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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Sowohl Amine. als Pater Matthias fuhren zusammen, und traten in ihrer Ueberraschung über dieses unerwartete Wiedersehen einige Schritte zurück.

Amine war die erste, die ihm ihre Hand entgegenstreckte; sie hatte für den Augenblick, in ihrer Freude über das Zusammentreffen mit einem wohlbekannten Gesichte, fast ganz vergessen, wie sie von einander geschieden waren.

Pater Matthias nahm kalt ihre Hand, und legte ihr die seinige mit den Worten auf's Haupt:

»Möge Gott dich segnen und dir vergeben, meine Tochter, wie ich es längst gethan habe.«

Jetzt tauchte die Rückerinnerung an das Vergangene wieder in Aminens Geist auf, und sie erröthete hoch.

Hatte ihr Pater Matthias wirklich vergeben? Der Ausgang mußte es zeigen. So viel war übrigens gewiß, daß er sie wie eine alte Freundin behandelte, voll Teilnahme auf die Geschichte ihres Schiffbruches hörte und mit ihrer Ansicht übereinstimmte, es sei passend, wenn sie ihn nach Goa begleite.

Einige Tage später segelte das Schiff aus, und Amine verließ die Faktorie und deren verliebten Kommandanten. Sie gelangten wohlbehalten durch das Inselmeer und kreuzten die Mündung der Bay von Bengalen, ohne daß das schöne Wetter unterbrochen worden wäre.

Nachdem Pater Matthias Terneuse verlassen hatte, war er nach Lissabon zurückgekehrt, wurde aber daselbst der Unthätigkeit bald müd und erbot sich, abermals als Missionär nach Indien zu gehen. Er war in Formosa angelangt und erhielt bald nachher von seinen Obern die Weisung, wegen einer wichtigen Angelegenheit nach Goa zu reisen; dieß gab Anlaß, daß er zu Tidore mit Amine zusammentraf.

Es würde schwer sein, die Gefühle des Pater Matthias gegen Amine zu schildern, da sie einem gar häufigen Wechsel unterworfen waren. Das einemal erinnerte er sich des Wohlwollens, das ihm von ihr und Philipp erwiesen worden – der Achtung, die er gegen ihren Gatten hegte, und der vielen guten Eigenschaften, welche er an ihr kannte – aber dann gedachte er auch der Schmach, der unverdienten Schmach, die durch sie über ihn gehäuft worden war, und er pflegte dann mit sich zu Rathe zu gehen, ob sie wirklich geglaubt habe, daß ihn andere Beweggründe, als die von ihm namhaft gemachten, in ihr Gemach geführt hätten, oder ob sie sich damals nur seine Unbesonnenheit zu Nutze machte. Diese Betrachtungen hielten sich in seinem Geiste beinahe das Gleichgewicht. Er hätte ihr Alles vergeben können, wenn er geglaubt hätte, daß Amine mit aufrichtigem Herzen an den Lehren der Kirche hänge; so aber fühlte er sich überzeugt, daß sie nicht nur eine Ungläubige sei, sondern auch verbotene Künste übe, und dies kehrte die Wagschaale gegen sie. Er bewachte sie genau, und wenn sie in ihrem Gespräche irgend ein religiöses Gefühl zeigte, that sich sein Herz gegen sie auf; entglitten jedoch im Gegentheile Worte von ihren Lippen, welche anzudeuten schienen, daß sie keine sehr hohe Meinung von diesem Glauben hege, so schoß die volle Fluth des Unwillens und der Rachsucht in sein Inneres. Nachdem sie die Bay von Bengalen beinahe zurückgelegt hatten, und das südliche Kap von Ceylon umfahren sollten, trafen sie zum erstenmale auf schlechtes Wetter. Der Sturm steigerte sich mehr und mehr, und die abergläubigen Matrosen zündeten Lichtlein vor dem Bilde eines Heiligen an, der auf dem Decke in einem Sakramenthäuschen stand. Amine, welche dies bemerkte, lächelte geringschätzig; aber obgleich sie sich dessen kaum bewußt war, bemerkte sie doch, daß das Auge des Pater Matthias ernst auf ihr haftete.

»Die Papus, die ich eben verlassen habe, thun nichts Schlimmeres, als daß sie ihre Götzen anbeten, und werden Götzendiener genannt,« murmelte Amine. »Was sind denn diese Christen?«

»Wäre es nicht besser, wenn Ihr hinunterginget?« sagte Pater Matthias, auf Amine zukommend. »Dieß ist keine Zeit für Frauen, um auf dem Decke zu sein – Ihr würdet besser thun, wenn Ihr für unsere Rettung betetet.«

»Nicht doch, Vater, ich kann hier weit besser beten. Ich liebe diesen Kampf der Elemente, und während ich ihm zusehe, beuge ich mich voll Bewunderung vor der Gottheit, welche die Stürme lenkt, die Winde im Zorn aufwallen läßt und sie dann wieder beschwichtigt.«

»Das ist schon gut, mein Kind,« versetzte Pater Matthias; »aber der Allmächtige will nicht angebetet sein in seinen Werken, sondern im Kämmerlein mit Beschaulichkeit, Selbstprüfung und Glauben. Habt Ihr die Lehren befolgt, die man Euch ertheilte, und die erhabenen Geheimnisse, die man Euch offenbarte, mit Ehrfurcht im Herzen getragen?«

»Ich habe mein Bestes gethan, Vater,« versetzte Amine, ihr Antlitz abwendend und eine rollende Woge betrachtend.

»Habt Ihr die unbefleckte Jungfrau und die Heiligen angerufen – diese theuren Fürsprecher für sündige Sterbliche, unter die Ihr gehört?«

Amine gab keine Antwort, sie mochte den Priester nicht aufbringen und wollte ihm auch keine Unwahrheit sagen.

»Antwortet mir, mein Kind,« fuhr der Priester mit Strenge fort.

»Vater,« versetzte Amine, »ich habe zu dem alleinigen Gott gebetet – zu dem Gott der Christen – zu dem Gott des ganzen Weltalls!«

»Wer nicht Alles glaubt, glaubt Nichts, junges Weib. Ich dachte mir's wohl, denn ich sah Euch eben jetzt verächtlich lächeln. Warum lächeltet Ihr?«

»Ueber meine eigenen Gedanken, guter Vater.«

»Sagt lieber über den wahren Glauben, den Ihr Andere an den Tag legen saht.«

Amine gab keine Antwort.

»Ihr seid also noch immer eine Ungläubige und eine Ketzerin? Hütet Euch, junges Weib, hütet Euch!«

»Vor was sollte ich mich hüten, guter Vater, und warum? Sind nicht in diesen Klimaten Millionen noch ungläubiger und ketzerischer, als vielleicht ich es bin? Wie Viele habt Ihr zu Eurem Glauben bekehrt? Mit wie viel Mühsal und Gefahr hattet Ihr nicht zu kämpfen, um ihn weiter zu verbreiten, und warum hatten Eure Anstrengungen einen so geringen Erfolg? Soll ich Euch das sagen, Vater? Der Grund liegt darin, daß die Leute bereits ihr eigenes Glaubensbekenntniß haben – einen Glauben, der ihnen von Kindheit an eingepflanzt und von ihrer ganzen Umgebung geübt wurde. Bin ich nicht in derselben Lage? Ich wurde in einem andern Glauben erzogen; könnt Ihr erwarten, daß ich diesen so mit einemmale aufzugeben und die Vorurtheile früherer Jugend urplötzlich auszurotten im Stande sei? Ich habe über das, was Ihr mir sagtet, reiflich nachgedacht – habe gefühlt, daß Vieles davon wahr ist, und daß die Lehren Eurer Kirche göttlich sind – ist das nicht hinreichend? Und doch seid Ihr nicht zufrieden. Ihr wollt blinden Glauben und blinden Gehorsam haben – in diesem Falle bin ich freilich eine unwürdige Belehrte. Wir werden übrigens bald im Hafen sein; dann belehrt und überzeugt mich, wenn Ihr dazu geneigt seid; ich bin bereit zu prüfen und zu glauben, aber nur auf Ueberzeugung. Habt Geduld mit mir, guter Vater, und die Zeit wird vielleicht noch kommen, in welcher ich fühle, was ich jetzt nicht fühlen kann – daß zum Beispiel jenes Stück bemalten Holzes ein Ding ist, vor dem man sich auf die Kniee werfen und anbeten muß.«

Ungeachtet des Hohnes im Schlusse dieser Rede lag doch so viel Wahrheit in Aminens Bemerkungen, daß auch Pater Matthias nicht blind dagegen sein konnte. Er hatte sich übrigens daran gewöhnt, in Aminen, dem Weibe eines Katholiken, nicht die Person zu sehen, welche in einem andern Glaubensbekenntniß erzogen wurde, sondern nur die Abtrünnige von der römischen Kirche. Jetzt erinnerte er sich, daß sie nie eigentlich in die Gemeinschaft aufgenommen worden war, denn Pater Seysen hatte sie ihrem Seelenzustande nach noch nicht für aufnahmsfähig gehalten und die Taufe verschoben, bis er sich von ihrem vollen Glauben überzeugt hätte.

»Ihr sprecht kühn, aber Ihr sprecht, wie Ihr fühlt, mein Kind,« versetzte Pater Matthias nach einer Pause, »Wenn wir zu Goa anlangen, wollen wir diese Dinge weiter besprechen, und unter Gottes Beistand wird Euch der neue Glaube offenbar werden.«

»So sei es,« erwiderte Amine.

Der Priester hatte keine Ahnung davon, daß Aminens Gedanken in diesem Augenblicke bei einem Traume weilten, den sie zu Neu-Guinea gehabt und in welchem ihr der Geist ihrer Mutter die geheimen Künste geoffenbart hatte, welche die Tochter in Anwendung zu bringen wünschte, sobald sie Goa erreicht hätte.

Mit dieser Stunde steigerte sich die Bö und das Schiff faßte mehr und mehr Wasser. Die portugiesischen Matrosen wußten sich vor Schrecken nicht zu helfen und riefen ihre Heiligen an. Pater Matthias und die übrigen Passagiere gaben sich für verloren, denn die Pumpen konnten das Schiff nicht frei halten, und ihre Wangen verbleichten, während die Wogen wüthend über die Decken hinwuschen. Sie zitterten und beteten. Pater Matthias ertheilte ihnen die Absolution; Einige weinten wie Kinder, Andere zerrauften sich das Haar, wieder Andere fluchten und lästerten auf die Heiligen, welche sie Tags zuvor angerufen hatten. Aber Amine stand unbewegt, und verzog, als sie die Lästerworte hörte, ihre Lippen nur zu einem geringschätzigen Lächeln.

»Mein Kind,« sagte Pater Matthias, seiner bebenden Stimme Gewalt anthuend, um vor einem Weibe nicht aufgeregt zu erscheinen, die er so ruhig und unbeweglich in Mitte der tobenden Elemente sah – »mein Kind, laß diese Stunde der Gefahr nicht vorübergehen. Ehe du abberufen wirst, will ich dich aufnehmen in den Schooß unserer Kirche und dir in Vergebung deiner Sünden die Gewißheit eines ewigen Lebens ertheilen.«

»Guter Vater, Amine läßt sich nicht durch Furcht zum Glauben zwingen, selbst wenn sie sich vor dem Sturme wirklich fürchtete,« entgegnete sie; »ebenso wenig vertraut sie Eurer Macht, ihre Sünden zu vergeben, wenn bloß die Angst sie zu einem Schritte veranlassen sollte, den sie bei ruhiger Besinnung verwerfen müßte. Wenn je Furcht mich hätte bemeistern können, so wäre es gewesen, als ich allein auf dem Floße war – das war in der That eine schwere Heimsuchung meiner Seelenstärke, und schon der Gedanke daran wird mir weit schrecklicher, als der Sturm, der jetzt um uns tobt, und der Tod, der uns vielleicht erwartet. Es ist ein Gott im Himmel, auf dessen Erbarmen ich baue, in dessen Liebe ich Vertrauen setze, vor dessen Willen ich mich beuge. Sein Wille geschehe!«

»Stirb nicht im Unglauben, mein Kind!«

»Vater,« entgegnete Amine, auf die Reisenden und Matrosen deutend, welche auf dem Decke weinten und wehklagten; »dies sind Christen – Ihr habt ihnen eben erst das Erbe der vollkommensten Seligkeit versprochen. Was ist ihr Glaube, wenn er ihnen nicht die Kraft gibt, wie Männer zu sterben? Warum ist ein Weib die einzige Person, die nicht zittert, während diese auf dem Decke im Staube kriechen?«

»Das Leben ist süß, mein Kind – sie lassen ihre Weiber, ihre Kinder zurück und fürchten sich vor dem Jenseits. Wer ist vorbereitet zu Sterben?«

»Ich!« antwortete Amine. »Ich habe keinen Gatten – wenigstens fürchte ich so. Für mich hat das Leben keine Süßigkeiten – und doch bleibt noch eine einzige kleine Hoffnung – ein Strohhalm für den versinkenden Unglücklichen. Ich fürchte den Tod nicht, denn ich besitze Nichts, für das ich leben möchte. Wäre Philipp hier – ja, dann freilich – aber er ist mir vorangegangen, und ich wünsche jetzt nichts sehnlicher, als ihm zu folgen.«

»Er starb im Glauben, mein Kind – wenn du ihn wieder sehen willst, mußt du das Gleiche thun.«

»Nimmermehr ist er wie diese gestorben,« versetzte Amine mit Geringschätzung auf die Reisenden blickend.

»Vielleicht lebte er auch nicht, wie sie gelebt haben,« entgegnete Pater Matthias. »Ein guter Mensch stirbt im Frieden und hat keine Furcht.«

»So sterben die guten Menschen in allen Glaubensbekenntnissen, Vater,« erwiderte Amine; »und in jeder Religion ist der Tod für den Lasterhaften gleich schrecklich.«

»Ich will beten für dich, mein Kind,« sagte Pater Matthias, auf seine Knie niedersinkend.

»Vielen Dank – Euer Gebet wird erhört werden, selbst wenn es einem Geschöpfe gilt, wie ich bin,« erwiderte Amine, welche jetzt, die Laufstangen erfassend, die Treppe hinaufstieg und das Deck erreichte.

»Verloren! Signora, verloren!« rief der Kapitän, der unter dem Bollwerk kauerte, mit Händeringen.

»Nein,« verletzte Amine, welche die Luvseite gewonnen hatte und sich dort an einem Taue hielt; »diesmal nicht.«

»Was sagt Ihr, Signora?« entgegnete der Kapitän, mit Bewunderung zu Aminens ruhigem und gefaßtem Antlitz aufblickend. »Wie könnt Ihr das wissen, Signora?«

»Mir sagt Etwas, guter Kapitän, daß Ihr nicht verloren sein werdet, wenn Ihr Eure Kräfte anstrengt – eine Stimme in meinem Innern flüstert mir laut diese Ueberzeugung zu.«

Es war nämlich Amine nicht entgangen, daß der Sturm bereits weniger heftig geworden war, obgleich die Matrosen dies in ihrem Schrecken nicht beachtet hatten. Aminens Ruhe, ihre Schönheit und vielleicht auch der ungewöhnliche Anblick einer so jungen, besonnenen und vertrauensvollen Frau, während alle Uebrigen sich der Verzweiflung hingaben, übten die geeignete Wirkung auf den Kapitän und die Matrosen. Da sie unsere Heldin für eine Katholikin hielten, so wähnten sie, sie sei durch eine höhere Eingebung zu ihrer Behauptung berechtigt, denn Leichtgläubigkeit und Aberglauben sind enge Freunde. Mit Bewunderung und Achtung blickten sie auf Amine, nahmen alle ihre Thatkraft zusammen und versahen wieder ihren Dienst. Die Pumpen wurden auf's Neue in Thätigkeit gesetzt, der Sturm minderte sich im Laufe der Nacht und das Schiff war, wie Amine vorausgesagt hatte, gerettet.

Die Schiffsmannschaft und die Passagiere betrachteten sie fast als eine Heilige und sprachen mit Pater Matthias darüber, der sich in keiner geringen Verwirrung befand. Der Muth, den sie entfaltet hatte, war außerordentlich, und selbst wenn sie zitterte, zeigte sie keine Spur von Furcht. Er gab keine Antwort, sondern ging mit sich selbst zu Rathe, ohne zu einem für Amine günstigen Resultate kommen zu können. Was hatte ihr diese Ruhe und den Geist der Prophezeihung gegeben? Nicht der Gott der Christen, denn sie war keine Gläubige. Wer sonst? Pater Matthias dachte an ihr Gemach zu Terneuse und schüttelte den Kopf.

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