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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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14.
Die Erklärungen.

Einförmig und still, wie die Berglandschaft, aber darum nicht minder anmuthig, war die Lebensweise auf der Feenhalde. Vater Staffard besorgte den größten Theil des Tages hindurch die Geschäfte des Hauses, übte die Aufsicht über die ländliche Wirthschaft, oder schrieb Geschäftsbriefe nach Frankreich, Italien und anderen Ländern; denn er beschäftigte manche arme Haushaltung in den benachbarten Thälern des Fürstenthums, die für seine und der Frau Bell Rechnung Spitzen klöppelten. Allwöchentlich reiste Georg durch die Thäler, um Arbeiten und Bestellungen aufzutragen, oder die Arbeiter zu bezahlen; Florian dagegen, der sich in Neuenburg mit Büchern versehen hatte, verlebte einen beträchtlichen Theil seiner Stunden bei diesen, oder beschäftigte sich mit der Auflösung mathematischer Aufgaben, die er sich selber gab. Er verließ die Feenhalde nicht mehr, aus Besorgniß, der Polizei verrathen zu werden. Die Nachmittage und Abende wurden gewöhnlich von ihm und den beiden Staffard bei Frau Bell zugebracht, oder die Familie Bell kam nach dem Staffard'schen Hause, wo ebenfalls in der Regel allwöchentlich, unterstützt von musikalischen Nachbarn, ein Konzert auf Blaseinstrumenten veranstaltet wurde. Florian spielte, nicht ohne Beifall, die Flöte.

Das Verhältniß, in welches er, bei täglichem Umgange, zu Hermione kommen mußte, war so traulich, und blieb dabei doch so fremd, daß er sich darin selbst nicht begreifen konnte.

Die Leute in der Feenhalde merkten bald, was Hermione und Florian sich einander galten. Der alte Staffard meinte: Er ist ein rechtschaffener Mann; laßt ihn seinen Gang gehen; mische sich Keiner in den Handel. Frau Bell hingegen hatte keine geringe Lust, sich in den Handel zu mischen; denn das Loos ihrer Nichte konnte ihr nicht gleichgültig sein, da sie bei derselben Mutterstelle vertrat. Sie hätte gern mehr über den Flüchtling erfahren. Claudine und Georg ihrerseits waren sogleich darüber einig, daß Florian und Hermione ein Paar geben könnten. Claudine wünschte nicht inbrünstiger, ihre Gespielin glücklich zu wissen, als Georg seinen Freund.

Genug, Alle waren in den Angelegenheiten des oft besprochenen Pärchens schon weiter gekommen, als die Hauptpersonen selbst.

Närrchen, Du liebst ihn, sagte Claudine zu Fräulein Delory; seit Du ihn im Garten von Reichenau, dann in den Straßen von Chur gesehen? Denke, wie er Dir droben bei der Kette erschien, denke an Deinen Traum vom verlornen Handschuh, und wie Dir zu Muth war, als er sich erfüllte. Kannst Du es läugnen?

Gott entscheide! sagte Hermione mit gefalteten Händen und zum Himmel gewandten Augen.

Du machst mir bange, Hermione! was hat er Dir seit gestern Leides gethan?

Er kann mir nichts Leides mehr thun; er hat mich vernichtet. Das Schicksal stieß an mein Leben und es zerfloß in das seine, wie ein zitternder Thautropfen in den andern.

Nun also verstehen wir uns; das heißt: Du kannst nicht mehr ohne ihn leben?

Glaube nur, Claudine! was Du Liebe nennst, was Andere aus Wahl, aus Neigung, aus Berechnung thun, ist, bei Florian und mir, wie eine Naturnothwendigkeit. Der eigene freie Wille mußte mit ihm zusammentreffen; ich mußte ihn allenthalben finden, wenn ich ihn auch meiden wollte; mußte, um an ihn verloren zu gehen.

Nun, das heiße ich vernünftig gesprochen, Du kleine Philosophin! wenn ich anders Vernunft genug habe, um Dein Kauderwelsch zu begreifen. Du wirst übrigens zugeben, hoffe ich, daß jedes Mädchen auf diese Art gern verloren geht, wie Du und ich verloren gegangen sind. Man gewinnt sich selbst dabei um hundert Prozent reicher zurück. Ich liebe, Du liebst, er liebt, wir lieben, Ihr liebet, Alle lieben!

Claudine, Du verstehst mich nicht. Ich bin wider Willen, durch höhere Mächte, an ihn gefügt.

Ach, Du armes Ding! – aber, wenn es nun einmal nicht anders ist, bleibt das Beste, zum bösen Spiel ein süßes Gesichtchen zu machen. O Hermione, Hermione! denke an den zwölften Oktober. Hermione, wenn mein Hochzeittag der Deinige . . .

Bei diesen Worten drängte Hermione Claudinen mit vorgestreckter Hand von sich ab, während sie das Gesicht tief auf die Brust senkte und rief: Nur das, o das sage nicht wieder! Ich könnte jedes Andern Weib werden; ich mag den Gedanken nicht ohne Abscheu, – nein, brich ab; wir reden nicht wieder davon.

Claudine lachte laut und doch konnte sie sich nicht enthalten, ihre Freundin voll Mitleid und Erstaunen anzusehen.

Eben so erstaunte Georg, wenn er mit Florian die gleiche Angelegenheit behandeln wollte. Der junge Bündner sträubte sich, von dieser Liebe zu reden, oder an Hermione's Liebe zu glauben.

Unter uns gesagt, Florian! Du bist ein wunderlicher Kauz; Du liebst sie doch?

Wie alles Schöne und Gute: wie Du es liebst, Georg! Du selbst.

Ich denke, Claudine würde mich doch höflich ersuchen, zwischen Lieben und Lieben einen kleinen Unterschied zu machen. Ich begreife nicht, warum Du Dich sträubst, Glücklicher?

Nenne mich nicht glücklich.

Aber ich weiß es durch Claudine; sie kennt Dich und diese ätherische Hermione längst. Schon im Garten von Reichenau hattest Du ihre Eroberung gemacht; dann auf dem Platze in Chur, wo Du unter Hermione's Fenster einen belasteten Bauernwagen auf die Seite warfst, und den Bauer dafür straftest, daß er einem Wagen voll verwundeter Franzosen nicht ausweichen wollte.

Wie? unter Hermione's Fenster war es?

Sieh, Florian! sie hat nichts vergessen; sogar nicht das braune Muttermälchen da, neben dem Ohrläppchen. Ja, Claudine wußte von Dir schon durch sie, ehe Ihr Euch bei der Kette gesehen hattet. Im Traume sah Hermione Dich ihren verlornen Handschuh zurückbringen. Was willst Du mehr? Und wenn das Alles nicht gelten sollte, so würde das Zeugniß von Aller Augen und Ohren gelten.

Wäre es möglich, sagte Florian vor sich hinsehend, was ich doch nie glauben werde – wäre es – sie fühlte eine erwachende Neigung für mich – – dann, ja, morgen flöhe ich aus Euerm Lande; um eine Heilige nicht zu betrüben. Ich flöhe; damit sie durch mich nicht unglücklich werde.

Unglücklich?

Wie sollte es enden?

Wie mit Claudine und mir. Du bist unabhängig; Du bist begütert. Fräulein Delory hat selbst einiges Vermögen; ihr Stiefvater soll ein vortrefflicher Mann sein; folglich . . .

Ach, Georg! rief Florian, ich sollte es eigentlich nicht sagen, aber ich muß es sagen: hebe Dich weg von mir Satanas! Ich bin ein Geächteter, ein Flüchtling; das Vaterland hat noch Ansprüche auf mein Blut und ich denke nicht an Ruhe und Vermählung, bis Graubünden vom Joche der Ausländer befreiet ist. Und wer ist Bürge dafür, daß man nicht daheim mein väterliches Gut konfiszirt, gleichwie man schon das Vermögen meiner Verwandten im Veltlin konfiszirte? Ich erwarte die Tage des Friedens und der Unabhängigkeit; dann erlaube ich mir's, an häusliches Glück zu denken. Es giebt für den Schweizer kein persönliches Glück, ohne dasjenige des Vaterlandes.

Georg sah in das flammende Gesicht des Bündners, umschloß ihn mit den Armen und rief: Du bist ein Mann, wie Du sein sollst, Florian; aber Du liebst!

Nun denn, ja; aber wie der Mann lieben soll, mit Heiligkeit und Seelengröße.

Seit diesem Gespräch wagte Georg nie wieder, ein ähnliches mit Florian anzuknüpfen; auch Claudine hütete sich, auf Hermione einzuwirken. Man ließ die beiden wunderlichen Leutchen, wie man sie nannte, gehen, wie sie wollten.

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