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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
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Siebenzehntes Kapitel.

Ihre Schwierigkeiten waren jedoch noch nicht zu Ende. Das Feuer hatte sich jetzt dem Hauptdecke mitgetheilt und brach in der Mitte des Schiffs aus den Geschützpforten heraus. Der Floß, der neben Bord angefertigt wurde, mußte daher sternwärts abtriften, wo er den Schwellen der See mehr ausgesetzt war. Dieß verzögerte die Arbeit und in der Zwischenzeit nahmen die Flammen einen raschen Fortgang. Der Hauptmast, welcher schon lange brannte, fiel unter einem Schlingern des Schiffes über die Seite, und das Feuer aus den Hauptdeckpforten zeigte bald seine Zungen über den Vollwerken, während dicke Rauchwolken das obere Deck erfüllten und die Menschen, welche hier in Schaaren zusammengedrängt waren, fast erstickten; denn da seit einiger Zeit schon aller Verkehr mit dem Vorderschiff durch die Flammen abgeschnitten war, so hatte sich Alles nach hinten zurückgezogen. Die Weiber und Kinder wurden nun auf die Hütte geführt, um sie mehr aus dem erstickenden Qualm zu bringen; auch konnten sie von dort aus leichter über den Stern nach dem Floß niedergelassen werden.

Gegen vier Uhr Morgens war alles bereit, und es gelang den Anstrengungen Philipps und der Seeleute, ungeachtet der schwellenden See, Weiber und Kinder wohlbehalten auf dem Floße unterzubringen, wo sie weniger im Weg waren und die Männer sich gegenseitig ablösen konnten, wenn sie müde waren. Nach den Weibern und Kindern mußten die Truppen die Leitern hinuntersteigen. Einige gingen bei dem Versuche zu Grunde, indem sie unter den Bootsboden fielen und nicht wieder zum Vorschein kamen; aber dennoch langten zwei Dritttheile derselben wohlbehalten an den Orten an, die ihnen von Krantz angewiesen wurden, denn Letzterer war mit hinuntergegangen, um die wichtige Maßregel zu überwachen. Philipp hatte auch die Vorsicht beobachtet, daß er Kapitän Barentz bat, sich mit Pistolen an die Luke über dem Branntweinraum zu stellen, bis der Rauch des Hauptdecks diese Vorkehrung unnöthig machte; so blieben alle nüchtern – ein Umstand, welchem man die Ordnung und Regelmäßigkeit, die bei der ganzen schrecklichen Scene herrschte, zuzuschreiben hatte.

Noch ehe ein Dritttheil der Soldaten an der Hinterleiter hinuntergestiegen war, brachen die Flammen mit unwiderstehlicher Gewalt aus den Sternfenstern; Brunnen lebendigen Feuers schossen mehrere Fuß aus dem Schiffe heraus und brausten wie eine Esse, Zu gleicher Zeit schoß die Lohe durch alle Hinterpforten des Hauptdecks, so daß diejenigen, welche sich noch an Bord fanden, von Feuer umgeben und von Rauch und Hitze fast erstickt wurden. Die Sternleitern waren in einer Minute verzehrt und sanken in die See nieder, und wegen der ungeheuren Hitze mußten auch die Boote, welche die Mannschaft aufgenommen hatten, hinter dem Spiegel zurückbleiben. Die Weiber auf dem Floß schrieen laut auf, als sie von den brennenden Bruchstücken gesengt wurden, die auf sie niederfielen, während sie in eine dunkle Rauchwolke gehüllt waren, vor welcher sie die auf dem Deck des Schiffs Befindlichen nicht sehen konnten. Philipp versuchte, die Mannschaft an Bord anzureden, wurde aber nicht gehört. Die Scene der Verwirrung endete mit dem Verluste vieler Menschenleben. Jeder hatte nur sein Entkommen im Auge, obgleich kein anderer Ausweg vorhanden war, als ein Sprung über Bord. Hätten sie übrigens noch gewartet und Philipps Weisung zu Folge sich nur nach einander in die See geworfen, so wären die Leute in den Booten völlig bereit gewesen, sie aufzulesen; auch hätten sie bis an's Ende der niedergelassenen lateinischen Besahnraa hinausklettern und dort sich wohlbehalten an einem Tau niederlassen können – aber die sengenden Flammen und der erstickende Rauch veranlaßten die Soldaten haufenweise über den Hackebord zu springen. Die Folge davon war eine herzzerreißende und schreckliche Scene. Die Matrosen in den Booten suchten allerdings die dreißig bis vierzig Schwimmer möglichst schnell zu retten, und die Weiber auf dem Floß warfen ihnen Gewänder zu, um sie darauf heraufzuholen; bald hörte man eine Frau laut aufschreien, die ihren Gatten vergeblich ankämpfen und in die Ewigkeit versinken sah, bald ließen sich Flüche und Verwünschungen von Seiten der Schwimmer hören, die von irgend einem Ertrinkenden gefaßt und mit ihm unter die Oberfläche gezogen wurden. Von den achtzig Soldaten, welche sich zur Zeit, als die Flammen aus dem Sternfenster brachen, noch an Bord befanden, wurden nur fünfundzwanzig gerettet. Mit Philipp waren auch noch einige Matrosen auf dem Schiffe; den Uebrigen war die Verfertigung des Floßes und die Bemannung der drei Boote aufgetragen worden. Was sich noch an Bord befand, richtete seine Bewegungen nach denen unseres Helden. Nachdem man den Booten volle Zeit gelassen hatte, um die Soldaten aufzulesen, hieß Philipp die Leute nach dem Ende der lateinischen Raa, welche über den Hackebord hing, hinausklettern und sich entweder auf das unten befindliche Rafft niederlassen, oder den Booten ein Zeichen geben, daß sie aufgenommen würden. Der Floß war jedoch weiter zurückgeblieben, damit seine Bemannung nicht allzusehr von dem Rauch und der Hitze leide, weshalb die sich niederlassenden Matrosen nacheinander von den Booten an Bord genommen wurden. Philipp forderte Kapitän Barenz auf, er solle vorausgehen, aber dieser weigerte sich. Der Rauch erstickte ihm die Stimme, sonst würde er gewiß noch Etwas zum Preise der Vrow Katharina gesagt haben. Philipp kletterte nun hinaus; der Kapitän folgte ihm und Beide wurden in eines der Boote aufgenommen.

Das Tau, welches bisher den Floß am Schiffe festgehalten hatte, wurde nun losgemacht und den Booten zugeworfen. In kurzer Zeit befand sich die Vrow Katharina im Lee und Philipp traf jetzt mit Kranz Maßregeln, um die Leute besser unterzubringen. Die Mehrzahl der Matrosen mußte die Boote einnehmen, damit sie sich gegenseitig im Rudern ablösen könnten; die übrigen aber erhielten ihren Platz bei den Soldaten, Weibern und Kindern des Floßes. Obgleich die Boote so voll geladen waren, als es nur möglich war, barg doch der Floß eine so große Anzahl, daß er fast fußtief untertauchte, wenn eine Seeschwelle hereinbrach. Indeß hatte man Stieper und Taue festgemacht, um ein Wegschwemmen der Menschen zu verhindern; auch befanden sich die Männer an den Seiten, während die Weiber und die Kinder in die Mitte zusammengedrängt waren.

Nach Bereinigung dieser Maßregeln nahmen die Boote den Floß in's Tau und ruderten mit dem Grauen des Tages dem Lande zu.

Mittlerweile war die Vrow Katharina nur eine einzige Flammenmasse geworden. Sie hatte ungefähr eine halbe Meile in's Lee abgetriftet, und Kapitän Barentz, der neben Philipp im Boote saß, brach, während er dem Brande zusah, in die Worte aus:

»Nun, da geht ein liebliches Schiff dahin – ein Schiff, das Alles konnte, nur nicht sprechen. Ich bin überzeugt, daß kein Fahrzeug in der Flotte ein solches Freudenfeuer abgegeben hätte, wie sie – brennt sie nicht schön, edel? Meine arme Vrow Katharina – vollkommen bis auf den letzten Augenblick! Wir werden nie wieder ein solches Schiff sehen! Ich bin nur froh, daß mein Vater diesen Anblick nicht erlebt hat, denn er würde dem armen Manne das Herz gebrochen haben.«

Philipp erwiderte nichts darauf, denn er respektirte sogar die übel angebrachte Achtung, die Kapitän Barentz gegen sein Schiff hegte. Sie kamen nur langsam vorwärts, denn das Schwellen des Meeres war ziemlich gegen sie, und der Floß ging tief im Wasser. Der Tag war angebrochen und der Stand des Wetters schien mit einem neuen Sturme zu drohen. Bereits kräuselte eine Brise die Oberfläche, und die Schwellen schienen sich eher zu vermehren, als niederzugehen. Der Himmel überzog sich mit dichtem Gewölk. Philipp sah nach Land aus, konnte aber nichts bemerken, denn der Horizont war in einen Nebel gehüllt, der ihn nicht weiter, als etwa fünf Meilen schauen ließ. Er fühlte, daß es nöthig war, noch vor Abend die Küste zu gewinnen, wenn nicht die vielen Personen, die ohne Nahrung auf einem gebrechlichen, tief im Wasser gehenden Floße saßen und mehr als sechzig Weiber und Kinder unter sich hatten – zu Grunde gehen sollten. Aber nirgends war Land zu sehen – mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Sturm nebst schwerer See und dunkler Nacht im Anzuge. In der That eine verzweifelte Aussicht, und Philipp fühlte sich sehr unglücklich, wenn er bedachte, daß so viele unschuldige Wesen noch vor dem nächsten Morgen einem feuchten Grabe überantwortet werden sollten. Und warum? – Ja, das war ein Gefühl, welches Philipp trotz aller Gegenraisonnements nicht überwinden konnte. Um sein eigenes Leben kümmerte er sich nichts, und in solchen Augenblicken fiel auch der Gedanke an seine geliebte Amine nicht in die Wagschaale. Der einzige Punkt, der ihn aufrecht erhielt, war das Bewußtsein, daß er seine Pflicht zu erfüllen habe, und in Uebung derselben faßte er sich wieder.

»Land vorne!« rief jetzt Krantz, der sich in dem vordersten Boote befand – eine Freudenpost, die von dem Floß und den Booten mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Die dadurch geweckten Hoffnungen waren wie Manna in der Wüste und die armen Weiber auf dem Floße, die bisweilen von den Schwellen bis an den Gürtel unter Wasser getaucht wurden, drückten ihre Kinder an die Brust, dabei ausrufend: »mein Herzchen, du wirst gerettet werden.«

Philipp trat auf die Sternbänke, um das Land zu beaugenscheinigen. Er machte die freudige Entdeckung, daß es keine fünf Meilen entlegen war, und ein Hoffnungsstrahl erwärmte sein Herz. Die Brise hatte sich mehr und mehr gesteigert und kräuselte das Wasser. Die Richtung des Windes war weder günstig noch widrig, da er von der Seite herkam. Hätten sie Segel gehabt, so wäre es freilich anders gewesen; so aber waren diese weggestaut worden und hatten nicht herausgeholt werden können. Der Anblick des Landes erregte natürlich große Freude; die Matrosen des Bootes jubelten laut und verdoppelten die Rudermannschaft, um ihre Fahrt zu beschleunigen; aber das Schleppen eines großen, unter's Wasser gesunkenen Floßes war keine leichte Aufgabe, weßhalb sie trotz aller Mühe nicht weiter als eine halbe Meile in der Stunde vorwärts kommen konnten.

Sie setzten ihre Anstrengungen bis Mittag fort, und nicht ohne Erfolg, denn sie befanden sich jetzt auf nicht ganz drei Meilen in der Landnähe. Als jedoch die Sonne den Meridian passirte; trat eine Veränderung ein. Die Brise wehte stark, die See schwoll schnell an und der Floß tauchte oft so tief in die Wellen unter, daß die darauf Befindlichen große Gefahr liefen. In gleichem Verhältnisse minderte sich auch die Geschwindigkeit ihrer Fahrt, und um drei Uhr waren sie kaum eine weitere halbe Meile vorgerückt. Die Matrosen, die während der schweren Arbeit so vieler Stunden nichts genossen hatten, begannen zu erschlaffen, und allerseits hörte man den Wunsch nach Wasser ausdrücken – vom Kinde an, das zur Mutter seine Zuflucht nahm, bis zu dem Matrosen, der sich am Ruder abmühete. Philipp bot Allem auf, um seine Leute zu ermuthigen, da sie ja jetzt dem Lande so nahe wären; diese aber waren erschöpft, murrten über den Floß, der sie hinderte, in ihren Hafen einzulaufen, und sprachen von der Nothwendigkeit, ihre Schlepplast zu kappen, da sie für sich selbst sorgen müßten. Der Geist der Meuterei erhob sein Haupt; aber Philipp machte ihnen Vorstellungen, und aus Achtung gegen ihn arbeiteten sie noch eine Stunde länger. Jetzt aber trat ein Umstand ein, der die Frage, über welche sie zu debattiren angefangen hatten, zur Entscheidung brachte.

Die hohe See und die frische Brise hatten den Floß so umhergestoßen, daß es den Leuten oft schwierig wurde, sich auf demselben zu erhalten. Ein lauter Schrei, mit Wehklagen gemischt, weckte die Aufmerksamkeit der Mannschaft in den Booten, und als Philipp zurückschaute, bemerkte er, daß die Bande des Floßes der Gewalt der Wogen nachgegeben hatten und das gebrechliche Fahrzeug in der Mitte auseinander gegangen war. Es war ein herzzereißender Auftritt – Gatten von ihren Weibern und Kindern getrennt und von einander fortschwimmend, denn der Theil des Floßes, welcher mit den Booten durch das Schlepptau zusammenhing, hatte die andere Hälfte bereits weit hinter sich zurückgelassen. Die Weiber erhoben sich mit wildem Geschrei, hielten ihre Kinder in die Höhe, und einige stürzten sich verzweifelnd in's Wasser; sie wollten das schwimmende Wrack erreichen, auf dem ihre Männer standen, versanken aber, ehe man ihnen Beistand leisten konnte. Das Entsetzliche steigerte sich jedoch mehr und mehr – denn nachdem eines der Bänder gewichen war, folgten die übrigen bald, und ehe die Boote zur Hülfe umwenden konnten, war die See mit den losen Spieren des Floßes bestreut, an denen sich Männer, Weiber und Kinder anklammerten. Wilde Verzweiflungsrufe zerrissen die Luft, und viele der Weiber gingen zu Grunde, während sie ihre Kleinen zu retten bemüht waren. Die noch zusammenhaltenden Balken wurden von den Wellen gegen einander geschleudert und erdrückten viele der Unglücklichen, die sich an den Seiten anklammerten. Obgleich alle Boote zum Beistand herzueilten, war es doch so schwierig und gefährlich, sich zwischen den Spieren durchzudrängen, daß nur Wenige gerettet werden konnten, und sogar diese Wenige waren mehr, als die Boote einzunehmen vermochten. Die Matrosen und einige Soldaten wurden aufgelesen, aber sämmtliche Weiber und Kinder fanden ihren Tod in den Wellen.

Die Wirkung dieser Katastrophe kann man sich wohl geistig vergegenwärtigen, aber kaum auf dem Papiere schildern. Die Matrosen, welche das Schlepptau kappen und die Leute auf dem Floße dem Untergang preisgeben wollten, weinten, als sie dem Ufer zuruderten. – Philipp selbst fühlte sich auf's Tiefste ergriffen; er verhüllte sein Gesicht und ertheilte – völlig achtlos gegen das, was um ihn vorging – geraume Zeit keine Befehle.

Es war fünf Uhr Abends: die Boote hatten die Schlepptaue eingezogen und wetteiferten jetzt mit einander in gewaltiger Anstrengung. Ehe die Sonne niederging, hatten sie das Gestade erreicht, und die Mannschaft ging in einer kleinen Sandbucht an's Land, welche keine Brandung hatte, da der Wind von der Küste abwehte. Die Boote wurden aufgeholt und die erschöpften Matrosen legten sich, ohne an Essen oder Trinken zu denken, auf dem von der Sonne noch erwärmten Sande nieder, um alsbald einzuschlafen. Sobald die Boote in Sicherheit gebracht waren, hielten Kapitän Barentz, Philipp und Krantz eine kurze Berathung, folgten aber dann dem Beispiele ihrer Leute, um nach der Erschöpfung der letzten vierundzwanzig Stunden im Schlummer Vergessenheit zu finden.

Viele Stunden lagen sie in tiefem Schlafe, träumten von Wasser und erwachten zu der traurigen Wirklichkeit, daß sie von heftigem Durst gequält wurden und sich auf einer Sandküste befanden, wo die Salzwellen ihnen Hohn sprachen. Sie bedachten jedoch, wie Viele ihrer Begleiter von dem feuchten Elemente verschlungen worden waren, und dankten dem Himmel für ihre Rettung. Es war Morgen, als sie sich aus den Furchen, welche ihre Körper dem nachgiebigen Sande eingedrückt hatten, erhoben, und Philipps Weisung gemäß zertheilten sie sich nach allen Richtungen, um die Mittel zum Löschen ihres verzehrenden Durstes aufzusuchen. Während sie über den sandigen Hügel gingen, fanden sie ein niedriges Gesträuch mit fleischigen Blättern, ähnlich dem sogenannten Eiskraut unserer Gewächshäuser, dessen dickes Laub mit großen Thautropfen bedeckt war. Sie sanken auf die Knie nieder und leckten die Feuchtigkeit ab, die ihnen bald eine jeweilige Erleichterung gewährte. Nachdem sie bis Mittag ihre Nachforschungen ohne Erfolg fortgesetzt hatten, gesellte sich zu ihrem Durste auch der Hunger. Sie kehrten nach der Küste zurück, um sich zu überzeugen, ob ihre Gefährten nicht glücklicher gewesen seien. Aber auch diese hatten ihren Durst mit dem Thau des Himmels löschen müssen und weder Wasser noch Lebensmittel gefunden. Einige davon aßen die Blätter der gedachten Pflanze und hatten gefunden, daß sie zwar sauer schmeckten, aber einen wässerigen Saft enthielten, der dem Gaumen sehr angenehm war. Dieses Kraut ist von der wohlwollenden Vorsehung dazu bestimmt, das Kameel und andere Thiere der Wüste zu nähren; es findet sich nur in sandigen Strichen und wird von allen Wiederkäuern mit Gier verzehrt. Auf Philipps Rath sammelten die Matrosen die Pflanze in Menge ein, brachten sie in die Boote und liefen dann wieder vom Stapel.

Sie waren nicht mehr als fünfzig Meilen von der Tafelbay entfernt, und obgleich es ihnen an Segeln gebrach, hatte sich doch jetzt der Wind zu ihren Gunsten gedreht. Philipp machte die Matrosen darauf aufmerksam, wie nutzlos es sein würde, an dieser öden Stelle zu bleiben, da sie aller Wahrscheinlichkeit nach vor Morgen einen Ort erreichen würden, wo sie alle ihre Bedürfnisse befriedigen könnten. Der Rath fand Beifall und Gehorsam. Die Boote fuhren ab und die Ruder wurden wieder aufgenommen. Indeß fühlte sich die Mannschaft doch so erschöpft, daß die Ruder nur mechanisch in's Wasser tauchten, da es an der Kraft zu nachdrücklicher Führung völlig gebrach. Mit dem nächsten Morgen langten sie erst vor der falschen Bay an und hatten noch viele Meilen zu rudern; aber auch dies verdankten sie blos dem günstigen Winde, da die Matrosen selbst wenig oder gar nichts thun konnten.

Der Anblick eines bekannten Landes wirkte übrigens ermuthigend, und gegen Mittag erreichten sie die Küste im Grunde der Tafelbai, wo die Häuser nebst dem Forte standen, das die seit einigen Jahren hier wohnenden Ansiedler beschützen sollte. Sie landeten an einer Stelle, wo ein breites Flüßlein, das sich im Winter zu einem reißenden Strome umwandelt, in die Bay einmündet. Bei dem Anblick des süßen Wassers ließen Einige der Matrosen ihre Ruder fallen und warfen sich in die seichte See, wo ihnen das Wasser bis über die Lenden ging, langten aber doch nicht so bald an, als diejenigen, welche warteten, bis die Boote auf die Küste aufstießen, um sodann auf das trockene Land zu springen. Nun aber ging es auf das Flüßlein los, welches etwa fünf oder sechs Zoll tief über das Kies strömte; sie tranken, bis sie nicht mehr konnten, tauchten ihre heißen Hände ein und wälzten sich entzückt in dem kühlen Wasser.

Despoten und Fanatiker haben allen ihren Scharfsinn aufgeboten, um Qualen für ihre Opfer zu erfinden. Vergebliche Mühe! – die Folter, der spanische Stiefel, das Feuer – Alles dies läßt sich nicht vergleichen mit der Pein eines heftigen Durstes. Im Uebermaße ihres Schmerzes rufen die Leidenden nach Wasser, und es wird ihnen gewährt: die Peiniger hätten sich all' ihren raffinirten Scharfsinn und die widerliche Schaustellung von Qualen sparen können, wenn sie nur den Gefangenen in seine Zelle eingeschlossen und ihm das Wasser verweigert haben würden.

Sobald die Matrosen das dringendste aller Bedürfnisse befriedigt hatten, erhoben sie sich triefend aus dem Strome und gingen auf die Häuser der Faktorie zu. Die Bewohner derselben bemerkten Boote am Lande, ohne daß ein Schiff in der Bay lag, und zogen daraus natürlich den Schluß, daß ein Unglück vorgefallen sei, weshalb sie den Ankömmlingen entgegen gingen. – Die traurige Geschichte war bald erzählt. Von beinahe dreihundert eingeschifften Menschen hatten sich nur sechsundsechzig gerettet, und auch diese waren mehr als zwei Tage ohne Nahrung geblieben. Die menschenfreundlichen Ansiedler stellten auf diese Kunde hin keine weitere Nachfragen an, bis die Leidenden ihren Hunger gestillt hatten, und nun erstatteten Philipp und Krantz ihren umständlichen Bericht.

»Ich meine, Euch schon einmal gesehen zu haben,« bemerkte einer der Ansiedler. »Kamt Ihr nicht an's Land, als die Flotte vor Anker lag?«

»Nein,« versetzte Philipp, »aber ich bin dennoch schon hier gewesen.«

»Ach, ich erinnere mich jetzt,« entgegnete der Mann. »Ihr wart der Einzige, der mit dem Leben davon kam, als der Schilling in der falschen Bay zu Grunde ging.«

»Nicht der Einzige,« erwiderte Philipp. »Ich glaubte es damals selbst auch, traf aber nachher mit dem Piloten Schriften, einem einäugigen Manne, zusammen, der mein Schiffsgefährte war – er muß nach mir hier angelangt sein. Ihr werdet ihn natürlich gesehen haben?«

»Nein,« sagte der Mann. »Von der Mannschaft des Schillings ist nach Euch Niemand mehr angekommen, denn da ich mich seitdem immer hier aufhielt, so hätte ich einen derartigen Umstand nicht wohl vergessen können.«

»So muß er wohl durch andere Mittel Gelegenheit gefunden haben, nach Holland zurückzukehren.«

»Wüßte nicht, wie er das hätte angreifen sollen. Wenn unsere Schiffe die Bay verlassen haben, nähern sie sich nie der Küste, da es zu gefährlich ist.«

»Und doch habe ich ihn gesehen,« versetzte Philipp nachdenkend.

»Nun, wenn Ihr ihn saht, so ist das hinreichend. Vielleicht wurde ein Schiff nach der Ostseite hinunter geblasen und hat ihn aufgenommen, denn die Eingebornen in jenem Theile hätten wahrscheinlich das Leben eines Europäers nicht geschont. Die Kaffern sind grausame Leute.«

Die Nachricht, daß Schriften sich nicht auf dem Kap gezeigt hatte, bot Philipp einen neuen Gegenstand zum Nachdenken. Der Leser weiß, daß unser Held stets etwas Uebernatürliches an dem Manne zu finden glaubte, und seine Muthmaßung fand in dem Berichte des Ansiedlers eine neue Bekräftigung.

Wir müssen nun die Frist von zwei Monaten überspringen, während welcher Zeit die Matrosen von den Ansiedlern sehr wohlwollend behandelt wurden. Endlich langte eine kleine Brigg in der Bay an um Erfrischungen einzunehmen; sie war mit voller Ladung auf dem Heimweg begriffen, und da sie im Dienste der Compagnie stand, so durfte sie sich nicht weigern, die Mannschaft der Vrow Katharina an Bord zu nehmen. Philipp, Krantz und die Matrosen schifften sich ein; aber Kapitän Barentz blieb zurück, um sich am Kap einen Herd zu gründen.

»Warum sollte ich auch nach Hause gehen?« sagte er zu Philipp, welcher ihm Vorstellungen machte, »da ich dort nichts mehr zu suchen habe? Ich bin ohne Weib und Kinder – hatte nur einen einzigen theuren Gegenstand, meine Vrow Katharina, die mir Weib, Kind und Alles war – sie ist dahin, und ich werde nie ein anderes Schiff finden, das ihr gleicht. Und wenn auch, so könnte ich es doch nicht so lieben, wie ich sie liebte. Nein, alle meine Neigungen sind mit ihr begraben – liegen eingebettet in der Tiefe des Meeres. Wie schön sie brannte! Wie ein Phönix ging sie aus der Welt – ein Name, den sie eigentlich hätte tragen sollen, da sie ihn verdient. Nein, nein, ich will ihr treu sein, will mir mein kleines Vermögen nachbringen lassen und ihrem Grabe so nahe als möglich bleiben. So lange ich lebe, werde ich sie nie vergessen; ich will trauern über sie, und wenn ich sterbe, wird man den Namen ›Vrow Katharina‹ in meinem Heizen eingegraben finden.«

Philipp konnte sich im Geheim des Wunsches nicht erwehren, er möchte seine Neigung einem verdienstvolleren Gegenstand zugewendet haben, da in diesem Falle der tragische Verlust wahrscheinlich nicht stattgehabt haben würde; er änderte jedoch den Gegenstand, da Kapitän Barentz kein Seemann war und deßhalb weit besser am Lande blieb, als wenn er abermals den Befehl eines Schiffes übernahm. Sie drückten sich die Hände und schieden – Philipp mit dem Versprechen, das Geld des Kapitäns in Güter umzuwandeln, die für einen Ansiedler nöthig wären, und sie mit der ersten Flotte nachzuschicken, welche aus dem Zuyder-Zee ausfahren würde. Unser Held war jedoch nicht so glücklich, diesen Auftrag vollziehen zu können. Die Brigg, welche Wilhelmina hieß, fuhr aus und langte bald zu St. Helena an. Nachdem sie Wasser eingenommen, setzte sie ihre Fahrt fort. An den westlichen Inseln landeten sie wieder und Philipp tröstete sich bereits mit der süßen Hoffnung, bald seine Amine in die Arme zu schließen, als im Norden von den Azoren ein wüthender Sturm ausbrach, vor welchem sie viele Tage, den Schiffsschnabel nach Südost gedreht, lenßen mußten. Als der Wind nachließ und sie umzuholen vermochten, trafen sie mit einer aus fünf Schiffen bestehenden holländischen Flotte zusammen, die von einem Admirale befehligt wurde. Letzterer hatte Amsterdam vor mehr als zwei Monaten verlassen und war während dieser Zeit fast ununterbrochen vom widrigen Winde hin- und hergeworfen worden. Kälte, Anstrengung und schlechter Mundvorrath hatten den Scorbut erzeugt, und die Schiffe waren so schlecht bemannt, daß sie kaum fortzukommen vermochten. Als der Kapitän der Wilhelmina dem Admiral berichtete, er habe einen Theil von der Mannschaft der Vrow Katharina an Bord, ertheilte Letzterer Befehl, dieselbe unverweilt zu Lenkung seiner verkümmerten Fahrzeuge abzuliefern. Alle Vorstellungen waren vergeblich. Philipp hatte nur noch Zeit, an Amine zu schreiben und ihr sein Mißgeschick, wie auch seine getäuschten Hoffnungen mitzutheilen. Mit dem Brief an seine Gattin übergab er auch dem Kapitän der Wilhelmina einen Bericht an die Direktoren, den Verlust der Vrow Katharina betreffend, packte dann seine Effekten und begab sich mit Krantz und seinen Matrosen an Bord des Admiralschiffes. Dazu kamen noch sechs Mann, welche der Admiral von der Wilhelmina preßte, worauf die Brigg, nachdem sie die Depeschen des Admirals in Empfang genommen, ihre Fahrt fortsetzen durfte.

Nichts ist einem Matrosen ärgerlicher, als wenn er sich unerwartet gezwungen sieht, nach vielen Gefahren wieder vorne anzufangen, und zwar zu einer Zeit, in welcher er sich bereits dem süßen Vorgefühle hingibt, von den erstandenen auszuruhen – und doch, wie oft kömmt dieß nicht vor! Philipp war sehr niedergeschlagen. »'s ist übrigens meine Bestimmung,« dachte er mit den Worten seiner Amine, »und warum sollte ich mich ihr nicht unterwerfen? Krantz wüthete und die Matrosen zeigten meuterische Gesinnungen – aber vergeblich. Auf dem weiten Meere, wo keine Appellation stattfindet, geht Gewalt vor dem Recht – an welchen Richterstuhl könnte man sich auch wenden?«

So hart übrigens auch die Maßregel erschien, handelte der Admiral doch ganz nach seiner Befugniß. Die wenigen Matrosen, die ihren Dienst noch zu besorgen im Stande waren, vermochten die Schiffe kaum zu lenken, und der kleine Zuwachs physischer Kräfte konnte das Mittel werden, Hunderte zu retten, die jetzt hülflos in ihren Hängematten lagen. Von den zweihundertundfünfzig Mann, welche in dem Admiralschiff »der Löwe« von Amsterdam ausgesegelt waren, konnten kaum siebenzig Dienst thun und die übrigen Schiffe hatten in gleichem Grade gelitten.

Der erste Kapitän des »Löwen« war todt, der zweite Kapitän lag in seiner Hängematte, und der Admiral hatte keinen andern Beistand, als die Maten des Schiffes, von denen einige gleichfalls mehr todt als lebendig herumkrochen. Das zweite Schiff »der Dort« befand sich in einem noch kläglicheren Zustande. Der Kommodore war todt und der erste Kapitän, der noch immer seinen Dienst versah, hatte nur noch einen einzigen verfügbaren Offizier auf dem Decke.

Der Admiral berief Philipp nach seiner Kajüte, ließ sich von ihm die Geschichte des Untergangs der Vrow Katharina erzählen und beorderte ihn, in der Eigenschaft eines Kapitän auf das Kommodoreschiff zu gehen, indem er dem andern Kapitän den Rang eines Kommodore verlieh, Krantz wurde als zweiter Kapitän auf dem Admiralschiff zurückbehalten, denn der Befehlshaber entnahm aus Philipps Erzählung, daß sowohl er als sein Mate tüchtige Offiziere waren.

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