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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Der Floß that gute Dienste, denn obgleich er nicht sehr schnell durch das Wasser ging, sprach er doch auf das Steuer an und ließ sich nach Wunsch lenken. Philipp und Krantz achteten sorgfältig auf die Merkmale, welche sie für den Nothfall in den Stand setzen konnten, die Insel wieder aufzufinden. Unter günstiger Strömung fuhren sie jetzt rasch nach Süden, um eine große Insel zu untersuchen, die in dieser Richtung lag. Außer dem Wunsche, Amine aufzufinden, war ihr weiterer Zweck, die Richtung von Ternate zu erforschen, denn sie wußten, daß der König dieser Insel mit den Portugiesen, welche in dem nicht fern gelegenen Tidore ein Fort und eine Faktorie hatten, in Feindschaft lebte. Von dort aus hofften sie, in einer der chinesischen Jonken, welche auf ihrer Fahrt nach Bantam daselbst anzuhalten pflegten, Platz zur Ueberfahrt zu finden.

Gegen Abend näherten sie sich der großen Insel und erreichten bald die Küste. Philipps Augen streiften zuerst in allen Richtungen umher, um sich zu überzeugen, ob nirgends Spuren von Aminens Floße zu entdecken wären; er bemerkte jedoch nichts der Art und konnte auch keine Einwohner zu Gesicht bekommen.

Um die Gegenstände ihrer Nachforschung während der Nacht nicht aus dem Auge zu verlieren, brachten sie ihren Floß in einer kleinen Bay, wo das Wasser ganz glatt war, an's Gestade und blieben daselbst bis zum nächsten Morgen, um dann wieder ihre Segel auszubreiten und ihre Reise zu verfolgen. Krantz steuerte eben mit dem langen Ruder, das sie zu diesem Ende angefertigt hatten, als er Philipp, welcher geraume Zeit stumm geblieben war, die Reliquie von seiner Brust nehmen und aufmerksam betrachten sah.

»Habt Ihr da ihr Porträt, Philipp?« fragte Krantz.

»Leider nein; 's ist meine Bestimmung,« versetzte Philipp, ohne zu wissen, was er sagte.

»Eure Bestimmung? Was meint Ihr damit?«

»Redete ich von meiner Bestimmung? Ich weiß kaum, was ich sagte,« entgegnete Philipp, die Reliquie wieder in seinem Busen bergend.

»Ich glaube fast, Ihr sagtet mehr, als Ihr wolltet,« erwiderte Krantz, »aber gleichwohl Etwas, was der Wahrheit nahe liegt. Ich habe Euch oft mit diesem Geschmeide in der Hand bemerkt und nicht vergessen, wie viel Schriften daran gelegen war, es zu erhalten – dergleichen auch, welchen Erfolg seine Absichten darauf hatten. Hängt vielleicht irgend ein Geheimniß damit zusammen? Wenn dieß der Fall ist, so habt Ihr mich zuverlässig hinreichend als Euren Freund kennen gelernt, um mich Eures Vertrauens würdig zu halten.«

»Daß Ihr mein Freund seid, Krantz, mein aufrichtiger und unschätzbarer Freund, fühle ich in tiefster Seele. Wir haben viele Gefahren mit einander getheilt und das reicht zu, eine innige Freundschaft zu schließen. Ich glaube wohl, daß ich mich Euch anvertrauen könnte, fühle aber, daß ich es nicht wagen darf, mich Jemand aufzuschließen. An dieser Reliquie (denn es ist ein Splitter vom heiligen Kreuze) haftet ein Geheimniß, das bis jetzt nur meiner Gattin und heiligen Männern mitgetheilt wurde.«

»Wenn es heiligen Männern vertraut werden konnte, wird es zuverlässig auch geborgen sein in dem Busen aufrichtiger Freundschaft – denn was wäre heiliger als diese?«

»Es ahnet mir aber, daß die Kunde davon Euch verderblich werden könnte. Warum mir's so vorkommt, weiß ich nicht, aber ich fühle es, Krantz, und ich könnte den Verlust eines so theuren Freundes nicht verschmerzen.«

»So scheint's also, daß Ihr keinen Gebrauch von meiner Freundschaft zu machen wünscht,« entgegnete Krantz. »Ich habe schon früher mein Leben mit Euch gewagt, und bin nicht der Mann, der sich von den Pflichten der Freundschaft durch eine kindische Ahnung von Eurer Seite – das Organ eines aufgeregten Geistes und geschwächten Körpers – erschrecken läßt. Ist es nicht eine höchst widersinnige Vermuthung, daß die Anvertrauung eines Geheimnisses mir Gefahr bringen könnte, wenn es nicht etwa die wäre, daß mein Eifer, Euch beizustehen, mich vielleicht in Schwierigkeiten versetzt? Es ist nicht leere Neugierde, was mich so sprechen läßt; wir sind schon so lange mit einander in Verbindung, und stehen jetzt so abgeschieden da von der übrigen Welt, daß es mich dünkt, es müßte Euch eine Beruhigung sein, wenn Ihr Jemand Euer Herz aufschließen könntet, auf den Ihr bauen dürft. Der Trost und Rath eines Freundes, Philipp, sind Dinge, die Ihr nicht verachten solltet, und es muß schon eine Erleichterung in dem Umstande liegen, mit Jemand über die Sache sprechen zu können, die Euch augenscheinlich so schwer bedrückt. Wenn Ihr daher meine Freundschaft werth schätzt, so gestattet mir, auch Euren Kummer zu theilen.«

Es gibt nur Wenige, denen das Leben so ruhig dahingeschwunden ist, daß sie nicht wüßten, wie sehr der Gram gemildert wird, wenn der Anlaß dazu einem theuren Freunde vertraut werden kann, der den Leidenden mit Rath und Trostesworten ermuntert. Niemand wird es daher überraschend finden, wenn Philipp in seiner gegenwärtigen Lage und unter dem herben Schmerze, den ihm Aminens Verlust bereitete, Kranz als den Mann betrachtete, dem er sein wichtiges Geheimniß mittheilen zu können vermeinte. Er begann seine Erzählung mit keinen Einschärfungen zur Verschwiegenheit, denn er fühlte, daß Krantz, wenn er sein Geheimniß nicht um der Sache selbst willen und aus Liebe zu ihm bewahrte, wahrscheinlich sich durch kein gegebenes Versprechen binden ließ; die Geschichte, wie sie der Leser bereits kennt, wurde ihm daher anvertraut, während der Floß an den verschiedenen kleinen Vorgebirgen der Insel vorbei schwamm.

»Ihr wißt jetzt Alles,« sagte Philipp am Schlusse seiner Erzählung mit einem tiefen Seufzer. »Was haltet Ihr davon? Schenkt Ihr meiner wundersamen Erzählung Glauben, oder haltet Ihr sie, wie wahrscheinlich viele Andere thun würden, für die bloße Ausgeburt eines verwirrten Gehirns?«

»Ich glaube nicht, daß es das letztere ist, Philipp,« versetzte Krantz, »denn für die Richtigkeit eines Theils Eurer Geschichte habe ich zu augenfällige Proben. Erinnert Euch, wie oft ich selbst dieses gespenstische Schiff gesehen habe – und wenn es Eurem Vater gestattet ist, durch die Meere zu streichen, warum solltet Ihr nicht erwählt und bestimmt sein können, seine Strafe zu Ende zu bringen? Ich glaube jedes Wort, das Ihr mir gesagt habt, und nun Ihr mir Euer Vertrauen schenktet, kann ich viel von Eurem Benehmen begreifen, das mir hin und wieder ganz unerklärlich schien. Es gibt Viele, die Euch beklagen würden, Philipp; aber ich beneide Euch.«

»Ihr beneidet mich?« rief Philipp.

»Ja! ich beneide Euch, und würde Euch mit Freuden Eure Last abnehmen, wenn es nur möglich wäre. Ist es nicht ein edler Gedanke, daß Ihr zu einem so großen Werke berufen seid? Statt wie wir Alle in der Welt dem Reichthume nachzujagen, den wir uns durch jahrelange Mühe erringen und vielleicht durch das Wagniß eines einzigen Tages verlieren, jedenfalls aber zurücklassen müssen – seid Ihr erkiesen, eine glorreiche Aufgabe – ein Werk für Engel, möchte ich sagen – zu erfüllen – die Seele eines Vaters zu erlösen, der für seine menschlichen Gebrechen leidet, aber nicht verurtheilt ist, für alle Ewigkeit zu Grunde zu gehen. Ihr habt in der That ein Ziel vor Euch, dessen Verfolgung wohl aller Gefahren und Wagnisse des Seelebens werth ist. Und wenn es auch mit Eurem Tode enden sollte – wo anders finden unsere armseligen Bestrebungen, unser ewiges Haschen nach Nichts ihr Ziel? Wir Alle müssen sterben – aber wie Wenigen – wem überhaupt, außer Euch – wurde es je gestattet, vor ihrem Tode die Seele des Urhebers ihres Daseins zu retten? Ja, Philipp, ich beneide Euch.«

»Ihr denkt und sprecht wie Amine. Auch sie hat eine glühende, abenteuerliche Seele, die gerne einen Verkehr unterhalten möchte mit den Wesen einer andern Welt, und nach Gemeinschaft verlangt mit körperlosen Geistern.«

»Sie hat Recht,« versetzte Krantz. »Auch ich habe in meinem eigenen Leben Dinge erfahren, welche mit meiner Familie in Verbindung standen, und mir oft die volle Ueberzeugung aufdrangen, daß derartige Vorfälle nicht nur möglich, sondern auch wirklich sind. Eure Geschichte hat nur bekräftigt, was ich bereits früher glaubte.«

»Wirklich, Krantz?«

»Ja; doch davon zu einer andern Zeit. Die Nacht bricht ein, und wir müssen unsere kleine Barke wieder in Sicherheit bringen. Da ist eine Bucht, welche ganz diesem Zwecke zu entsprechen scheint.«

Vor Morgen sprang eine starke Brise gerade gegen das Ufer herauf, und die Brandung wurde so hoch, daß dem Floße Gefahr drohte. Die Fahrt fortzusetzen, war unmöglich; sie konnten nur ihr Fahrzeug an's Land holen, um so zu verhindern, daß es von der Gewalt der an der Küste sich brechenden Wogen nicht zertrümmert wurde. Philipps Gedanken beschäftigten sich, wie gewöhnlich, mit Amine, und während er dem Stoßen der Wellen zusah, deren Kämme im Lichte der Sonne glänzten, rief er aus:

»Ocean! Hast du meine Amine? Ist dieß der Fall, so gib die Todte heraus! Doch was ist dort?« fügte er bei, indem er auf einen Fleck am Horizont deutete.

»Das Segel irgend eines kleinen Fahrzeugs,« versetzte Krantz; »es kommt augenscheinlich vor dem Wind herunter, um in demselben Winkel, den wir uns auserlesen haben, Schutz zu suchen.«

»Ihr habt Recht; es ist das Segel eines Schiffes – wahrscheinlich eine von den Piroquen, welche sich in diesen Meeren finden. Wie sie sich auf den Wellen hebt – sie ist augenscheinlich stark bemannt.

Die Piroque kam rasch näher, und langte bald an dem Gestade an; das Segel wurde niedergelassen und das Fahrzeug rücklings in die Bay gedrängt.

»Wenn es Feinde sind, so würde Widerstand vergeblich sein,« bemerkte Philipp. »Wir werden bald unser Schicksal erfahren.«

Die Leute in der Piroque achteten nicht auf unsere Abenteurer, bis das Schifflein aufgeholt und festgemacht war; dann näherten sich drei davon mit Speeren in der Hand, aber augenscheinlich nicht in feindseliger Absicht. Der Eine redete Philipp und Krantz in portugiesischer Sprache an, sie fragend, wer sie wären.

»Wir sind Holländer.« antwortete Philipp.

»Ein Theil von der Mannschaft des verunglückten Schiffes?« fragte er.

»Ja.«

»Ihr habt nichts zu fürchten, denn Ihr seid ebenso gut Feinde der Portugiesen, wie wir. Wir gehören zu der Insel Ternate, und unser König lebt im Kriege mit den schurkischen Portugiesen. Wo sind Eure Gefährten? Auf welcher Insel?«

»Sie sind Alle todt,« entgegnete Philipp. »Darf ich fragen, ob Ihr nicht mit einer Frau zusammen getroffen seid, die allein auf einem Floße in der See triftete? Oder habt Ihr von ihr gehört?«

»Wir vernahmen, daß an der Küste gegen Süden eine Frau aufgelesen und von den Bewohnern Tidores nach der portugiesischen Ansiedelung gebracht wurde, weil man sie für eine Portugiesin hielt.«

»Gott sei Dank, dann ist sie gerettet,« rief Philipp. »Barmherziger Himmel, nimm meinen Dank! – Auf Tidore, sagt Ihr?«

»Ja; aber wir können Euch nicht dahin bringen, weil wir mit den Portugiesen im Kriege leben.«

»Nein; aber wir werden uns wiedersehen.«

Der Mann, welcher sie angeredet hatte, war augenscheinlich von einiger Bedeutung. Seine Kleidung bestand aus einem Gemische der muhamedanischen und malaischen Tracht – er führte Waffen in seinem Gürtel und einen Speer in der Hand. Sein Turban war aus gedrucktem Kattun gefertigt; auch benahm er sich, gleich den meisten Personen von Stand in dieser Gegend, höflich und würdevoll.

»Wir kehren jetzt nach Ternate zurück und wollen Euch mitnehmen. Unser König wird sich freuen, Holländer bei sich zu empfangen, besonders weil sie Feinde der portugiesischen Hunde sind. Ich vergaß, Euch zu sagen, daß wir einen Eurer Begleiter bei uns an Bord haben; wir fischten ihn ganz erschöpft aus der See, obschon er jetzt wieder wohl ist.«

»Wer kann das sein?« bemerkte Krantz. »Er muß zu einem andern Schiffe gehören.«

»Nein,« versetzte Philipp schaudernd; »mir sagt eine Ahnung, daß es Niemand anders, als Schriften ist.«

»Dann müssen ihn meine Augen sehen, ehe ich es glaube,« erwiderte Krantz.

»So glaubt Euern Augen,« sagte Philipp, auf Schriftens Gestalt deutend, der jetzt auf sie zukam.

»Mynheer Vanderdecken, freut mich, Euch zu sehen. Mynheer Krantz, ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl. Wie glücklich, daß wir Alle gerettet wurden; hi! hi!«

»Der Ocean hat also meiner Aufforderung gehorcht und seine Todten wieder herausgegeben,« dachte Philipp.

Ohne der unceremoniösen Weise, in welcher sie von einander geschieden waren, auch nur im Geringsten zu gedenken, wandte sich Schriften in augenscheinlich guter Laune an Krantz, und redete ihn mit einem leichten Anfluge von Sarkasmus an. Es währte geraume Zeit, bis sich Letzterer des aufdringlichen Menschen erwehren konnte.

»Was haltet Ihr von ihm, Krantz?«

»Daß er mit zum Ganzen gehört, und daß er so gut seine Bestimmung zu erfüllen hat, als Ihr die Eurige. Er muß in dem wunderbaren Geheimniß eine Rolle spielen und wird bleiben, bis er sie beendigt hat. Kehrt Euch nicht an ihn und vergeßt nicht, daß Eure Amine gerettet ist.«

»Ihr habt Recht,« versetzte Philipp; »der Elende ist keines Gedankens werth. Wir schiffen uns jetzt mit diesen Leuten ein, schaffen uns nachher den Menschen vom Halse, und geben uns Mühe, meine theure Amine wieder aufzufinden.«

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