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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Achtes Kapitel.

Ehe wir Philipp Vanderdecken auf seiner unsichern Bahn folgen, wird es nöthig sein, unsern Lesern die Umstände ins Gedächtniß zu rufen, welche den Unternehmungsgeist der Holländer nach den östlichen Welttheilen lenkten, um daselbst eine unerschöpfliche Quelle des Reichthums für sich aufzuschließen.

Nachdem Karl V. den größern Theil von Europa seiner Herrschaft unterworfen hatte, zog er sich aus Gründen, die wohl ihm selbst am besten bekannt waren, aus der Welt zurück, und theilte seine Königreiche zwischen Ferdinand und Philipp. Ersterem gab er Oestreich sammt dessen Zugehör, Letzterem aber Spanien sammt den Niederlanden mit ein paar Millionen Seelen, die darauf vegetirten, um die Theilung gleicher und für den Gaumen des Erben schmackhafter zu machen. Nachdem er also über seine Mitmenschen verfügt hatte begab er sich zufrieden in ein Kloster, indem er sich nur ein kleines Einkommen, zwölf Diener und ein Pferd vorbehielt. Ob er je nachher seine Mummerei bereute oder seinen Pony bestieg, ist nicht berichtet worden; so viel aber bleibt gewiß, daß er zwei Jahre nachher starb.

Philipp dachte (wie so Viele vor und nach ihm), daß er ein Recht habe, über sein Eigenthum nach Belieben zu verfügen. Er nahm daher den Holländern den größten Theil ihrer Privilegien und gab ihnen zum Ersatz die Inquisition; aber die Holländer brummten, und Philipp, dem dieß nicht anstand, ließ einige davon verbrennen. Hierauf protestirten die Holländer, die etwas wässeriger Konstitution waren, gegen eine Religion, die ihnen so gar heiß machte. Kurz, die Ketzerei griff gewaltig um sich, und der Herzog von Alba wurde mit einer großen Armee ausgeschickt, um ihnen zu beweisen, daß die Inquisition die allerbeste Einrichtung und es unendlich zweckmäßiger sei, ein Mensch brenne eine halbe Stunde in dieser Welt, als eine ganze Ewigkeit in der nächsten.

Diese kleine Meinungsverschiedenheit gab Anlaß zu einem Kriege, der ungefähr achtzig Jahre währte und, nachdem er einige Hunderttausend Menschen der Mühe überhoben hatte, im Bette zu sterben – damit endigte, daß die sieben vereinigten Provinzen für unabhängig erklärt wurden. – Wir müssen nun ein wenig zurückkehren.

Schon in dem ersten Jahrhundert nach Umschiffung der Südspitze Afrika's wurde der Verkehr der Portugiesen mit Ostindien durch andere Völker beeinträchtigt. Endlich erwachte aber auch der abenteuerliche Geist der Engländer. Die Portugiesen sprachen die Indienfahrt um das Kap als ihr ausschließliches Recht an, und vertheidigten es mit aller Macht. Geraume Zeit wagte es keine Privat-Compagnie, ihnen entgegenzutreten, und der Verkehr schien nicht bedeutend genug zu sein, um irgend eine Regierung zu veranlassen, daß sie die Frage durch einen Krieg zu entscheiden suchte. Die englischen Abenteurer lenkten daher ihre Aufmerksamkeit auf die Entdeckung eines nordwestlichen Wegs nach Indien, den ihnen die Portugiesen nicht wehren konnten, und der beste Theil des fünfzehnten Jahrhunderts wurde auf derartige vergebliche Versuche verwendet. Endlich stand man von diesen Bemühungen ab und beschloß, sich nicht länger durch die Anmaßung der Portugiesen einschüchtern zu lassen.

Nach einigen erfolglosen Expeditionen wurde eine Kriegsflotte ausgestattet und unter Drake's Befehl gestellt. Dieser muthige und glückliche Seemann leistete mehr, als die sanguinischen Hoffnungen in Aussicht gestellt hatten. Er kehrte im Mai 1580 nach einer fast dreijährigen Reise in die Heimath zurück und brachte große Schätze mit sich, hatte aber zugleich einen sehr günstigen Vertrag mit dem Könige der Molukken abgeschlossen.

Nach einem so glücklichen Vorgange brachen im Jahre 1600 Cavendish und Andere auf. Inzwischen hatte die englisch-ostindische Compagnie von der Regierung ihren ersten Freibrief erhalten und nun bereits mehr als fünfzig Jahre mit wechselndem Erfolg den Verkehr fortgeführt.

So lange die Holländer Vasallen der spanischen Krone waren, pflegten sie die Produkte des Ostens in Lissabon zu holen und nachher durch Europa zu vertheilen; als sie aber mit Philipp Streit anfingen, wurde es ihnen nicht länger gestattet, den Verkauf seiner indischen Güter zu betreiben. Die Folge davon war, daß sie während ihres Unabhängigkeitskampfes auch Geschwader nach Indien ausschickten.

Ihre Bemühungen waren erfolgreich, und im Jahre 1602 erhielten die verschiedenen Spekulanten, welche sich zu einer Compagnie gebildet hatten, von ihrer Regierung dieselben Privilegien, welche bereits früher das englische Gouvernement an eine nach denselben Grundsätzen constituirte Gesellschaft ertheilt hatte.

Zur Zeit unserer Geschichte hatten also die indischen und holländischen Schiffe schon seit mehr als fünfzig Jahren die indischen Meere befahren, die Portugiesen aber fast alle ihre Macht verloren, da die Potentaten des Ostens, welche durch den Geiz und die Grausamkeit der Portugiesen sehr beschädigt worden waren, mit den Rivalen Bündnisse und Freundschaftsverträge schlossen.

Wie sehr nun auch die Holländer den Engländern für ihren Beistand in dem Unabhängigkeitskriege verpflichtet waren, schien es doch nicht, als habe sich ihre Dankbarkeit über das Kap hinaus erstreckt, da sich im Gegentheile die portugiesischen, englischen und holländischen Schiffe gegenseitig bekämpften, einander ohne Ceremonie kaperten und nur das Recht der Gewalt gelten ließen. Die Mutterlande wurden zwar hin und wieder aufgefordert, sich in's Mittel zu legen: aber ihre Einmengung hatte zu der gedachten Zeit nichts erwirkt, als einen Papierkrieg, und es war augenfällig, daß alle Partieen Unrecht hatten.

Im Jahre 1650 usurpirte Cromwell die Herrschaft von England. Dieser hatte unter anderen Punkten für den Mord seines königsmörderischen Gesandten und wegen den Grausamkeiten, die etwa dreißig Jahre früher zu Amboyna an den Engländern verübt worden waren, vergeblich von den Holländern Genugthuung verlangt, und erklärte deßhalb Letzteren 1651 den Krieg. Um zu beweisen, daß es ihm ernst sei, nahm er mehr als zweihundert holländische Schiffe weg, was die Holländer (sehr gegen ihre Neigung) zu Rüstungen zwang. Blake und Van Tromp trafen zusammen und führten sehr hartnäckige Seekriege. Die »englische Geschichte« verleiht fast unabänderlich den Engländern den Sieg, während ihn die Holländer sich selbst zuschreiben. Jedenfalls waren jene Schlachten so verzweifelt, daß man wohl sagen darf, beide Theile seien tüchtig zerklopft worden. Im Jahr 1654 wurde jedoch der Frieden unterzeichnet, und der Holländer versprach, seinen Hut abzunehmen, so oft er einem Engländer auf hoher See begegne – ein bloßer Akt der Höflichkeit, gegen den Mynheer nichts einzuwenden hatte, weil er nichts kostete. Da wir nun den Stand der Dinge bis zur Zeit von Philipps Einschiffung aus einander gesetzt haben, wollen wir in unserer Geschichte fortfahren.

Sobald Philipp die Schwelle seines Hauses im Rücken hatte, eilte er fort, als versuche er seinen eigenen, schmerzlichen Gedanken zu entrinnen. Nach zwei Tagen langte er in Amsterdam an, wo er zuerst darauf dachte, sich eine kleine, aber starke Stahlkette zu verschaffen, um damit das Band zu ersetzen, an welchem er bisher seine Reliquie um den Hals befestigt hatte. Nachdem dieß geschehen war, eilte er mit seinen Effekten an Bord des Schillings. Philipp hatte nicht vergessen, das Geld mitzubringen, das er dem Kapitän versprochen hatte, denn er sollte als Lehrling, nicht als ein gedungener Matrose auf dem Schiffe eintreten. Auch mit der nöthigen Summe für seine eigenen Bedürfnisse hatte er sich vorgesehen. Es war schon spät, als er an Bord des Schillings anlangte, der in Mitte der übrigen, zur indischen Flotte gehörigen Schiffe vor einem einzigen Anker lag. Der Kapitän, welcher Kloots hieß, nahm ihn sehr freundlich auf, zeigte ihm sein Berth und ging dann in den Raum hinunter, um eine Frage in Betreff des Cargo zu entscheiden, während Philipp auf dem Decke seinen eigenen Betrachtungen überlassen blieb.

»Und dies,« dachte Philipp, während er sich an den Hackebord lehnte und nach vorn schaute – »dies ist also das Schiff, auf dem ich meinen ersten Versuch machen soll – den ersten und vielleicht auch den letzten! – Wie wenig ahnen diejenigen, mit welchen ich auszusegeln im Begriffe bin, den Zweck meiner Einschiffung! Wie verschieden sind meine Aussichten von denen der Uebrigen! Jage ich etwa Glücksgütern nach? Nein! Will ich die Neugierde eines unstäten Geistes befriedigen? Nein! Ich suche einen Verkehr mit den Todten. Kann ich diesen finden, ohne mich selbst und diejenigen zu gefährden, welche mit mir segeln? Ich glaube nicht, denn ich kann mein Ziel wohl nur im Tode erreichen. Hätten sie eine Ahnung von meinen Wünschen und Absichten, würden sie mir wohl gestatten, auch nur eine Stunde bei ihnen an Bord zu bleiben? Die Matrosen sollen abergläubisch sein und hätten, wenn sie von meiner Sendung unterrichtet wären, einen guten Grund, sich eines Menschen zu entledigen, der in einer so schrecklichen Absicht ausfährt. Ja wohl schrecklich – und wie kann ich sie erfüllen? Nur der Himmel und meine Beharrlichkeit vermögen das Geheimniß zu lösen.«

Dann kehrten seine Gedanken zu Aminen zurück. Er schlug seine Arme zusammen, erhob seine Augen zum Firmament und schien in verzückten Betrachtungen dem Zug der Wolken zu folgen.

»Wär's nicht besser, Ihr gingt in den Raum hinunter?« sprach eine milde Stimme, welche Philipp aus seinen Träumereien weckte. Es war die des ersten Maten, der Hillebrant hieß, eines kleinen, gutgebauten Mannes von ungefähr dreißig Jahren. Das flachsgelbe Haar fiel ihm in langen Wischen über die Schulter nieder; sein Teint war hell, sein Auge von sanftem Blau, und obgleich er nur wenig einem Seemann gleich sah, wußten doch Wenige ihren Dienst besser zu erfüllen.

»Ich danke Euch,« versetzte Philipp. »In der That, ich habe mich selbst und den Ort, wo ich bin, ganz vergessen. Meine Gedanken waren weit weg. Gute Nacht, und vielen Dank.«

Der Schilling unterschied sich, wie die meisten Schiffe jener Periode, in Bau und Ausstattung wesentlich von denen der heutigen Zeit und mochte etwa vierhundert Tonnen führen. Sein Boden war fast flach und die Seiten neigten sich über dem Wasser einwärts, so daß die oberen Decken kaum die halbe Raumbreite einnahmen.

Da alle Schiffe der Compagnie zugleich auch für den Krieg gerüstet waren, so führte er keine Güter auf dem Hauptdeck, wohl aber sechs Neunpfünder auf jeder Breitseite, mit kleinen ovalen Stückpforten. Sämmtliche Decken liefen in einer Curve nach vorn und hinten. Auf dem Vordercastell befand sich vor den Bugstücken des Vorstephens ein anderes kleines Deck, das die Obenbramback genannt wurde. Das Halbdeck trug eine Campanie, die sich hoch über das Wasser erhob. Das Bugspriet war sehr weit hinausgeschoben und gewann fast das Ansehen eines vierten Mastes, um so mehr, da es ein viereckiges Sprietsegel und ein Sprietmarssegel führte. Auf dem Halbdecke und den Hüttenbollwerken stacken in Gestellen Kriegswerkzeuge, die jetzt lang außer Brauch gekommen sind, damals aber unter den Namen von Cohorns und Patteraroes bekannt waren, sich auf Warlen drehten und vermittelst einer eisernen Handhabe an dem Bodenstücke gerichtet wurden. Das Segel hinter dem Besahnmast, das dem heutigen Treiber oder Brodwinner entspricht, war auf einer lateinischen Raa befestigt. Nach dieser Beschreibung ist es kaum nöthig, beizufügen, daß die Gefahren einer langen Fahrt durch die eigenthümliche Construction der Schiffe nicht wenig erhöht wurden, denn der Windfang und das viele Holz über Wasser waren zwar wohl vor einer günstigen Brise gut, konnten aber doch nicht Wind halten, und hatten vor einem Legerwall nur wenig Aussicht.

Die Mannschaft des Schilling bestand aus dem Kapitän, zwei Maten, zwei Piloten und fünfundvierzig Matrosen. Der Supercargo war noch nicht an Bord gekommen. Dem Letzteren gehörte die Kajüte unter der Campanje, die Hauptdeckkajüte aber dem Kapitän und den Maten an, aus denen der ganze Kajütentisch bestand.

Als Philipp am andern Morgen erwachte, fand er, daß die Marssegel aufgehißt waren und der Anker sich vor dem kurzen Stage befand. Einige der übrigen Schiffe waren schon unter Segel und steuerten auswärts. Das Wetter war schön, das Wasser glatt, und das rührige Gewühl, wie auch die Neuheit der Scene wirkte belebend auf den Geist unseres Helden. Der Kapitän Mynheer Kloots stand auf der Hütte und blickte durch ein kleines Pappendeckel-Teleskop angelegentlich nach der Stadt hin. Wie gewöhnlich hatte er seine Pfeife in dem Munde, deren Rauch von Zeit zu Zeit die Linsen seines Fernglases verdunkelte. Philipp stieg die Hüttentreppe hinauf und grüßte ihn.

Mynheer Kloots war ein Mann von keineswegs mittelmäßigem Umfange, und die Menge von Kleidern, die er trug, vermehrte seine massenhafte Gestalt nicht wenig. Der dem Auge zugängliche Anzug bestand aus einer neuen Fuchsmütze, unter der die Enden einer rothwollenen Nachtmütze hervorsahen, einer rothen Plüschweste mit großen Metallknöpfen, einer grünen Tuchjacke und einer anderen von grobem blauem Tuch, die nur so weit niederging, daß man sie füglich einen Spenser nennen konnte. Seine untere Bekleidung wurde durch schwarze Plüschhosen, hellblaue Baumwollstrümpfe und Schuhe mit großen silbernen Schnallen gebildet. Um den Leib hatte er einen breiten Gürtel und eine Segeltuchschärpe, welche in dichten Falten fast bis auf die Knie niederfiel. In seinem Gürtel stak ein großes, breites Messer, mit einer Scheide von Haifischhaut versehen. Dies war der Anzug von Mynheer Kloots, dem Kapitän des Schillings.

Seine Größe entsprach ganz seiner Beleibtheit. Sein Gesicht war oval und, in Vergleichung mit seinem übrigen Bau, klein zu nennen.

Sein graulichtes Haar flatterte im Winde, und seine gerade Nase zeigte an der Spitze ein glühendes Roth, zum Theil eine Folge häufigen Zuspruchs zu der Schnapsflasche, zum Theil aber auch der Hitze einer kleinen Pfeife zuzuschreiben, die nur selten von seinen Lippen kam – etwa wenn er Befehle ertheilte, oder wenn er sein Rauchinstrument wieder füllen wollte.

»Guten Morgen, mein Sohn,« sagte der Kapitän, die Pfeife einen Augenblick aus dem Mund nehmend. »Wir werden noch durch den Supercargo aufgehalten, dem's nie sehr pressirt, an Bord zu kommen. Das Boot wartet schon eine Stunde auf ihn am Ufer, und wir werden wohl erst zuletzt ausfahren können. Ich wollte, die Compagnie ließe uns ohne diese Herren segeln, die meiner Ansicht nach, nur ein Hinderniß für das Geschäft sind. Freilich, am Lande hat man eine andere Meinung von der Sache.«

»Was haben sie denn an Bord zu thun?« fragte Philipp.

»Sie müssen nach der Ladung sehen und den Verkehr überwachen. Wenn sie sich darauf beschränkten, so wäre es so übel nicht; so aber mischen sie sich in Alles und studiren auf Nichts, als auf ihre eigene Bequemlichkeit. In der That, sie spielen den König an Bord, denn sie wissen wohl, daß mir uns nicht getrauen, sie zu beleidigen, da ein Wort von ihnen zureicht, Vorurtheile gegen ein Schiff zu erregen, wenn es wieder um sein Privilegium einkömmt. Die Compagnie verlangt, daß man ihnen alle Ehren erweist, und wenn sie an Bord kommen, salutiren wir mit fünf Schüssen.«

»Seid Ihr mit dem Manne, den Ihr erwartet, bereits bekannt?«

»Nein – ich kenne ihn blos vom Hörensagen. Ein Kollege von mir, mit dem er bereits segelte, theilte mir mit, er fürchte sich sehr vor den Gefahren der See und sei ungemein von seiner eigenen Bedeutsamkeit eingenommen.«

»Ich wollte er käme,« entgegnete Philipp; »denn es verlangt mich sehr, daß wir einmal in die See stechen.«

»Ihr müßt wohl gewaltig von der Wanderlust besessen sein, mein Sohn. Ich höre, Ihr verlaßt eine gemächliche Heimath und ein hübsches Weib obendrein.«

»Ich bin sehr begierig, die Welt zu sehen,« versetzte Philipp. »Auch muß ich ein Schiff kennen lernen, ehe ich mir ein eigenes kaufe und damit mein Glück zu machen versuche.« (Ach, wie ganz anders verhält sich's mit meinen wahren Wünschen, dachte Philipp, als er diese Antwort gab.)

»Man kann auf dem Ocean Geld verdienen; er ist aber auch gefräßig und verschluckt es,« entgegnete der Kapitän. »Könnte ich nur dieses gute Schiff in ein gutes Haus umwandeln, und besäße ich genug Gülden, das Letztere warm zu erhalten, so würdet Ihr mich nicht auf dieser Hütte stehen sehen. Ich habe das Kap schon zweimal umschifft, was oft genug ist für einen Mann; ein drittesmal dürfte es wohl nicht so glücklich ablaufen.«

»Ist's denn da so gefährlich?« fragte Philipp.

»So gefährlich, als es Fluth und Strömungen, Riffe und Sandbänke, schwere Böen und hohe Wogen nur machen können – weiter nicht! Selbst wenn man diesseits von dem Kap in der Bay ankert, kann man nur mit Furcht und Zittern daliegen, denn man hat zu gewärtigen, daß man vom Anker weg in die See hinausgeblasen oder an's Ufer unter die Wilden geworfen wird, ehe die Leute im Stand sind, ihre Kleider anzulegen. Hat man jedoch einmal die andere Seite erreicht, so tanzen die Wasser so heiter im Sonnenstrahle, und man kann wochenlang unter einem wolkenlosen Himmel beim besten Winde segeln, ohne sich mit Halsen oder Schoten zu bemühen, oder auch nur eine Pfeife aus dem Munde nehmen zu müssen.«

»In welche Häfen werden wir einlaufen, Mynheer?«

»Darüber kann ich nur wenig Auskunft geben. Gambrun im Golf von Persien wird wahrscheinlich der erste Sammelplatz der ganzen Flotte sein. Dann trennen wir uns. Einige gehen nach Bantam auf der Insel Java, Andere werden Auftrag erhalten, die Straße hinunterzusegeln, um Kampfer, Gummi, Benzoë und Wachs einzuhandeln. Auch Gold und Elephantenzähne bilden einen Tauschgegenstand, doch müssen wir, wenn wir je auf dieses Geschäft ausgeschickt werden sollten, vorsichtig mit den Eingebornen umgehen, Mynheer Vanderdecken. Sie sind ein stolzes, verrätherisches Volk, und führen scharfe, gekrümmte Messer (oder Krisen, wie sie's nennen), die sie in tödtliches Gift getaucht haben. Auch mit den Portugiesen und Engländern habe ich mich in jenen Straßen scharf herumschlagen müssen.«

»Nun jetzt ist's doch Friede.«

»Ganz richtig, mein Sohn; aber wenn wir um das Kap gekommen sind, dürfen wir uns nicht sonderlich auf die Papiere verlassen, die in der Heimath unterzeichnet werden. Die Engländer setzen uns scharf zu und folgen unserem Kielwasser, wohin wir immer gehen. Sie müssen im Zaume gehalten werden, und ich vermuthe, unsere Flotte ist nur deßhalb so groß und mit strenger Ordre versehen, weil man Feindseligkeiten erwartet.«

»Wie lange mag uns wohl unsere Reise in Anspruch nehmen?«

»Je nachdem's kömmt – vielleicht zwei Jahre – kann sein, auch weniger, wenn wir nicht in den Faktoreien aufgehalten und zum Dienst gegen den Feind benützt werden, was übrigens wahrscheinlich der Fall sein wird.«

»Zwei Jahre!« dachte Philipp; »zwei Jahre fern von Amine!« Und er seufzte tief, denn er fühlte, daß die Trennung vielleicht für immer war.

»Nun, mein Sohn, zwei Jährchen sind so lange nicht,« sagte Mynheer Kloots, als er die Wolke auf Philipps Stirne bemerkte. »Ich war einmal fünf Jahre aus und hatte dabei Unglück, denn ich brachte Nichts nach Hause, nicht einmal mein Schiff. Ich wurde nach Chittagong, an der Ostseite des großen bengalischen Meerbusens, gesandt und lag da drei Monate im Fluß. Die Häuptlinge des Landes hielten mich mit Gewalt zurück; sie wollten meine Ladung nicht umtauschen und ebensowenig mir gestatten, einen andern Markt zu suchen. Mein Pulver war an's Land gebracht, und ich konnte daher keinen Widerstand leisten. Die Würmer zerfraßen den Boden meines Schiffes so sehr, daß es von seinen Ankern versank. Sie wußten, daß es so kommen würde, und nahmen dann die Ladung zu ihren eigenen beliebigen Preisen an sich. Ein anderes Schiff brachte uns nach Hause. Wäre ich nicht so verrätherisch behandelt worden, so hätte ich nicht nöthig, diese Fahrt mitzumachen, und noch obendrein mit so geringem Erwerb, da die Compagnie allen Privathandel verbietet. Doch da kommt er endlich; sie haben das Wimpel an dem Bootsmast aufgehißt – da – jetzt sind sie abgestoßen. Mynheer Hillebrant, sorgt dafür, daß die Kanoniere mit ihren Leuten bereit sind, den Supercargo zu begrüßen.«

»Welchen Dienst weist Ihr mir an?« fragte Philipp. »Worin kann ich mich nützlich machen?«

»Vorderhand nicht viel, die schweren Böen etwa ausgenommen, in welchen jedes Paar Hände von großem Werth ist. Seht einstweilen zu und lernt in dieser Weise den Dienst. Auch könnt Ihr das Journal, das für die Compagnie geführt wird, hübsch abschreiben und mir in anderer Weise an die Hand gehen, sobald die unangenehme Ueblichkeit vorüber ist, welche alle Diejenigen empfinden, welche zum erstenmal an Bord gehen. Als Gegenmittel möchte ich Euch rathen, ein Schnupftuch dicht um den Leib zu gürten und so den Magen zusammen zu pressen; auch empfehle ich Euch den fleißigen Gebrauch einer Schnapsflasche, die stets zu Euren Diensten steht. Aber nun müssen wir den Faktor der hochmögenden Compagnie empfangen. Mynheer Hillebrant, laßt die Kanonen abfeuern.«

Das Geschütz wurde gelöst, und sobald sich der Rauch vertheilt hatte, kam das Boot, dessen langes Wimpel im Wasser nachschleppte, an die Seite des Schillings. Philipp betrachtete den Supercargo, der erst an Bord stieg, nachdem er mehrere Truhen mit den Anfangsbuchstaben und dem Wappen der Compagnie hatte auf das Deck schaffen lassen.

Der Beamte war ein mageres Männchen mit einem welken Gesichte und einem goldbetreßten, dreieckigen Hute auf dem Kopfe, unter welchem eine gewaltige Perücke saß, deren Locken tief über die Schultern niederfielen. Sein Rock bestand aus scharlachrothem Sammt und hatte breite Taschenklappen; seine weißseidene Weste war mit farbigen Blumen gestickt und fiel fast bis zu den Knieen hinunter. Seine Dickbeine waren in schwarzen Atlas gehüllt, und der untere Theil seines Pedals steckte in weißseidenen Strümpfen. Füge man hiezu noch goldene Knie- und Schuhschnallen, Spitzenmanchetten und einen Stock mit silbernem Knopf, so hat der Leser den ganzen Anzug von Mynheer Jakob Janz von Stroom, dem Supercargo der hochpreislichen Compagnie auf dem guten Schiffe »der Schilling«.

Als er herumblickte, in achtungsvoller Entfernung von dem Kapitän, den Offizieren und den Matrosen des Schiffes umgeben, die sämmtlich ihre Mützen in der Hand hielten, hätte der Beschauer wohl an das Bild des »Affen, der die Welt gesehen hat,« im Kreise seiner Stammgenossen, erinnert werden können. Man bemerkte übrigens von Seite der Matrosen nicht die mindeste Neigung zum Lachen, nicht einmal über die gewaltige Perücke, denn man zollte in jener Periode dem Anzuge einen tiefen Respekt, und obgleich man Mynheer von Stroom nicht für einen Seemann halten konnte, wußte man doch, daß er der Supercargo der Compagnie und ein sehr großer Mann war. Er genoß daher alle Achtung, die einer so bedeutsamen Person gebührte.

Es war jedoch Mynheer von Stroom augenscheinlich nicht sonderlich darum zu thun, auf dem Decke zu bleiben, denn er ließ sich alsbald in seine Kajüte weisen, wohin ihm der Kapitän, der sich unter den hindernd umherliegenden Taurollen einen Weg suchte, voranging. Die Thüre wurde geöffnet und der Supercargo verschwand. Das Schiff wurde jetzt gelichtet und die Segel gesetzt; sobald aber die Matrosen den Haspel verlassen hatten und nun eben die Anker an Bord befestigten, wurde die Glocke der Hüttenkajüte (die dem Supercargo angehörte) mit großem Ungestüm geläutet.

»Was mag das zu bedeuten haben?« sagte Mynheer Kloots, der im Vorderschiffe stand, seine Pfeife aus dem Mund nehmend. »Mynheer Vanderdecken, wollt Ihr ein wenig nachsehen, was es gibt?«

Philipp ging, während die Glocke noch immer forttönte, nach hinten, öffnete die Kajütenthüre und entdeckte, wie der Supercargo auf dem Tische saß und mit allen Merkmalen der Furcht in seinem Gesichte noch immer an der Glockenschnur zerrte, die in der Mitte des Gemachs herunterhing. Er hatte die Perücke nicht auf, und der kahle Schädel gab ihm ein eigenthümlich lächerliches Aussehen.

»Was gibt's, Herr?« fragte Philipp.

»Was es gibt?« sprudelte Mynheer von Stroom. »Ruft die Truppen mit ihren Gewehren herbei. Hurtig, Sir! Soll ich ermordet, in Stücke zerrissen und verzehrt werden? Um Gotteswillen, Herr, reißt nicht Eure Augen auf, sondern thut Etwas. Seht Ihr ihn nicht gegen den Tisch herkommen? O Jemine! Oh Jemine!« fuhr der Supercargo fort, dem der Schrecken augenscheinlich den Verstand verrückt hatte.

Philipp wandte nun seine Augen von Mynheer von Stroom ab und in die angedeutete Richtung; da bemerkte er denn zu seinem großen Erstaunen einen kleinen Bären auf dem Deck, der sich mit der Perücke des Supercargo amüsirte, indem er sie mit den Tatzen hin- und herstieß und bisweilen seine Schnauze darin begrub. Philipp war zuerst über den Anblick des Thieres betroffen; ein kurzes Nachdenken überzeugte ihn jedoch, daß das Thier harmlos sein müsse, weil man ihm sonst nicht gestatten würde, frei in dem Schiffe umherzugehen.

Demungeachtet mochte sich Philipp doch dem Thiere nicht nähern, da er dessen Neigung nicht kannte, und endlich erschien Mynheer Kloots, welcher der ganzen Geschichte ein Ende machte.

»Was gibt's, Mynheer?« fragte der Kapitän. »O! ich sehe, es ist Johannes,« fuhr er fort, indem er auf den Bären zuging, ihn mit einem Fußtritt begrüßte und die Perücke des Supercargo wieder zurücknahm.

»Hinaus aus der Kajüte, Johannes – hinaus, Bürschlein!« rief Mynheer Kloots, das Hintertheil des Bären mit Fußtritten bearbeitend, bis sich die Bestie durch die Thüre salvirt hatte. »Mynheer von Stroom, ich bedaure recht sehr – hier ist Eure Perücke. Schließt die Thüre Mynheer Vanderdecken, damit der Bär nicht wieder zurückkomme, denn er ist mir sehr zugethan.«

Sobald die Thüre zwischen Mynheer von Stroom und dem Gegenstande seines Schreckens geschlossen war, glitt der kleine Mann von dem Tische in den nebenstehenden, hochlehnigen Stuhl herunter, schüttelte die beleidigten Locken seiner Perücke und setzte sie wieder auf den Kopf; dann zupfte er an seinen Manchetten, nahm eine gebieterische Miene an, schlug mit seinem Stocke auf das Verdeck und begann:

»Mynheer Kloots, was soll diese Achtungswidrigkeit gegen den Supercargo der mächtigen Compagnie bedeuten?«

»Gott im Himmel, keine Achtungswidrigkeit, Mynheer. Das Thier ist ein Bär, wie Ihr seht, und sogar gegen Fremde sehr zahm. Er gehört mir und war nur drei Monate alt, als er in meinen Besitz kam. 's ist nicht weiter, als ein Versehen. Der Mate, Mynheer Hillebrant, sperrte ihn in die Kajüte, um ihn während der Dienstverrichtung aus dem Wege zu schaffen, und hat ganz darauf vergessen, daß er noch hier war. Es thut mir sehr leid, Mynheer von Stroom, aber er wird nicht wieder kommen, wenn Ihr nicht mit ihm zu spielen wünscht.«

»Mit ihm spielen – ich, der Supercargo der Compagnie sollte mit einem Bären spielen? Mynheer Kloots, das Thier muß augenblicklich über Bord geworfen werden!«

»Nein, nein; ich kann ein Thier nicht über Bord werfen, das ich lieb gewonnen habe, Mynheer von Stroom; aber es soll Euch nicht wieder belästigen.«

»Dann, Kapitän Kloots, werdet Ihr es mit der Compagnie zu thun haben, wenn ich ihr die Sache vorstelle. Man wird Euer Privilegium annulliren und Euer Fahrtgeld für verwirkt erklären.«

Wie die meisten Holländer war Kloots nicht wenig hartnäckig, und dieses gebieterische Benehmen von Seite des Supercargo regte seine Galle auf.

»Es steht nichts in meinen Briefen, was mich hinderte, einen Bären an Bord zu haben,« versetzte Kloots.

»Nach dem Regulativ der Compagnie,« entgegnete von Stroom, indem er sich mit bedeutsamer Miene in seinen Stuhl zurücklehnte und die dünnen Beine kreuzte, »seid Ihr verpflichtet, diejenigen fremden und merkwürdigen Thiere an Bord zu nehmen, welche die Gouverneure und Faktoren gekrönten Häuptern zum Geschenke machen wollen – als da sind: Löwen, Tiger, Elephanten und andere Produkte des Ostens; aber in keinem Falle ist es den Kommandeuren verbriefter Schiffe gestattet, auf eigene Rechnung Thiere was immer für einer Art einzuladen, da dieß unter die Artikel des verbotenen Privathandels gehört.«

»Mein Bär ist nicht zum Verkauf, Mynheer von Stroom.«

»Er muß augenblicklich aus dem Schiffe entfernt werden, Mynheer Kloots. Ich befehle es, und weigert Ihr Euch, so geschieht es auf Eure eigene Gefahr.«

»Dann will ich die Anker wieder fallen lassen, Mynheer von Stroom, und an's Land schicken, damit im Hauptquartier darüber entschieden werde. Besteht die Compagnie darauf, daß das Thier an's Land geschickt werde, so sei's drum; aber merkt Euch wohl, Mynheer von Stroom, wir werden dann den Schutz der Flotte verlieren und haben allein auszufahren. Soll ich die Anker auswerfen, Mynheer?«

Diese Bemerkung beschwichtigte die Hartnäckigkeit des Supercargo. Das Alleinausfahren wollte ihm nicht zusagen, und die Furcht vor dieser schlimmen Nothwendigkeit überwog sogar die vor dem Bären.

»Mynheer Kloots, ich will nicht allzustrenge sein; wenn das Thier an die Kette gelegt wird und mir nicht nahe kommen kann, so will ich mir's gefallen lassen, daß es an Bord bleibe.«

»Ich will es soviel möglich Euch aus dem Wege halten; aber wenn ich das arme Thier ankette, wird es Tag und Nacht heulen, daß Ihr nicht schlafen könnt, Mynheer von Stroom,« erwiderte Kloots.

Als der Supercargo bemerkte, daß der Kapitän seinen Willen mit Entschiedenheit behauptete und sich nicht an Drohungen kehrte, that er Alles, was ein Mann thun kann, der eine Sache nicht zu ändern vermag. Er gelobte in seinem Innern Rache und bemerkte dann mit herablassender Miene:

»Unter dieser Bedingung, Mynheer Kloots, mag Euer Thier an Bord bleiben.«

Mynheer Kloots und Philipp verließen nun die Kajüte. Ersterer, der nicht in der besten Stimmung war, murmelte im Fortgehen vor sich hin: »wenn die Compagnie ihre Affen an Bord schickt, werde ich, schätz wohl, auch meinen Bären halten dürfen.« Und dieser Witz erfreute Mynheer Kloots so sehr, daß er seinen Aerger wieder vergaß.

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