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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Als Amine wieder zur Besinnung kam, lag sie in einer kleinen Hütte auf Palmenblättern. Ein häßliches, schwarzes Kind saß an ihrer Seite und wehrte ihr die Fliegen ab. Wo war sie?

Der Floß war zwei Tage lang auf dem Meere umhergeworfen worden, während welcher Zeit sich Amine abwechselnd in einem Zustand von Irresein und Betäubung befand. Durch Wind und Strömung getrieben, wurde ihr Fahrzeug endlich an die Ostküste von Neu-Guinea geworfen. Einige Eingeborne, welche zufällig an der Küste mit einigen Tidore-Kaufleuten handelten, entdeckten Amine und eilten herbei, um sich ihrer Kleider zu bemächtigen, obschon sie bemerkten, daß sie nicht todt war; aber ehe sie die arme Frau so nackt, als sie selbst waren, verließen, fesselte ein Diamant von großem Werth, ein Geschenk Philipps, die Aufmerksamkeit eines Wilden, der, da sich der Ring nicht leicht abstreifen ließ, ein rostiges, stumpfes Messer herauszog und eben nach Kräften an dem Finger sägte, als eine alte Frau, welche in Ansehen stand, sich in's Mittel legte und ihm befahl, von seinem Beginnen abzulassen. Die Tidore-Kaufleute, welche Freunde der Portugiesen waren, machten die Wilden gleichfalls darauf aufmerksam, daß sie für die Rettung einer Person, die der gedachten Nation angehöre, eine große Belohnung erhalten würden, und versprachen außerdem, sie wollten auf ihrem Rückwege die Leute auf der Faktorie unterrichten, daß eine portugiesische Frau auf einem Floß an die Küste geworfen worden sei.

Diesem Umstand verdankte Amine die aufmerksame Sorgfalt, die man ihr erwies. Jener Theil von Neu-Guinea war einigermaßen civilisirt durch den häufigen Verkehr mit den Tidore-Kaufleuten, welche kamen, um europäischen Tand gegen die nützlicheren Produkte der Insel umzutauschen.

Die Papusfrau führte Amine in ihre Hütte, wo sie viele Tage mit dem Tode rang und sich einer sorgfältigen Pflege erfreute, obschon sich ihre Bedürfnisse nur auf das Anfeuchten ihrer vertrockneten Lippen mit Wasser, und auf das Abwehren der Musquitos und der Fliegen beschränkten.

Als Amine ihre Augen öffnete, eilte das kleine Papusmädchen hinaus, um diese Kunde der Frau zu überbringen, welche sofort in die Hütte trat. Sie war groß, sehr beleibt, schwerfällig und fast ohne Kleider; das wollige Haar hatte sie halb gescheitelt, halb gekräuselt, und ihr ganzer Anzug bestand aus einem um die Lenden geschlungenen Tuche, nebst einem Stücke verblichenen, gelben Seidenstoffs über den Schultern. Ein paar silberne Ringe an den fetten Fingern und ein Perlenmutter-Halsband bildeten ihren Schmuck. Ihre Zähne waren von dem Gebrauche der Betelnuß pechschwarz gefärbt, und ihr ganzes Aeußere konnte wohl in Aminens Brust Ekel und Abscheu erwecken.

Sie redete Amine an, aber ihre Worte waren unverständlich. Die Leidende, welche sich schon auf die leichteste Bewegung erschöpft fühlte, sank in ihre frühere Lage zurück und schloß die Augen. Wie ekelerregend übrigens auch der Anblick der Frau wirken mußte, so war sie doch wohlwollend, und durch ihre aufmerksame Sorgfalt fühlte sich Amine im Laufe von drei Wochen in den Stand gesetzt, aus der Hütte heraus zu wanken, und sich in der Abendluft zu ergehen. Die Insulaner umringten sie oft, behandelten sie aber aus Furcht vor der alten Frau mit Achtung. Das wollige Haar der Eingebornen war gekräuselt oder geflochten, bisweilen auch mit Chunam weiß gepudert. Ihr ganzer Anzug bestand aus einigen um die Lenden gehefteten Palmenblättern, die bis auf die Kniee niederfielen, während ihre Nasen und Ohren mit Ringen und Paradiesvogelfedern verziert waren. Amine, welche die Sprache dieser Leute nicht verstand, war dem Himmel dankbar für ihr Leben; sie setzte sich unter den Schatten der Bäume, und sah den schnellen Piroquen zu, die auf der vor ihr ausgebreiteten, blauen See dahin schwammen; aber ihre Gedanken weilten anderswo – sie waren bei Philipp.

Eines Morgens kam Amine mit freudigem Antlitze aus der Hütte heraus, und nahm ihren gewöhnlichen Sitz unter den Bäumen ein.

»Ja, Mutter, theuerste Mutter, ich danke dir! Du bist mir erschienen, und hast mir die Künste in's Gedächtniß gerufen, die ich vergessen hatte. Besäße ich nur die Mittel, mit diesen Leuten zu sprechen, so könnte ich sogar jetzt schon erfahren, wo mein Philipp ist.«

Zwei Monate blieb Amine unter der Obhut der Papusfrau. Als die Tidore-Kaufleute zurückkehrten, brachten sie den Auftrag mit, die an die Küste geworfene, weiße Frau nach der Faktorie zu holen, und diejenigen zu belohnen, welche sich ihrer angenommen hatten. Sie gaben Aminen, welche jetzt ihre ganze frühere Schönheit wieder erlangt hatte, durch Zeichen zu verstehen, daß sie mit ihnen gehen solle. Jede Veränderung war dem gegenwärtigen Aufenthalte vorzuziehen, und unsere Heldin folgte ihnen nach der Piroque hinunter, wo sie einen sichern Platz erhielt, und bald mit ihren neuen Begleitern durch das Wasser schnitt. Als sie auf dem glatten Meere dahinflogen, dachte Amine an Philipps Traum und an die Muschel der Meerfei.

Gegen Abend langten sie an der Südspitze von Gilolo an, wo sie für die Nacht landeten; am andern Tage erreichten sie den Ort ihrer Bestimmung, und Amine wurde nach der portugiesischen Faktorie gebracht.

Daß ihre Ankunft große Neugierde weckte, darf Niemand befremden, denn die Geschichte, welche die Eingeborenen von Aminens Entkommen erzählten, lautete gar zu wunderbar. Vom Kommandanten bis zum niedrigsten Diener herab sah Alles in größter Spannung ihrem Erscheinen entgegen. Aminens schöne, vollkommene Gestalt setzte sie noch mehr in Erstaunen. Der Kommandant machte ihr ein langes Kompliment in portugiesischer Sprache, und war ganz erstaunt, daß sie keine entsprechende Antwort gab; es wäre freilich auch zu verwundern gewesen, da sie nicht ein Wort von der ganzen Rede verstanden hatte.

Amine deutete durch Zeichen an, daß ihr die Sprache unbekannt sei, weßhalb man annahm, daß sie entweder eine Engländerin oder eine Holländerin sei. Man schickte nach einem Dolmetscher, durch welchen sie auseinandersetzte, daß sie die Gattin eines holländischen Kapitäns sei, dessen Schiff auf dem Strande zu Grunde ging; auch wisse sie nicht anzugeben, ob die Mannschaft gerettet worden sei oder nicht. Die Portugiesen freuten sich sehr über den Untergang eines holländischen Schiffs, noch mehr aber, daß ein so liebliches Wesen, wie Amine, gerettet worden war. Der Kommandant hieß sie willkommen und versicherte ihr, daß während ihres Aufenthalts nach Kräften für ihre Bequemlichkeit gesorgt werden solle. Man erwarte in drei Monaten ein Schiff aus dem chinesischen Meere, das nach Goa gehe und das sie, wenn sie Lust habe, zur Ueberfahrt benützen könne, indem sie von letzterer Stadt aus leicht Gelegenheit finden könne, auf einem andern Schiffe nach jedem beliebigen Orte zu kommen. Sie wurde dann in ein Gemach geführt, und erhielt eine kleine Negerin zur Bedienung.

Der portugiesische Kommandant war ein mageres Männchen, der durch den langen Aufenthalt unter einer tropischen Sonne zu einem Span eingedorrt war. Er hatte einen sehr großen Backenbart und einen sehr langen Degen – zwei Dinge, welche die auffallendsten Züge an seiner Person und in seinem Anzuge bildeten.

Seine Aufmerksamkeiten konnten nicht mißdeutet werden, und Amine würde über ihn gelacht haben, hätte sie nicht gefürchtet, er möchte sie auf Tidore zurückbehalten. Nach einigen Wochen hatte sie sich in die portugiesische Sprache soweit eingeübt, daß sie ihre Bedürfnisse namhaft machen konnte, und noch ehe sie die Insel Tidore verließ, war sie im Stande, ganz geläufig zu sprechen. Ihr Verlangen zur Abreise, um über Philipps Schicksal Kunde einzuziehen, wurde übrigens mit jedem Tage größer, und am Schlusse der drei Monate weilten ihre Blicke unablässig auf der See, um zuerst das sehnlich erwartete Schiff zu erspähen.

Als es zuletzt erschien und Amine eben das von Westen kommende Segel aufmerksam betrachtete, fiel der Kommandant auf seine Knie nieder, erklärte ihr seine Liebe und bat sie, nicht an eine Abreise zu denken, sondern ihr Geschick mit dem seinigen zu vereinen.

Amine, welche wußte, daß sie in seiner Gewalt war, benahm sich vorsichtig in ihrer Antwort. »Sie müsse zuerst wissen, wie es mit ihrem Gatten stehe, da dessen Tod noch nicht gewiß sein zu diesem Ende wolle sie nach Goa reisen und ihm, (dem Kommandanten) schreiben, wenn sie finde, daß ihre Hand frei sei.

Man wird seiner Zeit sehen, daß diese Antwort für Philipp zur Ursache großer Leiden wurde. Der Kommandant, welcher im schlimmsten Falle Philipps Tod wohl herbeiführen zu können glaubte, gab sich zufrieden und erklärte, sobald er selbst irgend eine bestimmte Nachricht erhalte, wolle er sie selbst nach Goa bringen, und ihr tausend Eide der Liebe und Treue schwören.

»Der Thor!« dachte Amine, auf das Schiff hinblickend, das sich nun mehr und mehr seinem Ankergrunde näherte.

In einer halben Stunde hatte das Fahrzeug geankert, und die Leute kamen an's Land. Amine bemerkte einen Priester darunter. Sie schauderte ohne zu wissen warum, und als die Ankömmlinge sich näherten, stand ihr mit einemmale Pater Matthias gegenüber.

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