von den Sonnenstrahlen leiden sehen.

So kehren wir zur Stelle zurück, wo Sie schlummerten; dort weht stets ein kühles Lüftchen. –

Sie gingen zurück, und Florian bemerkte, daß Hermione wirklich Recht habe. Es ging über die Stätte ein sanfter, erfrischender Luftstrom.

Sie sind eine Allwissende?

Hermione deutete auf die Höhle; von dorther, aus dem Feentempel, kommt der erfrischende Strom.

Der auf seinen zarten Wellen die schönen Träume trägt?

Allerdings und die bedeutsamen.

Sie haben Recht, Fräulein! Sollte diese Stätte immer schöne Träume bringen, so zählen Sie darauf, daß ich mich hier alle Tage zum Schlafe bette. Weshalb aber glauben Sie, daß der Traum hier bedeutungsvoller sei als anderswo?

Soll ich's Ihnen sagen, damit Sie mich ausspotten? Sie sind ein gelehrter Mann, doch wie die Männer insgesammt – Alles glauben sie, nur das Glaubwürdige nicht. Sie glauben an die Wirkungen, aber an die Ursachen nicht; sie glauben an die Erscheinungen, aber an die Kräfte nicht. Eine Kraft ist's, die im Grashalm lebt; eine Kraft lebt in diesem Steine, in jenem Baume. Wer kennt das göttliche Reich, und wer die Heerschaaren der Kräfte darin? Eine unendliche Kette von Kräften senkt sich von Gottes Thron auf uns herab, und wir rühren an diese Kette; ja, wir sind mit ihr verbunden. Es giebt Augenblicke, in welchen wir mit Geistern, vielleicht höhern, vielleicht untergeordneteren als der menschliche, in Berührung stehen.

Meine schöne Geisterseherin! lehren Sie mich Ihre Geheimnisse. Einen schöneren Geist, als den Ihrigen, werde ich zwar nicht erblicken, und doch möchte ich's auch mit andern versuchen.

Sie haben ja den Versuch gemacht. Ist nicht die Macht des Feentempels über Sie gekommen? Haben Sie nicht Ihre Zukunft erblickt? Sie schlummerten hier; der unsichtbare Strom dieser Grotte floß über Sie hin und machte Ihre Seele im Traume hellsehend. Anderes war es auch nicht, was die delphische Priesterin auf dem Dreifuße bis zur Orakel-Ertheilung in Verzückung brachte, als diese geheime Naturkraft. Sie schlummerten hier; die Naturkraft, die in Griechenland Apollo, der Gott der ewigen Jugend, hieß, und hier von den Landleuten Fee genannt wird, kam über Sie und Sie selbst sind Ihr Orakel, Ihre pythische Priesterin geworden. Glauben Sie nun, oder glauben Sie nicht; aber erzählen Sie mir Ihren Traum; ich muß ihn wissen; er ist mir sehr wichtig.

Und glauben Sie, er werde erfüllt werden?

Wer kann die Zeichen deuten, die im Reich des Uebermenschlichen gelten? Geschwind erzählen Sie. –

Florian wollte sich nicht länger weigern. Er erzählte, mit welchen Gedanken er eingeschlafen sei; dann von den vorüberfliegenden Gebirgen, Ländern und Strömen; dann von dem Meere und dem grünen Gestade voller Hügel; dann, wie er die Stadt in der Ferne sah. Er bemühte sich, das zu schildern, was in verdämmernden Bildern noch seinem Gedächtnisse vorschwebte. Er sprach von der Stimme, die ihn aus dem Landhause gerufen, und mußte sie, so gut er konnte, beschreiben. Nein, nein! rief sie auf's Höchste gespannt und ihn starr und mit sonderbarem Ernste ansehend; das ist ja St. Imar; das ist mein väterliches Erbgut. Ja die Stadt, die Sie gesehen, ist offenbar Antibes.

Er sprach von ihrem Erscheinen auf dem Balkon, von dessen goldenem Gitterwerk. Nein, es ist nicht möglich! rief sie wieder; meine gute Mutter ließ es in ihrem letzten Lebensjahre so herstellen.

Florian sah Hermione fast außer sich; ihm selbst wurde wunderbar dabei zu Muthe. Liebes Fräulein! sagte er, Sie wollen mit mir scherzen?

Sie schüttelte aber ernst den Kopf und rief: O ich bitte, ich bitte, fahren Sie fort; stören Sie sich selbst nicht.

Nun begann er mit der Beschreibung des Gartens, denn alle Kleinigkeiten wollte sie wissen. Als er der Menge der weißen Lilien in den Beeten erwähnte, durch welche Hermione gekommen, faltete sie die Hände, senkte mit still bekräftigendem Neigen den Kopf und sagte: Ich weiß es wohl; ich spielte in meinen Kinderjahren unter diesen Lilien; es waren die Lieblinge meiner verklärten Mutter. Unser St. Imar wurde in der ganzen Nachbarschaft der Liliengarten genannt.

Sonderbar, daß ich im Traume zum Seher werden muß, sagte Florian lächelnd, doch mit Erstaunen über die Reden des Fräulein Delory. Ich wette, die Einbildungskraft spielt uns Beiden einen Possen, fuhr er fort; sie ist von allen Feen die schadenfroheste. Mit den nämlichen Wörtern verknüpfen wir Beide die verschiedensten Bilder und Vorstellungen.

Erzählen Sie zu Ende! rief das Fräulein mit ängstlicher Neugier. Er machte nun Mittheilung von dem Bande; dann wie es zur Schlange geworden, und wie er in dem Augenblicke geweckt wurde, als die Schlange mit Kopf und Schweif den Ring schloß. Hermione wandte sich zur Seite, so daß ihr breiter Strohhut es verbarg, wie erst die blasse Farbe der Lilien des mütterlichen Gartens ihr Antlitz überfloß, und es dann von der Gluth dunkler Rosen übergossen wurde.

Fürwahr, sagte Florian mit leiser Stimme, aus der seine ganze Liebe klang, fürwahr, wenn dieser Traum irgend einen prophetischen Eindruck macht, so ist es der, welchen er zuletzt macht, als er das Band, mit dem Sie, theure Hermione, mich banden, in das Sinnbild der Ewigkeit verwandelte. O, wenn ich nur das günstig deuten dürfte!

Mit gesenktem Haupte halb seitwärts gewandt stand sie sinnend da, und zog, spielend, mit dem Stabe Linien in den Staub des Bodens. Wie gern hätte Florian erfahren, was in diesem Augenblicke in ihrem Gemüthe vorging!

Plötzlich erhob sie das Haupt und sagte zu ihm mit einer Miene voll stiller Ergebung: Nun, haben wir ein gemeinsames Geheimniß; offenbaren Sie Niemanden Ihren Traum. Sie wollten den Feentempel sehen; kommen Sie, ich will Ihre Führerin sein.

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