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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
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Einundvierzigstes Kapitel.

Jahre sind seit Aminens Leiden und ihrem grausamen Tode entschwunden, und noch einmal bringen wir Philipp Vanderdecken auf die Bühne. Wo war er während dieser langen Zeit? In einem Irrenhause – das einemal tobsüchtig, an Ketten gelegt und mit Schlägen mißhandelt, ein andermal wieder mild und friedlich. Hin und wieder schien die Vernunft hervorzubrechen, wie die Sonne an einem wolkigen Tag, dann aber war wieder mit einemmale Alles verdunkelt. Viele Jahre bewachte ihn sorgfältig ein Mann, welcher der Hoffnung lebte, die Gesundheit seines Geistes wiederkehren zu sehen. Es war eine Wache voll von Kummer und Gewissensbissen, und der Hüter starb, ohne seine heißen Wünsche erfüllt zu sehen. Der Mann war Pater Matthias!

Das Häuschen zu Terneuse war längst in Trümmer verfallen, denn viele Jahre wartete es vergeblich auf die Rückkehr seiner Eigenthümer, und endlich setzten sich die Erben in den Besitz von Philipp Vanderdeckens Vermögen. Selbst Aminens Schicksal war aus der Erinnerung der meisten Leute verschwunden, obschon ihr Portrait über glühenden Kohlen und der Name ihres Verbrechens unten angeschrieben – nach der gewöhnlichen Sitte in der Kirche der Inquisition hängt und durch seine außerordentliche Schönheit die Aufmerksamkeit auch des gleichgültigsten Vorübergehenden auf sich zieht.

Viele, viele Jahre sind dahin – Philipps Haar ist weiß, seine einst so kräftige Gestalt zusammengebrochen und er erscheint viel älter, als er seinen Jahren nach sollte. Er ist jetzt gesund, aber seine Kräfte sind dahin. Des Lebens müde, wünscht er nichts mehr, als seine Sendung zu erfüllen und dann durch den Tod in die willkommene Ruhe einzugehen.

Die Reliquie ist ihm nie abgenommen worden. Man hat ihn aus dem Irrenhause entlassen und mit den Mitteln versehen, in sein Vaterland zurückzukehren. Aber ach! er hat jetzt kein Vaterland – keine Heimath – nichts mehr auf der Welt, was ihn auf ihr festzuhalten vermöchte. Er wünscht nur noch seine Pflicht zu thun und zu sterben.

Das Schiff war bereit, nach Europa auszusegeln, und Philipp Vanderdecken begab sich an Bord – gleichgültig, wohin es ging. Die Rückkehr nach Terneuse hatte er nicht im Auge, denn schon der Gedanke war ihm zuwider, einen Schauplatz zu besuchen, wo er so glücklich und so elend gewesen war, Aminens Gestalt war in seinem Herzen eingegraben, und er sah mit Ungeduld der Zeit entgegen, wann er abberufen werden sollte, um sich mit ihr im Lande der Geister zu vereinigen.

Nach so vielen Jahren der Geistesverwirrung war er wie aus einem Traume erwacht, und er gehörte nicht länger unter die Zahl der eifrigen Katholiken, denn er konnte nie an seine Religion denken, ohne sich Aminens grausames Schicksal in's Gedächtniß zu rufen. Dennoch hing er an seiner Reliquie – er glaubte an sie – und an sie allein. Sie war sein Gott – sein Glaube – sein Alles – ein Schlüssel für ihn und seinen Vater in die andere Welt – das Mittel, durch das er sich mit seiner Amine wieder vereinigen konnte. Stundenlang saß er da, den theuren Gegenstand betrachtend und jedes wichtige Ereignis; in seinem Leben, von dem Tode seiner armen Mutter und dem Augenblicke an, als er Aminen zum erstenmal sah, bis zur letzten fürchterlichen Scene seinem Geiste vergegenwärtigend. Die Reliquie war ihm ein Tagebuch seines Daseins, ein Anhaltspunkt für alle seine zukünftigen Hoffnungen.

»Wann – oh, wann soll es erfüllt werden?« lautete der beständige Refrain seiner Träumereien. »Gesegnet wird mir der Tag sein, wann ich diese Welt des Hasses verlasse und in eine andere eintrete, wo der Müde Ruhe findet.«

Das Fahrzeug, an dessen Bord sich Philipp als Passagier einschiffte, war die Nostra Senora da Monte, eine Brigg von dreihundert Tonnen, die nach Lissabon segelte. Der Kapitän war ein abergläubischer alter Portugiese und ein großer Freund des Araks – eine Liebhaberei, die man unter den Angehörigen seiner Nation nicht häufig trifft. Sie segelten nach Goa aus, und Philipp stand auf dem Hinterschiffe, wehmüthig den Thurm der Kathedrale betrachtend, in welcher er sein Weib zum letztenmale gesehen hatte, als er sich am Ellenbogen berührt fühlte. Er wandte sich um.

»Wieder einmal Reisegefährten,« sagte eine wohlbekannte Stimme – es war die des Piloten Schriften.

In dem Aeußern des Mannes war kein Veränderung vorgegangen. Er zeigte keine Spur von der Neige der Jahre, und sein einziges Auge glänzte so grell, als nur je.

Philipp fuhr zusammen – nicht nur über den Anblick des Mannes, sondern auch über die Erinnerungen, welche die unerwartete Erscheinung in seinem Geiste auftauchen ließ. Dies währte jedoch nur einen Augenblick, und er wurde wieder ruhig und gedankenvoll.

»Ihr wieder hier, Schriften?« bemerkte Philipp. »Ich hoffe, Euer Erscheinen ist ein Vorbote, daß mein Auftrag bald erfüllt sein wird.«

»Vielleicht,« versetzte der Pilot; »wir sind beide müde.«

Philipp gab keine Antwort; er fragte Schriften nicht einmal, in welcher Weise er von dem Fort entkommen war. Es war ihm gleichgültig, denn er fühlte, daß der Mann ein gefeietes Leben hatte.

»Während Ihr so lange eingeschlossen wart, Philipp Vanderdecken, sind viele Schiffe zu Grunde gegangen und viele Seelen zu ihrer Rechenschaft abgerufen worden, die mit dem Schiffe Eures Vaters zusammen trafen,« bemerkte der Pilot.

»Möge unsere nächste Begegnung glücklicher – möge sie die letzte sein« – entgegnete Philipp.

»Nein, nein; lieber möge er sein Urtheil erfüllen und segeln bis zum Tage des Gerichts,« erwiderte der Pilot mit Nachdruck.

»Elender! Doch ich habe eine Ahnung, daß dein verabscheuungswürdiger Wunsch nicht in Erfüllung gehen werde. Hinweg! – verlaßt mich! oder Ihr sollt finden, daß dieser Arm doch noch Kraft besitzt, obgleich das Elend mein Haupt gebleicht hat.«

Schriften ging mit finsterer Miene hinweg; er schien sich vor Philipp zu fürchten, obgleich die Furcht nicht seinem Hasse gleich kam. Er versuchte es nun wieder wie früher, die Schiffsmannschaft gegen Philipp aufzuhetzen, indem er erklärte, er sei ein Jonas, der den Verlust des Schiffes herbeiführen werde, da er mit dem fliegenden Holländer verwandt sei. Philipp bemerkte gar bald, daß er gemieden wurde; er ergriff daher Repressalien, indem er Schriften für einen Dämon erklärte. Das Aussehen des Lootsen übte einen sehr ungünstigen Eindruck, während das unseres Philipps so gewinnend war, daß die Leute an Bord kaum wußten, was sie denken sollten. Die Meinungen theilten sich; Einige traten auf Philipps, Andere auf Schriftens Seite. Der Kapitän nebst vielen Andern betrachteten Beide mit gleichem Grausen und sehnten sich nach einer Gelegenheit, um beide aus dem Schiffe entfernen zu können.

Wie bereits bemerkt, war der Kapitän sehr abergläubisch und der Flasche zugethan. Am Morgen, wenn er nüchtern war, pflegte er zu beten; Nachmittags lebte er im Rausche und fluchte auf dieselben Heiligen, deren Schutz er einige Stunden vorher angerufen hatte. –

»Möge der heilige Antonius uns bewahren und uns vor Versuchung behüten,« sagte er eines Morgens nach einem Gespräche mit den Passagieren über das Gespensterschiff. »Mögen uns alle Heiligen vor Schaden bewahren,« fuhr er fort, indem er ehrerbietig seinen Hut abnahm und sich bekreuzte. »Wenn ich mir diese zwei gefährlichen Menschen ohne Gefährde vom Halse schaffen kann, so will ich, sobald ich wohlbehalten vor dem Thurm von Belem Anker werfe, hundert sechslöthige Wachskerzen auf dem Altar der heiligen Jungfrau opfern.«

Am Abende änderte er seine Sprache.

»Wenn der vermaledeite heilige Antonius uns nicht hilft, möge er selbst das höllische Feuer verspüren. Hole ihn der Teufel sammt seinen Schweinen! Wenn er den Muth hat, seine Schuldigkeit zu thun, so wird Alles gut gehen; aber er ist ein feiger Wicht, kümmert sich um Niemand und läßt diejenigen im Stiche, welche ihn aus ihrer Noth anrufen. Carombo! Ich gebe nicht so viel für dich,« rief der Kapitän, nach dem kleinen Altare des Heiligen über dem Kompaßhäuschen aufblickend und seine Finger nach dem Bilde schnippend; »ich gebe nicht so viel für dich, du unnützer Tropf, der uns nie in unsern Nöthen hilft. Der Papst muß einige bessere Heilige für uns kanonisiren, denn alle, die wir bis jetzt haben, sind abgenützt. Früher konnten sie doch etwas, jetzt aber möchte ich keine zwei Unzen Gold für den ganzen Kalender geben. Das für dich, du schläfriger alter Schurke,« fuhr der Kapitän fort, die Faust nach dem armen St. Antonius schüttelnd.

Das Schiff hatte nun die Höhe des südlichen Endes von Afrika erreicht, und war noch ungefähr hundert Meilen von der Lagullasküste entfernt. Der Morgen war schön; die leichte, stätige Brise kräuselte nur ein wenig die Meeresfläche, und das Schiff steuerte an dem Winde mit einer Schnelligkeit von etwa vier Meilen in der Stunde.

»Gesegnet seien die Heiligen,« sagte der Kapitän, welcher eben auf dem Decke erschien; »ein abermaliges kleines Umschlagen zu unseren Gunsten, und wir können unseren Cours anlegen. – Ich sage noch einmal, gesegnet seien die Heiligen, und namentlich unser würdiger Schutzpatron, der heilige Antonius, der die Nostra Senora da Monte unter seine besondere Obhut genommen hat. Wir haben Aussicht auf schönes Wetter. Kommt, Signores, wir wollen unser Frühstück einnehmen und dann unsere Cigarros auf dem Decke rauchen.«

Aber die Scene änderte sich bald. Eine Wolkenmasse erhob sich im Osten mit einer Geschwindigkeit, die den Matrosen unnatürlich erschien, und bedeckte im Nu das ganze Firmament. Die Sonne verdunkelte sich, und Alles war ein einziges, tiefes, unnatürliches Düster. Das Meer legte sich. Es war nicht gerade dunkel, aber der Himmel hüllte sich in einen rothen Nebel, so, daß es das Aussehen gewann, als ob die Welt in Brand stehe.

In der Kajüte bemerkte Philipp zuerst das zunehmende Dunkel, und begab sich deßhalb auf das Deck; erstaunt folgten ihm der Kapitän und die Passagiere. Es war unnatürlich und unbegreiflich.

»Heilige Jungfrau, schütze uns – was kann dieß zu bedeuten haben?« rief der Kapitän erschreckt. »Heiliger Antonius steh' uns bei – das ist ja fürchterlich!«

»Dort! dort!« schrieen die Matrosen, über das Brustholz hindeutend.

Jedermann schaute über das Schanddeck, um zu sehen, was zu solchem Ausrufen Anlaß gab. Philipp, Schriften und der Kapitän standen nebeneinander. Etwa zwei Kabellängen entfernt erhoben sich vor dem Brustholze langsam die Bramstengen und Spieren eines Schiffes aus dem Wasser. Dann folgten allmälig die Stangen und Marsraaen mit ihren Segeln, höher und höher aus dem feuchten Elemente aufsteigend. Nachgerade zeigten sich die untern Masten mit dem Takelwerk, und zuletzt hob sich auch der Rumpf über den Meeresspiegel, die Pforten mit ihrem Geschütze zeigend, und nun lag ein ganzes Schiff mit unter rechten Winkeln gebraßter Hauptraa in kurzer Entfernung vor der Brigg.

»Heilige Jungfrau!« rief der Kapitän athemlos, »ich habe wohl schon Schiffe untergehen, aber nie heraufkommen sehen. Ich will tausend zwanziglöthige Kerzen auf dem Altar der heiligen Jungfrau opfern, wenn sie uns aus dieser Noth rettet. Tausend Wachskerzen! hörst du mich, gebenedeite Frau – jede zu zwanzig Lothen. Signores,« rief der Kapitän den Reisenden zu, welche entsetzt dastanden – »warum thut Ihr nicht auch ein Gelübde? – Gelobt, sage ich; gelobt doch wenigstens.«

»Das Geisterschiff – der fliegende Holländer,« kreischte Schriften. »Ich sagte Euch ja, Philipp Vanderdecken – da ist Euer Vater – hi! hi! hi!«

Philipps Augen blieben auf dem gespenstischen Schiffe haften; er bemerkte, daß man dort ein Boot über die Windvierung niederließ.

»Ist's möglich,« dachte er, »daß mir jetzt der Zutritt gestattet ist!«

Und Philipp steckte die Hand in seinen Busen und umfaßte die Reliquie.

Das Dunkel hatte jetzt so zugenommen, daß man kaum den Rumpf des fremden Schiffes durch die dunstige Atmosphäre unterscheiden konnte. Die Matrosen und Reisenden warfen sich auf die Kniee nieder, und riefen ihre Heiligen an. Der Kapitän eilte hinunter, um eine Kerze zu holen und sie vor dem Bilde des heiligen Antonius anzuzünden, das er aus seinem Tabernakel heraus nahm, augenscheinlich mit viel andächtiger Rührung küßte, und dann wieder an seinen Ort stellte.

Bald nachher ließ sich Rudergeplätscher neben dem Schiff vernehmen, und eine Stimme rief laut:

»He, Ihr guten Leute, werft ein Tau über das Vorderschiff herunter.«

Niemand antwortete oder entsprach dieser Aufforderung. Nur Schriften ging auf den Kapitän zu und sagte ihm, wenn die Leute im Boote Briefe übergeben wollten, solle man sie nicht annehmen, da sonst das Schiff zu Grunde gehen, und Alle an Bord umkommen würden.

Jetzt stieg ein Mann bei der Laufplanke über das Schanddeck.

»Ihr hättet mir wohl ein Tau zuwerfen können, meine lieben Leute,« sagte er, als er auf das Deck trat. »Wo ist der Kapitän?«

»Hier,« antwortete der Kapitän, von Kopf bis zu den Füßen zitternd.

Der Mann, der ihn angeredet hatte, war ein wetterfester Seemann in einer Pelzmütze und Beinkleidern aus Segeltuch; er hielt einige Briefe in der Hand.

»Was wollt Ihr?« rief endlich der Kapitän.

»Ja – was wollt Ihr?« stimmte Schriften ein. »Hi! hi!«

»Wie, Ihr auch hier, Pilot?« versetzte der Mann. »Ei – ich meinte, Ihr läget längst schon in David's Truhe.«

»Hi! Hi!« entgegnete Schriften sich abwendend.

»Nun, die Sache ist so, Kapitän: wir haben sehr schlechtes Wetter gehabt und wünschen Briefe nach Hause zu schicken. Ich glaube, wir werden nie um dieses Kap herumkommen.

»Ich kann sie nicht annehmen,« rief der Kapitän.

»Könnt sie nicht annehmen? das ist doch sehr sonderbar – aber jedes Schiff weist unsere Briefe zurück. 's ist sehr unfreundlich – Seeleute sollten doch ein Gefühl für Kameraden haben, namentlich wenn dieselben im Unglück sind. Gott weiß, wir wünschen unsere Weiber und Familien wieder zu sehen, und es würde uns großen Trost gewähren, wenn sie nur von uns hören könnten.

»Ich kann Eure Briefe nicht annehmen – die Heiligen mögen uns davor bewahren,« versetzte der Kapitän.

»Und wir sind schon so lange auf dem Wege,« sagte der Seemann, den Kopf schüttelnd.

»Wie lange schon?« fragte der Kapitän, der nicht wußte, was er sagen sollte.

»Wir können's nicht sagen; unser Kalender ist über Bord geblasen worden; und wir haben unsere Gissung verloren. Wir kennen unsere Breite nie genau, denn wir sind nicht im Stande, die Abweichung der Sonne für den rechten Tag anzugeben.«

»Laßt mich Eure Briefe sehen,« sagte Philipp, indem er vortrat und sie dem Seemann aus der Hand nahm.

»Sie dürfen nicht berührt werden,« kreischte Schriften.

»Hinweg, Ungeheuer!« entgegnete Philipp. »Wer wagt es, mir in den Weg zu treten?«

»Dem Untergang – dem Untergang – dem Untergang geweiht!« rief Schriften, auf dem Decke hin- und herrennend und dann in ein wildes Gelächter ausbrechend.

»Berührt diese Briefe nicht,« sagte der Kapitän, der wie unter einem Fieberschauer zitterte.

Philipp gab keine Antwort, sondern streckte die Hand nach den Briefen aus.

»Hier ist einer von unserem zweiten Maten an sein Weib in Amsterdam, die auf dem Waser-Kai lebt.«

»Der Waser-Kai existirt längst nicht mehr, mein guter Freund; an seiner Stelle befindet sich jetzt eine große Schiffsdocke,« versetzte Philipp.

»Unmöglich!« entgegnete der Mann. »Da ist ein anderer von dem Hochbootsmann an seinen Vater, der auf dem alten Markte wohnt.«

»Der alte Markt ist jetzt eingegangen, und hat jetzt einer Kirche Platz gemacht.«

»Unmöglich!« rief der Seemann. »Da ist ein anderer von mir selbst an meine Liebste, Vrow Ketser – mit Geld, um ihr eine neue Busennadel zu kaufen.«

Philipp schüttelte den Kopf.

»Ich erinnere mich; eine alte Frau dieses Namens gesehen zu haben, die vor etwa dreißig Jahren begraben wurde.«

»Unmöglich! Ich verließ sie jung und blühend. Hier ist einer an das Haus Slutz und Compagnie, welchem das Schiff gehört.«

»Es gibt kein solches Haus mehr,« erwiderte Philipp, »obschon ich gehört habe, daß vor vielen Jahren eine Firma dieses Namens bestand.«

»Unmöglich! Ihr macht Euch lustig über mich. Da ist ein Brief von unserem Kapitän an seinen Sohn – – «

»Gebt ihn her,« rief Philipp, den Brief ergreifend, und war eben im Begriff, das Siegel zu erbrechen, als ihm Schriften das Papier aus der Hand riß und es über das Leeschanddeck warf.

»Das ist ein garstiger Streich von einem alten Schiffskameraden,« bemerkte der Seemann.

Schriften gab keine Antwort, sondern ergriff auch die andern Briefe, welche Philipp auf die Gangspille niedergelegt hatte, und warf sie dem ersten nach.

Der fremde Seemann vergoß Thränen, und begab sich wieder nach der Seite des Schiffes, »Es ist sehr hart und unfreundlich,« bemerkte er im hinuntersteigen. »Denkt an mich, die Zeit wird kommen, in der auch Ihr wünscht, daß Eure Familie Nachricht von Euch erhalten möchte.«

Mit diesen Worten verschwand er, und einen Augenblick später hörte man den Ton der Ruder, die das Boot von dem Schiff abführten.

»Heiliger Antonius!« rief der Kapitän, »ich weiß vor Schrecken und Verwunderung nicht, wo mir der Kopf steht. Kellermeister, bringt mir den Arac herauf!«

Der Kellermeister eilte nach der Flasche: er war ebenso erschrocken, als sein Kapitän, und bediente sich zuvor selbst, ehe er dem Geheiß entsprach.

»Nun,« sagte der Kapitän, nachdem er die Flasche ein paar Minuten an den Mund gehalten und bis auf den Grund ausgetrunken hatte, »was ist jetzt zunächst zu thun?«

»Das will ich Euch sagen,« entgegnete Schriften, auf ihn zugehend. »Dieser Mann hat einen Zauber um seinen Hals hängen; entreißt ihm denselben und werft ihn über Bord, so wird Euer Schiff gerettet sein; wo nicht, so geht es verloren – mit Mann und Maus.«

»Ja, ja, er hat Recht – verlaßt Euch darauf,« riefen die Matrosen.

»Ihr Thoren,« entgegnete Philipp, »wie mögt Ihr diesem Elenden glauben? Habt Ihr nicht gehört, wie der Mann, der an Bord kam, ihn erkannte und als Schiffskameraden begrüßte? Er ist die Person, derer Anwesenheit an Bord zum Unglück führen muß.«

»Ja, ja,« riefen die Matrosen, »er hat Recht – der Mann nannte ihn Schiffskamerad.«

»Ich sage Euch, Ihr seid völlig auf dem Irrwege,« rief Schriften. »Dieser Mann hier ist's – laßt ihn den Zauber herausgeben.«

»Ja, ja, er soll den Zauber herausgeben,« riefen die Matrosen, und stürzten auf Philipp zu.

Philipp wich nach der Stelle zurück, wo der Kapitän stand. »Wahnsinnige, was beginnt Ihr? Es ist ein Stück von dem heiligen Kreuze, das ich an meinem Halse trage. Werft es über Bord, wenn Ihr es wagt, und Eure Seelen sind für immer verloren.«

Damit nahm Philipp die Reliquie aus seinem Busen, und zeigte sie dem Kapitän.

»Nicht doch, Ihr Leute,« rief der Kapitän, der jetzt einigermaßen zur Besinnung gekommen war; »das geht nicht – mögen uns alle Heiligen behüten!«

Die Matrosen wurden jedoch ungestümer. Die einen wollten, daß Schriften – die andern, daß Philipp über Bord geworfen werden solle. Endlich gab der Kapitän den Ausschlag, indem er den kleinen Nachen, der am Spiegel hing, niederzulassen befahl, und sowohl Schriften als Philipp in denselben steigen hieß. Die Matrosen billigten diese Maßregel, da sie beide Parteien befriedigte. Philipp machte keine Einwendung, aber Schriften schrie und sträubte sich, bis er endlich in das Boot gestoßen wurde. Hier blieb er zitternd in den Sternschoten, während Philipp das Ruder ergriff, und den Kahn nach der Richtung des Geisterschiffes in Bewegung setzte.

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