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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Sechstes Kapitel.

»Dies ist also das Gemach, das so lange verschlossen blieb,« sagte Amine, die am andern Morgen eintrat, als Philipp noch lange, in Folge der letzten Nachtwache, in tiefem Schlafe lag. »Ja, schon die dumpfe Luft bekundet es.«

Amine blickte umher und musterte das Möbelwerk. Ihre Augen wurden durch die Vogelkäfichte gefesselt; sie sah hinein.

»Arme kleine Geschöpfe!« fuhr sie fort; »und hier ist also seiner Mutter der Gatte erschienen. Wohl, das mag so sein – Philipp sagt, er habe Beweise – und warum hätte er nicht sollen erscheinen können. Wäre Philipp todt, so würde es mich freuen, seinen Geist zu sehen – es wäre wenigstens Etwas! Doch was sage ich – falsche Lippen, wie mögt Ihr so mein Geheimniß verrathen? – Der Tisch ist umgeworfen – das sieht aus wie ein Werk der Furcht; ein Arbeitskörbchen, dessen Inhalt umhergestreut ist – nur der Schrecken eines Weibes! Eine Maus hätte dazu Anlaß geben können – und doch liegt etwas Feierliches in der einfachen Thatsache, daß so viele Jahre kein lebendes Wesen diese Schwelle überschritten hat! Daß sogar ein Tisch viele Jahre so umgestürzt bleiben kann, scheint kaum natürlich – wirkt deßhalb um so gewaltiger auf den Geist. Es wundert mich nicht, daß Philipp der Meinung ist, ein so schweres Geheimniß gehöre nur diesem Gemache an – aber es darf nicht so bleiben – es muß einmal wieder bewohnt werden.«

Amine, welche von lange her gewohnt war, ihrem Vater abzuwarten und die Obliegenheiten des Hauswesens zu besorgen, begann nun ihr Geschäft.

Jeder Theil des Zimmers und jedes darin befindliche Möbel wurde gereinigt. Der Staub und die Spinnengewebe verschwanden. Das Sopha und der Tisch wurden aus der Ecke in die Mitte gerückt und die melancholischen kleinen Gefängnisse entfernt. Als Amine mit ihrer Arbeit zu Stande gekommen war, leuchtete die Sonne hell durch die geöffneten Fenster, und das Gemach gewann einen heiteren Anblick.

Amine war der verständigen Ansicht, stürmische Eindrücke dürften ihre rauhen Flächen verlieren, wenn die Gegenstände, die daran erinnerten, entfernt würden. Sie beschloß daher, Philipp Beruhigung zu bringen, denn sie hatte mit allem Feuer und aller Warmblütigkeit ihrer mütterlichen Vorfahren sein Bild in ihr Herz aufgenommen und war entschlossen, ihn für sich zu gewinnen. Wieder und wieder nahm sie ihr Geschäft auf, bis die Gemälde im Zimmer umher und alle übrigen Gegenstände frisch und rein aussahen.

Nicht nur die Vogelkäfichte, sondern auch das Arbeitskörbchen sammt dessen Inhalt und die Stickerei, bei deren Aufnehmen Philipp wie vor der Berührung einer Natter zurückgefahren war, wurden weggeschafft. Unser Held hatte die Schlüssel auf dem Boden liegen lassen. Amine öffnete die Schränke, reinigte die Glasthüren, und war eben im Begriff, die silbernen Flaschen blank zu reiben, als ihr Vater in das Zimmer trat.

»Barmherziger Himmel!« rief Mynheer Potts, »und alles dies ist Silber? Dann muß es wahr sein, und er hat wirklich Tausende von Gülden! aber wo sind sie?«

»Kümmert Euch nicht darum, Vater; Euer Eigenthum ist ja geborgen, und daß Ihr es nicht verlort, habt Ihr bloß Philipp Vanderdecken zu danken.«

»Ja, ganz richtig; aber da er hier leben will – er wird wohl viel essen – und was wird er mir bezahlen? Er sollte wohl gut ausrücken, da er so viel Geld hat.«

Aminens Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen Lächeln, ohne daß sie jedoch eine Antwort gab.

»Ich möchte nur wissen, wo er sein Geld aufbewahrt; und er will zur See gehen, sobald er ein Schiff kriegen kann? Wer wird dann auf sein Eigenthum Acht haben, wenn er fort ist?«

»Das will ich thun, Vater,« versetzte Amine.

»Ach– ja – gut – wir wollen Sorge dafür tragen. Das Schiff könnte zu Grunde gehen.«

»Nein, Vater, nicht wir werden Sorge dafür tragen. Ihr habt nichts damit zu schaffen; kümmert Euch um Eure eigne Habe.«

Amine stellte das Silber in die Schränke, verschloß die Thüren und nahm, als sie hinausging, um das Frühstück zu bereiten, – die Schlüssel mit sich, während der alte Mann zurückblieb und durch die Glasscheiben das kostbare Metall im Innern betrachtete. Seine Augen waren fest darauf geheftet, ohne daß er sie abzuwenden vermochte, und von Zeit zu Zeit murmelte er vor sich hin:

»Ja, es ist Alles Silber.«

Philipp kam die Treppe herunter; als er auf seinem Wege nach der Küche an dem Zimmer vorbeiging und Mynheer Poots vor dem Schranke bemerkte, trat er gleichfalls ein. Er war nicht überrascht über die angenehme Veränderung, fühlte aber mit tiefgerührtem Danke, warum, und durch wen es geschehen war. Amine kam mit dem Frühstück, und ihre Augen drückten mehr aus, als es ihren Lippen möglich gewesen wäre; unser Held setzte sich mit weniger Kummer und einer entwölkteren Stirne zu seinem Mahle nieder.

»Mynheer Poots,« begann Philipp, sobald er sein Frühstück beendigt hatte, »ich gedenke, Euch im Besitze meines Häuschens zu lassen, und hoffe, Ihr werdet Euch wohl darin befinden. Die kleinen Anordnungen, die etwa nöthig sein dürften, will ich vor meiner Abreise Eurer Tochter anvertrauen.«

»Ihr verlaßt uns also, Herr Philipp, und wollt zur See gehen? Es muß allerdings angenehm sein, fremde Länder zu sehen – weit besser, als ein ewiges Zuhausebleiben. Wann gedenkt Ihr abzureisen?«

»Ich werde diesen Abend nach Amsterdam aufbrechen,« versetzte Philipp, »um wegen eines Schiffs meine Vorkehrungen einzuleiten, komme aber wahrscheinlich vor meiner Ausfahrt noch zurück.«

»Ah! Ihr wollt wieder kommen? Ja – Ihr müßt nach Eurem Geld und Eurer Habe sehen – müßt das Geld zählen – wir wollen es gut in Acht nehmen. Wo habt Ihr Euer Geld, Herr Vanderdecken?«

»Das soll Eure Tochter erfahren – diesen Morgen, noch vor meinem Aufbruche. Spätestens in drei Wochen könnt Ihr mich wieder zurückerwarten.«

»Vater,« sagte Amine, »Ihr habt dem Bürgermeister versprochen, sein Kind zu besuchen; es ist Zeit, daß Ihr geht.«

»Ja, ja – beiläufig – Alles zu seiner Zeit! aber ich muß zuerst Herrn Philipps Willensmeinung hören – er hat mir vor seiner Abreise noch viel zu sagen.«

Philipp konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn er sich erinnerte, was vorgefallen war, als er Mynheer Poots zuerst nach seiner Wohnung berief; aber der Rückblick endete mit Kummer und einer verdüsterten Stirne.

Amine. welche wohl wußte, was in den Gemüthern ihres Vaters und Philipps vorging, brachte jetzt Ersterem den Hut und führte ihn nach der Thüre. Mynheer Poots war zwar nicht sonderlich geneigt, sich entfernen zu lassen, zugleich aber auch gewöhnt, den Willen seiner Tochter nie zu bestreiten, weßhalb er seinen Weg zum Kinde des Bürgermeisters antrat.

»Sobald schon, Philipp?« fragte Amine, nach dem Zimmer zurückkehrend.

»Ja, Amine; ich muß unverweilt aufbrechen, hoffe aber, vor meiner Ausfahrt wieder zurückzukommen. Sollte dies nicht der Fall sein, so will ich Euch gleich jetzt die betreffenden Weisungen ertheilen. Gebt mir die Schlüssel.«

Philipp öffnete das untere Fach des Schrankes und den Deckel der eisernen Truhe.

»Hier, Amine, ist mein Geld; wir brauchen es nicht zu zählen, wie mir Euer Vater vorschlug. Ihr seht, daß ich recht hatte, als ich behauptete, daß ich Tausende von Gülden besitze. Vorderhand sind sie mir nichts nütze, da ich mein Gewerbe zu erlernen habe. Sollte ich eines Tages zurückkehren, so können sie mir zu einem eigenen Schiffe verhelfen; aber mein künftiges Geschick ist ungewiß.«

»Und wenn Ihr nicht wieder zurückkehren solltet?« entgegnete Amine mit Ernst.

»Dann soll Alles, was das Häuschen enthält, wie auch das Häuschen selbst, Euer Eigenthum sein.«

»Ihr habt Verwandte – oder nicht?«

»Nur Einen – einen reichen Onkel, der uns nur wenig in unserer Noth unterstützte und kinderlos ist. Ich habe ihm nicht viel zu verdanken und er braucht nichts. Auf der ganzen Welt befindet sich nur ein einziges Wesen, das in meinem Herzen Interesse geweckt hat, und dieses Wesen seid Ihr, Amine. Ich wünsche, daß Ihr in mir einen Bruder seht – und ebenso werde ich Euch stets wie eine theure Schwester lieben.«

Amine gab keine Antwort. Philipp nahm noch einiges Geld aus dem bereits angebrochenen Beutel, um damit seine Reisekosten zu bestreiten, verschloß dann Truhe und Fach und übergab die Schlüssel an Amine. Er wollte sie eben anreden, als sich ein leichtes Pochen an der Thüre vernehmen ließ und Pater Sensen, der Priester, eintrat.

»Gott sei mit dir, mein Sohn, und auch mit Euch, mein Kind, das ich noch nie gesehen habe. Vermuthlich seid Ihr die Tochter des Mynheer Poots?«

Amine antwortete mit einer Verbeugung des Kopfes.

»Ich bemerke, Philipp, daß das Zimmer jetzt geöffnet ist, und habe von allem Vergangenen Kunde erhalten. Der Wunsch, mit dir zu sprechen, führt mich hieher; ich muß daher diese Jungfrau bitten, uns für eine Weile allein zu lassen.«

Amine verließ das Zimmer, worauf der Priester sich auf das Kanapee setzte und Philipp an seine Seite winkte. Eine Wiederholung ihres Gesprächs würde zu lange sein. Der Priester befragte Philipp zuerst über sein Geheimniß, konnte aber nicht die gewünschte Auskunft erhalten, da ihm Letzterer nur so viel anvertraute, als er bereits Amine mitgetheilt hatte. Unser Held erklärte ihm sogleich seine Absicht, zur See zu gehen, mit dem Bemerken, daß er, im Falle er nicht wieder zurückkehren sollte, sein Eigenthum – dessen Betrag er nicht berührte, dem Doctor und seiner Tochter vermacht habe. Der Priester erkundigte sich sodann über Mynheer Poots und fragte Philipp, zu welchem Glauben er sich bekenne, da er den Mann noch nie in einer Kirche gesehen habe und die Welt sich mit dem Gerüchte trage, daß er ein Heide sei. Philipp gab hierauf, wie gewöhnlich, eine freimüthige Antwort und erklärte, daß die Tochter wenigstens gerne erleuchtet zu werden wünsche, weshalb er den Priester bitte, ein Geschäft zu übernehmen, dem er selbst nicht gewachsen sei. Pater Seysen, der Philipps Gefühle gegen das Mädchen bald zu würdigen wußte, erwies sich bereitwillig, diesem Gesuch zu entsprechen. Nach etwa zwei Stunden wurde ihre Unterhaltung durch die Rückkehr des Herrn Poots gestört, der, sobald er Pater Seysen bemerkte, augenblicklich das Zimmer wieder verließ. Philipp rief Amine, stellte sie dem Priester vor und bat sie, seine Besuche anzunehmen, worauf der gute alte Mann das Pärchen segnete und sich entfernte.

»Ihr habt ihm doch kein Geld gegeben, Herr Philipp,« fragte Mynheer Poots, sobald Pater Seysen das Gemach verlassen hatte.

»Nein,« antwortete Philipp, »aber ich wollte, ich hätte darauf gedacht.«

»Nicht doch – es ist besser so – denn das Geld ist mehr werth, als das, was er Euch geben kann. Er sollte aber nicht wieder herkommen.«

»Warum nicht, Vater, wenn Herr Philipp es wünscht?« entgegnete Amine. »Er ist in seinem eigenen Hause.«

»O ja, wenn Herr Philipp es wünscht; aber du weißt, er geht ja.«

»Gut, und wenn auch – warum sollte der Pater nicht hieherkommen? Er kann ja mich besuchen.«

»Dich besuchen, mein Kind? Was kann er von dir wollen? Ei, meinetwegen – aber wenn er kommt, so erhält er von mir keinen Stüber – und dann wird er bald selber wegbleiben.«

Philipp hatte keine Gelegenheit, sich weiter mit Amine zu besprechen – wußte ihr überhaupt auch nichts mehr zu sagen. Nach einer Stunde verabschiedete er sich von ihr in Gegenwart ihres Vaters, der sie nicht allein lassen wollte, weil er von Philipp Auskunft über das Geld zu erhalten hoffte, welches im Hause zurückbleiben sollte. Zwei Tage nachher langte Philipp in Amsterdam an, erkundigte sich und fand, daß es wohl noch einige Monate anstehen konnte, ehe ein Schiff nach Ostindien aussegelte. Die holländisch-ostindische Compagnie hatte sich schon längst gebildet und dem Privatverkehre ein Ende gemacht; auch segelten ihre Schiffe nur zu einer Zeit aus, in welcher man das Cap der Stürme – wie die früheren Abenteurer das Cap der guten Hoffnung nannten – am besten umfahren zu können glaubte. Eines der Schiffe, welches mit der nächsten Flotte aussegeln sollte, war der Schilling, ein dreimastiges Fahrzeug, das jetzt abgetakelt im Hafen lag.

Philipp suchte den Kapitän auf und gab ihm seinen Wunsch zu erkennen, daß er mit ihm ausfahren und das Gewerbe eines Seemanns erlernen möchte. Der Kapitän war nicht unzufrieden darüber, und da Philipp während der Fahrt nicht nur keinen Lohn verlangte, sondern auch noch ein Lehrgeld zahlen wollte, so versprach er ihm einen Platz an Bord, mit dem Tisch in der Kajüte; auch sagte er ihm, er solle gehalten sein wie der zweite Mate, und Kunde erhalten, wenn das Schiff absegle. Da nun Philipp Alles gethan hatte, was sein Gelübde von ihm forderte, so beschloß er, nach Hause und in Aminen's Gesellschaft zurückzukehren.

Wir müssen nun zwei Monate überspringen, während welcher Zeit Mynheer Potts seinem Berufe lebte und, da er nur selten zu Hause war, unser junges Pärchen oft stundenlang allein ließ. Philipps Liebe zu Aminen wurde in vollem Maße erwidert – ja, es war mehr als Liebe, eine aufopfernde Hingebung von beiden Seiten, die sich mit jedem Tage steigerte. Wo hätte man auch ein bezaubernderes und anziehenderes Wesen finden können, als in der muthigen und doch so zarten Amine? Wohl umwölkte sich Philipps Stirne oft, wenn er der dunkeln Zukunft gedachte; aber das Lächeln des Mädchens verscheuchte das Düster, und wenn sie ihm in's Auge blickte, war Alles vergessen. Amine machte kein Geheimniß aus ihrer Neigung, sondern zeigte sie in jedem Worte, in jedem Blicke und in jeder Geberde. Sie that nicht blöde, wenn Philipp ihre Hand faßte, seinen Arm um ihren Leib schlang oder sogar ihre Korallenlippen zu küssen wagte. Voll edlen Vertrauens fühlte sie, daß ihr Glück nur in seiner Liebe beruhte und sie eigentlich nur in seiner Gegenwart lebte. So entschwanden zwei Monate, als eines Tages Pater Seysen, der oft einsprach und Aminen in den Lehren seines heiligen Glaubens unterwies, erschien, wie Philipp eben das Mädchen mit seinen Armen umschlungen hielt.

»Meine Kinder,« sagte er, »ich habe euch schon seit einiger Zeit beobachtet – dies ist nicht gut und auf alle Fälle gefährlich, selbst wenn du sie zu heirathen gedenkst, Philipp, was ich von dir voraussetze. Ich muß Eure Hände vereinigen.«

Philipp fuhr auf.

»Ich habe mich hoffentlich nicht in dir getäuscht, mein Sohn!« fuhr der Priester in strengem Tone fort.

»Nein, nein, guter Vater; aber ich muß Euch bitten, mich jetzt zu verlassen. Kommt morgen wieder her und dann wird Alles entschieden sein; zuvor aber will ich mit Amine sprechen.«

Der Priester verließ das Gemach und Philipp war wieder mit Amine allein. Die Farbe der Letzteren wechselte und ihr Herz pochte in schnelleren Schlägen, denn sie fühlte, wie sehr ihre ganze Seligkeit auf dem Spiele stand.

»Der Priester hat recht, Amine,« sagte Philipp, sich an ihrer Seite niederlassend. »So kann es nicht fortgehen. Wollte Gott, daß ich stets bei Euch bleiben könnte und nicht ein grausames Schicksal mich verfolgte! Ihr wißt, daß ich sogar den Boden verehre, den Ihr betretet, und doch wage ich es nicht, Euch zu bitten, mit mir einen Bund des Elends einzugehen.«

»Ein Bund mit Euch wird kein Bund des Elends sein, Philipp,« versetzte Amine mit niedergeschlagenen Augen.

»Es wäre nicht freundlich von meiner Seite, Amine. Ich würde sehr selbstsüchtig handeln.«

»Ich will offen mit Euch reden, Philipp,« entgegnete Amine. »Ihr behauptet, mich zu lieben – ich weiß nicht, wie Männer lieben – wohl aber, wie ich lieben kann. Wenn Ihr mich jetzt verließet, so fühle ich, daß es in der That unfreundlich und selbstsüchtig von Eurer Seite wäre, denn ich – ich würde sterben, Philipp. Ihr sagt, daß Ihr fort müßt – daß das Schicksal dies von Euch fordere – und sprecht von Eurem geheimnißvollen Verhängnisse. Sei es drum – aber kann ich nicht mit Euch gehen?«

»Mit mir gehen, Amine? In den Tod?«

»Ja, auch in den Tod, denn was ist der Tod anders, als eine Erlösung? Den Tod fürchte ich nicht, Philipp, wohl aber Euren Verlust. Und außerdem – ist Euer Leben nicht in der Hand dessen, der Alles geschaffen hat? Woher wißt Ihr denn so gewiß, daß es in den Tod geht? Ihr habt mir angedeutet, Ihr seid erkoren – auserwählt für eine Aufgabe. Wenn dies der Fall ist, so habt Ihr den Tod nicht zu fürchten, denn der Erkorene muß bis zu Erfüllung seines Werkes leben. Ich wünschte, Euer Geheimniß zu kennen, Philipp: der Verstand eines Weibes könnte Euch wohl nützlich werden, und wenn auch nicht, würde es Euch nicht zum Troste, zur Freude gereichen, sowohl Wonne als Leid mit einem Wesen zu theilen, das Euch theuer ist?«

»Amine, theuerste Amine – nur meine Liebe, meine heiße, innige Liebe tritt mir hemmend in den Weg, denn welche Seligkeit wäre es nicht für mich, wenn wir in dieser Stunde schon vereinigt werden könnten. Ich weiß kaum, was ich sagen oder thun soll. Wenn Ihr mein Weib wäret, könnt' ich mein Geheimniß nicht vor Euch verbergen, und ebensowenig dürfte ich Euch heirathen, bis Ihr es erfahren hättet. Nun, wohlan, Amine, ich will mein Alles auf einen Wurf setzen. Ihr sollt das Geheimniß kennen lernen und erfahren, welch ein unglücklicher Elender ich bin, obgleich nicht durch meine Schuld. Dann mögt Ihr selbst entscheiden, dürft aber dabei nicht vergessen, daß mein Eid im Himmel vernommen wurde und daher von einem Abrathen keine Rede sein kann. Behaltet dies im Gedächtniß; und hört meine Geschichte. – Entschließt Ihr Euch dann, einen Mann zu heirathen, dessen Aussichten so bitter sind, so möge es darum sein. Mir wird ein kurzes Glück blühen, – aber für Euch, Amine – –«

»Zögert nicht länger mit Eurem Geheimniß, Philipp,« rief Amine ungeduldig.

Philipp erzählte nun ausführlich, was wir dem Leser bereits mitgetheilt haben. Amine hörte schweigend zu, ohne im Laufe der ganzen Geschichte auch nur in einem Zuge ihres Antlitzes eine Veränderung blicken zu lassen. Philipp schloß mit einer Berührung des Eides, den er geleistet hatte. »Es ist geschehen,« fügte er mit wehmüthiger Stimme bei.

»Das ist eine wunderbare Geschichte, Philipp,« versetzte Amine. »Doch hört mich an und gebt mir zuerst jene Reliquie, damit ich sie betrachte. – Kann denn wirklich so viel Kraft – ich hätte beinahe gesagt, so viel Unheil – in diesem kleinen Ding liegen? Seltsam! verzeiht mir, Philipp – aber ich habe doch meine Bedenken über diese Mähr von Eblis. Ihr wißt, ich bin noch nicht stark in dem neuen Glauben, den Ihr und der gute Priester mich in der letzten Zeit gelehrt habt. Ich will die Wahrheit desselben nicht in Abrede ziehen, muß aber doch mit Nachsicht behandelt werden, wenn ich noch nicht so festen Fuß gefaßt habe, um nicht zu wanken. Nehmen wir übrigens an, Philipp, daß Alles wahr ist – in diesem Falle würdet Ihr auch ohne Eid nur Eure Pflicht thun. Denkt nicht so niedrig von Aminen, um von ihr zu vermuthen, daß sie Euch von dem Rechten abwendig machen wolle. Nein, Philipp, sucht Euren Vater und rettet ihn, wenn Ihr könnt und er Eurer Hülfe bedarf. Aber glaubt Ihr, eine so hohe Aufgabe lasse sich in einem einzigen Versuche vollführen? O nein. Seid Ihr wirklich erkoren, sie zu erfüllen, so werdet Ihr durch alle Schwierigkeiten und Gefahren bewahrt bleiben, bis Ihr das Ziel errungen habt. Ihr werdet nicht sterben, sondern wieder und wieder zurückkehren – werdet Trost, Beruhigung und Liebe in den Armen Eures Weibes finden. Und wenn es dem Himmel gefällt, Euch aus dieser Welt abzurufen, so wird sie, falls sie Euch überleben sollte, Euer Andenken eben so theuer in ihrem Busen bewahren. Philipp, Ihr habt mir die Entscheidung anheim gegeben – theuerster Philipp, ich bin die Deinige.«

Amine streckte ihre Arme aus und Philipp drückte sie an seine Brust. Noch am nämlichen Abende warb er um sie bei dem Vater; und Mynheer Poots gab seine Einwilligung, sobald der Freier seine Eisentruhe geöffnet und die Gülden vorgezeigt hatte.

Pater Seyser erschien am andern Morgen wieder und erhielt die entsprechende Antwort. Drei Tage nachher läuteten die kleinen Glocken der Kirche von Terneuse lustig zu der Hochzeitsfeier von Amine Poots und Philipp Vanderdecken.

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