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Der Flüchtling im Jura

Heinrich Zschokke: Der Flüchtling im Jura - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDer Flüchtling im Jura
pages7-116
created20060511
sendergerd.bouillon
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10.
Die Bildsäulen.

Folgenden Morgens waren Beide eben im Begriff, den Gasthof zu verlassen, um die steile Straße hinauf zu der Anhöhe zu steigen, wo, neben dem alten Schlosse, die Stiftskirche ihre grauen sechs- bis siebenhundertjährigen Mauern erhebt, als ihnen ein Weibel der königlichen Statthalterschaft entgegen trat. Freundchen! rief der Professor, der ihn schon kannte, Sie wollen zu mir? Der Statthalter läßt mich rufen? Er hat meine Abhandlung also gelesen? Haben Sie nicht gewittert, wie er dazu denkt? Ließ er nichts über meine Arbeit verlauten? Richten Sie Ihren Auftrag jetzt recht buchstäblich aus. Sagen Sie, welche Miene er dabei machte, und ich sage Ihnen, was der Statthalter willens ist.

Diesmal irrte Herr Onyx. Der Weibel fragte nach einem Herrn Florian und brachte diesem Befehl, binnen einer Stunde persönlich und unfehlbar auf der Statthalterei zu erscheinen. Onyx, dessen ganzes Wesen die Hoffnung gehoben hatte, sank eben so schnell wieder zusammen, und die runden, heiteren Züge seines Antlitzes wurden wieder geradlinig und kalt. Florian versprach zu gehorchen.

Unterwegs rief der Professor den Sigrist der Kirche ab, welcher dienstfertig die steinernen Treppen am Berge hinaufeilte, die Pforte des alterthümlichen Tempels aufschloß und die Fremden zur Kirche hineinließ. Hier führte er sie zum Grabmale des Grafen Ludwig von Neuenburg, einer Gruppe von neun männlichen und vier weiblichen lebensgroßen Bildsäulen von Stein, alle in der Tracht des vierzehnten Jahrhunderts, in Andacht und Gebet beisammenstehend. Die Gesichtszüge der edeln Gestalten waren hin und wieder zwar schon verletzt, doch erkannte man eine gewisse Familienähnlichkeit. Alle trugen, voller Würde und Anmuth, den sichtbaren Zauber dessen, was das Herz anzieht.

Sehen Sie, sehen Sie, rief Herr Onyx lebhaft, und zeigte mit den Fingern zu einer der Gräfinnen empor, deren jugendliche Gestalt Hermione gleichen sollte; habe ich nicht Recht?

Vollkommen, sagte Florian lächelnd, wenn man etwas optischen Betrug zu Hülfe nehmen mag.

Die Todesstille des weitläufigen Gebäudes, das Helldunkel, welches durch die hohen, zugespitzten Fenster über Alles verbreitet wurde; dann der Lichtstrom, welcher durch die offene Kirchenthür auf die Bildsäulen fiel, Alles stimmte Florian's Gemüth bald zu einem gewissen Ernst. Die schönen stillen Gestalten des Alterthums erschienen seiner Einbildung allmählich lebend; die blassen Wangen der Bildsäulen sich zu röthen; der Busen der Gräfinnen schien sich in leisen Athemzügen zu heben und zu senken. Er sah im Hintergrunde diejenige, welche Hermione ähnlich sehen sollte; er dachte sich nun Hermione's Gestalt inmitten dieser Gruppe, und bald verschwand ihm, im Selbstbetruge der Einbildung, das Uebrige.

Da trat der Sigrist zu den Bildsäulen, hob vom Fußgestell derselben einen weiblichen Handschuh auf, betrachtete ihn aufmerksam und sagte kopfschüttelnd: Richtig, die beiden jungen Damen vom Dienstag, sie waren die Letzten. Er gehört einer derselben; eine dieser Fremden ließ ihn in Vergessenheit liegen. Wer weiß, ob sie noch in der Stadt sind.

Florian sah den Handschuh, horchte und dachte sogleich an die Frauen, denen er auf der Reise begegnet war. Er schilderte diese mit großer Genauigkeit, so daß ihm der Sigrist den Handschuh reichte und sagte: Es kann nicht fehlen; die größere mit dem braunen Haar legte den Handschuh für einen Augenblick hier ab; ich sah es; aber ich vergaß, sie daran zu erinnern, und er blieb liegen. Wenn Sie sie kennen, bitte ich, ihr das Verlorne zuzustellen.

Florian lehnte es nicht ab. Es durchdrang ihn ein angenehmes Schauern, als er mit den Fingern den weichen Handschuh berührte, der Hermione's schönen Arm bedeckt haben mochte. Er legte das Kleinod mit unwillkürlicher Ehrfurcht zusammen und verbarg es, als der Professor aus dem Hintergrunde der Kirche, wohin er gegangen war, um die Verhältnisse der Länge, Breite und Höhe des Gebäudes nach dem Augenmaße zu berechnen, zurückkam.

Ich habe jedesmal Todesverdruß, wenn ich die alten Kirchen betrachte, rief Onyx: immer der Rumpf eines Riesen mit einem Kindeshaupt; eine Schildkröte, die ein kleines Köpfchen vorstreckt. Man sieht es; Anfangs, als der Bau begonnen wurde, war der fromme Sinn groß, das Geld im Ueberflusse vorhanden; es wurden ungeheure Anlagen gemacht, zu denen man sich eine Krone von Thürmen dachte, die in den Himmel steigen sollte. Hintennach erkaltete der fromme Sinn, der Beutel wurde leer und man setzte Thürmchen darauf, wie Zaunpfähle oder Schilderhäuser. Den Münster von Straßburg und Freiburg lasse ich gelten; der Thurm von Bern ist um die Hälfte zu kurz gerathen; aber dieser von Neuenburg ist, wie der am Kölner Dom, ein Höcker auf dem Rücken eines Dromedars.

Nachdem der Professor seine lehrreichen Gedanken über die Bauart der Alten vollständig mitgetheilt und sie bald mit Dichtern, denen in der Länge der Zeit Athem und Begeisterung ausgeht, bald mit Kindern verglichen hatte, die sich fürchten, auf ihr Kartenhaus das letzte Blatt zu legen, damit nicht Alles zusammenbreche; bemerkte Florian, es sei Zeit für ihn, dem empfangenen Befehl zu folgen. Der Professor versprach, seine Rückkehr zu erwarten und unterdessen dem Sigrist die zweckmäßigere Bauart unserer Zeit umständlich aus einander zu setzen.

Florian ging über den kleinen Raum, welcher die Kirche vom Thore des Schlosses trennt, und über den leeren, geräumigen Vorhof in die alte Burg, über deren Haupteingang das fürstliche Wappen mit den drei silbernen Sparren im rothen Felde, auf goldenem Grunde in gewaltiger Größe, nebst dem steifen, mit Krone, Scepter und Apfel wunderlich gezierten preußischen Adler, prangte. Der Weibel, der ihn berufen hatte, begegnete ihm gleich beim Eintritt und führte ihn durch das stille Gebäude in ein alterthümliches großes Zimmer. Hier wartete er nicht lange, als ein ältlicher, schneeweiß gepuderter Herr erschien, der die Verbeugung des jungen Bündners kaum erwiederte, sondern eine Tabaksdose hervorzog und gemächlich eine Prise nahm, während er den Fremdling von Kopf bis Fuß musterte.

Es thut mir leid, sagte der Herr, Ihres Bleibens kann im Fürstenthum nicht sein. Es ist vom benachbarten französischen Departement ein Schreiben mit Ihrem Signalement eingelaufen. Man verlangt Ihre Auslieferung. Sie haben unweit Pontarlier zwei französische Soldaten auf den Tod mißhandelt. Man klagt Sie außerdem an, Einer von Denen zu sein, welche die Bauern in Bünden aufgewiegelt und die Ermordung aller Franzosen veranlaßt haben.

Florian wollte sich rechtfertigen.

Gleichviel, sagte der alte Herr und nahm wieder eine Prise, wir haben das nicht zu untersuchen, sondern Ihnen nur zu sagen, wie Ihre Sachen stehen. Preußen stehet mit Frankreich in freundschaftlichen Verhältnissen, denen wir den Frieden danken, inzwischen die ganze Schweiz von französischen Heeren überschwemmt ist. Wir dürfen der französischen Regierung auf keine Weise Anlaß oder Vorwand zu Beschwerden geben. Wir haben bestimmte Weisungen von Berlin. Ich gebe Ihnen den freundschaftlichen Wink, machen Sie sich auf und davon. Binnen einer Stunde werden Sie gefänglich eingezogen werden. Also . . .

Darauf machte der alte Herr eine Bewegung mit der Hand und eine leichte Verbeugung dazu, die verständlich genug ausdrückte, daß der bündnerische Flüchtling beurlaubt sei.

Ich erkenne dankbar Ihre Gewogenheit, sagte dieser; doch wohin soll ich, wenn ich in Ihrem Staate gegen die französische Tyrannei kernen Schutz finde?

Gleichviel, erwiederte der Herr, und wandte sich, um das Zimmer zu verlassen; Sie wissen, woran Sie sind.

Füsilirt oder guillotinirt zu werden, rief Florian; das weiß ich. Nach Frankreich kann ich nicht gehen, noch weniger in die Kantone Bern und Solothurn, wo Alles von französischen Soldaten wimmelt. Wie kann ich nach Deutschland entkommen, da ich hier ringsumher von französischer Gewalt umgeben bin?

Gleichviel; Sie wissen, woran Sie sind, sagte der alte Herr, indem er beim Weggehen zurücksah.

So wäre es besser, ich würde sogleich hier gefangen genommen. Wozu soll ich mich als Flüchtling fruchtlos weiter schleppen, und mein Leben um ein paar nothvolle Tage verlängern? Ich fürchte den Tod nicht.

Gleichviel, sagte der Alte, indem er eine Seitenthüre öffnete. Sie wissen, woran Sie sind. Mit diesen Worten verschwand er und ließ den Flüchtling allein. Dieser stierte lange unentschlossen mit finsterm Blicke vor sich hin; dann wandte er sich rasch und ging mit großen Schritten zur Burg hinaus auf den Platz vor der Kirche. Weder der Professor Onyx noch der Sigrist waren sichtbar, was Florian, der nun mit andern Dingen beschäftigt war, wenig kümmerte. Er ging düster, aber mit festem Schritt, zur Stadt hinab; kaufte sich im Vorbeigehen in einem der offenen Läden einen damaszirten Säbel und zwei treffliche Pistolen, nebst Pulver, Blei und Kugelform; bezahlte seinen Wirth; miethete einen Wagen nach Locle und Brevine; packte ein, und fuhr in der Frühe des folgenden Tages davon.

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