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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Zwanzigstes Kapitel.

Wir müssen jetzt zu Amine zurückkehren, die wir auf der Moosbank finden, wo sie sich mit Philipp besprochen hatte, als sie von dem Piloten Schriften unterbrochen wurde. Sie ist in tiefen Gedanken – die Augen niedergeschlagen, als suche sie die Vergangenheit sich in's Gedächtnis; zu rufen. »Ach, besäße ich die Kraft meiner Mutter,« rief sie; »aber sie ist dahin – dahin für immer! ich kann die Qual der Ungewißheit nicht ertragen – und dazu kommen noch diese thörichten Priester!«

Dann erhob sie sich von der Bank und kehrte nach ihrer Wohnung zurück.

Pater Matthias war noch immer nicht nach Lissabon abgereist; denn anfangs hatte er keine Gelegenheit gefunden und später veranlaßten ihn die Gefühle des Dankes gegen Philipp, bei Aminen zu bleiben, weil diese den Lehren des christlichen Glaubens mit jedem Tage abgeneigter zu werden schien. Oft und vielmal berieth er sich mit dem Pater Seysen, und die guten alten Leute ließen es an Ermahnungen nicht fehlen, auf die Amine bisweilen hörte, ohne etwas zu antworten, obschon sie zu andern Zeiten auch kühn ihre Gegengründe vorbrachte. Es schien ihnen, als weise sie die christliche Religion mit einer Hartnäckigkeit zurück, die ihnen ebenso unverzeihlich, als unbegreiflich dünkte, obschon ihre Einwendung einfach genug war: »Sie könne eben nicht glauben,« sagte sie, »was sie nicht zu verstehen vermöge.« Sie ging zwar so weit, daß sie die schönen Grundsätze und die Reinheit der Lehre anerkannte; aber wenn die guten Priester auf ihre Dogmen eingingen, schüttelte Amine entweder den Kopf oder versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Dies vermehrte übrigens nur den Eifer des guten Pater Matthias, die Seele eines so jungen und schönen Wesens zu retten. Er dachte nicht länger an die Rückkehr nach Lissabon, sondern weihte seine ganze Zeit Aminens Bekehrung, obgleich diese zuletzt seiner unablässigen Zudringlichkeit in einem Grade satt war, daß ihr fast seine Anwesenheit zuwider wurde.

Wenn man ein wenig nachdenkt, wird man es nicht überraschend finden, daß Amine einem Glaubensbekenntniß abgeneigt war, das so gar nicht mit ihren Wünschen und Absichten im Einklange stand. Der menschliche Geist ist stolz, und muß aller seiner Demuth aufbieten, ehe er sich sogar vor der Gottheit beugen mag.

Amine wußte, daß ihre Mutter ausgezeichnete Kenntnisse in übernatürlichen Künsten besessen hatte, und war Zeuge gewesen, wie dieselbe ihr Wissen mit Erfolg anwandte, obgleich sie damals noch so jung gewesen war, daß sie sich jetzt nicht mehr die geheimnißvollen Vorbereitungen in's Gedächtniß zu rufen vermochte, durch welche es ihrer Mutter gelungen war, ihre Wünsche zu erreichen. Alle ihre Gedanken trugen sich nun mit dem Bestreben, das Vergessene wieder in die Erinnerung zu rufen, und Pater Matthias wollte ihr einen Glauben aufdringen, der schon den leisesten Versuch dazu mit Entschiedenheit verbot. Die eigenthümliche und geheimnißvolle Sendung ihres Gatten bestärkte sie in ihrer Ansicht, daß es kein Unrecht sei, zu übernatürlichen Einflüssen Zuflucht zu nehmen, und die Beweisgründe, welche ihr die zwei würdigen, aber nicht sehr talentvollen Lehrer des Christenthums vorhielten, übten nur geringen Eindruck auf Aminens kräftigen und entschiedenen Geist, der, nur einen einzigen Gegenstand in's Auge fassend, mit Geringschätzung Lehren zurückwies, welche man ihr nicht anschaulich machen konnte, indem man sie einfach dazu aufforderte, blindlings Dinge zu glauben, die, ihrer Ansicht nach, mit dem gesunden Menschenverstande in Widerspruch standen. Daß die Kunst ihrer Mutter Zeugniß ablegen konnte von ihrer Wahrhaftigkeit, hatte sie bereits gezeigt, und sie begnügte sich mit der Wirkung des Traumes, den sie in Philipp hervorgerufen. Aber welche Beweise konnten die Priester ihr bieten? – Schriften – welche sie nicht einmal lesen sollte!

»O! daß ich die Kunst meiner Mutter besäße!« wiederholte Amine noch einmal, als sie in ihre Wohnung trat; »dann würde ich doch wissen, wo sich mein Philipp in diesem Augenblick befindet. Wie oft blickte ich nicht auf dein Geheiß in den schwarzen Spiegel und sagte dir, was ich darin vorgehen sah. Ich erinnere mich noch gut jener Zeit – der Zeit, als mein Vater abwesend war – ich schaute in die Flüssigkeit auf meiner Handfläche und erzählte ihr von dem Beduinenlager – von dem Gefecht – von dem Rosse ohne Reiter – von dem Turbane auf dem Sande.«

Und abermals versank Amine in tiefe Gedanken.

»Ja,« rief sie nach einer Weile, »du kannst mir beistehen, Mutter! Theile mir dein Wissen in einem Traume mit, deine Tochter erbittet sich's als eine theure Gabe. Wie ist's doch – das Wort – wie lautete das Wort – der Name des Geistes – Turschun? Ja, ich glaube, es war Turschun. Mutter! Mutter! Hilf deiner Tochter!«

»Rufst du die gebenedeite Jungfrau an, mein Kind?« fragte Pater Matthias, der, als Amine die letzten Worte sprach, in's Zimmer getreten war. »Wenn dies der Fall ist, so thust du wohl, denn sie kann dir erscheinen in deinen Träumen und dich im wahren Glauben bekräftigen.«

»Ich habe meine Mutter angerufen, die im Lande der Geister weilt, guter Vater,« versetzte Amine.

»Ja, aber als eine Ungläubige. Ich fürchte, sie ist nicht im Lande der seligen Geister, mein Kind.«

»Sie wird doch wohl nicht an einem Orte der Strafe sein, weil sie dem Glaubensbekenntnisse ihrer Väter folgte, da an dem Orte, wo sie lebte, kein anderes bekannt war?« entgegnete Amine unwillig. »Wenn das Gute auf Erden in einer andern Welt belohnt wird, wenn sie, wie Ihr behauptet, eine Seele hatte, die gerettet werden konnte – einen unsterblichen Geist – so wird ihn der Schöpfer nicht vernichten, weil sie ihn in der Weise ihrer Väter angebetet hat. – Ihr Leben war gut; warum sollte sie für ihre Unbekanntschaft mit einem Glauben bestraft werden, den sie nie zurückzuweisen Gelegenheit hatte?«

»Wer kann mit dem Willen des Himmels rechten, mein Kind? Danke Gott, daß du Belehrung erhalten hast und in den Schoos der heiligen Kirche aufgenommen wurdest.«

»Ich muß für Vieles dankbar sein, Vater; aber ich bin müde – und wünsche Euch gute Nacht.«

Amine zog sich nach ihrem Gemache zurück, aber nicht um zu schlafen. Wieder versuchte sie die Ceremonie, welche ihre Mutter anzuwenden pflegte, und änderte sie etlichemal, als zweifle sie an dem Erfolge. Das Rauchfaß wurde angezündet und die Zauberformel versucht; das Zimmer füllte sich abermals mit Rauch, nachdem sie die verschiedenen Kräuter auf die Pfanne geworfen, von denen sie Kenntniß besaß; denn sie hatte alle Papiere, die nach dem Tode ihres Vaters bei Seite geworfen worden waren, sorgfältig gesammelt und auf vielen die Anweisungen zum Gebrauche der gedachten Kräuter gefunden.

»Das Wort! das Wort! ich habe das erste – das zweite Wort! Hilf mir, Mutter!« rief Amine, neben dem Bette sitzend, während das Zimmer so von Rauch angefüllt war, daß sich Nichts unterscheiden ließ.

»Es nützt Nichts,« dachte sie endlich, die Hände an den Seiten niederfallen lassend, »ich habe die Kunst vergessen. Mutter! Mutter! hilf mir diese Nacht in meinen Träumen!«

Der Rauch verzog sich allmälig, und als Amine ihre Augen erhob, bemerkte sie eine vor ihr stehende Gestalt. Anfangs glaubte sie, ihr Zauber sei erfolgreich gewesen; aber als die Gestalt bestimmter hervortrat, erkannte sie den Pater Matthias, der sie mit verschlungenen Armen und finsterem Stirnrunzeln ansah.

»Gottloses Kind! Was thust du?«

Amine hatte nicht nur durch ihr Gespräch, sondern auch durch verschiedene Versuche, welche sie früher angestellt hatte, um ihre verlorene Kunst wieder zu gewinnen, den Argwohn des Priesters geweckt und war auch bei einer der letztern Gelegenheiten, als sie ihr Treiben vertheidigte, von Pater Matthias und Pater Seysen als eine Person, die zu derartigen Künsten ihre Zuflucht nehme, mit den bittersten Anathemen überschüttet worden.

Der Duft der gewürzigen Kräuter und der Rauch, welcher das ganze Haus erfüllte, war Pater Matthias verdächtig vorgekommen, weßhalb er leise hinausschlich und unbemerkt in das Gemach trat. Amine bemerkte mit einemmale ihre Gefahr. Wäre sie für sich gewesen, so hätte sie dem Priester Trotz geboten; aber um Philipps willen beschloß sie, ihn auf eine falsche Spur zu leiten.

»Ich thue nichts Unrechtes, Vater,« versetzte sie ruhig; »aber es scheint mir nicht ziemlich, daß Ihr in das Gemach einer jungen Frau eintretet, während ihr Gatte abwesend ist. Ich hätte schon im Bette liegen können. Das ist eine seltsame Aufdringlichkeit.«

»Das ist nicht dein Ernst, Weib! Mein Alter – mein Beruf – beides ist eine hinreichende Gewährleistung,« versetzte Pater Matthias, etwas verwirrt über diesen unerwarteten Vorwurf.

»Nicht immer, Vater, wenn das wahr ist, was ich mir von Mönchen und Priestern erzählen ließ,« versetzte Amine. »Ich frage Euch noch einmal, warum kommt Ihr in das Gemach eines unbeschützten Weibes?«

»Weil ich die Ueberzeugung in mir trage, daß sie unheilige Künste übt.«

»Unheilige Künste? Was meint Ihr damit? Ist die Geschicklichkeit des Arztes unheilig? Ist es unheilig, dem Leidenden Erleichterung zu bringen – das Fieber zu bannen, das den Leib derjenigen martert, welche in diesem ungesunden Klima wohnen?«

»Jeder Bann ist sehr unheilig.«

»Wenn ich vom Bannen sprach, Vater, so nehme ich dieß in einem ganz andern Sinne, als Ihr, indem ich damit einfach ein Heilmittel bezeichnen will. Wenn die Kenntniß gewisser Kräuter, deren passende Verbindung eine treffliche Arznei für Leidende abgibt – eine Kunst, die meine Mutter gut verstand und die ich mir jetzt vergeblich zurückzurufen bemüht bin – wenn diese Kenntniß oder der Wunsch, diese Kenntniß wieder zu erlangen, unheilig ist, dann habt Ihr Recht.«

»Ich hörte dich aber den Beistand deiner Mutter anrufen?«

»Ja, denn sie kannte die Bestandtheile genau, obgleich ich fürchte, daß mir ein ähnliches Wissen abgeht. Ist das sündig, guter Vater?«

»Du wolltest also ein Arzneimittel auffinden?« entgegnete der Priester. »Ich meinte, du trügest dich mit Dingen, die nicht erlaubt sind.«

»Kann es unerlaubt sein, einige Kräuter zu verbrennen? Was erwartet Ihr zu finden? Betrachtet immerhin diese Asche, Vater – mit Oel in die Haut eingerieben, kann sie Kranken Erleichterung bringen – aber zu was weiter vermöchte sie zu dienen? Was verlangt ihr von ihr – einen Geist – ein Gespenst – wie das, welches die Prophetin vor dem Könige Israel erscheinen ließ?«

Und Amine lachte laut.

»Ich bin verwirrt, aber nicht überzeugt,« erwiderte der Priester.

»Ich bin auch verwirrt und nicht überzeugt,« antwortete Amine geringschätzig. »Ich kann nicht begreifen, wie ein Mann von Eurem Verstande wirklich zu glauben vermag, daß im Verbrennen von Kräutern etwas Unrechtes liege; auch bin ich nicht überzeugt, daß dieß der Grund ist, welcher Euch in nächtlicher Stunde nach dem Gemach eines einsamen Weibes führt. Es giebt vielleicht natürliche Zauber, die weit gewaltiger sind, als Eure sogenannten übernatürlichen. Ich bitte Euch, Vater, verlaßt dieses Zimmer. Es ist nicht ziemlich. Solltet Ihr Euch abermals soweit erdreisten, so verlaßt Ihr das Haus. Ich hatte eine bessere Meinung von Euch. In Zukunft werde ich mich nie wieder allein finden lassen.«

Dieser Angriff Aminens auf den Ruf des alten Priesters war zu strenge. Pater Matthias verließ augenblicklich das Gemach und sprach beim Hinausgehen:

»Möge dir Gott deinen falschen Argwohn und dein großes Unrecht verzeihen! Ich kam aus keinem andern, als aus dem angegebenen Grunde hieher.«

»Ja,« sagte Amine zu sich selber, nachdem sie die Thüre geschlossen hatte; »ich weiß das, aber ich wollte mich deiner unwillkommenen Gesellschaft entledigen. Ich brauche keine Spionen für meine Handlungen – keine Leute, die mir in den Weg treten und meinen Willen zu vereiteln bemüht sind. In deinem Eifer hast du dich selbst bloß gestellt, und ich will den Vortheil benutzen, den du mir an die Hand gegeben hast. Ist euch heiligen Männern nicht einmal die Abgeschiedenheit des Frauengemachs heilig? Zum Danke für den Beistand im Unglück – für Nahrung und Obdach, willst du zum Späher werden? – wie würdig ist dieß des Glaubens, zu dem du dich bekennst!«

Sobald Amine das Rauchfaß weggeräumt hatte, öffnete sie die Thüre und rief eines der Mädchen herbei, daß es die Nacht über im Zimmer bleibe, weil der Priester in ihr Gemach eingedrungen sei und sie keine Freude an derartigen Aufdringlichkeiten habe.

»Der hochwürdige Vater – ist's möglich?« rief das Mädchen.

Amine gab keine Antwort, sondern ging zu Bette. Pater Matthias, der in dem Zimmer unten auf- und abging, hörte jedoch alles, was oben vorfiel. Er besuchte am andern Tage den Pater Seysen und theilte ihm mit, was sich zugetragen hatte, und wie er Aminen in einem falschen Verdacht gehabt habe.

»Ihr habt voreilig gehandelt,« versetzte Pater Seysen, »daß Ihr zu einer solchen Stunde der Nacht ein Frauengemach besuchtet.«

»Ich hatte Argwohn geschöpft, guter Vater Seysen.«

»Und auch sie wird den ihrigen haben. Sie ist jung und schön.«

»Ach, bei der gebenedeiten Jungfrau! –«

»Ich glaube Euch gerne, guter Matthias,« entgegnete Pater Seysen, »aber doch könnte die Sache, wenn sie ruchbar würde, viel Aergerniß unter unserer Gemeinde verbreiten.«

Und sie wurde ruchbar – denn das Mädchen, welche Amine heraufbeschieden halte, ermangelte nicht, die Lästergeschichte weiter zu tragen. Pater Matthias wurde jetzt allenthalben so kalt aufgenommen, und fühlte sich selbst so unbehaglich, daß er bald nachher das Land verließ, und nach Lissabon zurückkehrte, ärgerlich über seine eigene Unklugheit, noch ärgerlicher aber über Aminens ungerechten Verdacht.

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