Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Zschokke >

Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

11.
Die Heimkehr.

Sein Entschluß stand fest, das neuenburgische Bergland nicht zu verlassen, überzeugt, nirgends könne er sicherer sein, als in jener, von den Landstraßen entfernten Einsamkeit des Hochlandes, wo ihm jede der zahllosen an den Bergen zerstreuten Hütten eine wechselnde Zuflucht gegen Verfolgung darbot. Zum Ueberflusse konnte er sich bei Ueberraschungen eben so sehr auf die Menschenfreundlichkeit der dortigen Einwohner, als auf sein gutes Schwert und Geschoß verlassen. Eine in die Höhe geschleuderte Citrone zerschmetterte seine Kugel in der Luft, während er, unweit Geneveys, wo der Weg steil war, neben seinem Wagen am Berge herging.

Doch mochte ihn wohl mehr noch der Gedanke an die schöne Nachbarin des Hauses Staffard an dieses Land fesseln, als die Berechnung seiner Sicherheit. Kaum konnte er den Grenzen des feindseligen Volkes, vor dem er floh, näher wohnen, als eben dort; aber die Gefahr selbst machte den Aufenthalt nur anziehender, so wie in gewitterhafter Beleuchtung eine Landschaft reizender erscheint. Er verweilte indessen keinen Augenblick, um nicht zufällig einem französischen Spürer zu begegnen, sondern fuhr durch das weite, baumlose, grüne Thal, voll ansehnlicher Gebäude, den stillen Triften und öden Torfgründen von Chaux-du-Milieu und Chaux-du-Cachot entgegen, zum wilden, hochgelegenen Thal Brevine, in dessen Hintergrunde die gleichförmigen, langen Hügelketten an beiden Seiten der Niederung sich zusammenziehen.

Als sein Wagen in La Brevine, dem Dorfe, vor dem Wirthshause angelangt war, verabschiedete er den Miethkutscher und ließ einen Mann suchen, welcher ihm das Gepäck über die Bayards nach der Feenhalde trüge. Die Gaststube war voller Menschen, die an langen Tischen unter heitern Gesprächen ihren Wein tranken. Es schienen darunter mehrere Fremde zu sein, welche in der schönen Jahreszeit hierher zu kommen pflegen, um in der reinen Luft des Hochlandes und durch den Genuß des benachbarten eisenhaltigen Brunnens ihre erschütterte Gesundheit zu befestigen. Die laut ausgesprochenen Namen Suwarof, Massena, Zürich, Buonaparte, Neapel, St. Jean d'Acre verriethen, über welche Gegenstände verhandelt wurde. Er wandte sich verdrossen ab, und, statt in das Zimmer, begab er sich rechts auf den nahe gelegenen Kirchhof, lehnte sich über die niedrige Mauer desselben und sah über den weiten grünen Wiesenteppich zu den Hügeln und zum Himmel hinaus.

Hat denn der Erdboden keinen Raum, keine entlegene Einöde, murrte er, die von Namen unentweiht bleiben, an denen die Erinnerung aller menschlichen Leidenschaften, allen Elends hängt, was die Welt quält? Ist es nicht wider die Majestät und Unschuld der Natur gesündigt, die Ruhe und Feierlichkeit dieses glückseligen Hochlandes durch Gespräche zu entweihen, die auch nach Jahrhunderten noch das Gemüth der bessern Menschheit empören werden?

Also bist Du's doch! rief Georg's Stimme, und sein Arm legte sich um Florian's Leib. Georg hatte den Freund unter den Gästen des Wirthshauses, durch die Fensterscheiben, von der Straße aus halb und halb an der Gestalt erkannt, war aber durch Florian's neue Bekleidung fast irre geworden. Beide umarmten sich.

Herrlich, daß Du zurück bist, rief Georg; nun scheide nicht mehr von uns.

Wie ein Engel erscheinst Du mir auf diesen Gräbern, sagte Florian. Ich will bei Euch bleiben, so lange ich darf. Ich bin ein Flüchtling, und noch immer ein Geächteter auf diesem Boden. Die Regierung von Neuenburg fürchtet, mir Schutz zu gewähren; deshalb irre ich vogelfrei umher und muß mich auf die Schnelligkeit meiner Füße oder auf die Kraft meiner Faust verlassen, will ich nicht in die Gewalt der Henker und ihrer Knechte fallen. Man hat meine Auslieferung von den neuenburgischen Behörden gefordert, weil es kein Geheimniß war, daß ich die Flucht hierher genommen.

Du bist sicher in unserer Feenhalde, Florian! so sicher, als säßest Du im Monde. Wir haben Dich bei unsern Nachbarn für einen Verwandten ausgegeben, der aus Deutschland zum Besuch gekommen ist; das genügt. Nur bei zwei Weibern wollte die Lüge nicht anschlagen. Die eine derselben ist ein halbnärrisches, wunderliches, unstätes Geschöpf, wir nennen es nur Mutter Morne, alt und häßlich, wie die Sünde. Die schüttelte den Kopf, als von Dir die Rede war, und sagte: Eure Nothlüge ist gut, bleibt dabei. Es sind schon Leute im Lande, die ihn suchen; man muß ihn aber nicht finden.

Ich kenne diese Alte, sagte Florian, und erzählte von seinem Zusammentreffen mit ihr.

Man findet sie überall, sagte Georg; doch ist sie gutartiger Natur, und darum sieht man sie nicht ungern. Sie streicht beständig umher, hört viel, sieht viel, weiß daher viel, bildet sich aber aufrichtig ein, Alles durch Einflüsterung höherer Wesen oder durch göttliche Eingebung zu haben. Ich glaube, ihr wurde von religiöser Schwärmerei der Verstand verrückt. Sie betrachtet sich selbst wie ein Wesen höherer Art, im unmittelbaren Umgang mit Gott und unsichtbaren Geistern. Aber es scheint, Du kennst auch die Andere, die zu unserer Lüge das Köpfchen schüttelte. Es ist eine Verwandte meiner Claudine, ein Fräulein Delory; Du sahst sie mit Claudinen bei der Kette.

Florian erzählte sein Abenteuer mit den Mädchen, und fragte, warum sollte sie Deinen und Deines Vaters Worten, was mich betraf, nicht glauben?

Weiß ich's? Sie nahm mich, als wir von Dir gesprochen hatten, bei Seite, sah mich mit durchdringenden Blicken an und fragte: Georg – denn sie heißt mich Georg und ich sie Hermione – Georg, warum wollen oder müssen Sie diesen Fremden in ein Geheimniß hüllen? Er ist nicht aus Deutschland, und ich zweifle. daß er Ihnen verwandt sei. – Diese Anrede setzte mich natürlich in Erstaunen. – Wenn Sie mir nicht glauben können, erwiederte ich, so bitte ich, wenigstens eben so wie ich zu thun. Wie wissen, Hermione, es giebt heutigen Tages auch Tugenden, die sich wie ein lichtscheues Verbrechen flüchten müssen, während es Verbrechen giebt, die wie triumphirende Tugend umhergehen. – Hermione sah mich nach diesen Worten schweigend und sinnend an, nickte, als wollte sie mir Recht geben und fragte nicht weiter.

Florian vernahm das Alles nicht ohne Vergnügen. Er erschien sich selber wichtiger in der Welt, weil Hermione ihn würdig fand, seinem Schicksal einen Gedanken zu weihen. In der schönen Gewißheit, die auf der Feenhalde wiederzusehen, welche längst in seinen Erinnerungen lebte, wurde seine Sehnsucht nach Staffard's Hause um so lebhafter.

Die jungen Leute machten sich auf den Weg gegen die Hütten von Bremont hin, seitwärts zur Linken an dem wunderbaren Bergsee von Etalieres vorüber, dessen Gewässer in unterirdische Geklüfte niederfällt und verschwindet. Als sie im Tannengehölze den steinigten Bergweg zu den Bayards hinaufstiegen, begegneten ihnen fünf Fußgänger, die ihrer Tracht nach zum französischen Kriegsvolk gehörten, jedoch unbewaffnet waren. Diese erkundigten sich nach dem Wege, und Florian glaubte zu bemerken, daß sie ihn vorzugsweise in's Auge faßten. Er wäre geneigt gewesen, seinen Glauben für das Werk des argwöhnischen Gewissens zu halten, hätte nicht einer der Fremden, als sie ihren Weg schon fortgesetzt hatten, ziemlich laut gesprochen: das ist er gewiß.

Unter freundlichem Geplauder erreichte er mit Georg die öde Berghöhe, von wo man die zerstreuten Hütten der Bayards zwischen Wiesen, Tannenwäldern und Felsen erblickt und jenseit des Thals von Verrieres die vom dunkeln Wald bekleidete Bergseite der Feenhalde. Der Nachmittag war sehr schwül gewesen, Georg ermüdet. Die Freunde ruheten einige Augenblicke auf einem bemoosten Steinblocke, während der Träger von Florian's Gepäck rasch vorausschritt, ihre Ankunft dem alten Staffard zu verkündigen.

Meiner Treu'! rief Georg; siehe doch, sind das nicht dieselben Blauröcke, die uns am Berge begegneten und nach dem Wege fragten? Was treibt sie, zurück zu kommen?

Ich denke, sagte Florian, wir werden es erfahren.

In der That kamen dieselben Männer, die zuvor bergab gegangen waren, wieder bergauf, näherten sich mit festen Schritten und blieben vor unseren Wanderern stehen.

Meine Herren, erlauben Sie: wohin gehen Sie? sagte derjenige unter den Blauen, der unter ihnen der Vornehmste zu sein schien.

In die Bayards, bergab, antwortete Florian.

So werden wir die Ehre haben, Sie zu begleiten; auch möchten wir Sie bitten, uns zum nächsten Kastellan oder Maire zu führen, falls Sie nicht für gut finden sollten, uns Ihre Papiere und Pässe gutwillig zu zeigen; denn Sie sind nicht dieses Landes.

Wer sagt Ihnen das? rief Georg hastig, als er Gefahr für seinen Freund vermuthete.

Dieses kleine Wärzchen neben dem linken Ohrläppchen, antwortete der Blaue und zeigte mit dem Finger auf ein kleines Muttermal an Florian's Wange.

Und weiter? sagte Florian ruhig.

Sie sind der Gefangenschaft entsprungen, der Mörder des Kameraden dieses Soldaten, entgegnete der Blaue und zeigte auf einen der Seinigen, in welchem Florian wirklich einen der Wächter erkannte, die er vor Pontarlier gelassen hatte.

Der Herr wird's nicht läugnen, rief der Soldat, nahm den Hut ab und zeigte eine mit schwarzem Pflaster belegte Stelle über seiner Stirn.

Und wenn ich's nicht läugne? sagte Florian.

So werden Sie mit uns zum nächsten Kastellan gehen, erwiederte der Anführer, denn wir verlassen Sie nun nicht mehr.

Wetter! schrie Georg und sprang zornig vom Felsblock auf; wisset, Ihr Herren! Ihr stehet nicht auf französischem Boden, sondern auf Neuenburger Gebiet. Ihr seid Fremdlinge und man würde Euch übel heimleuchten, wenn Ihr bei uns die Sicherheit der Landstraße störtet.

Herr, schweigen Sie! entgegnete das Haupt der Blauen, indem er den jungen Staffard gebieterisch mit den Augen anblitzte; wir haben es mit dem Disentiser Mörder zu thun; die Regierung dieses Landes gestattet die Auslieferung.

Eher sollt Ihr mir Arm und Beine brechen, als ich eine Gewaltthat auf offener Straße dulde! donnerte ihn Georg an, sprang seitwärts und riß einen Pfahl aus dem Boden; packt Euch! fort, den Berg hinab! brüllte er, und wies gegen das Thal Brevine.

Die Franzosen schienen nichts weniger als gewillt zu sein, dem guten Rath zu folgen. Einige lachten, Andere riefen: Stopft ihm doch das unverschämte Maul! – Es bekümmerte sich im Ernst keiner um ihn, sondern man ging dem schweigenden Florian näher, der sich ganz gemächlich vom Steinsitze erhob und seinem Freunde zurief, kalten Blutes zu bleiben.

Sie begleiten uns also zum Kastellan? sagte der Hauptmann der Blauen, der einem Gendarme oder Douanier ähnlich sah, zu Florian.

Mein Herr! erwiederte dieser, ich werde gehen, wohin mir's gefällt, und Sie werden gehen, woher Sie gekommen sind. Ich liebe Freiheit und Gleichheit, zumal bei Ihnen und Ihres Gleichen.

Fort, brüllte Georg die Franzosen an, oder es giebt blutige Köpfe! Ein Schwung, den er mit Faust und Pfahl durch die Luft machte, schien seiner gesetzgebenden Donnerstimme die vollziehende Kraft beifügen zu sollen. Allein zwei der Blauröcke faßten ihn bei den Armen und hielten ihn so fest, daß er sich nicht bewegen konnte. Als Florian die Stellung Georg's sah, wie er sich wand und krümmte, von der unerwarteten Umarmung frei zu werden, rief er mit einer Löwenstimme: Laßt ihn los! Bei diesen Worten versetzte er dem vor ihm stehenden Hauptmann der Blauen mit dem Fuß einen so kräftigen Tritt gegen den Leib, daß der lange Herr Athem und Gleichgewicht verlor, drei Schritte rücklings schwankte und wie eine gefällte Tanne zu Boden schlug. Im nämlichen Augenblicke hatte er einen der Blauen, die diesem zur Seite standen, mit gewaltigen Fäusten an Brust und Achsel gepackt, und rechts, dann eben so den andern, links, zur Erde geschleudert, daß der Boden erdröhnte. Der eine lag da wie todt; der andere, von der Wucht des Sturzes fortgeschleudert, rollte wie eine Walze den Rain des grasigen Hügels hinab und blieb unten, im Gebüsche von Buchen und Ebereschen, hangen. Als dies die übrigen sahen, welche, wie die Schlangen Laokoon's, den wüthenden Georg mit ihren Armen umstrickt hielten, ließen sie ihn los und liefen mit schnellen Füßen bergab, den grünen Flächen des Brevinethales zu; vergebens setzte ihnen Georg eine Weile mit hochgeschwungener Keule und weithallenden Verwünschungen nach.

Als er zurückkam, sah er seinen Freund ein Tuch um den blutigen Kopf des wieder aufgestandenen Hauptmanns binden, während der rechts zu Boden geschmetterte Soldat schüchtern und ächzend mit der Betheuerung aufstand, ihm seien alle Rippen im Leibe gebrochen. Er hinkte gekrümmt herbei; sein Gesicht, vom Staub, in dem er gelegen, zur Hälfte graugelb gefärbt. Auch der von der Anhöhe abwärts Gerollte taumelte wie ein Berauschter; sein Antlitz war bleich, wie das eines Todten.

Sie hätten uns, sagte Florian höflich zum Hauptmann, Sie hätten uns diese kleine Jahrmarktsscene füglich ersparen können; ich liebe dergleichen nicht.

Beim Teufel! stöhnte der Hauptmann; Sie scheinen an solche bäuerischen Schlachten eher gewöhnt zu sein, als ich. Was mich betrifft, mein Herr! ich bin Soldat und pflege mit andern Waffen, als mit groben Fäusten zu fechten. Hätte ich die Klinge bei mir, Sie sollten mir tanzen lernen.

Sie sind sehr gütig, versetzte Florian; ich tanze die Française schon ziemlich; aber mit der Klinge würde ich Ihnen eine Grisonne aufspielen, an der Sie vielleicht keinen Gefallen fänden. Einstweilen haben Sie die Gewogenheit, Ihren Weg nach La Brevine fortzusetzen.

Wo sind meine andern Leute? Es fehlen deren noch zwei, sagte der Hauptmann und suchte mit den Augen, ohne den Kopf zu wenden.

Vorausgesprungen, Ihnen in La Brevine das Abendessen zu bestellen. Eilen Sie, die Suppe wird kalt!

Der Hauptmann entfernte sich langsam, blieb wieder stehen, wandte sich und sagte: Mein Herr! hüten Sie sich, mir zu begegnen, denn ich werde Sie suchen und Ihnen an einem schönen Tage den Degen in den Leib rennen. Ich heiße Lamargue, vergessen Sie es nicht.

Ich glaube, es ist unnöthig, Ihre zärtliche Bitte zu erwiedern, versetzte Florian.

Der Hauptmann und seine Gefährten schlichen, den Berg nach dem Brevinethal hinab, fluchend davon; Florian und Georg wanderten in entgegengesetzter Richtung den Bayards entgegen, unter Gesprächen über das Abenteuer.

Schon war es Nacht, als sie auf der Feenhalde, zu Staffard's gastlichem Hause gelangten.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.