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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Der Utrecht segelte vom Cambrun ab, berührte Ceylon und verfolgte seine Fahrt in den östlichen Meeren. Schriften blieb an Bord, hielt sich aber seit seinem letzten Gespräch mit Amine fern und schien sowohl sie, als Philipp zu vermeiden. Dennoch versuchte er nicht, wie früher, die Schiffsmannschaft zu reizen, und eben so wenig erging er sich in seinen gewöhnlichen Hohnreden und Schmähungen. Die Mittheilung, die er Aminen gemacht, verfehlte nicht, auch auf sie und ihren Gatten einen tiefen Eindruck zu üben; sie waren gedankenvoller und versuchten gegenseitig die düstere Stimmung ihres Innern zu verbergen. Wenn sie sich umarmten, so geschah es mit dem traurigen Vorgefühl, daß sie dieser Wonne vielleicht bald beraubt sein würden, obschon sie zugleich ihre Herzen zur Ausdauer stählten und sich darauf gefaßt machten, dem Schlimmsten zu begegnen. Krantz wunderte sich nicht wenig über diese Veränderung, die er sich natürlich nicht zu erklären vermochte. Der Utrecht war nicht mehr weit von den Andaman-Inseln, als Krantz, der das Barometer beobachtet hatte, eines Morgens früh zu Philipp heraufkam.

»Wir haben alle Aussicht auf einen Typhun, Herr,« sagte Krantz; »das Barometer und das Wetter, beides ist gleich drohend.«

»Dann müssen wir Alles festmachen. Laßt augenblicklich die Bramraaen und die kleinen Segel nieder; wir wollen auch die Bramstengen streichen. Ich werde sogleich nachkommen.«

Philipp eilte auf das Deck. Die See war glatt, aber bereits verkündete das Stöhnen des Windes einen herannahenden Sturm. Das Vacuum in der Luft sollte ausgefüllt werden und ein schrecklicher Kampf stand bevor. Ein weißer Nebel sammelte sich schnell dichter und dichter; die Matrosen wurden aufgeboten, alle gewichtigen Gegenstände nach unten geschafft und die Kanonen festgemacht. Nun kam ein Windstoß, der das Schiff auf die Seite legte, so daß es sich erst nach einer Minute wieder aufzurichten vermochte; dann ein zweiter, ein dritter – immer ungestümer und ungestümer. Die See, obschon noch glatt, schien zuletzt unter dem gewaltig einherfegenden Typhun eine weiße Schaumfläche zu sein. Er brach auf das Schiff los, das sich bis zu seinem Schanddecke niederbeugte und so verblieb. Nach einer Viertelstunde war der Orkan vorüber und das Schiff erleichtert; aber nun hatte sich die See gehoben und der Wind wehte stark. Nach einer Stunde kamen abermalige Stöße, noch wilder und wüthender als zuvor; die Wogen zischten hoch auf. Ströme von Regen gossen nieder und das Schiff wurde ganz auf die Seite gelegt. So verblieb es, bis der wilde Orkan vorbeigefegt hatte, um seinen Gang der Zerstörung nach weit entlegenen Strichen zu nehmen, nur eine wild tobende See zurücklassend.

»Ich glaube, 's ist beinahe vorüber, Herr,« sagte Krantz. »Windwärts heitert sich's ein wenig auf.«

»Ich glaube selbst auch, daß wir das Schlimmste schon überstanden haben,« entgegnete Philipp.

»Nein, 's kommt noch ärger;« ließ sich eine dumpfe Stimme in Philipps Nähe vernehmen. Es war Schriften, der gesprochen hatte.

»Ein Schiff windwärts, das vor der Bö lenßet,« rief Krantz.

Philipp blickte in die Richtung des Windes und entdeckte an der Stelle, wo der Horizont am klarsten war, ein Schiff unter Mars- und Focksegeln, das gerade abwärts steuerte.

»'s ist ein großes Schiff; bringt mir mein Fernglas.«

Das Telescop wurde aus der Kajüte geholt, aber ehe Philipp Gebrauch davon machen konnte, hatte sich im Luv der Nebel wieder gesammelt und das Schiff war nicht mehr zu sehen.

»Da ist's wieder dick,« bemerkte Philipp, indem er sein Telescop zusammen steckte; »wir müssen auf das Schiff Acht haben, daß es nicht zu dicht auf uns zuläuft.«

»Es hat uns ohne Zweifel auch gesehen,« entgegnete Krantz.

Nach einigen Minuten tobte der Typhun auf's Neue und die Atmosphäre hüllte sich in ein trübes Düster. Es schien, als ob ein schwerer Nebel vor dem wüthenden Wind einhergejagt würde. Nichts ließ sich unterscheiden, als der weiße Schaum des Meeres, und auch dieser nicht weiter, als auf eine halbe Kabelslänge, denn jenseits verlor sich Alles im dunkeln, grauen Dunst. Das Sturmstagsegel wich der Gewalt des Windes, riß in Fetzen und peitschte mit einem krachenden Getöse umher, das sogar noch lauter war, als die Stimme des Sturmes. Der wüthende Stoß ging wieder vorüber und der Nebel klärte sich ein wenig auf.

»Ein Schiff auf der Wetterseite, dicht an Bord vor uns!« rief Einer der Matrosen.

Krantz und Philipp sprangen auf das Schanddeck und erblickten das große Schiff, das in einer Entfernung von nicht ganz drei Kabellängen gerade gegen sie herunter kam.

»Das Steuer auf! wir werden nicht bemerkt, und das Schiff stößt gegen unsern Bord!« rief Philipp. »Das Steuer auf! sage ich; hart auf – hurtig!«

Das Ruder wurde erhoben und die Matrosen, welche die bevorstehende große Gefahr entdeckten, kletterten auf die Kanonen, um zu sehen, ob das fremde Schiff seinen Curs ändere. Aber nein – es kam herunter, und da die Hauptsegel des Utrechts weggenommen waren, so entdeckten sie jetzt zu ihrem Entsetzen, daß ihr Schiff auf das Ruder nicht ansprechen und in der gewünschten Weise ausweichen konnte.

»Schiff ahoy!« schrie Philipp durch sein Sprachrohr, aber der Sturm jagte den Ton zurück.

»Schiff ahoy!« rief Krantz auf dem Schanddeck, indem er seinen Hut schwenkte.

Es war vergeblich – der Fremde kam herunter, das Wasser schäumte unter seinen Bugen und war jetzt nur noch auf Pistolenschußweite von dem Utrecht entfernt.

»Schiff ahoy!« vereinigten sich alle Matrosen zu einem Gebrüll, das nothwendig gehört werden mußte.

Aber das fremde Schiff achtete nicht darauf, sondern kam auf sie zu, und sein Brustholz stand nur noch zehn Ellen von dem Utrecht ab. Die Mannschaft des Letzteren, welche jeden Augenblick in Folge des Anpralles eine Zertrümmerung ihres Schiffes fürchteten, kletterten auf das Luvschanddeck, um die Taue des Fremden aufzufangen und an dessen Bord zu klettern. Amine war, durch den Lärm auf dem Deck überrascht, herausgekommen und hatte Philipp am Arm genommen.

»Halte dich an mich – die Erschütterung –«

Philipp sagte Nichts mehr. Das Brustholz des Fremden berührte die Schiffswand. Die Matrosen des Utrecht erhoben ein allgemeines Geschrei und sprangen vor, um das Bugspriettakelwerk des anderen Schiffes zu fassen, das jetzt zwischen ihre Masten hereinbohrte – aber sie ergriffen Nichts – Nichts – es fand keine Erschütterung – kein Zusammenstoß der beiden Schiffe statt. Der Fremde schien den Utrecht zu durchschneiden – sein Rumpf drang lautlos vor – kein krachendes Gebälk – kein Fallen der Masten – die Fockraa drang durch das große Segel, und doch blieb die Leinwand unverletzt – das ganze Schiff ging durch den Utrecht durch, und doch blieb keine Spur von einer Beschädigung zurück – nicht schnell, sondern langsam, als ob der scharfe Schnabel unter dem Heben und Stoßen der Wellen gleich einer Säge wirke. Die Fockputtingen des Fremden waren bereits durch das Schanddeck vorgedrungen, ehe Philipp sich zu fassen vermochte.

»Amine,« rief er endlich; »das Geisterschiff! mein Vater!«

Die Matrosen des Utrecht, die noch erstaunter über diese wunderbare Erscheinung waren, als über ihre frühere Gefahr, warfen sich auf dem Decke nieder oder eilten nach unten, um zu beten; Andere blieben vor Schrecken und Furcht wie versteinert. Amine war augenscheinlich die Ruhigste an Bord, selbst Philipp nicht ausgenommen; sie sah zu, wie das Schiff langsam sich weiter bewegte, während die Matrosen desselben ruhig über das Schanddeck lehnten, als lachten sie über die Verwirrung, die sie angerichtet hatten. Auch nach Vanderdecken spähete sie und entdeckte endlich auf der Hütte des Schiffes, das Sprachrohr unter dem Arme, das Bild ihres Philipp – die nämliche kühne, kräftige Gestalt – dieselben Züge – augenscheinlich auch das gleiche Alter – nein, es konnte kein Zweifel obwalten – dies war der verurtheilte Vanderdecken.

»Sieh, Philipp,« sagte sie; »sieh! – Dein Vater!«

»Gerade so – barmherziger Himmel! es ist – es ist –«

Und Philipp sank von seinen Gefühlen überwältigt auf dem Deck nieder.

Das Schiff hatte nun den Utrecht durchschnitten, und man sah die Gestalt des älteren Vanderdecken nach hinten gehen und über den Hackebord blicken. Amine bemerkte, wie er zusammenfuhr und sich plötzlich wegwandte – sie schaute nieder und sah, wie Schriften grimmig die Faust nach dem übernatürlichen Wesen schüttelte. Abermals flog das Geisterschiff im Lee vor dem Sturme dahin und war bald im Nebel verloren; aber schon vorher hatte sich Amine umgewandt und Philipps Lage entdeckt. Niemand als sie und Schriften schien einer Thätigkeit oder Bewegung fähig zu sein. Amine begegnete dem Blicke des Piloten; sie winkte ihm und brachte unter seinem Beistande Philipp in die Kajüte.

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