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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Drittes Kapitel.

Die Erscheinung von Mynheer Poots schöner Tochter hatte einen lebhaften Eindruck auf Philipp Vanderdecken gemacht, dessen Brust jetzt außer der früheren Last eine neue Aufregung bedrückte. Zu Hause angelangt, ging er die Treppe hinauf und warf sich auf das Bett, aus welchem ihn Mynheer Poots geweckt hatte. Anfangs rief er sich die im vorigen Kapitel geschilderten Scenen wieder in's Gedächtnis und führte seiner Einbildungskraft die Züge des holden Mädchens, ihre Augen, den Ausdruck ihres Antlitzes, ihre Silberstimme und die Worte, welche sie gesprochen hatte, vor; aber die liebliche Gestalt wurde bald durch den Gedanken verscheucht, daß die Leiche seiner Mutter im anstoßenden Gemache liege und seines Vaters Geheimniß im unteren Gemache verborgen sei.

Die Beerdigung sollte am andern Morgen stattfinden, und Philipp, der seit seinem Zusammentreffen mit der Tochter von Mynheer Poots nicht mehr so dringend verlangte, das Zimmer alsbald zu öffnen, beschloß, dieses Werk erst nach Vollziehung der Bestattung vorzunehmen. Mit diesem Entschlusse schlief er, körperlich und geistig sehr erschöpft, ein und erwachte erst am andern Morgen, als er von dem Priester geweckt wurde, um dem Leichengottesdienste anzuwohnen. Nach einer Stunde war Alles vorüber; das Leichengefolge zerstreute sich, und Philipp kehrte nach der Hütte zurück; er verriegelte die Thüre, um sich gegen alle Störung zu schützen, und fühlte sich glücklich, daß er allein sein konnte.

In unserem Wesen liegt ein Gefühl, das sich stets zeigt, wenn wir uns wieder in der Behausung finden, wo der Tod geweilt hat, nachdem alle seine Spuren entfernt sind. Es ist ein Gefühl der Beruhigung und der Erleichterung, daß wir die Erinnerungszeichen der Sterblichkeit fortgeschafft haben – das stumme Zeugniß von der Flüchtigkeit unseres Treibens und unserer Entwürfe. Wir wissen, daß wir eines Tages sterben müssen, mögen aber nie daran denken. Die fortwährende Erinnerung daran würde ein zu großer Zügel für unsere Erdenwünsche sein, und obgleich man uns predigt, wir sollen stets die Zukunft im Auge haben, so finden wir doch, daß das Leben kein sonderlich heiteres sein könnte, wenn es uns nicht hin und wieder gestattet wäre, zu vergessen; denn wer würde Plane entwerfen, die der Mensch nur selten in Ausführung bringen könnte, wenn er jeden Augenblick des Tages an den Tod dächte? Wir hoffen entweder, daß wir länger leben werden, als Andere, oder vergessen wenigstens, daß das Gegentheil so leicht möglich ist.

Wäre diese Spannkraft nicht unserer Natur eingepflanzt, wie wenig hätte die Welt sogar durch die Sündfluth verbessert werden können! Philipp ging in das Zimmer, wo seine Mutter noch vor einer kurzen Stunde gelegen hatte, und fühlte sich unwillkürlich erleichtert. Er nahm den Schrein wieder vor und begann abermals sein Geschäft. Das Hinterbrett war jetzt bald beseitigt und er entdeckte ein geheimes Schubfach, das er herauszog. Wie er vermuthet hatte, enthielt es den Gegenstand seines Suchens – einen großen Schlüssel mit einem leichten Rostüberzuge, der sich durch die Berührung abwischte. Unter demselben lag ein Papier, dessen Schrift etwas verblichen war. Der Inhalt war von der Hand seiner Mutter geschrieben und lautete folgendermaßen: –

»Es sind nun zwei Nächte, seit ein schreckliches Ereigniß stattfand, das mich veranlaßte, die untere Stube zu schließen, und doch verfolgt mich der Schrecken noch immer in einem Grade, daß mir bei dem Gedanken daran der Kopf springen möchte. Sollte ich während meiner Lebzeiten nicht enthüllen, was vorgefallen ist, so wird doch dieser Schlüssel nöthig sein, um nach meinem Tode das Zimmer zu öffnen. Als ich aus demselben fortstürzte, eilte ich die Treppe hinauf und blieb jene Nacht bei meinem Kinde. Am andern Morgen nahm ich allen meinen Muth zusammen, um hinunterzugehen, den Schlüssel umzudrehen und ihn nach meinem Gemache zu bringen. Jene Stube soll verschlossen bleiben, bis ich meine Augen im Tode schließe. Keine Noth, keine Entbehrung soll mich veranlassen, sie je wieder zu öffnen, obgleich in der Eisenkiste unten im Schranke, der am weitesten vom Fenster absteht, Geld genug für alle meine Bedürfnisse liegt. Jenes Geld soll dort bleiben für mein Kind, dem ich vielleicht das verhängnißvolle Geheimniß nicht mittheilen kann; es wird jedoch hieraus die Ueberzeugung gewinnen, daß es ein Geheimniß ist, welches besser verborgen bleibt, da es schrecklich genug war, mich zu derartigen Schritten zu veranlassen. Die Schlüssel zu der Kiste und zu den Schränken lagen, glaube ich, auf dem Tische oder in meinem Arbeitskörbchen, als ich das Zimmer verließ. Auch befindet sich auf dem Tisch ein Brief – wenigstens meine ich so. Er ist versiegelt. Niemand soll das Siegel erbrechen, als mein Sohn, und auch dieser nicht, wenn er nicht bereits von dem Geheimnisse Kunde hat. Der Priester möge ihn verbrennen – denn er ist verflucht; – und selbst wenn mein Sohn Alles wissen sollte – was mir bekannt ist – oh! so möge er inne halten und sich wohl bedenken, ehe er das Siegel öffnet, denn es wäre besser, daß er nichts Weiteres erführe!«

»Nichts Weiteres?« dachte Philipp, während seine Augen immer noch auf dem Papiere hafteten. »Ja, aber ich muß und will mehr erfahren! Verzeih' mir daher, theuerste Mutter, wenn ich keine Zeit mit Erwägungen verschwende; es wäre doch nur vergeblich, wenn man so entschlossen ist, wie ich.«

Philipp preßte die Unterschrift seiner Mutter an die Lippen, legte das Papier zusammen und steckte es in seine Tasche; dann ergriff er den Schlüssel und begab sich die Treppe hinunter.

Es war gegen Mittag, als Philipp sich anschickte, das Gemach zu öffnen. Die Sonne schien hell, der Himmel war klar und Alles in der Natur draußen athmete Frohsinn und Leben. Die Hausthüre war verschlossen, folglich nicht viel Licht in der Flur, als Philipp den Schlüssel in das Schloß steckte und ihn mit einiger Mühe umdrehte. Es wäre unrichtig, wenn ich sagen wollte, daß er nicht Unruhe fühlte, als er die Thüre öffnete. Sein Herz klopfte, aber seine Entschlossenheit war kräftig genug, um das Bangen seines Innern zu überwältigen und auch weitere Bewegungen zu besiegen, die aus dem, was ihm bevorstand, entspringen mochten. Er trat nicht augenblicklich in das Gemach, sondern blieb eine Weile auf der Schwelle stehen, denn es war ihm, als dränge er in den Aufenthaltsort eines körperlichen Geistes, dessen Schattengestalt mit jedem Momente vor seinen Blicken auftauchen könnte. Nachdem er eine Minute gewartet hatte, um sich zu sammeln, da ihm das Oeffnen der Thüre den Athem benommen hatte, blickte er hinein.

Er konnte die Gegenstände in dem Gemach nur unvollkommen unterscheiden; durch die Ladenritzen drangen jedoch drei helle Sonnenstrahlen herein, die ihn anfangs veranlaßten, wie vor etwas Uebernatürlichem zurückzubeben. Nach kurzer Erwägung ermannte er sich jedoch wieder. Er verweilte eine Minute, ging dann in die Küche, zündete ein Licht an, seufzte einigemal schwer, um sein Herz zu erleichtern, und kehrte dann entschlossener nach der verhängnißvollen Stube zurück. Auf der Schwelle stehen bleibend, musterte er zuerst beim Scheine des Lichtes das Innere. Alles war still. Den Tisch, auf welchem der Brief liegen sollte, konnte er nicht sehen, da er hinter der Thüre stand. »Es muß geschehen,« dachte Philipp: »und warum dann nicht schnell?« fuhr er fort, indem er, allen seinen Muth zusammennehmend, in's Zimmer trat und auf das Fenster zuging, um die Läden zu öffnen. Daß seine Hand dabei ein wenig zitterte, wenn er sich in's Gedächtniß rief, wie übernatürlich sie sich früher aufgethan hatten, darf wohl nicht überraschen. Wir sind nur sterbliche Geschöpfe und schrecken zurück vor einem Zusammentreffen mit Allem, was einem anderen Leben angehört. Nachdem die Riegel zurückgeschoben und die Läden aufgeworfen waren, strömte ein so lebhaftes Licht in das Gemach, daß Philipps Augen geblendet wurden. Seltsamerweise erschütterte der Anblick des hellen Tages seine Entschlossenheit mehr, als das frühere Dunkel, und, die Kerze in der Hand, kehrte er hastig wieder in die Küche zurück, um seinen Muth zu sammeln. Dort weilte er einige Minuten in tiefen Gedanken, das Gesicht mit seinen Händen bedeckend.

Es ist seltsam, daß seine Träumereien zuletzt zu Mynheer Poot's schöner Tochter und ihrem ersten Erscheinen an dem Fenster zurückkehrten; es war ihm, als ob der Lichtstrom, der ihn eben erst verscheucht hatte, nicht nachdrücklicher und ergreifender sei, als jene bezaubernde Gestalt. Die Vergegenwärtigung jenes Gesichtes schien Philipps Entschlossenheit wiederherzustellen. Er erhob sich und schritt keck in das Gemach. Wir wollen nicht die Gegenstände schildern, wie sie Philipps Augen entgegentraten, sondern sie dem Leser in klarer Ordnung vorzuführen versuchen.

Die Stube hatte etwa zwölf oder vierzehn Fuß im Geviert und nur ein einziges Fenster. Der Thüre gegenüber stand der Kamin und zu jeder Seite desselben ein hoher Glasschrank von dunkelm Holze. Der Boden des Gemaches war nicht schmutzig, obgleich an den Decken die Spinnen allenthalben ihre Gewebe ausgebreitet hatten. In der Mitte hing eine Quecksilberkugel herunter, eine gewöhnliche Zierde in jenen Tagen; sie hatte jedoch ihren Glanz großentheils verloren, und Spinnengewebe hüllten sie wie ein Leichentuch ein. Ueber dem Kaminmantel hingen einige Zeichnungen in Glas und Rahmen, aber ein staubiger Mehlthau befleckte das Glas, so daß sich die Gegenstände nicht gut unterscheiden ließen. In der Mitte des Kaminsimses stand ein Bild der Maria von reinem Silber in einem Tabernakel von dem gleichen Metalle, das aber eine Bronze- oder Eisenfarbe angenommen hatte; zu beiden Seiten befanden sich einige indianische Figuren. Die Glasthüren der Schränke neben dem Kamin waren gleichfalls getrübt, so daß sich das Innere nicht erkennen ließ; das Licht und die Hitze, welche nur erst seit so kurzer Zeit in das Gemach strömten, hatten bereits die Dünste vieler Jahre aufgejagt und bildeten mit dem Staube auf den Glasscheiben einen matten Duft, der nur hin und wieder das Blinken silberner Gefäße unterscheiden ließ. Letztere waren durch den Verschluß der Schreine gegen Schwärzung geschützt worden, obgleich auch sie viel von ihrem Glanze verloren hatten.

An der Wand, welche dem Fenster gegenüber lag, befanden sich andere eingerahmte Bilder, welche ebenfalls von Dunst und Spinngeweben verschleiert waren; desgleichen auch zwei Vogelkäfige. Philipp näherte sich den letzteren und sah hinein. Ihre Bewohner waren natürlich längst todt, aber auf dem Boden der Käfige befand sich ein Häuflein gelber Federn, durch welche die kleinen, weißen Knochen der Skelette sichtbar wurden – also die Ueberreste von Kanarienvögeln, die in jener Periode sehr theuer bezahlt wurden. Philipp schien geneigt zu sein, vorerst alles andere zu untersuchen, ehe er nach dem spähte, was er am meisten zu finden fürchtete und doch zugleich wünschte. Es standen mehrere Stühle umher, auf deren einem etwas Leinwand lag. Er nahm sie auf – es war ein Kleidungsstück, das ihm angehört haben mußte, als er noch ein Kind war. Endlich richtete er seine Blicke auf die noch nicht untersuchte Wand dem Kamine gegenüber, in welcher sich die Thüre befand. Hinter der Thüre mußte er den Tisch, das Arbeitskörbchen und den verhängnißvollen Brief finden. Sein Puls hatte allmälig den regelmäßigen Schlag wieder gewonnen, aber als er sich umwandte, begann er heftiger zu pochen; es mußte jedoch geschehen und war bald vorüber. Anfangs musterte er denjenigen Theil der Wand, an welcher verschiedenartige Schwerter und Pistolen, hauptsächlich aber asiatische Bogen und Pfeile nebst anderen Zerstörungswerkzeugen hingen. Dann senkten sich seine Augen allmälig gegen den Tisch und das kleine Kanapee hinter demselben, wo seine Mutter, ihrer Angabe zufolge, gesessen hatte, als der Gatte ihr seinen schrecklichen Besuch gemacht. Das Arbeitskörbchen sammt seinem Inhalte stand auf dem Tisch, wie sie es verlassen hatte; auch die erwähnten Schlüssel lagen dabei, aber Philipp sah und sah – ein Brief war nicht vorhanden. Er trat nun näher und untersuchte genauer, ob er ihn nicht auf dem Kanapee, auf dem Tisch oder auf dem Boden entdecke. – Er erhob das Arbeitskörbchen, um sich zu überzeugen, ob er nicht unter demselben liege – aber nein. Ein Mustern des Arbeitsgeräthes, wie auch ein Umdrehen der Kanapeekissen blieb gleichfalls erfolglos. Philipp fühlte eine schwere Last seiner beklemmten Brust entnommen.

»In der That,« dachte er, während er sich an die Wand lehnte, »das Ganze war nichts, als das Gesicht einer erhitzten Einbildungskraft. Meine arme Mutter ist wohl eingeschlummert und träumte die schreckliche Geschichte. Dachte mir's doch, daß es unmöglich sei, oder hoffte es wenigstens. Es muß sich wohl so verhalten haben; der Traum war zu gewaltig, zu sehr einer fürchterlichen Wirklichkeit ähnlich, daß er zum Theil die Vernunft meiner armen Mutter verwirrte.«

Philipp stellte abermals Erwägungen an und gewann dann die Ueberzeugung, daß seine Annahme richtig sei.

»Ja, es ist nicht anders möglich. Gute, theure Mutter! wie viel hast du gelitten – aber der Lohn ist dir geworden im Angesicht deines Gottes!«

Noch einige Minuten musterte er das Gemach mit größerer Ruhe und vielleicht einiger Gleichgültigkeit, da er jetzt die übernatürliche Geschichte für unwahr hielt. Endlich nahm er das geschriebene Blatt, das er bei den Schlüsseln gefunden, aus seiner Tasche und überlas es.

»Die eiserne Kiste unten im Schrank, welcher vom Fenster am weitesten absteht – gut so.«

Er nahm die Schlüssel von dem Tische und fand bald denjenigen, welcher in die Glasthüre des Schrankes paßte, der die eiserne Truhe verbarg. Ein zweiter Schlüssel öffnete den Deckel, und Philipp sah sich nun im Besitze einer beträchtlichen Geldsumme, die in kleinen gelben Säcken dastand und seiner Schätzung nach gegen zehntausend Gülden betragen mochte.

»Meine arme Mutter!« dachte er. »So mußte denn ein bloßer Traum dich in Mangel und Armuth hetzen, während dir dieser ganze Reichthum zu Gebote stand!«

Er legte die Säcke wieder zurück und schloß die Kiste, nachdem er aus einem bereits halbgeleerten nur einige Münzstücke für seine nächsten Bedürfnisse genommen hatte. Seine Aufmerksamkeit lenkte sich nun zunächst nach dem oberen Schranke, den er mit einem anderen Schlüssel öffnete, und fand darin Porcellan, silberne Flaschen und Tassen von beträchtlichem Werthe. Nachdem er Alles verwahrt hatte, warf er den Schlüsselbund auf den Tisch.

Der plötzliche Besitz eines so großen Reichthums nebst der Ueberzeugung, daß keine übernatürliche Erscheinung stattgefunden, wie die Hingeschiedene geglaubt hatte, belebte und beruhigte natürlich Philipps Geist; er fühlte jetzt eine Gegenwirkung, die sich fast bis zur Heiterkeit steigerte. Er setzte sich auf das Kanapee, verlor sich in Träumereien und kehrte, wie zuvor, zu Mynheer Poots liebenswürdiger Tochter zurück, allerlei Luftschlösser bauend, die, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, stets mit Glück und Wohlstand endigten. In dieser angenehmen Beschäftigung verbrachte er mehr als zwei Stunden, bis sich endlich seine Gedanken wieder mit seiner armen Mutter und ihrem furchtbaren Tode beschäftigten.

»Theuerste, gütigste der Mütter!« rief Philipp laut, indem er sich aus seiner zurückgelehnten Lage erhob; »hier weiltest du, ermüdet vom Wachen bei dem schlummernden Kinde, gedachtest des abwesenden Vaters und seiner Gefahren, und quältest deinen Geist mit schlimmen Vorahnungen, bis dein fieberischer Schlaf jene Erscheinung heraufbeschwor. Ja, so muß es gewesen sein, denn hier liegt noch die Stickerei auf dem Boden, wie sie deinen ermatteten Händen entsank, und mit dieser Arbeit schwand das Glück deines Lebens dahin. Liebe, theure Mutter!« fuhr er fort, und eine Thräne rollte über seine Wangen nieder, als er sich niederbeugte, um das Stück Mousselin aufzulesen, »wieviel hast du gelitten, als – Gütiger Himmel!« rief Philipp, plötzlich mit Ungestüm zurückfahrend und den Tisch umstürzend – »gerechter Gott – da ist – da ist wirklich,« und Philipp schlug die Hände zusammen, voll Angst und Entsetzen das Haupt niederbeugend, als er in ganz verändertem und schrecklichem Tone murmelnd beifügte – »der Brief!«

Es war nur zu wahr – unter der Stickerei am Boden hatte Vanderdeckens verhängnißvolles Schreiben gelegen. Hätte ihn Philipp beim Eintritt in das Zimmer, als er vorbereitet war, auf dem Tische bemerkt, so würde er ihn mit einem gewissen Grad von Fassung aufgenommen haben – aber ihn so zu finden, nachdem er sich schon überredet hatte, das Ganze sei nur eine Selbsttäuschung von Seite seiner Mutter, ohne daß irgend eine übernatürliche Einwirkung stattgefunden hätte – nachdem er bereits geschwelgt in Träumen künftigen Glücks und künftiger Ruhe! Die Erschütterung hielt ihn geraume Zeit voll Schrecken und Erstaunen an seine Stelle gebannt. Mit einemmale waren alle Luftschlösser der letzten zwei Stunden dahin, und wie er sich allmälig von seiner Bestürzung erholte, füllte sich sein Herz mit traurigen Ahnungen. Endlich trat er vor, nahm den Brief auf und verließ in voller Hast das verhängnißvolle Gemach.

»Ich bin außer Stande – wage es nicht, ihn hier zu lesen!« rief er. »Nein, nein, ich muß die Kunde unter dem Gewölbe des freien, beleidigten Himmels empfangen.«

Philipp nahm seinen Hut, verließ die Hütte, schloß mit der Ruhe der Verzweiflung die Thüre, steckte den Schlüssel ein und ging fort, ohne zu wissen, wohin.

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