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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Einundreißigstes Kapitel.

Da jeder, der es erfahren, über den Mangel an Bequemlichkeit in einem Gefängnisse sein Liedchen zu singen weiß, so läßt sich voraussetzen, daß es auch unsere beiden Abenteurer nicht sehr behaglich hatten. In der That hatte das Gemach, in welches Philipp und Krantz eingeführt wurden, durchaus nicht das Aussehen eines angenehmen Aufenthalts. – Es befand sich unter dem Fort, hatte ein kleines Luft- und Lichtloch gegen die See hinaus, war sehr heiß und entbehrte außerdem aller jener kleinen Bequemlichkeiten, die in modernen Häusern und Gasthöfen so viel zur Wohnlichkeit beitragen – mit einem Worte, das Ganze wurde eben durch vier kahle Wände und einen Steinboden gebildet; das war Alles.

Philipp, der über Amine einige Erkundigungen einzuziehen wünschte, redete den Soldaten, der sie hinuntergebracht hatte, in portugiesischer Sprache an.

»Mein guter Freund, ich bitte um Verzeihung –«

»Und ich um die Eurige,« versetzte der Soldat, zur Thüre hinausgehend und sie hinter sich abschließend.

Philipp lehnte sich düster gegen die Wand; Krantz, der mehr von der Natur des Quecksilbers in sich hatte, ging auf und ab, soweit dieß der drei Schritte lange Raum gestatten mochte.

»Wißt Ihr, was mir da für ein Gedanke kommt?« bemerkte Krantz nach einer Pause in seinem Spaziergange. »Es ist ein großes Glück, daß wir (er dämpfte seine Stimme) alle unsere Dublonen bei uns haben. Wenn wir nicht durchsucht werden, können wir durch Bestechung wieder los kommen.«

»Und ich denke,« entgegnete Philipp, »daß wir ehestens auch den elenden Schriften hier haben werden, dessen Anblick schon zureicht, mich zu vergiften.«

»Das Aeußere des Kommandanten wollte mir nicht recht gefallen, aber ich denke, wir werden morgen mehr erfahren.«

Hier wurden sie durch das Umdrehen des Schlüssels unterbrochen, und ein Soldat trat mit einem Krug Wasser nebst einer großen Schüssel gesottenen Reises ein. Es war nicht derselbe, der sie in den Kerker gebracht hatte, und Philipp redete ihn an.

»Ihr habt im Laufe der letzten zwei Tage im Fort schwere Arbeit gehabt?«

»Ja wohl, Signor.«

»Die Eingebornen zwangen uns, an der Expedition Theil zu nehmen; wir sind ihnen aber entkommen.«

»So hörte ich Euch sagen, Signor.«

»Sie haben fast tausend Mann verloren,« bemerkte Krantz.

»Heiliger San Francisko! das freut mich.«

»Sie werden, denke ich, die Portugiesen so schnell nicht wieder angreifen,« versetzte Krantz.

»Ich denke auch so,« entgegnete der Soldat.

»Habt ihr bedeutend Verlust erlitten?« wagte Philipp zu fragen, als er bemerkte, daß der Soldat sehr redselig war.

»Von unsern Leuten sind keine zehn geblieben. In der Faktorie waren ungefähr hundert Eingeborene mit einigen Weibern und Kindern; doch das kommt nicht in Anschlag.«

»Wie ich höre, habt ihr eine europäische junge Frau hier,« fuhr Philipp mit Beklommenheit fort; »eine Schiffbrüchige – war sie auch unter den Umgekommenen?«

»Eine junge Frau? – heiliger San Francisko. Doch ja, ich erinnere mich jetzt. Die Sache verhält sich nämlich so –«

»Pedro!« rief eine Stimme von oben.

Der Mann hielt inne, legte seinen Finger auf die Lippen, ging hinaus und verschloß die Thüre.

»Gott im Himmel, gib mir Geduld!« rief Philipp; »doch dies ist eine schwere Heimsuchung.«

»Er wird morgen früh wieder herunter kommen,« bemerkte Krantz.

»Ja, morgen früh; aber welche endlose Zeit der Ungewißheit liegt nicht zwischen diesem morgen.«

»Ich fühle wohl mit Euch,« versetzte Krantz; »aber was läßt sich anfangen? Die Stunden verschwinden übrigens, obgleich sie die Spannung in endlose Jahre ausdehnt. Doch ich höre Fußtritte.«

Die Thüre wurde wieder aufgeschlossen und der erste Soldat erschien.

»Folgt mir; der Kommandant wünscht euch zu sprechen.«

Philipp und sein Leidensgefährte gingen bereitwillig auf diese unerwartete Aufforderung ein. Sie stiegen die schmale, steinerne Treppe hinan und erreichten zuletzt ein kleines Gemach, in welchem sie den Kommandanten, der unsern Lesern bereits kein Fremder mehr ist, vorfanden. Er lag nachlässig auf einem kleinen Sopha, sein langer Degen auf dem Tische vor ihm und zwei eingeborene junge Weiber fächelten ihn, die eine am Kopfe, die andere zu den Füßen.

»Wie seid ihr zu diesem Anzuge gekommen?« lautete die erste Frage.

»Die Eingebornen, welche uns auf der Insel, an der wir unser Leben gerettet hatten, zu Gefangenen machten, nahmen uns unsere Kleider und reichten uns diese als ein Geschenk von ihrem Könige.«

»Und warben euch an, bei dem Angriffe auf dieses Fort in ihrer Flotte zu dienen?«

»Sie zwangen uns,« versetzte Krantz; »denn da zwischen unseren Nationen kein Krieg besteht, so weigerten wir uns des Dienstes. Demungeachtet setzten sie uns an Bord, um die gemeinen Soldaten glauben zu machen, daß die Europäer ihnen hälfen.«

»Wie kann ich wissen, ob dies wahr ist?«

»Ihr habt erstlich unser Wort und zweitens den Umstand, daß wir ihnen entwichen sind.«

»Ihr gehörtet zu einem holländischen Ostindienfahrer. Seid ihr Offiziere oder gemeine Matrosen?«

Krantz, welcher der Ansicht war, man würde sie wahrscheinlich weniger in Haft behalten, wenn sie ihren Rang an Bord verhehlten, stieß Philipp leicht mit dem Finger an und versetzte:

»Wir sind untergeordnete Offiziere. Ich war der dritte Mate und dieser Mann der Pilot.«

»Und euer Kapitän – wo ist dieser?«

»Ich – ich kann keine Auskunft darüber geben, ob er noch am Leben, oder ob er todt ist.«

»Hattet ihr nicht ein Weib an Bord?«

»Ja, der Kapitän hatte sein Weib bei sich.«

»Was ist aus ihr geworden?«

»Man glaubt, sie sei auf einem Theil des Floßes, der triftig wurde, zu Grunde gegangen.«

»Ha!« versetzte der Kommandant und blieb dann für eine geraume Weile stumm.

Philipp sah Krantz an, als wollte er sagen: »Wozu alle diese Umschweife?« Aber Krantz bedeutete ihm durch ein Zeichen, er solle nur ihm das Wort überlassen.

»Ihr sagt, es sei euch unbekannt, ob sich euer Kapitän noch am Leben befinde oder unter die Todten gehöre?«

»Ja.«

»Wohlan, gesetzt ich gäbe euch eure Freiheit, würdet ihr euch's gefallen lassen, ein Papier zu unterzeichnen, das ihn unter die Todten zählt, und darauf zu schwören, daß die Angabe richtig sei?«

Philipp sah zuerst den Kommandanten und dann Krantz mit großen Augen an.

»Ich hätte gerade nichts dagegen einzuwenden, aber wenn das Papier nach Holland geschickt würde, könnte es uns in Ungelegenheiten bringen. Darf ich fragen, Signor Kommandant, zu welchem Zwecke eine derartige Schrift dienen soll?«

»Nein!« brüllte der kleine Mann mit einer Donnerstimme. »Ich will euch keinen andern Grund angeben, als daß es so mein Wille ist; dies muß euch genügen. Ihr habt die Wahl – den Kerker, oder die Freiheit und Entlassung mit dem nächsten Schiffe, das hier anlangt.«

»Ich zweifle nicht – in der That – ich bin überzeugt, er muß wohl todt sein,« entgegnete Krantz, seine Worte in nachsinnender Weise dehnend. »Kommandant, wollt Ihr uns bis morgen früh Zeit zur Ueberlegung lassen?«

»Ja, ihr könnt gehen.«

»Aber doch nicht in's Gefängniß, Kommandant?« erwiderte Krantz. »Wir können doch nicht als Gefangene betrachtet werden, und Ihr werdet uns nicht übel behandeln, wenn Ihr von uns einen Gefallen erwartet.«

»Ihr habt selbst zugestanden, daß ihr gegen den allerchristlichsten König die Waffen ergriffen habt. Wie dem übrigens sein mag, ihr sollt heute Nacht in Freiheit bleiben – morgen früh will ich entscheiden, ob ihr Gefangene seid oder nicht.«

Philipp und Krantz dankten dem kleinen Kommandanten für seine Güte und eilten dann nach den Wällen. Es war dunkel und der Mond noch nicht aufgegangen. Sie setzten sich auf die Böschung, freuten sich der frischen Luft und fühlten das Entzücken der Freiheit sogar nach ihrer kurzen Gefangenschaft. Da jedoch in ihrer Nähe Soldaten lagen oder standen, so sprachen sie nur flüsternd mit einander.

»Was kann er damit wollen, daß er ein Certifikat von dem Tode des Kapitäns von uns verlangt? Und warum gabt Ihr ihm eine solche Antwort?«

»Philipp Vanderdecken, Ihr könnt Euch denken, daß ich das Geschick Eurer schönen Gattin oft zum Gegenstand meiner Erwägungen gemacht habe, und als ich hörte, daß sie hieher gebracht worden sei, zitterte ich für sie. Wie liebenswürdig muß sie nicht erscheinen in Vergleichung mit den Weibern dieses Landes? Und jener kleine Kommandant – ist er nicht ganz die Person, die von ihren Reizen gewonnen werden konnte? Ich verheimlichte unsere Stellung, weil ich dachte, er würde unbedeutende Individuen eher wieder in Freiheit setzen, als wenn er weiß, daß wir Kapitän und erster Mate sind, namentlich, da er vermuthet, wir hätten die Ternaten zum Angriff geführt, und als er uns um Euren Todtenschein anging, dachte ich mir sogleich, er wünsche durch ein derartiges Zeugniß Amine zu veranlassen, daß sie ihn heirathe. Die Hauptfrage ist aber jetzt, wo sie sich befindet. Könnten wir nur jenen Soldaten auffinden, so dürfte es uns gelingen, einige Auskunft einzuholen.«

»Verlaßt Euch darauf, sie ist hier,« versetzte Philipp, seine Hände ballend.

»Ich glaube dies selbst auch,« sagte Krantz. »Jedenfalls dürfen wir überzeugt sein, daß sie noch am Leben ist.«

Die Unterhaltung wurde fortgesetzt, bis der Mond aufging und seine Strahlen auf das wogende Wasser niedergoß. Philipp und Krantz lehnten sich schweigend auf die Bollwerke und wandten ihre Gesichter dem Meere zu. Nachdem sie sich eine Zeit lang ihren Träumereien hingegeben hatten, wurden sie durch eine Person gestört, die auf sie zukam und ihnen ein »Buenos noctes, Signor« zurief.

Krantz erkannte augenblicklich den portugiesischen Soldaten aus dem Gefängnisse, dessen Gespräch mit ihnen so plötzlich unterbrochen worden war.

»Gute Nacht, mein Freund! Wir danken dem Himmel, daß Ihr nicht mehr nöthig habt, uns einzusperren.«

»Ja, das nimmt mich Wunder,« versetzte der Soldat in gedämpftem Tone. »Unser Kommandant liebt es, seine Macht geltend zu machen; er herrscht hier unbeschränkt, kann ich euch sagen.«

»Er ist nicht in der Nähe, daß er uns hören könnte,« versetzte Krantz. »Ihr habt hier einen lieblichen Aufenthaltsort. Wie lange seid Ihr schon in dieser Gegend?«

»Jetzt dreizehn Jahre, Signor, und ich bin's nachgerade satt. Ich habe ein Weib und Kinder in Oporto – das heißt, ich hatte – denn wer kann sagen, ob sie noch am Leben sind?«

»Hofft Ihr nicht zurückzukehren und sie wieder zu sehen?«

»Zurückkehren, Signor? Kein portugiesischer Soldat von meiner Stellung kehrt je wieder zurück. Wir werden für fünf Jahre angeworben und müssen unsere Gebeine hier lassen.«

»Das ist in der That hart.«

»Hart, Signor?« versetzte der Soldat flüsternd; »nein, grausam und verrätherisch ist es. Ich habe schon oft daran gedacht, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen; aber so lang noch Leben da ist, gibt man die Hoffnung nicht auf.«

»Ich beklage Euch, mein guter Freund,« entgegnete Krantz. »Seht, es sind mir noch zwei Goldstücke geblieben; nehmt eines davon, Ihr könnt es vielleicht Eurem armen Weibe nach Hause schicken.«

»Und da habt Ihr auch eines von mir, mein guter Freund,« fügte Philipp bei, indem er ihm eine zweite Dublone in die Hand drückte.

»Mögen euch alle Heiligen beschützen, Signores,« erwiderte der Soldat, »denn es ist die erste Handlung des Wohlwollens, die seit vielen Jahren an mir geübt wurde. Freilich haben mein Weib und meine Kinder nicht viel Aussicht, das Geld je zu erhalten.«

»Als wir im Kerker waren, spracht Ihr von einer europäischen jungen Frau,« bemerkte Krantz nach einer Pause.

»Ja, Signor; von einem sehr schönen Geschöpfe. Unser Kommandant war gewaltig in sie verliebt.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Sie ist nach Goa abgereist – in Begleitung eines Priesters, der sie kannte, eines guten alten Mannes, Namens Pater Matthias; er ertheilte mir während seiner Anwesenheit die Absolution.«

»Pater Matthias?« rief Philipp; aber Krantz bewog ihn durch einen leichten Wink zum Schweigen.

»Ihr sagt, der Kommandant sei in sie verliebt gewesen?«

»Ja, der kleine Mann that ganz wahnsinnig mit ihr, und ich bin überzeugt, wäre Pater Matthias nicht gekommen, so hätte er sie nie ziehen lassen, obgleich sie das Weib eines Andern ist.«

»Also nach Goa abgereist, sagt Ihr?«

»Ja, in einem Schiff, das hier anhielt. Es muß ihr sehr lieb gewesen sein, von hier fortzukommen, denn unser kleiner Kommandant verfolgte sie den ganzen lieben langen Tag, und sie war augenscheinlich sehr bekümmert um ihren Gatten. Wißt ihr, Signores, ob ihr Mann noch am Leben ist?«

»Nein, mir haben nichts von ihm gehört.«

»Nun, wenn's so ist, so hoffe ich, er wird nicht hieher kommen, denn wenn ihn der Kommandant in seine Gewalt kriegt, wird er hart mit ihm umspringen. Er bleibt nicht bei halben Maßregeln und ist sonst ein wackeres Männchen; aber wenn es gilt, diese Dame zu gewinnen, so wird er auf jede Gefahr hin alle Hindernisse zu beseitigen suchen – und ein Gatte ist in einem solchen Falle ein gar ernstlicher Hemmstein. Nun, Signores,« fuhr der Soldat nach einer Pause fort, »es ist besser, wenn ich mich hier nicht zu lange sehen lasse. Wenn ihr etwas braucht, so könnt ihr über mich gebieten; wohlgemerkt, mein Name ist Pedro – gute Nacht und tausend Dank.«

Mit diesen Worten entfernte sich der Soldat.

»Jedenfalls haben wir uns einen Freund gemacht,« sagte Krantz, »und eine Kunde von nicht geringer Wichtigkeit eingeholt.«

»Von höchster Wichtigkeit,« versetzte Philipp.

»Amine ist also mit Pater Matthias nach Goa abgesegelt; ich fühle, daß sie sich in guten Händen befindet. Jener Pater Matthias ist ein vortrefflicher Mann – ein großer Trost für mich.«

»Ja, aber vergeßt nicht, daß Ihr in der Macht Eures Feindes seid. Wir müssen so schnell als möglich von hier fortzukommen suchen – und morgen unterzeichnen wir das Papier. Es ist von geringem Belang, da wir wahrscheinlich vor dem Todtenscheine in Goa anlangen, und wenn auch nicht, so wird die Kunde von Eurem Hingang Amine nicht veranlassen, dieses welke Stücklein Sterblichkeit zu heirathen.«

»Das macht mir keine Sorge, aber bedenkt, welchen Kummer es ihr verursachen wird.«

»Glaubt mir, Philipp, keinen schlimmeren, als ihre gegenwärtige Ungewißheit. Doch es ist nutzlos über das Vergangene zu brüten – es muß geschehen. Ich unterzeichne als Cornelius Richter, unser dritter Mate, und Ihr als Jakob Bantreat – vergeßt dies nicht.«

»Gut,« versetzte Philipp, der sich dann abwandte, als wünsche er seinen Gedanken überlassen zu bleiben.

Krantz bemerkte dies und legte sich unter eine Schießscharte, wo er bald einschlief.

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