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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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12.
Heimischwerden.

Am folgenden Morgen erst bemerkte Florian die Aufmerksamkeit seiner gütigen Wirthe in der Verzierung seines Wohnstübchens. Zwischen den innern und äußern Fenstern blühten Rosen, Nelken und Hortensien. Ein niedliches Schreibschränkchen von Nußbaum und Ahornholz, mit zierlich eingelegten Verzierungen und zahlreichen Schubfächern, stand seitwärts. Ueber den Tisch war eine dunkelgrüne Decke gebreitet, mit Blumenwerk am Rande geschmackvoll gestickt. Das Bett, mit feinen, schneeweißen Ueberzügen, die Kopfkissen mit dunkelgrünen Seidenquasten geschmückt, stand neben der Thür. Ein großer Spiegel mit vergoldetem Rahmen hing zwischen den, von weißen Vorhängen halb verschatteten Fenstern nieder. So viel Zierlichkeit und Aufwand hätte Florian in keinem hölzernen Bauernhause, am wenigsten in der Einöde des Gebirges, vermuthet.

Freund! sagte der alte Staffard, was die Natur versagt, muß die Kunst gewähren. Wir haben bei uns zu Lande einen Winter von acht bis neun Monaten; während dieser Zeit sind wir in die kleinen Stuben eingebannt und müssen uns die enge Welt verschönern, so gut wir können. Italiener, Spanier, auch selbst Franzosen dürfen den größten Theil des Jahres im Freien leben, darum sind ihre Wohnungen vernachlässigt. Der Süden kennt den Reiz des öffentlichen, der Norden, zum Ersatz, die Süßigkeit des häuslichen Lebens. Wehe dem armen Menschen, der beides entbehrt! Und wahrlich, lieber Freund! uns Hochländern ist ein schöner künstlich geschaffener Sommer im Winter am Ende so angenehm, als den verbrannten Südländern ein künstlich gemachter Winter in ihrer Sommergluth.

Der alte Staffard und Georg führten ihren Gast durch den weitläufigen, hölzernen Palast umher. Sie zeigten ihm die langen Viehställe im Haupt- und Nebengebäude; die weiten Räume zur Aufbewahrung des Heues für den langen Winter; die großen Käsemagazine; die kühlen Milchkammern und alle Einrichtungen ihres ländlichen Gewerbes. Vormals hatte Staffard einen starken und ausgebreiteten Handel mit Uhren und Spitzen getrieben, zu welchem Zwecke sein Sohn zweimal, er selbst fünfmal in Amerika gewesen war. Sie hatten Europa lange Zeit in allen Richtungen durchzogen, endlich aber, nach Erwerbung ansehnlichen Vermögens, das unruhige Leben aufgegeben und im Thale, wie auf den Bergen, Ländereien für ihre Heerden angekauft.

Der alte Staffard galt bei seinen Nachbarn als ein reicher, vielerfahrener und sehr verständiger Mann; seine Gastfreundschaft und Ehrlichkeit war berühmt. Sein Mastvieh und sein Käse, die als feine Greyerzer nach Frankreich und England gingen, wurden von den Fremden gesucht. Junge Künstler und Anfänger, die aus den Thälern zu ihm heraufkamen, guten Rath und Geldanleihen zu verlangen, kehrten selten unbefriedigt von ihm zurück. Florian bemerkte bald die ungekünstelte Hochachtung, welche dem Greise in der Feenhalde überall entgegen getragen wurde, da sie mit einander des Morgens auf die Höhen stiegen, um die zerstreuten Heerden zu besuchen. Aus jeder Hütte scholl ihm der freundliche Gruß und aller Orten hätte man ihn gern mit freundlichem Geschwätze festgehalten.

Wahrlich, hier wohnen glückliche Menschen, sagte Florian, als er von der Höhe herab das stille Thal mit den zerstreuten Hütten in den baumlosen, grasreichen Wiesen übersah, und diese Ruhe des Volks mit den Unruhen und Schrecken verglich, welche der Krieg der Franzosen und Oesterreicher in die Thäler von Graubünden gebracht hatte.

Jeder ist's, der es sein will, sagte der Alte; es fehlt auch nicht an Unglücklichen unter uns.

Die es sind, erwiederte Florian, sind es gewiß durch eigene Schuld.

Wie überall und immer; außerdem sind alle Menschen glücklich, setzte Staffard hinzu.

Doch kann man auch nicht läugnen, daß äußere Verhältnisse eine gute Stütze des Lebensglückes sind, entgegnete Florian.

Der Alte schüttelte den Kopf und sagte: Nein, das eben ist eines der heillosen Vorurtheile, aus welchen der Mensch sein Verderben schöpft. Nicht Stand, nicht Reichthum, nicht Armuth, nicht Ehre, keine volle Tafel, durchaus nichts, was zu den Umständen gehört, trägt zum Glück oder Unglück bei, sondern unsere Ansicht über den Werth dieser Umstände. Wissen Sie nicht, daß Könige auf Thronen ihre Tage verwünschen und Märtyrer auf Scheiterhaufen, wenn sich die rothen Flammen über ihrem Haupte wölben, Freudengesänge anstimmen können?

Gut, Vater Staffard! wie aber, wenn fremde Heere in diese stille Welt einbrechen, wenn sie Ihnen den Sohn tödten, die Heerden rauben, die Häuser verbrennen?

Nun ja, ich verlöre allerlei. Mein Sohn aber kann sterben, ohne daß fremde Heere dazu nöthig sind, und der Tod ist kein Uebel. Es giebt kein Unglück, als das Schlechte, was wir thun. Aber auch Verweichlichung, auch Verwöhnung ist schlecht.

Sie werden bei dieser Philosophie . . . sagte Florian.

Halt, sagen Sie Christenthum; unterbrach ihn Staffard.

Gut. Sie sind aber, wie ich sehe, bei diesem christlichen Sinne gegen äußeres Wohlanständige und Erfreuliche keineswegs gleichgültig.

Wie ich in mir bin, so will ich die Umwelt sehen, erwiederte der Alte; darum ist diese Welt schön, weil Gott das Schönste ist. Niemand macht aus dem, was er behandeln kann, etwas Anderes, als jenes selbst ist. Der Ehrgeizige will Anbeter, der Despot Sklaven, der Unverständige Unverständiges, der Narr Närrisches, der Aufgeklärte Aufklärung, der Freie Freiheit. Wie könnte Einer das Erfreuliche verschmähen, ohne sich selbst zu verschmähen!

Florian erstaunte über die Lebensweisheit des Landmannes und gefiel sich, durch Widerspruch die Urtheile desselben über hundert verschiedene Dinge hervorzulocken.

Sie haben Recht, Vater Staffard! antwortete er; was ich hier sehe und vernehme, sagt auch meinem Gemüthe zu; ich finde hier einen großen Theil meines idealen Lebens, zur Wirklichkeit gestaltet, also ganz eins mit mir. Hier kann keinem Weichling, Schwelger oder Trägen, keinem Wollüstling oder Tyrannen wohl sein. Wenn ich auf diesen unfruchtbaren Höhen, die Volksmenge und deren Kunstfleiß und Wohlstand; in diesen hölzernen Hütten, die gefällige Reinlichkeit und die behäbige Einrichtung; in diesen Wiesenlandschaften die städtische Bildung der Hirtenfamilien; den überall verbreiteten Wohlstand, die Nüchternheit und Mäßigung der Menschen sehe, so muß ich bekennen, dieses Ländchen ist das glücklichste von allen Schweizerlanden.

Nicht doch, Freund! fiel ihm der alte Staffard in's Wort; sagen Sie vielmehr, Sie glauben sich in diesen Verhältnissen glücklicher, als in jedem andern Schweizerlande, wo weniger Gewerbfleiß, Sitteneinfalt und Verstandesbildung anzutreffen ist. Tausend Andere würden bei uns nicht glücklich sein; würden beim Anblick dieses armen Landes und seiner kunstfertigen Bewohner bedauerlich die Achsel ziehen und seufzen: es ist eine geräumige Zucht- und Arbeitsanstalt! – Jeder Mann, welcher über Lebensverhältnisse spricht, giebt in dem, was er sagt, das Urtheil von dem, was er selber ist und wozu er taugt.

Wodurch aber hat in diesen unwirthbaren Gegenden das Volk sich so emporgeschwungen? fragte Florian.

Wodurch alle Völker das Bessere gewinnen, erwiederte Staffard; Noth ist eine erfindungsreiche Lehrerin, und Freiheit die regsamste Gehülfin. Es finden sich hier unfruchtbare Moore, Sümpfe, kahle Felsen und lange Winter; dagegen ist Arbeit und Talent hier frei; es giebt keinen Zunftzwang, keinen Druck durch Abgaben, keine Quälerei durch Verordnungen, Edikte und vom Schwarm hungriger Beamten. Wir haben einen mächtigen Fürsten, aber er lebt mit seinen Höflingen und seinem Glanze einige hundert Stunden von uns entfernt; wir haben fast nichts zur Bestreitung seiner Pracht zu zahlen. Er ist unser mächtiger Schirmherr; doch unser wahrer Regent ist das Gesetz, welches wir uns selbst geben.

Unter solchen Gesprächen wandelten die Freunde während des ganzen Morgens im Thale umher. Staffard zeigte seine an den Berghöhen weidenden Heerden. Er hatte dreißig bis vierzig Stück Kühe zweien Pächtern oder Kühern übergeben, welche den Milchertrag in einer gemeinsamen Sennerei in Butter und Käse verwandeln mußten. Er zeigte ihm die weitläufigen Einhägungen von Wiesenland, wo, um Winterfutter zu erhalten, mit Hülfe des Düngers ein höherer Graswuchs erzeugt wurde, oder wo, nach dem Schmelzen des Schnees, in kleine, dazu geeignete Stellen Hafer und Gerste gesäet wurde, niemals ohne die Besorgniß, daß die Schneewolken des September Alles wieder vernichten würden.

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