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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Zweites Kapitel.

Philipp Vanderdecken fühlte sich trotz seiner Seelenstärke doch fast gelähmt, als er entdeckte, daß der Geist seiner Mutter entwichen war. Eine Weile blieb er an der Seite des Bettes, keines Gedankens fähig und das Auge nur auf die Leiche geheftet. Aber allmälig faßte er sich wieder. Er stand auf, legte das Kissen zurecht, schloß der Verschiedenen die Augenlider und faltete dann seine Hände, während die Thränen über seine Wangen niederträufelten. Er drückte einen feierlichen Kuß auf die blasse, weiße Stirne der Todten und zog die Vorhänge um das Bette.

»Arme Mutter!« sagte er bekümmert, als er sein Geschäft beendigt hatte; »endlich ist dir Ruhe geworden – aber deinem Sohne hast du ein bitteres Vermächtniß hinterlassen.«

Und als Philipps Gedanken zu dem, was vorgegangen war, zurückkehrten, bemächtigte sich die furchtbare Erzählung seiner Einbildungskraft und verwirrte ihm beinahe das Gehirn. Er erhob die Hände zu seinen Schläfen und drückte sie mit Macht zusammen, dabei über den Maßregeln brütend, die er einschlagen sollte. Er fühlte, daß er keine Zeit hatte, seinem Grame nachzuhängen. Seine Mutter war in Frieden – aber sein Vater – wo war dieser?

Er rief sich die Worte seiner Mutter in's Gedächtniß. ›Nur Eine Hoffnung bleibt mir noch.‹ Hoffnung war also vorhanden. Sein Vater hatte ein Papier auf den Tisch gelegt – war es wohl noch zu finden? Ja, es mußte so sein; seine Mutter hatte nicht den Muth besessen, es aufzunehmen. Der Brief, der mehr als siebenzehn Jahre unerbrochen da gelegen hatte, gab eine Aussicht an die Hand.

Philipp Vanderdecken beschloß, das verhängnißvolle Gemach zu untersuchen, um mit einem Male das Schlimmste zu erfahren. Sollte er es unverweilt thun, oder bis zum Morgen warten – aber, wo war der Schlüssel? Seine Augen ruhten auf einem alten, lackirten Schreine in dem Zimmer; seine Mutter hatte ihn nie in seiner Gegenwart geöffnet – er war also der einzige Ort, wo das, was er suchte, wahrscheinlicherweise verborgen sein konnte. Rasch in allen seinen Entschließungen, griff er nach der Kerze und schickte sich an, seine Untersuchung vorzunehmen. Der Schrein war nicht verschlossen; die Thüren gingen leicht auf und Philipp durchspähete alle Schubladen, ohne den Gegenstand seiner Nachforschung zu finden; wieder und wieder öffnete er die Laden, aber sie waren leer. Da kam Philipp auf den Gedanken, daß vielleicht geheime Schubfächer vorhanden wären, und untersuchte das Geräthe geraume Zeit ohne Erfolg. Endlich nahm er sämmtliche Laden heraus, legte sie auf den Boden, erhob dann den Schrank und rüttelte ihn. Ein rasselndes Getöse in einer Ecke sagte ihm, daß der Schlüssel wahrscheinlich hier verborgen war. Er erneuerte seine Versuche, um zu entdecken, wie er ihn herauskriegen könne, aber vergeblich. Das Tageslicht strömte jetzt zum Fenster herein und Philipp hatte seine Bemühungen noch immer nicht eingestellt. Ermattet beschloß er endlich, die hintere Platte des Schreins herauszunehmen; er stieg nach der Küche hinunter, kehrte mit einem kleinen Stemmeisen und einem Hammer zurück, und lag eben auf seinen Knieen, emsig damit beschäftigt, das Hinterbrett auszubrechen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Philipp fuhr zusammen. Sein Spähen und seine wild jagenden Gedanken hatten ihn dermaßen in Anspruch genommen, daß er den Schall nahender Fußtritte nicht vernahm. Er sah auf und erblickte den Pater Seysen, den Geistlichen des kleinen Sprengels, dessen Augen ernst auf ihm hafteten. Der gute Mann hatte Kunde erhalten von dem gefährlichen Zustande der Wittwe Vanderdecken und war mit dem Grauen des Tages aufgebrochen, um sie zu besuchen und ihr geistigen Trost zu bringen.

»Was soll das, mein Sohn?« fragte der Priester. »Fürchtest du nicht, die Ruhe deiner Mutter zu stören, und willst du mausen und stipitzen, noch ehe sie unter dem Boden liegt?«

»Die Ruhe meiner Mutter fürchte ich nicht zu stören, guter Vater;« versetzte Philipp sich aufrichtend, »denn sie ist bereits unter den Seligen. Auch ist es nicht meine Absicht, etwas zu mausen, denn ich spähe nicht nach Gold, obgleich ich es mir mit Recht zueignen könnte, wenn welches vorhanden wäre. Mein Suchen gilt bloß einem Schlüssel, welcher, wie ich glaube, seit lange in diesem geheimen Schubfache verborgen liegt, das ich nicht zu öffnen verstehe.«

»Deine Mutter ist nicht mehr, sagst du, mein Sohn? Und todt, ohne die heiligen Sakramente empfangen zu haben? Warum hast du nicht nach mir geschickt?«

»Sie starb plötzlich, guter Pater – ganz plötzlich – erst vor ein paar Stunden in diesen meinen Armen. Für ihre Seele bin ich unbekümmert, obgleich es mir sehr leid thut, daß Ihr nicht an ihrer Seite wart.«

Der Priester öffnete sachte die Vorhänge und blickte auf die Leiche hin. Dann sprengte er etwas Weihwasser auf das Bette und verharrte eine geraume Zeit in stummem Gebete. Endlich wandte er sich gegen Philipp um.

»Warum sehe ich dich aber so beschäftigt, und was ist der Grund, daß du so ängstlich nach diesem Schlüssel suchst? Der Tod einer Mutter sollte doch wohl geeignet sein, kindliche Thränen und Gebete für ihre ewige Ruhe hervorzurufen, und doch sind deine Augen trocken. Du bemühst dich, einen gleichgültigen Gegenstand aufzusuchen, während die Hülle noch warm ist, aus der vor Kurzem der Geist entwich. Das ist durchaus nicht schicklich, Philipp. Was ist's mit dem Schlüssel, den du suchst?«

»Vater, ich habe keine Zeit zu Thränen – keine Zeit für Schmerz oder Weheklagen. Es bleibt mir viel zu thun, und ich habe mehr zu denken, als vielleicht mein Gehirn zu fassen vermag. Daß ich meine Mutter liebte, ist Euch nicht unbekannt.«

»Aber der Schlüssel, den du suchst, Philipp?«

»Vater, es ist der Schlüssel zu dem Gemach, das seit Jahren verschlossen blieb – und das ich – öffnen will – selbst wenn – –«

»Wenn was, mein Sohn?«

»Ich wollte etwas sagen, was ich verschweigen muß. Vergebt mir, Vater: ich meinte, daß ich jenes Gemach untersuchen müsse.«

»Ich habe längst auch von jener verschlossenen Stube gehört und weiß wohl, daß deine Mutter keine Auskunft darüber geben mochte, denn sie wollte sogar auf meine Fragen nie Rede stehen. Meine Pflicht veranlaßte mich, in sie zu dringen, aber als ich fand, daß mein Eifer ihr Gefahr drohte, gab ich jeden weiteren Versuch auf. Auf das Herz deiner Mutter muß eine schwere Last gedrückt haben, mein Sohn, obgleich sie mir nie darüber beichten oder dieselbe vertrauen mochte. Sage mir, hat sie dir vor ihrem Tode das Geheimniß mitgetheilt?«

»Ja, mein frommer Vater.«

»Würde es dir nicht zum Troste gereichen, wenn du es mir anvertrautest? Ich könnte dir mit meinem Rathe, mit meinem Beistande – –«

»Gewiß würde das der Fall sein, Vater, denn ich könnte auf Euren Beistand bauen und weiß recht wohl, daß Euch nicht bloße Neugierde, sondern ein besserer Beweggrund leitet. Aber aus dem, was meine arme Mutter sagte, ist mir noch nicht klar, ob sie die Wahrheit sprach, oder ob ihr nur irgend ein Phantom das Gehirn verwirrt hatte. Hat es mit der Sache seine Richtigkeit, so will ich gerne die Last mit Euch theilen – wie wenig Ihr mir es auch Dank wissen werdet; vorderhand aber muß ich schweigen und mein Werk erfüllen – ich muß allein das verhaßte Zimmer betreten.«

»Fürchtest du dich nicht?«

»Vater, ich fürchte nichts. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen – eine schreckliche zwar, aber ich bitte, fragt mich nicht weiter, denn gleich meiner Mutter, ist's mir, als ob eine Untersuchung der Wunde fast meine Vernunft über den Haufen werfen könnte.«

»Ich will nicht weiter in dich dringen. Vielleicht kommt die Zeit, in der ich dir Dienste leisten kann. Lebewohl, mein Kind; aber ich bitte dich, von dieser unziemenden Arbeit abzulassen, denn ich muß zu den Nachbarn schicken, damit sie deiner hingeschiedenen Mutter, deren Seele hoffentlich bei Gott ist, den letzten Dienst erweisen.«

Der Priester sah Philipp an und bemerkte aus der starren und betrübten Miene desselben, daß seine Gedanken anderswo waren; er entfernte sich mit Kopfschütteln.

»Er hat Recht,« sagte Philipp zu sich selbst, als er wieder allein war, indem er den Schrein aufnahm und ihn wieder an seinen vorigen Platz rückte. »Ein paar Stunden mehr oder weniger können keinen Unterschied ausmachen. Ich will mich niederlegen, denn mein Kopf ist schwindelig.«

Er begab sich in das anstoßende Gemach, warf sich auf sein Bette und lag nach ein paar Minuten in einem so tiefen Schlafe, als derjenige ist, der ein paar Stunden vor der Hinrichtung die Augen des Verurteilten zudrückt.

Während seines Schlummers kamen die Nachbarn herbei und trafen alle Vorkehrungen für die Beerdigung der Wittwe, ohne jedoch den Sohn zu wecken, weil sie es für eine heilige Pflicht hielten, den Schlaf zu schonen, dem nur ein schmerzliches Erwachen folgen konnte. Bald nach Mittag langte unter Anderen auch Mynheer Poots an. Er hatte zwar bereits Kunde von dem Tode der Wittwe erhalten, konnte aber über ein freies Stündchen verfügen und meinte, er könne recht wohl einen Besuch machen, da derselbe seine Rechnung um einen weitern Gülden erhöhen würde. Zuerst begab er sich nach dem Gemache, wo die Leiche lag, dann aber nach der Kammer Philipps, welchen er an der Schulter rüttelte.

Philipp erwachte, richtete sich auf und sah den Doktor neben seinem Lager stehen.

»Nun, Mynheer Vanderdecken,« begann der gefühllose kleine Mann, »so ist also Alles vorüber. Ich wußte wohl daß es so kommen würde; aber wohlgemerkt, Ihr schuldet mir jetzt einen weitern Gülden und Ihr habt mir versprochen, Alles redlich zu bezahlen. Mit dem Trank macht Alles zusammen vierthalb Gülden, vorausgesetzt, daß Ihr mir das Fläschchen zurückgebt.«

Philipp erholte sich während dieser Anrede aus seiner Schlaftrunkenheit, stand von seinem Bette auf und erwiderte:

»Ihr sollt Eure vierthalb Gülden und die Flasche obendrein haben, Herr Poots.«

»Ja, ja; ich weiß, Ihr habt die Absicht, mich zu bezahlen – wenn Ihr könnt. Aber schaut, Mynheer Philipp, es wird vielleicht einige Zeit anstehen, ehe Ihr die Hütte verkaufen könnt. Ihr werdet nicht viele Liebhaber finden. Nun, ich möchte nie gerne hart mit Leuten umgehen, die kein Geld haben, und will Euch daher sagen, was meine Ansicht ist. Eure Mutter hat da etwas um den Hals. Es besitzt für Niemand einen Werth, als – für einen guten Katholiken. Um Euch aus Eurer Noth zu helfen, will ich dieses Ding nehmen, und dann mit Euch quitt sein. Ich bin dann bezahlt und die Sache hat ein Ende.«

Philipp hörte ruhig zu; er wußte, was der kleine Geizhals meinte – die Reliquie am Halse seiner Mutter – dieselbe Reliquie, auf welche sein Vater den verhängnißvollen Eid geschworen hatte. Er fühlte, daß eine Million Gülden ihn nicht veranlassen konnte, sich davon zu trennen.

»Verlaßt das Haus,« antwortete er; »verlaßt es augenblicklich. Euer Geld soll bezahlt werden.«

Nun wußte Mynheer Poots für's erste, daß die Fassung der Reliquie, eine viereckige Kapsel von reinem Golde, mehr werth war, als die ihm schuldige Summe. Desgleichen war ihm nicht unbekannt, daß für das Heiligthum selbst ein großer Preis bezahlt worden war, und da in jener Zeit derartige Reliquien sehr werth gehalten wurden, so zweifelte er nicht, etwas Erkleckliches daraus zu lösen. Als er in die Leichenkammer trat, hatte der Anblick so verführerisch auf ihn gewirkt, daß er die Kapsel wegnahm und sie in seiner Rocktasche verbarg; er entgegnete daher –

»Mein Anerbieten ist nicht unrecht, Mynheer Philipp, und Ihr würdet gut thun, es anzunehmen. Wozu ist auch ein solcher Tand nütze?«

»Ich sage Euch noch einmal, nein,« rief Philipp ergrimmt.

»Wohlan denn, so laßt mir es wenigstens, bis ich bezahlt bin, Mynheer Vanderdecken – das ist nicht mehr wie billig. Ich mag mein Geld nicht verlieren. Wenn Ihr mir die vierthalb Gülden und die Flasche bringt, so will ich es Euch zurückgeben.«

Philipps Entrüstung kannte jetzt keine Grenzen mehr. Er ergriff Mynheer Poots am Kragen und warf ihn zur Thüre hinaus.

»Hinweg mit Euch, augenblicklich,« rief er, »oder bei – –«

Philipp hatte keine Gelegenheit, seine Verwünschung zu beendigen. Der Doktor war so erschrocken fortgeeilt, daß er die Hälfte der Treppe hinunterstürzte und hinkend sich über die Brücke hinüberhelfen mußte. Er wünschte fast, die Reliquie nicht an sich genommen zu haben; aber seine plötzliche Flucht hinderte ihn, sie der Leiche wieder anzulegen, selbst wenn er gewollt hätte. Das Ergebniß dieses Gesprächs lenkte natürlich Philipps Gedanken auf die Reliquie; er begab sich in das Zimmer seiner Mutter, um sie zu holen. Wie er die Vorhänge öffnete, lag die Leiche ausgestreckt – er wollte das schwarze Band losknüpfen, aber es war nicht mehr zugegen.

»Es ist fort!« rief Philipp. »Die Nachbarn werden es wohl nicht entfernt haben – nein, nimmermehr. – – Es muß jener Schurke der Poots gewesen sein. Aber ich will es wieder haben, selbst wenn er es verschluckt hätte – oder wenn ich ihm Glied für Glied vom Leibe reißen müßte.«

Philipp stürzte die Treppe hinunter, eilte aus dem Hause, setzte mit einem Sprunge über den Graben und eilte ohne Rock oder Hut in der Richtung, wo des Doktors einsame Wohnung stand. Die Nachbarn sahen ihn mit der Schnelligkeit des Windes vorbeieilen, blickten ihm verwundert nach und schüttelten die Köpfe. Mynheer Poots hatte den Weg noch nicht zur Hälfte zurückgelegt, da sein Knöchel verrenkt war. Aus Furcht vor den Folgen, wenn sein Diebstahl entdeckt werden sollte, sah er hin und wieder zurück, bis er endlich zu seinem Entsetzen Philipp Vanderdecken aus der Entfernung ihm nachstürzen sah.

Vor Schrecken ganz außer sich, wußte der armselige Dieb kaum, was er thun sollte. Halt zu machen und das gestohlene Eigenthum wieder zurückzugeben, war sein erster Gedanke; aber die Furcht vor Vanderdeckens Ungestüm that Einsprache, weshalb er beschloß, nach Kräften zu eilen, um sein Haus zu erreichen. Dort konnte er sich verschanzen und so das entwendete Gut bergen oder wenigstens seine Bedingungen machen, ehe er es herausgab.

Mynheer Poots hatte wohl nöthig, schnell zu laufen, und that es auch nach Kräften; seine welke Gestalt huschte rasch auf den Spindelbeinen über den Boden hin. Sobald jedoch Philipp bemerkte, daß der Doktor zu entfliehen versuchte, fühlte er sich völlig überzeugt, daß dieser der Schuldige war und verdoppelte deshalb seine Anstrengungen. Hundert Schritte von seiner Thüre hörte Mynheer Poots Philipps raschen Tritt immer näher kommen, und die Todesangst beschleunigte seine Eile. Näher und näher vernahm er seinen Verfolger, bis er zuletzt dessen Athemzüge unterscheiden konnte; er schrie deshalb in seiner Furcht laut auf, wie der Hase im Rachen des Windspiels. Philipp befand sich nur noch eine Elle hinter ihm: sein Arm war bereits ausgestreckt, als der Doctor, vor Schrecken völlig gelähmt, zusammensank. Vanderdecken schoß in seinem Ungestüm über ihn weg, that einen Fehltritt und sank, während er sein Gleichgewicht zu erhalten bemüht war, rollend auf den Boden. Dieß rettete den Geizhals – er war ganz das Seitenstück eines Hasen. Im Nu befand er sich wieder auf den Beinen, und noch ehe Philipp sich erheben konnte, hatte Poots bereits seine Thüre erreicht und sie von innen verriegelt. Der junge Mann war jedoch entschlossen, seinen wichtigen Schatz nicht aufzugeben, und warf keuchend seine Blicke umher, um zu sehen, welche Mittel sich darböten, um einen Eingang in das Haus zu erzwingen. Da jedoch die Wohnung des Doctors abgelegen stand, war jede Vorsichtsmaßregel getroffen worden, um den Eigenthümer gegen Beraubung zu sichern; die untern Fenster hatten starke Gitter und die des obern Stockes waren zu hoch, als daß sie hätten erklommen werden können.

Wir müssen hier bemerken, daß Mynheer Poots, der seiner anerkannten Tüchtigkeit eine gute Praxis verdankte, doch allgemein im Rufe eines hartherzigen, gefühllosen Geizhalses stand. Niemand durfte je über seine Schwelle kommen, oder hatte überhaupt nur Lust dazu. Er war so abgeschieden von seinen Nebenmenschen, wie seine Wohnung, und ließ sich überhaupt nur in Kranken- und Leichenstuben blicken. Wie es in seinem Hauswesen aussah, wußte Niemand zu sagen. Als er sich in der Gegend niederließ, zeigte sich hin und wieder auf das Klopfen Derjenigen, welche die Dienste des Doctors verlangten, ein altes, abgelebtes Weib; aber sie war bereits seit einiger Zeit begraben, und seitdem antwortete Mynheer Poots in Person, während die zudringlichen Hilfsbedürftigen in seiner Abwesenheit gar keinen Bescheid erhielten. Daraus folgerte man, daß der alte Mann ganz allein lebe, denn er war zu filzig, um einen Dienstboten zu bezahlen. Auch Philipp war dieser Ansicht, und sobald er wieder zu Athem gekommen war, sann er auf einen Plan, durch den er sich in den Stand setzen konnte nicht nur das gestohlene Eigenthum wieder an sich zu bringen, sondern auch derbe Rache zu üben.

Die Thüre war stark und ließ sich durch die Hülfsmittel, welche sich Vanderdeckens Augen darboten, nicht erbrechen. Einige Minuten hielt er inne, um zu überlegen, und da sich in dieser Zeit sein Zorn kühlte, beschloß er, sich mit Zurückgabe der Reliquie zu begnügen, ohne Gewaltthat anzuwenden. Er rief daher mit lauter Stimme: –

»Mynheer Poots, ich weiß, daß Ihr mich hören könnt. Gebt mir zurück, was Ihr mir genommen habt, und ich will Euch kein Leides zufügen. Habt Ihr übrigens keine Lust dazu, so müßt Ihr die Folgen auf Euch nehmen, denn Ihr sollt mir den Diebstahl mit Eurem Leben bezahlen, ehe ich von der Stelle weiche.«

Diese Worte waren in der That vernehmlich genug, um von Mynheer Poots gehört zu werden; der kleine Geizhals hatte sich jedoch von seinem Schrecken wieder erholt, und da er jetzt sicher zu sein wähnte, konnte er sich nicht entschließen, die Reliquie so leichten Kauf's aufzugeben. Er antwortete deßhalb nicht, in der Hoffnung, Philipps Geduld werde sich erschöpfen, und sann auf ein Abfinden, etwa auf das Opfer einiger Gülden, die für einen armen Teufel wie Philipp keine Kleinigkeit waren, um sich so die Reliquie zu sichern, die ihm einen hohen Preis einzubringen versprach.

Als Vanderdecken bemerkte, daß keine Antwort folgte, brach er in heftige Schimpfreden aus und entschied sich für Maßregeln, die ihrer Natur nach keineswegs unentschieden genannt werden konnten.

Nicht weit von dem Hause stand ein kleiner Schober dürren Futters und unter der Hauswand ein Haufen Brennholz. Mit derartigen Hülfsmitteln gedachte Vanderdecken das Haus in Brand zu stecken und so, wenn er auch seine Reliquie nicht erhielt, wenigstens volle Rache zu nehmen. Er brachte mehrere Arme voll Heu herbei, legte sie an die Thüre des Hauses und schichtete Reißbündel und Holzscheite auf, bis von der Thüre nichts mehr zu sehen war. Dann griff er zu Stein, Stahl und Zunder, die jeder Holländer stets bei sich führt und hatte bald den Stoß zur Flamme angefacht. Der Rauch stieg in dichten Wolken zu den Dachsparren empor, während das Feuer unten wüthete. Auch die Thüre entzündete sich und vermehrte die Wuth der Flamme. Philipp jubelte in wilder Freude über den glücklichen Erfolg seines Versuches.

»Ha, du erbärmlicher Leichenberauber – du armseliger Dieb, jetzt sollst du meine Rache fühlen,« rief Philipp mit lauter Stimme. »Wenn du drinnen bleibst, wirst du von den Flammen verzehrt, und versuchst du herauszukommen, so sollst du von meinen Händen sterben, – Hört Ihr's, Mynheer Poots – hört Ihr's?«

Philipp hatte seine Anrede kaum beendigt, als das Fenster des oberen Stocks, das von der brennenden Thüre am weitesten entfernt war, aufgerissen wurde.

»Ha – jetzt kommst du, um zu bitten und zu betteln: aber da wird nichts daraus,« rief Philipp, machte aber plötzlich Halt, da sich an dem Fenster etwas zeigte, was ihm wie eine überirdische Erscheinung vorkam, denn statt der Jammerfigur des Geizhalses erblickte er eine der lieblichsten Gestalten, welche die Natur je zu schaffen beliebt hatte, ein wahres Engelwesen von ungefähr sechszehn oder siebenzehn Jahren, das in der Mitte der Gefahr, von welcher es bedroht war, die größte Ruhe und Entschlossenheit behauptete. Das lange Haar des Mädchens war in Flechten gelegt und zweimal um den schöngebildeten Kopf geschlungen; aus ihren großen dunkeln Augen leuchtete eine sanfte Gluth, und ihre hohe weiße Stirne, ihr Grübchen-Kinn, die feingeschnittenen und gewölbten rubinrothen Lippen stachen allerliebst, bezaubernd gegen die kleine, gerade Nase ab. Ein lieblicheres Antlitz kann man sich nicht leicht denken; es erinnerte an das, was die besten Maler in ihren glücklicheren Augenblicken bisweilen zu verkörpern vermögen, wenn sie eine schöne Heilige darzustellen wünschen. Dazu noch die leckende Flamme und der Rauch, der an dem Fenster vorbeiqualmte – man hätte sie in ihrer ruhigen Haltung für eine Märtyrerin auf dem Scheiterhaufen nehmen mögen.

»Was beginnst du, ungestümer junger Mann? Warum sollen die Bewohner dieses Hauses durch dich den Tod erleiden?« rief die Jungfrau mit Fassung.

Philipp starrte die Gestalt einen Augenblick an und vermochte nicht zu antworten; dann erfaßte ihn der Gedanke, daß er im Begriffe sei, seiner Rache ein so liebliches Wesen zum Opfer zu bringen. In ihrer Gefahr alles Andere vergessend, ergriff er einen der großen Pfähle, die er zur Nahrung für die Flamme herbeigebracht hatte, und warf die brennende Masse nach allen Richtungen auseinander, bis nichts mehr zurückblieb, was das Gebäude hätte beschädigen können, als die lodernde Thüre, welche gleichfalls noch keine sehr wesentliche Beeinträchtigung erlitten hatte, da sie aus einer dicken, eichenen Bohle bestand. Aber auch hier wurde die Flamme bald gelöscht, indem Philipp dem verzehrenden Element durch Erdklöse ein Ziel setzte. Während dieser thätigen Maßregeln von Seiten des jungen Mannes sah die Jungfrau schweigend zu.

»Alles ist jetzt sicher, junge Dame,« sagte Philipp, »Gott verzeih' mir, daß ich ein so kostbares Leben in Gefahr setzen konnte. Ich hatte jedoch nur die Absicht, an Mynheer Poots meine Rache zu kühlen.«

»Und welchen Grund kann Mynheer Poots zu einer so schrecklichen Rache gegeben haben?« versetzte das Mädchen ruhig.

»Welchen Grund, junge Dame? Er kam in mein Haus und beraubte die Todten, indem er der Leiche meiner Mutter eine unschätzbare Reliquie abnahm.«

»Er beraubte die Todten? – Nein, gewiß, das kann nicht sein – Ihr thut ihm Unrecht, junger Mann.«

»Nein, nein. Es ist Thatsache, meine Dame – und diese Reliquie – verzeiht mir – aber diese Reliquie muß ich haben. Ihr wißt nicht, was davon abhängt.«

»Geduldet Euch, junger Mann,« erwiderte die Jungfrau. »Ich werde bald wieder zurückkehren.«

Philipp wartete mehrere Minuten in Gedanken und Bewunderung verloren. Ein so schönes Wesen im Hause von Mynheer Poots! Wer mochte sie sein? Während er seine Betrachtungen über diese Frage anstellte, wurde er durch die Silberstimme aus seinen Träumen geweckt. Der Gegenstand derselben lehnte im Fenster und hielt in der Hand das schwarze Band, an welchem der so sehnlich verlangte Gegenstand befestigt war.

»Hier ist Eure Reliquie, Herr,« sagte das Mädchen. »Ich bedaure recht sehr, daß mein Vater eine That beging, welche wohl geeignet war, Euren Zorn zu rechtfertigen. Aber hier ist Euer Eigenthum,« fuhr sie fort, die Kapsel auf den Boden niederfallen lassend, »und jetzt könnt Ihr Euch entfernen.«

»Euer Vater, Jungfrau? Kann dieser Mensch Euer Vater sein?« entgegnete Philipp mit einer Angelegentlichkeit, daß er sogar die Reliquie aufzunehmen vergaß, welche zu seinen Füßen lag. Sie würde sich ohne Antwort von dem Fenster zurückgezogen haben, aber Philipp fuhr fort:

»Haltet, Jungfrau! haltet einen Augenblick, bis ich Euch um Vergebung gebeten habe für meine wilde, thörichte Handlung. Ich schwöre Euch's bei dieser geheiligten Reliquie,« fügte er bei, indem er sie vom Boden aufhob und an seine Lippen führte, »daß ich nicht so gehandelt haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß sich eine harmlose Person in diesem Hause befinde; um so mehr freut mich's aber jetzt, daß kein Schaden geschehen ist. Dennoch ist die Gefahr noch nicht vorüber, Jungfrau. Die Thüre muß aufgeriegelt und die Pfosten, welche noch immer glimmen, müssen mit Wasser begossen werden, da das Haus sonst doch noch in Brand gerathen könnte. Fürchtet nichts für Euren Vater, Jungfrau, denn hätte er mir auch tausendmal mehr Unrecht gethan, so wäret Ihr doch im Stande, jedes Haar auf seinem Haupte zu schützen. Er kennt mich gut genug, um zu wissen, daß ich mein Wort halte. Erlaubt mir, das Unrecht, das ich verübt habe, wieder gut zu machen, und dann will ich mich entfernen.«

»Nein, nein; traue ihm nicht,« sagte Mynheer Poots aus dem Inneren des Gemachs.

»Ja, ich will ihm trauen,« versetzte die Tochter. »Seine Dienste sind sehr von Nöthen, denn was könnte ein armes, schwaches Mädchen, wie ich, und ein noch schwächerer Vater, in einer so beängstigenden Lage ausrichten? Oeffnet die Thüre, damit wir das Haus in Sicherheit bringen können.«

Die Jungfrau redete sodann Philipp an: »Er wird die Thüre öffnen. Ich danke Euch für den zugesagten freundlichen Dienst und baue unbedingt auf Euer Versprechen.«

»Niemand kann mir nachsagen, daß ich je mein Wort gebrochen hätte,« erwiderte Philipp; »aber er muß sich beeilen, denn die Flammen brechen bereits wieder los.«

Mynheer Poots öffnete nun die Thüre mit zitternden Händen und flüchtete sich hastig wieder die Treppen hinauf. Die Wahrheit dessen, was Philipp gesagt hatte, war augenscheinlich. Es bedurfte vieler Eimer Wasser, bis das Feuer ganz gedämpft war; aber während des Löschgeschäftes ließen sich weder Tochter noch Vater blicken.

Sobald alle Gefahr beseitigt war, schloß Philipp die Thüre und blickte wieder nach dem Fenster hinauf. Das schöne Mädchen trat vor, und Philipp versicherte ihr mit einer tiefen Verbeugung, daß jetzt nichts mehr zu fürchten sei.

»Ich danke Euch,« versetzte sie, – »ich danke Euch recht sehr. Ihr habt Euch anfangs zwar übereilt, aber doch zuletzt noch mit großer Umsicht benommen.«

»Bemerkt Eurem Vater, Jungfrau, daß ich keinen Groll mehr gegen ihn hege und daß ich nach einigen Tagen kommen werde, um seine Forderung zu befriedigen.«

Das Fenster schloß sich. Philipp sah in großer Aufregung, aber mit ganz anderen Gefühlen, als bei seiner Ankunft, eine Minute lang darnach hinauf und lenkte dann seine Schritte nach der eigenen Wohnung.

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