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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Viertes Kapitel.

Wenn ein Mensch, der zum Tode verurtheilt war und sich bereits in sein Schicksal ergeben halte, unerwartet Begnadigung erhält – wenn er sich erholt hat von der Aufregung, die aus einem Wiederaufleben aller verlorenen Hoffnungen erwuchs, und abermals schwelgt im Hinblicke auf eine frohe Zukunft – dann aber plötzlich finden muß, der Begnadigungsbrief sei widerrufen worden, und er habe dennoch den Tod zu erleiden; falls sich der Leser die Gefühle eines solchen Menschen zu vergegenwärtigen vermag, so ist er etwa im Stande, sich eine Vorstellung von den Empfindungen zu machen, in welchen Philipp die Hütte verließ.

Gleichgültig gegen den Weg, den er einschlug, ging er lange Zeit fort, den Brief in der zusammengeballten Hand und die Zähne fest geschlossen. Nachgerade wurde er ruhiger und setzte sich, athemlos von der Hast seiner Bewegungen, auf eine Bank, wo er sitzen blieb, die Augen auf das gefürchtete Papier geheftet, das er mit beiden Händen auf seinen Knieen hielt.

Mechanisch drehte er den Brief um. Das Siegel war schwarz. Philipp seufzte.

»Ich kann ihn jetzt nicht lesen,« dachte er, indem er aufstand, um seine unstäte Wanderung wieder aufzunehmen.

Nach einer halben Stunde weiterer Bewegung machte Philipp Halt und blickte nach der niedergehenden Sonne, bis ihm sein Gesicht verging.

»Ich könnte mir vorstellen, sie sei das Auge Gottes,« dachte Philipp, »und vielleicht ist's so. Aber warum, barmherziger Schöpfer, bin ich unter so vielen Millionen auserlesen, eine so furchtbare Aufgabe zu erfüllen?«

Er sah sich nach einer Stelle um, wo er gegen Beobachtung gesichert war, wo er das Siegel erbrechen und die Botschaft aus der Geisterwelt lesen konnte. Nicht weit von der Stelle, wo er stand, befand sich ein kleines Gebüsch am Saume eines Waldes. Er ging darauf zu und setzte sich nieder, um von keinem Vorübergehenden bemerkt zu werden. Abermals blickte er nach der niedergehenden Scheibe des Tages und wurde ruhiger.

»Es ist dein Wille!« rief er; »es ist mein Geschick, und Beides muß erfüllt werden.«

Philipp legte die Hand an das Siegel – das Blut zuckte ihm eiskalt durch die Adern, wenn er seinem Geiste vergegenwärtigte, daß der Brief von keinen sterblichen Händen überliefert wurde, und daß er das Geheimniß eines Gerichteten enthielt. Aber dieser Gerichtete war sein Vater, der nur in diesem Schreiben noch Hoffnung hatte! Es war die einzige Hoffnung seines armen Vaters – dessen Andenken er lieben gelernt hatte, – der ihn um Hülfe anflehte.

»Memme, die ich bin, daß ich so viele Stunden verliere!« rief Philipp, »Jene Sonne dort scheint über dem Berge zu zögern, um mir beim Lesen zu leuchten.«

Für eine kurze Weile versank er in Gedanken und nahm dann seinen ganzen Muth zusammen. Ruhig erbrach er das Siegel, das die Anfangsbuchstaben von dem Namen seines Vaters trug, und las, wie folgt:

An Catharine.

»Einem jener mitleidigen Geister, deren Thränen strömen für die Verbrechen der Sterblichen, ist es gestattet worden, mir zu eröffnen, durch welches Mittel einzig mein fürchterliches Urtheil abgewendet werden kann.

Würde es mir nur möglich, an Bord meines Schiffes die heilige Reliquie zu empfangen, auf welche ich den verhängnißvollen Eid schwor, um sie in Demuth zu küssen und über dem geheiligten Holze eine Thräne tiefer Zerknirschung zu vergießen, so würde ich Ruhe finden.

Wie dieß bewerkstelligt werden kann, oder wer eine so verhängnißvolle Aufgabe vollziehen wird, weiß ich nicht. O Catharine, wir haben einen Sohn – doch nein – nein, laß ihn nichts von mir hören, bete für mich – und nun, lebe wohl.

J. Vanderdecken.«      

»Dann ist's also Wahrheit, fürchterliche Wahrheit,« dachte Philipp, »und über meinem Vater ist im Leben das Gericht ergangen. Und er deutet auf mich hin – auf wen anders sollte er auch? Bin ich nicht sein Sohn und ist es nicht meine Pflicht?«

»Ja, Vater,« rief Philipp laut, indem er auf seine Kniee niederfiel; »du sollst diese Zeilen nicht vergeblich geschrieben haben. Ich will sie noch einmal lesen.«

Philipp erhob seine Hand; aber obgleich es ihn dünkte, als halte er den Brief noch immer fest, war er doch nicht mehr vorhanden – er hielt ein Nichts umfaßt. Er blickte auf das Gras, um zu sehen, ob er ihn habe fallen lassen – aber nein: der Brief war verschwunden. War es ein Gesicht? – Nein, nein; er hatte jedes Wort gelesen.

»Dann galt die Botschaft mir, und Niemand anders, als mir. Ich nehme dieß als ein Zeichen an.«

»Höre mich, theurer Vater – wenn es dir gestattet ist – und du, barmherziger Himmel, vernimm gnädig mein Gelübde – höre den Sohn auf die heilige Reliquie schwören, daß er das Urtheil abwenden will, und wenn er darüber in den Tod gehen müßte. Dieser heiligen Pflicht will er seine Tage weihen, und wenn er sie erfüllt hat, voll Hoffnung und im Frieden hinfahren. O Himmel, der du den übereilten Eid meines Vaters aufgezeichnet hast, thue nun ein Gleiches mit dem Angelöbniß, das der Sohn auf dasselbe geheiligte Kreuz leistet, und möge mein Meineid mit einer grausameren Strafe heimgesucht werden, als die seinige ist! Höre meinen Schwur, o Himmel, der du in deinem Erbarmen zuletzt noch den Vater und den Sohn aufnehmen wirst – und wenn ich zu kühn bin, o so vergib meiner Anmaßung!«

Philipp warf sich auf sein Antlitz nieder und berührte mit seinen Lippen das geheiligte Symbol. Die Sonne ging unter und auch die Dämmerung wich der Nacht, die Alles in ihr Leichentuch hüllte; aber immer noch verharrte Philipp abwechselnd in Gebeten und Betrachtungen.

Da wurde er plötzlich durch die Stimmen einiger Menschen aufgeschreckt, welche sich einige Schritte von seinem Verstecke auf den Rasen niederließen. Er achtete wenig auf ihr Gespräch; aber dennoch hatte es ihn gestört, und sein erster Gedanke war, nach der Hütte zurückzukehren, um seine Plane weiter zu überlegen. Die Männer sprachen in gedämpftem Tone, fesselten übrigens dennoch bald seine Aufmerksamkeit durch den Gegenstand ihrer Unterhaltung, denn sie berührten Mynheer Poots Namen. Er lauschte angelegentlich und entdeckte, daß die Sprecher vier entlassene Soldaten waren, welche noch in der nämlichen Nacht das Haus des kleinen Doctors anzugreifen gedachten, da sie wußten, es dürfte viel Geld bei ihm zu erholen sein.

»Mein Vorschlag ist der beste.« sagte der Eine. »Er hat Niemand bei sich, als seine Tochter.«

»Die ist mir lieber als sein Geld,« versetzte der Andere; »also wohl gemerkt, ehe wir gehen, muß es vollkommen ausgemacht sein, daß sie mir zufallen soll.«

»Ja, wenn du sie kaufen willst, so haben wir nichts dagegen,« entgegnete ein Dritter.

»Es gilt! wie viel könnt ihr auch mit gutem Gewissen für ein quieksendes Mädchen verlangen?«

»Ich dächte fünfhundert Gülden,« erwiderte der Andere.

»Gut; sei's drum – aber nur unter der Bedingung, daß sie, im Falle mein Antheil an der Beute sich nicht so hoch beläuft, dennoch mir gehört und ich sie für meinen Part behalten darf, wie viel er auch immer ausmachen mag.«

»Das ist nicht mehr wie billig,« sagte der Andere.

»Aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir aus den Truhen des Alten nicht mehr als zweitausend Gülden fegten.«

»Was meint ihr beiden Anderen – bleibt es dabei, daß Baetens das Mädel haben soll?«

»Ja,« versetzten die Andern.

»Wohlan denn,« erwiderte derjenige, welcher sich Mynheer Poots Tochter ausbedungen hatte, »jetzt bin ich mit euch – Herz und Seele. Ich liebte das Mädchen und versuchte, sie für mich zu gewinnen – ja, ich machte ihr sogar einen Heirathsantrag, aber der alte Filz hat mich zurückgewiesen, – mich, einen Fähndrich und Offizier; aber jetzt will ich Rache haben. Wir schonen ihn nicht.«

»Nein, nein,« entgegneten die Anderen.

»Wollen wir gleich jetzt aufbrechen, oder noch eine Weile warten, bis es später ist? Ungefähr in einer Stunde geht der Mond auf und wir können gesehen werden.«

»Wer sollte uns auch sehen, wenn es nicht etwa Jemand ist, der ihn zu einem Patienten holen will? Ich bin der Ansicht, je später, desto besser.«

»Wie lange werden wir brauchen, um an Ort und Stelle zu gelangen?«

»Seine Wohnung ist keine halbe Stunde entlegen. Gesetzt, wir brechen nach einer halben Stunde auf, so langen wir gerade in rechter Zeit an, um die Gülden beim Mondscheine zählen zu können.«

»Recht so. Inzwischen setze ich einen neuen Stein in mein Schloß und lade meine Büchse. Das kann ich auch im Dunkeln verrichten.«

»Du bist daran gewöhnt, Jahn.«

»Allerdings – und ich denke, diese Kugel soll dem alten Spitzbuben durch den Kopf fliegen.«

»Gut; 's ist mir lieber, wenn du ihn todtschießest, als wenn ich's thun sollte,« versetzte ein Anderer. »Er hat mir zu Mittelburg das Leben gerettet, als mich Jedermann schon aufgegeben hatte.«

Philipp wartete nicht weiter ab. Er kroch hinter dem Gebüsche weiter, bis er den Wald erreicht hatte und machte nun einen Umweg, um von dem Raubgesindel nicht entdeckt zu werden. Er wußte, daß es entlassene Soldaten waren, die in Massen das Land unsicher machten. Alle seine Gedanken gingen nur darauf hin, den alten Doctor und dessen Tochter gegen die ihnen bevorstehende Gefahr zu schützen, so daß er für eine Weile sogar seinen Vater und die aufregenden Enthüllungen des Tages vergaß. Obgleich er beim Aufbruche von seiner Wohnung nicht gewußt hatte, in welcher Richtung er ging, so kannte er doch die Gegend genau, und nun es Noth that, zu handeln, erinnerte er sich schnell, wo er Mynheer Poots' einsame Behausung aufzusuchen hatte. In größter Hast eilte er nach derselben hin und langte in weniger als zwanzig Minuten an der Thüre an.

Wie gewöhnlich war Alles stumm und die Thüre verschlossen. Philipp klopfte, erhielt aber keine Antwort. Nach mehrmaligem vergeblichem Pochen wurde er ungeduldig. Mynheer Poots mußte zu einem Kranken gerufen worden sein und war nicht zu Hause. Philipp rief daher so laut, daß er im Innern gehört werden konnte:

»Jungfrau, wenn Euer Vater ausgegangen ist, wie ich vermuthe, so hört, was ich Euch zu sagen habe. Ich bin Philipp Vanderdecken und habe eben erst vier Schurken belauscht, welche einen Anschlag schmiedeten, Euren Vater zu ermorden und ihn seines Geldes zu berauben. In weniger als einer Stunde werden sie hier sein, und ich eilte zu Euch, um Euch zu warnen und zu beschützen, wenn es in meiner Kraft liegt. Ich schwöre bei der Reliquie, die Ihr mir diesen Morgen ausgeliefert habt, daß meine Angabe wahr ist.«

Philipp harrte eine Weile, ohne daß eine Erwiderung erfolgte.

»Jungfrau,« nahm er wieder auf, »antwortet mir, wenn Ihr das werthschätzt, was Euch noch theurer sein muß, als sogar Eurem Vater das Geld ist. Oeffnet das Fenster und hört, was ich zu sagen habe. Ihr lauft keine Gefahr dabei, und selbst wenn es nicht dunkel wäre, so habe ich Euch ja bereits gesehen.«

Kurze Zeit nach dieser zweiten Anrede wurde das obere Fenster geöffnet, und Philipp konnte die leichte Gestalt von Mynheer Poots' schöner Tochter durch die Dunkelheit unterscheiden.

»Was willst Du, junger Mann, zu dieser ungebührlichen Stunde, und was hast du mir mitzutheilen? Ich verstand dich nur unvollkommen, als du an der Thüre sprachst.«

Philipp theilte nun umständlich mit, was er gehört hatte, und schloß mit der Bitte, ihn einzulassen, damit er sie vertheidigen könne.

»Ueberlegt wohl, Jungfrau, was ich Euch gesagt habe. Ihr seid an einen dieser Bösewichte verkauft, dessen Name, wie ich vernahm, Baetens ist. Ich weiß, daß Ihr auf das Geld keinen Werth legt, aber denkt an Eure eigene, theure Person – laßt mich in das Haus und glaubt ja nicht, daß meine Geschichte erdichtet sei. Ich schwöre Euch bei der Seele meiner theuren armen Mutter, die, wie ich hoffe, jetzt im Himmel ist, daß ich Euch mit keiner Sylbe belogen habe.«

»Baetens habt Ihr gesagt, Herr?«

»Wenn ich nicht irre, so war dies der Name; er sagte, er hätte Euch einmal geliebt.«

»Der Name ist mir nicht unbekannt, und ich weiß nicht, was ich thun oder sagen soll. Mein Vater ist zu einer Gebärenden gerufen worden und bleibt vielleicht noch viele Stunden aus. Aber wie kann ich Euch die Thüre offnen – zur Nachtzeit – während mein Vater abwesend ist – und ich allein bin? Ich kann und darf nicht, obgleich ich Euren Worten Glauben schenke. Gewiß, es ist unmöglich, daß Ihr so schändlich sein könntet, eine derartige Erzählung zu erdichten.«

»Nein – bei meiner Hoffnung auf künftige Seligkeit! ich wäre es nicht im Stande! Aber setzt nicht Euer Leben und Eure Ehre auf's Spiel, sondern gebt mir Einlaß.«

»Und wenn ich's auch thäte, was könntet Ihr anfangen gegen so Viele? Die Vier würden Euch als einen einzelnen Mann bald überwältigen, und es ginge nur ein Leben weiter verloren.«

»Nicht, wenn Ihr Waffen habt, und Euer Vater wird sich wohl damit vorgesehen haben. Ich fürchte die Strauchdiebe nicht – und Ihr wißt, daß ich Entschlossenheit besitze.«

»Allerdings – und nun wollt Ihr Euer Leben für Leute wagen, die Ihr früher selbst mit einem Angriffe bedrohtet? Ich danke Euch – danke Euch von Herzen, Herr – aber ich wage es nicht, die Thüre zu öffnen.«

»Wenn Ihr das nicht wollt, Jungfrau, so bleibe ich hier, obgleich ohne Wehr und nur schlecht im Stande, mit vier gut bewaffneten Räubern zu kämpfen. Aber dennoch will ich Stand halten und Euch meine Aufrichtigkeit dadurch beweisen, daß ich Euch gegen alle Angriffe vertheidige – ja, sogar hier unter freiem Himmel.«

»Dann werde ich Eure Mörderin sein! Nein, das kann ich nicht zugeben. Oh! – schwört, schwört mir, Herr, bei Allem was heilig und rein ist, daß Ihr mich nicht täuschen wollt.«

»Ich schwöre bei Euch selbst, Jungfrau, die Ihr mir heiliger seid, als Alles!«

Das Fenster schloß sich und bald nachher wurde oben ein Licht sichtbar. Eine Minute später öffnete Mynheer Poots' Tochter die Thüre. Sie stand mit dem Lichte in der rechten Hand da, und die Farbe ihrer Wangen wechselte vom tiefsten Roth bis zur Leichenblässe. Ihre Linke, in der sie eine Pistole halb verborgen hielt, hing an ihrer Seite nieder. Philipp bemerkte diese Vorsichtsmaßregel, achtete aber nicht darauf und suchte sie zu beruhigen.

»Jungfrau,« sagte er, ohne einzutreten, »wenn Ihr noch immer Bedenken tragt – wenn Ihr es nicht für geheuer haltet, mich einzulassen, so ist es noch Zeit, die Thüre wieder zu schließen; aber um Eurer selbst willen bitte ich Euch, es nicht zu thun. Noch ehe der Mond aufgeht, werden die Räuber hier sein, und wenn Ihr mir nur Vertrauen schenkt, will ich Euch mit meinem Leben beschützen. Wer könnte auch einem Wesen, wie Ihr seid, etwas zu Leide thun?«

Wie sie so dastand, unschlüssig und verwirrt durch die Eigenthümlichkeit ihrer Lage, obgleich es ihr für den Fall der Noth nicht an Muth gebrach – erschien sie wirklich als ein Gegenstand, welcher einer staunenden Bewunderung würdig war, und diesen Eindruck übte sie auch auf Philipp, als ihre Züge, von dem im Winde flackernden Lichte beleuchtet, bald mit Bestimmtheit, bald mehr schattenhaft hervortraten und lieblich gegen die Anmuth ihrer Form und gegen das Auffallende ihrer Tracht abstachen. Ihr Kopf war unbedeckt und ihr langes Haar fiel in reichen Flechten über die Schulter nieder. Ihre Figur war nicht ganz von Mittelgröße, verrieth aber das vollkommenste Ebenmaß, und ihre einfache, aber anständige Kleidung war ganz verschieden von der, welche die Mädchen der Umgegend zu tragen pflegten. Nicht nur der Schnitt ihres Gesichtes, sondern auch ihr Anzug würde jeden Fremden mit einemmale belehrt haben, daß sie aus arabischem Blute stammte.

Während Philipp sprach, sah sie ihm ängstlich in's Antlitz, als wolle sie in seiner tiefsten Seele lesen; aber die offene Freimüthigkeit in seiner Haltung und die Biederkeit in seinem männlichen Gesichte beruhigte sie.

»Kommt herein, Herr,« entgegnete sie nach einem kurzen Stocken; »ich fühle, daß ich Euch trauen kann.«

Philipp entsprach der Aufforderung. Die Thüre wurde sodann verschlossen und verriegelt.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren, Jungfrau,« sagte Philipp; »aber nennt mir Euren Namen, damit ich Euch gebührend anreden kann.«

»Ich heiße Amine,« versetzte sie ein wenig zurückweichend.

»Ich danke Euch für dieses kleine Vertrauen. Doch wir haben keine Zeit zu verlieren. Was für Waffen habt Ihr im Hause, und seid Ihr mit Munition versehen?«

»Beides ist vorhanden. Ach, wenn doch mein Vater zu Hause wäre.«

»Ich wünschte es gleichfalls,« entgegnete Philipp. »Hätten wir ihn doch hier, ehe diese Mörder kommen. Hoffentlich zeigt er sich aber nicht während des Angriffs, denn eine Büchse ist ausdrücklich für seinen Kopf geladen, und wenn sie ihn zum Gefangenen machen, werden sie sein Leben nicht schonen, es sei denn, daß er sein Gold und Eure Person als Lösegeld zahle. Doch die Waffen, Jungfrau – wo sind sie?«

»Folgt mir,« entgegnete Amine, Philipp nach einem innern Zimmer im oberen Stocke führend. Es war das Heiligthum ihres Vaters und auf den Simsen standen gefüllte Flaschen und Arzneikapseln umher. In einer Ecke befand sich eine eiserne Kiste, und über dem Kaminmantel hingen ein paar Büchsen neben drei Pistolen.

»Sie sind alle geladen,« bemerkte Amine darauf hindeutend, indem sie zugleich die Pistole auf den Tisch legte, die sie in der Hand gehalten hatte.

Philipp nahm die Waffen herunter und untersuchte sämmtliche Zündpfannen. Dann ergriff er auch die auf dem Tische liegende Pistole und fand, daß sie sich gleichfalls in kampffähigem Stande befand. Als er die Pfanne wieder schloß, bemerkte er mit einem Lächeln:

»Diese sollte also mir gelten, Amine?« .

»Nein – nicht Euch – sondern einem Verräther, der sich möglicherweise Eingang verschaffen konnte.«

»Wohlan, Jungfrau!« entgegnete Philipp, »ich will meinen Posten an dem Fenster einnehmen, das Ihr geöffnet habt; aber im Zimmer darf kein Licht brennen. Ihr mögt hier bleiben und könnt zu Eurer Sicherheit den Schlüssel umdrehen.«

»Ihr kennt mich wenig,« versetzte Amine, »und mißdeutet meine Furcht; ich muß neben Euch bleiben und die Waffen wieder laden – ein Geschäft, in dem ich wohl geübt bin.«

»Nicht doch,« erwiderte Philipp, »Ihr könntet Schaden nehmen.«

»Und wenn auch, glaubt Ihr, ich werde hier müßig bleiben, wenn ich einem Manne Beistand leisten kann, der sein Leben für mich einsetzt? Ich kenne meine Pflicht und werde sie erfüllen.«

»Ihr dürft Euch nicht blosstellen, Amine,« fügte Philipp; »mein Ziel wird nicht so sicher sein, wenn ich weiß, daß Ihr in Gefahr seid. Doch jetzt muß ich die Waffen in das andere Gemach nehmen, denn die Zeit ist gekommen.«

Philipp brachte die Büchsen und Pistolen unter Amine's Beistand in das anstoßende Zimmer; dann entfernte sich Letztere, das Licht mit sich fortnehmend. Sobald Philipp allein war, öffnete er das Fenster und sah hinaus, ohne daß sich etwas blicken ließ; dann horchte er, aber Alles war stumm. Der Mond erhob sich eben mit gedämpftem Lichte über einen fernen Berg, während flockige Wolken den Horizont überzogen. Philipp spähete einige Minuten und vernahm endlich unten ein Geflüster. Er blickte hinaus und konnte jetzt im Dunkeln die vier Räuber unterscheiden, die dicht an der Thüre des Hauses standen. Leise von dem Fenster wegtretend, begab er sich in das Nebengemach zu Amine, die er mit Zurichtung der Munition beschäftigt fand.

»Amine, sie berathen sich unten an der Thüre. Ihr könnt sie jetzt ohne Gefahr sehen und Euch überzeugen, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe.«

Amine erwiderte nichts, sondern ging in das Vorderzimmer und sah zum Fenster hinaus. Dann kehrte sie zurück, legte ihre Hand auf Philipp's Arm und sagte:

»Vergebt mir meine Zweifel. Ich fürchte jetzt nur noch, mein Vater möchte zu bald zurückkehren und von den Räubern ergriffen werden.«

Philipp verließ das Zimmer abermals, um sich auf Kundschaft zu legen. Es gewann den Anschein, als könnten die Räuber zu keinem Entschlusse kommen – die Stärke der Thüre bot allen ihren Bemühungen Trotz, weßhalb sie jetzt eine List versuchten. Sie klopften und als keine Antwort erfolgte, setzten sie den Lärm noch lauter fort. Da auch dies zu keinem Resultate führte, hielten sie abermals eine Berathung, worauf sie die Mündung einer Büchse an das Schlüsselloch legten und das Gewehr abfeuerten. Das Schloß der Thüre wich, aber die eisernen Riegel, die an der Innenseite oben und unten angebracht waren, leisteten noch immer Widerstand.

Obgleich Philipp berechtigt gewesen wäre, schon während der ersten Consultation an der Thüre auf die Räuber Feuer zu geben, vermeidet es doch ein edler Sinn stets, ein Menschenleben anders, als im äußersten Nothfalle zu zerstören; dieses Gefühl wehrte ihm, von seinen Waffen Gebrauch zu machen, bis die Feindseligkeiten wirklich begannen. Jetzt aber legte er eine Büchse gegen den Kopf des am nächsten bei der Thüre stehenden Räubers an, welcher eben eifrig die Wirkung seines Schusses und die Natur der weiteren Hindernisse untersuchte. Das Ziel war gut genommen und der Mann fiel todt zusammen, während die Andern, von dieser unerwarteten Vergeltung überrascht, zurückfuhren. Dann aber wurde auf Philipp, der noch immer unter dem Fenster lehnte, eine Pistole abgefeuert, ohne jedoch zu treffen, und im nächsten Augenblicke fühlte sich unser Held zurück und aus dem Bereich der feindlichen Kugeln gezogen, eine Aufmerksamkeit, die ihm von Amine erwiesen wurde, welche, ohne daß er darum wußte, an seine Seite getreten war.

»Ihr dürft Euch nicht in dieser Weise aussetzen, Philipp, sagte sie in gedämpftem Tone.

»Sie hat mich Philipp genannt,« dachte er, ohne jedoch eine Antwort zu geben.

»Sie werden Euch jetzt wieder am Fenster erwarten,« fuhr Amine fort. »Nehmt die andere Büchse und geht in die Hausflur hinunter. Wenn das Schloß der Thüre abgeflogen ist, so langen sie vielleicht mit ihren Armen herein, um den Riegel zurückzuschieben. Ich glaube zwar nicht, daß es ihnen gelingen wird, kann's aber doch nicht mit Sicherheit behaupten. Jedenfalls ist es besser, wenn Ihr unten seid, weil man Euch dort am wenigsten erwartet.«

»Ihr habt Recht,« versetzte Philipp, indem er hinunterging.

»Ihr müßt übrigens nicht mehr, als einmal Feuer geben. Wenn noch einer fällt, haben wir's nur noch mit Zweien zu thun, welche nicht zugleich auf das Fenster Acht geben und sich Eingang verschaffen können. Geht, ich will inzwischen die Büchsen wieder laden.«

Philipp schlich leise und ohne Licht hinunter. An der Thüre bemerkte er, daß einer der Elenden durch die Schloßöffnung seinen Arm hereinstreckte und bemüht war, den obern eisernen Riegel zurückzuschieben, welchen er eben erreichen konnte, Philipp legte an und war eben im Begriffe, seine ganze Ladung dem Räuber unter den erhobenen Arm zu geben, als er die Andern draußen schießen hörte.

»Amine hat sich am Fenster blicken lassen,« dachte Philipp, »und ist vielleicht verwundet.«

Das Verlangen nach Rache veranlaßte ihn, zuerst seine Kugel in den Leib des Mannes zu jagen; dann aber flog er die Treppen hinauf, um sich von Aminen's Zustande zu überzeugen. Sie war nicht am Fenster. Er stürzte in das innere Zimmer und fand, daß sie bedächtig die Büchsen lud.

»Mein Gott! wie Ihr mich erschreckt habt, Amine! Ich glaubte, das Feuern draußen rühre von dem Umstande her, daß Ihr Euch am Fenster gezeigt hättet.«

»Nein das war gewiß nicht der Fall; aber ich meinte, wenn Ihr durch die Thüre schösset, könnten sie Euer Feuer erwidern und Euch beschädigen. Ich ging daher an die Seite des Fensters, streckte an einem Stock etliche Kleider meines Vaters vor, und da die Räuber auf der Lauer lagen, so machten sie augenblicklich von ihren Waffen Gebrauch.«

»Wahrhaftig, Amine, wer hätte auch so viel Muth und Besonnenheit bei einem so jungen und schönen Wesen erwartet!« rief Philipp überrascht.

»So sind also nur die von der Natur vernachlässigten Leute tapfer?« entgegnete Amine lächelnd.

»Das wollte ich nicht sagen, Amine – aber ich verliere Zeit und muß wieder nach der Thüre hinunter. Gebt mir die andere Büchse und ladet diese auf's Neue.«

Philipp schlich abermals die Treppe hinunter, um zu recognosciren; ehe er jedoch die Thüre erreicht hatte, hörte er in der Ferne die Stimme von Mynheer Poots. Amine, der die Annäherung ihres Vaters gleichfalls nicht entgangen war, befand sich im Nu an der Seite unsres Helden und hielt in jeder Hand eine geladene Pistole.

»Fürchtet nichts, Amine,« sagte Philipp, während er die Thüre entriegelte; »es sind nur ihrer zwei, und Euer Vater soll gerettet werden.«

Die Thüre ging auf und Philipp stürzte mit seiner Büchse hinaus; er fand Mynheer Poots zwischen den beiden Räubern auf dem Boden liegend. Einer davon hatte eben sein Messer erhoben, um es seinem Opfer in den Leib zu bohren, als eine Kugel durch seinen Schädel sauste. Der letzte Räuber wurde nun mit Philipp handgemein und es folgte ein verzweifelter Kampf, der jedoch bald dadurch entschieden wurde, daß Amine vortrat und dem Strauchdieb eine Pistolenkugel in den Leib jagte. Wir müssen hier unseren Lesern bemerken, daß Mynheer Poots auf dem Heimwege den Knall von Feuerwaffen vernahm, der aus der Richtung seiner eigenen Hütte herkam. Die Erinnerung an sein Geld und seine Tochter – denn wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er sie zärtlich liebte – liehen ihm Schwingen; er vergaß, daß er ein waffenloser, schwacher, alter Mann war und dachte an nichts, als seine Wohnung zu erreichen.

Rücksichtslos und wie ein Wahnsinniger brüllend, eilte er heran und stürzte in die Arme der beiden Räuber, welche ihn ergriffen und auch ermordet haben würden, wäre nicht Philipp so gelegen zu seinem Beistand herbeigekommen.

Sobald der letzte Räuber gefallen war, machte er sich los, um Mynheer Poots zu unterstützen, den er auf seine Arme nahm, und einem Kinde gleich in's Haus trug. Der alte Mann befand sich in Folge der Angst und der vorausgehenden Aufregung noch immer in einem Zustande von Delirium. Es stund einige Minuten an, ehe Mynheer Poots zusammenhängend sprechen konnte. »Meine Tochter!« – rief er – »meine Tochter! wo ist sie?«

»Hier, Vater,« entgegnete Amine. »Gott sei Dank, ich habe keinen Schaden genommen.«

»Ach! mein Kind ist unbeschädigt,« sagte er, seine Augen weit aufreißend. »Ja, es ist ganz recht, – und mein Geld – mein Geld – wo ist mein Geld?« – fügte er auffahrend bei.

»Ganz geborgen, Vater.«

»Ganz geborgen – du sagst ganz geborgen – weißt du es auch gewiß? – Laß mich sehen.«

»Hier ist es, Vater, wie Ihr bemerken werdet – unangetastet. Dankt es einem Manne, den Ihr nicht so gut behandelt habt.«

»Wem? – Was meinst du damit? – Ach ja, ich sehe ihn jetzt – es ist Philipp Vanderdecken – er ist mir vierthalb Gülden schuldig, und dann ist auch noch die Flasche – hat er dich gerettet und mein Geld?«

»Allerdings, und zwar mit Gefährdung seines eigenen Lebens.«

»Gut, gut; ich will ihm die ganze Schuld erlassen – ja, die ganze Schuld; aber das Fläschchen – es ist ihm doch nichts nütz – das muß er mir wieder zurückgeben. Bring mir ein wenig Wasser.«

Es stund einige Zeit an, ehe der alte Mann wieder völlig zur Besinnung kam.

Philipp ließ ihn mit seiner Tochter allein und nahm ein paar geladene Pistolen, um über den Zustand der vier Räuber Gewißheit einzuholen. Der Mond hatte sich inzwischen über den Wolkensaum erhoben und strahlte in lichter Klarheit am Himmel, so daß sich in seinem Scheine Alles unterscheiden ließ. Die beiden Männer an der Thürschwelle waren todt, die Andern aber; welche Mynheer Poots ergriffen hatten, noch am Leben, obschon der Eine im Sterben lag, der Andere aber aus einer schweren Wunde blutete. Philipp stellte an Letzteren einige Fragen, die jedoch derselbe entweder nicht beantworten mochte, oder konnte. Unser Held nahm daher die Waffen der Räuber an sich und kehrte nach dem Hause zurück, wo er den alten Mann, der von seiner Tochter gepflegt wurde, in einer verhältnißmäßigen Fassung antraf.

»Ich danke Euch, Philipp Vanderdecken – ich danke Euch sehr. Ihr habt mein liebes Kind gerettet – und mein Geld – 's ist freilich nur wenig, – sehr wenig – denn ich bin arm. Mögt Ihr lange und glücklich leben.«

Philipp versank in ein Brüten. Der Brief und sein Gelübde tauchten jetzt zum erstenmale, seit er mit den Räubern zusammengetroffen, in seiner Erinnerung auf und ein düsterer Schatten überflog seine Züge.

»Lange und glücklich? – Nein, nein,« murmelte er mit einem unwillkürlichen Kopfschütteln.

»Und ich muß Euch gleichfalls danken,« sagte Amine, forschend in Philipps Gesicht blickend. »Oh, wie tief bin ich Euch verpflichtet! In der That, ich werde es nie vergessen.«

»Ja, ja, sie wird es Euch ihr Leben lang Dank wissen,« fiel ihr der alte Mann in's Wort; »aber wir sind arm, – sehr arm. Ich habe von meinem Geld gesprochen, weil ich so wenig besitze und einen Verlust nicht verschmerzen könnte. Die vierthalb Gülden braucht Ihr mir jedoch nicht zu bezahlen – diese will ich gerne verlieren, Herr Philipp.«

»Und warum auch nur diese verlieren, Mynheer Poots? Ich versprach, Euch zu bezahlen, und werde mein Wort halten. Ich habe Geld genug – Tausende von Gülden und weiß nicht, was ich damit anfangen soll.«

»Ihr – Ihr – Tausende von Gülden?« rief Poots. »Bah, Unsinn! Das macht Ihr mir nicht weiß.«

»Ich wiederhole es Euch, Amine,« sagte Philipp, »daß ich Tausende von Gülden besitze. Ihr wißt, daß ich Euch keine Lüge sagen würde.«

»Ich glaubte Euch schon, als Ihr es meinem Vater sagtet,« versetzte Amine.

»Aber dann, wenn Ihr soviel habt, und da ich so gar arm bin, Herr Vanderdecken – –«

Amine legte jedoch die Hand auf ihres Vaters Lippen und der Satz wurde nicht beendigt.

»Vater,« sagte das Mädchen, »es ist Zeit, daß wir uns zurückziehen. Ihr müßt uns für diese Nacht verlassen, Philipp.«

»Nein, das will ich nicht,« versetzte Philipp, »und ebenso wenig gedenke ich mich dem Schlafe hinzugeben. Ihr beide mögt ruhig zu Bette gehen, denn es ist in der That hohe Zeit. Gute Nacht, Mynheer Poots. Ich will nur um eine Lampe bitten und dann Euch allein lassen. – Gute Nacht, Amine.«

»Gute Nacht,« erwiderte Amine ihre Hand ausstreckend, »und tausend, tausend Dank.«

»Tausende von Gülden!« murmelte der alte Mann, während Philipp das Zimmer verließ und hinunterging.

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