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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Welche Feder vermag Aminens Gefühle zu schildern, als sie zuerst entdecke, daß sie von ihrem Gatten getrennt war! In einem Zustande halben Wahnsinns sah sie dem andern Floß nach, der sich immer weiter und weiter von ihr entfernte. Endlich bargen die Schatten der Nacht den Raum, auf welchem sich ihr Philipp befand, vor ihren schmerzenden Augen, und sie sank in stummer Verzweiflung nieder.

Allmälig erholte sie sich wieder; sie wandte sich um und rief:

»Wer ist da?«

Keine Antwort.

»Wer ist da?« wiederholte sie mit lauter Stimme; »allein – allein – und Philipp fort. Mutter, Mutter, blicke nieder auf dein unglückliches Kind!«

Und mit irren Sinnen warf sich Amine so nahe an dem Rande des Floßes nieder, daß ihr langes niederwallendes Haar in den Wellen fluthete.

»Wehe! wo bin ich?« rief Amine, nachdem sie einige Stunden in einem Zustande von Erstarrung dagelegen hatte.

Die Sonne senkte ihren glühenden Strahl auf sie nieder und blendete ihr Gesicht, als sie die Augen öffnete – sie schaute in die blauen Wogen dicht neben ihr und erblickte einen großen Hayfisch, der regungslos an der Seite des Floßes auf seine Beute harrte. Zurückschaudernd wandte sie sich um; der Floß war leer und die Wahrheit zuckte mit ihrem ganzen Entsetzen in ihrer Erinnerung auf.

»Oh, Philipp, Philipp!« rief sie; »so ist's also wahr! und du bist fort für immer! Ich dachte, es sei nur ein Traum – jetzt aber entsinne ich mich wieder auf Alles – ja – auf Alles – auf Alles!«

Sie sank wieder auf ihr Lager nieder, das sich im Mittelpunkt des Floßes befand, und blieb daselbst eine geraume Weile regungslos liegen.

Aber das Verlangen nach Wasser war gebieterisch; sie ergriff eine der Flaschen und trank.

»Doch warum sollte ich trinken oder essen – warum mein Leben zu erhalten wünschen?«

Sie stand auf und sah sich am Horizonte um –

»Himmel und Wasser, nichts Anderes. Ist dieß der Tod, den ich sterben soll – der grausame Tod, den mir Schriften prophezeite – ein langsamer Tod unter einer glühenden Sonne, wo die Eingeweide im Innern verdorren? Doch sei es drum! Schicksal, ich fordere dich auf, dein Aeußerstes zu thun – wir können nur einmal sterben – und was kümmert mich das Leben ohne ihn! Und doch wäre es möglich, daß ich ihn wieder sähe,« fuhr Amine nach einer Pause hastig fort. »Ja! – wer weiß es? Dann sei mir willkommen, Leben; ich will dich pflegen schon um dieser Hoffnung willen – so gering sie auch ist. Laß sehen, ist er auch noch da?«

Amine blickte auf ihren Gürtel und bemerkte, daß sie noch immer im Besitze ihres Dolches war. »Wohlan denn, ich will leben, obgleich der Tod in meiner Macht steht – will mein Leben sorgfältig hüten um meines theuren Gatten willen.«

Dann warf sie sich abermals auf ihr Lager, um ihre entsetzliche Lage zu vergessen. Sie durfte dieß – denn von diesem Morgen an bis zum Mittage des nächsten Tages blieb sie in einem Zustande von Erstarrung.

Als sie sich wieder erhob, fühlte sie sich äußerst schwach; sie blickte auf's Neue umher – aber da war nichts als Himmel und Wasser zu sehen.

»Oh! diese Oede – sie ist entsetzlich! der Tod würde mich befreien – aber nein, ich darf nicht sterben – ich muß leben für Philipp.«

Sie erquickte sich mit Wasser und einigem Zwieback; dann kreuzte sie die Arme über ihre Brust.

»Noch ein paar Tage ohne Hülfe, und Alles muß vorüber sein. Hat sich je ein Weib in einer Lage befunden, wie die meinige ist, und dennoch wage ich zu hoffen? Ach 's ist Wahnsinn! Und warum bin ich wohl so ausgezeichnet? Weil ich mich mit Philipp vermählt habe? Möglich – und wenn dieß der Fall ist, so muß es mir willkommen sein. Oh, die Elenden, die mich von meinem Gatten trennten und, um ihr eigenes Leben zu retten, ein hilfloses Weib zum Opfer brachten! Ja sie hätten auch mich retten können, wenn sie nur eine Spur von Mitleid in ihrer Seele gehabt hätten; – aber das haben sie nie empfunden. Und dieß sind Christen – Anhänger des Glaubensbekenntnisses, zu dem die alten Priester mich bekehren wollten – ja, und sogar auch Philipp. Liebe und Erbarmen! Sie sprechen wohl davon, aber ich habe diese Tugenden nie anwenden sehen. Gegenseitige Liebe und Vergebung – sage vielmehr Haß und Raub, die mit einander streiten! Ein Glaube, den man nicht in seinen Werken zeigt – wozu wäre er auch nütze? Jeder andere Glaube ist besser – ich schwöre ihn ab, und auch wenn ich gerettet werde, will ich nie wieder zu ihm zurückkehren. Schatten meiner Mutter! Ist es deßhalb, daß ich auf diese Männer gehört habe – daß ich, um die Liebe meines Gatten zu gewinnen, zu vergessen suchte, was du mich lehrtest, während ich als ein Kind zu deinen Füßen saß – den Glauben, der sich in Werken thätig zeigt und durch Gehorsam gegen den Willen des Propheten – ist es deßhalb, daß diese Strafe über mich ergeht? Sage mir dieß, Mutter – oh sage mir's in meinen Träumen.«

Die Nacht brach ein, und mit ihr erhoben sich schwere Wolken am Himmel. Blitze durchzuckten das Firmament und erhellten hin und wieder den Floß. Endlich schossen sie so rasch – nicht auf einander folgend, sondern aus allen Richtungen zumal losbrechend, so daß das ganze Firmament in Flammen zu stehen schien. Zugleich rollte der Donner – bald nah und laut, bald wieder mehr in der Ferne. Die Brise frischte an und die Wellen warfen den Floß umher, hin und wieder sogar bis zu Aminens Füßen waschend, die in der Mitte ihres gebrechlichen Fahrzeuges stand.

»So ist's recht – dieß ist weit besser, als jene Windstille und die sengende Hitze; es gibt mir wieder Kräfte,« sagte Amine, die Augen aufwärts gerichtet und in die zuckenden Wetterstrahlen blickend, bis ihr das Gesicht verging. »Ja, so muß es sein. Ihr Blitze zerschmettert mich, wenn ihr Lust dazu habt – ihr Wellen spült mich weg und begrabt mich in einem schäumenden Grabe! Möge sich der Zorn aller Elemente auf dieses dem Tode geweihte Haupt ausgießen – ich kehre mich nicht daran; ich lache darüber und spreche euch Hohn. Ihr könnt nur tödten, und das Gleiche vermag auch dieser kleine Stahl. Mögen diejenigen zittern, welche Reichthümer zusammen scharren – welche im Glanze leben – die Glücklichen, die Gatten, Kinder oder überhaupt Etwas zu lieben haben – ich habe nichts. Elemente – mögt ihr nun Feuer, Wasser, Luft oder Erde heißen – Amine trotzt euch! Und doch, nein, nein, täusche dich nicht, Amine – es ist noch Hoffnung. So will ich denn meine Bahre besteigen und dem Willen des Geschicks entgegenharren.«

Sie begab sich wieder nach dem sichern Platze, den Philipp in der Mitte des Bootes für sie aufgeschlagen hatte, warf sich auf ihr Bette nieder und schloß die Augen.

Dem Blitz und dem Donner folgten Ströme schweren Regens, die bis zum Morgen niederschossen. Der Wind blieb noch immer frisch, aber der Himmel klarte sich auf und die Sonne trat hervor. Amine schauderte in ihrem nassen Gewande. Die Sonnenhitze wirkte zu mächtig auf ihren erschöpften Zustand und ihr Gehirn wurde irre. Sie richtete sich in eine sitzende Stellung auf, blickte umher und sah in jeder Richtung grünende Felder, wo Cocosbäume im Winde weheten; sie meinte sogar ihren Philipp aus der Ferne hereilen zu sehen, breitete ihre Arme aus und versuchte aufzustehen, um ihm entgegenzustürzen, aber die Glieder versagten ihr den Dienst. Sie rief ihm, schrie laut auf und sank zuletzt erschöpft auf ihr Lager nieder.

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