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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Erst mit Tagesanbruch öffnete Philipp seine Augen wieder und entdeckte, daß Krantz an seiner Seite kniete. Anfangs waren seine Gedanken wirr und unzusammenhängend, er fühlte, daß sich etwas Schreckliches zugetragen hatte, obgleich er sich die eigentliche Beschaffenheit seines Unglücks nicht vergegenwärtigen konnte. Endlich tauchte die ganze Entsetzens-Scene vor ihm auf und er begrub das Antlitz mit seinen Händen.

»Tröstet Euch,« sagte Krantz; »wir werden wahrscheinlich heute das Ufer gewinnen, und sobald wir können, ziehen wir aus, um sie zu suchen.«

»Dieß ist also die Trennung und der grausame Tod, welche der elende Schriften prophezeit hat,« dachte Philipp. »Grausam in der That, sich zum Gerippe abzuzehren unter einer glühenden Sonne, ohne auch nur einen einzigen Tropfen Wasser, um die lechzende Zunge zu kühlen! Der Gnade von Wind und Wellen preisgegeben – allein – ganz allein umherzutriften – getrennt von ihrem Gatten, in dessen Armen sie wenigstens mit Freuden gestorben wäre – wahnsinnig gemacht durch die Ungewißheit und durch den Gedanken an mein mögliches Schicksal! Pilot, du hast Recht; für ein zärtliches, treu liebendes Weib kann es keinen schrecklicheren Tod geben. Oh, mein Gehirn schwindelt. Für was hat Philipp Vanderdecken jetzt auch noch zu leben?«

Krantz bot allen Trostesworten auf, die ihm die Freundschaft einflüsterte, aber vergeblich. Er sprach dann von Rache, und erst jetzt richtete Philipp den Kopf auf. Nach einem kurzen Nachdenken erhob er sich.

»Ja,« entgegnete er, »Rache! – Rache an diesen elenden Verräthern! Sagt mir, Krantz, wie Vielen wir trauen können?«

»Ich dächte, wenigstens der Hälfte. Es war eine Ueberraschung.«

Man hatte eine Spiere in ein Steuer umgewandelt und der Floß war dem Ufer weit näher, als je zuvor, gekommen. Die Matrosen waren hoch erfreut über diese Aussicht, und alle setzten sich auf ihre Dollarhaufen, die in ihren Augen an Werth zunahmen, je mehr sie zu entkommen hoffen durften.

Philipp erfuhr von Krantz, daß die Soldaten unter Beihülfe der unbedeutendsten Matrosen die Meuterei des vorigen Abends begonnen und den anderen Floß abgeschnitten hatten. Die beste Mannschaft war neutral geblieben.

»Und so werden sie, glaube ich, auch bleiben,« fuhr Krantz fort. »Die Aussicht, das Ufer zu gewinnen, hat sie gewissermaßen mit dem Verrathe ihrer Kameraden versöhnt.«

»Vermuthlich,« versetzte Philipp mit einem bittern Lächeln; »aber ich weiß, was sie wecken wird. Schickt sie zu mir her.«

Philipp redete die Matrosen an, welche Krantz ihm zugeschickt hatte. Er machte sie darauf aufmerksam, daß die Andern treulose Verräther wären, auf die man sich nicht verlassen könnte, indem man sich von ihnen zu versehen habe, daß sie Alles ihrem Gewinne opfern würden; um des Geldes willen hätten sie bereits so gehandelt, und unter solchen Leuten sei keine Sicherheit, weder auf dem Floße noch auf dem Lande; man könne nicht einmal einschlafen, ohne befürchten zu müssen, daß man ermordet werde, und es sei daher besser, sich dieser Elenden zu entledigen, von denen das Schlimmste zu gewärtigen sei; hiedurch würden sie (die Angeredeten) nicht nur ihre Fahrt erleichtern, sondern könnten auch das Geld an sich bringen, das die Andern gerettet, so daß ihr eigener Antheil verdoppelt würde. Obschon er nichts davon habe laut werden lassen, sei es doch seine Absicht gewesen, die Rückerstattung des Compagnie-Geldes zu verlangen, sobald sie in einem civilisirten Hafen angelangt wären, wo die Obrigkeit sich in's Mittel legen könnte; wenn sie aber treu an ihm hielten und ihm Beistand leisteten, so wolle er ihnen das Ganze zum Eigenthum überlassen.

Was vermag nicht die Habsucht? Darf man sich wohl wundern, daß die Männer, welche in der That nur wenig besser waren, als Diejenigen, welche Philipp in seinem Durst nach Rache als treulose Verräther bezeichnete, auf seinen Vorschlag eingingen? Es wurde beschlossen, daß, im Falle sie das Ufer nicht erreichten, in derselben Nacht ein Angriff auf die Andern gemacht und sie in die See gestoßen werden sollten.

Die geheime Zwiesprache mit Philipp hatte jedoch auch die andere Partei aufmerksam gemacht; sie hielten gleichfalls eine Berathung und ließen die Waffen nicht von ihrer Seite.

Als die Brise dahin starb, waren sie nicht zwei Meilen vom Lande entfernt, aber auf's Neue trifteten sie zurück in den Ocean. Philipps Geist war von Gram niedergebeugt über Aminens Verlust; er erholte sich jedoch wieder einigermaßen, wenn er der Rache gedachte. Dieses Gefühl wurde ihm zur Stütze, und er befühlte oft die Schneide seines Stutzsäbels, voll Ungeduld dem Augenblicke der Vergeltung entgegensehend.

Es war eine liebliche Nacht. Die See war nun so glatt wie ein Spiegel, und kein Lüftchen regte sich. Das Segel des Floßes hing schlaff an dem Maste und strahlte einsam im Glanze einer sternhellen Nacht aus der ruhigen Meeresfläche wieder. Es war eine Nacht für Beschaulichkeit – für die Einkehr im Innern und für Anbetung der Gottheit; und hier auf einem gebrechlichen Floße waren mehr als vierzig Wesen zusammengemischt, bereit zum Kampfe und gierig auf Mord und Beute. Beide Parteien gaben sich scheinbar der Ruhe hin, obschon jeder Einzelne in aller Stille, die Hand an seine Wehr gelegt, die Bewegungen seines Nachbars bewachte. Endlich gab Philipp das Signal: es bestand darin, daß er die Ziehtaue der Raa los ließ; das Segel sollte nämlich auf einen Theil der andern Partie niederfallen und sie verstricken. Philipps Weisung gemäß hatte Schriften das Steuer ergriffen, und Krantz blieb an seiner Seile.

Die Raa fiel sammt dem Segel rasselnd nieder, und nun begann das Werk des Todes. Kein Parlamentiren, keine Ungewißheit – Jeder sprang auf und erhob seinen Säbel. Die Stimmen von Philipp und Krantz ließen sich allein vernehmen, und die Waffe unsers Helden übte ein blutiges Werk. Die Rache stählte seinen Arm und er konnte nicht genug finden, so lange einer von denen übrig war, welche seine Amine geopfert hatten. Wie Philipp erwartet hatte, waren Viele von dem fallenden Segel bedeckt und verstrickt worden, so daß die Arbeit den Seinigen wesentlich erleichtert wurde.

Einige fielen an der Stelle, wo sie standen, Andere wankten zurück und sanken in der glatten Meeresfläche unter, während wieder Andere den Tod fanden, als sie unter dem Segeltuche zappelten. Schriften sah zu und machte seinem Innern nur hin und wieder durch ein kicherndes Lachen, durch sein dämonisches »hi! hi!« Luft.

Der Kampf war vorüber und Philipp lehnte sich gegen den Mast, um wieder zu Athem zu kommen.

»So weit wärest du gerächt, meine Amine,« dachte er; »aber ach! was sind diese erbärmlichen Leben in Vergleichung mit dem deinigen!«

Und nun, da seine Rache gesättigt war und er nichts mehr thun konnte, bedeckte er das Gesicht mit seinen Händen und weinte bitterlich, während diejenigen, welche ihm Beistand geleistet hatten, bereits das Geld der Erschlagenen als ihren Lohn einsammelten. Die Elenden klagten sogar, daß von ihrer Seite nur drei gefallen waren, da ein größerer Verlust in ihren eigenen Reihen ihren Antheil an Dollars vergrößert haben würde. Außer Philipp, Krantz und Schriften befanden sich nur noch dreizehn Mann auf dem Floße. Als der Tag graute, sprang die Brise wieder auf, und sie theilten nun auch die Wasserportionen, die sonst ihren Begleitern zugefallen wären. Hungrig fühlten sie sich nicht, aber das Wasser belebte ihre Kräfte wieder.

Obgleich Philipp seit seiner Trennung von Aminen nur wenig mit Schriften gesprochen hatte, so fiel es doch in die Augen, daß bei Letzterem der ganze frühere Groll gegen unsern Helden zurückgekehrt war. Sein Kichern und Hohnreden, seine Hi! Hi's! nahmen kein Ende, und sein Auge war wieder so boshaft auf Philipp geheftet, wie zur Zeit, als er zum erstenmale mit ihm zusammentraf. Es war augenscheinlich, daß Amine allein für eine Weile seinen Groll überwunden hatte, und daß mit ihrem Verschwinden auch Schriftens Geneigtheit gegen den Gatten der unglücklichen Frau verschwand. Doch unser Held kümmerte sich hierum wenig; er hatte eine weit drückendere Last auf dem Herzen – den Verlust seiner theuren Amine – und war gleichgültig gegen alles Andere.

Die Brise frischte nun auf, und sie hofften, nach zwei Stunden an das Gestade laufen zu können, sahen sich aber auf's Neue in ihren Erwartungen getäuscht. Die Spur des Mastes wich vor der Gewalt des Windes und das Segel fiel auf den Floß; dieß veranlaßte große Zögerung, und noch ehe der Schaden ausgebessert werden konnte, legte sich der Wind wieder, als sie nur noch eine Meile von der Küste entfernt waren. Müde und von Kummer verzehrt, schlummerte Philipp endlich an der Seite des ersten Maten ein und überließ Schriften das Ruder. Er schlief gut, denn erträumte von Aminen, die er unter einer Gruppe von Cocusnußbäumen in süßem Schlummer zu sehen glaubte; er stand neben ihr, sie bewachend – Amine lächelte in ihrem Schlafe und murmelte »Philipp« – als er plötzlich durch eine ungewöhnliche Bewegung geweckt wurde. Noch halb im Traum, glaubte er, der Pilot Schriften habe es versucht, während seines Schlafes die Reliquie zu stehlen; er habe bereits die Kette über seinen Kopf gezogen und zerre jetzt leise an jenem Theile derselben, auf welchem er in seiner rückgelehnten Stellung lag. Bei dem Gedanken auffahrend, streckte er die Hand aus, um den Arm des Elenden zu ergreifen, und fand wirklich, daß er Schriften gefaßt hatte, welcher neben ihm kniete und bereits im Besitze der Kette und Reliquie war. Der Kampf war kurz; Philipp nahm das heilige Holz wieder an sich, und der Pilot lag mit der Brust unter den Knieen seines Ueberwinders. Bis zum Wahnsinn aufgeregt, verbarg unser Held die Reliquie wieder in seinem Busen, erhob sich dann von dem Körper des jetzt athemlosen Schriften, faßte ihn mit seinen Armen und schleuderte ihn in die See.

»Mensch oder Teufel! ich kümmere mich nicht darum,« rief Philipp außer sich; »entkomme jetzt, wenn du kannst!«

Der Kampf hatte bereits Krantz und einige Andere geweckt, ohne daß diese Zeit fanden, Philipp an Ausübung seiner Rache zu hindern. Er erzählte Krantz in wenigen Worten, was vorgegangen war. Die Matrosen kümmerten sich nicht darum, sondern legten die Köpfe wieder nieder und fragten nicht weiter, denn sie waren zufrieden, daß sie ihr Geld noch hatten.

Philipp gab Acht, ob sich Schriften wieder erheben und den Versuch machen würde, an Bord des Floßes zu kommen; der Pilot ließ sich jedoch nicht wieder über dem Wasserspiegel blicken und Philipp fühlte sich beruhigt.

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