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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
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Sechszehntes Kapitel.

Wir müssen jetzt Amine ihrer Einsamkeit überlassen und Philipps Schicksalen folgen. Die Flotte war mit vollen Segeln ausgefahren und steuerte rüstig die Zuyder-Zee hinab, hatte aber noch keine Stunde zurückgelegt, als die Vrow Katharina bereits eine Meile oder zwei zurückblieb. Mynheer Barentz maß die Schuld den Segelsetzern und dem Steuermann bei, der wiederholt einem Anderen Platz machen mußte; kurz, Alles hatte die Verantwortung zu tragen, nur nicht seine theure Vrow Katharina. Doch da war nicht zu helfen; sie blieb zurück und erwies sich als die schlechteste Seglerin in der ganzen Flotte.

»Mynheer Vanderdecken,« sagte endlich der Kapitän, »die Vrow ist, wie mein Vater zu sagen pflegte, nicht so gar schnell vor dem Wind. Schiffe, die sich am Wind gut halten, sind das selten; aber ich will Euch sagen, daß in jedem anderen Punkte des Segelns kein Schiff der Flotte der Vrow Katharina gewachsen ist.«

»Außerdem,« versetzte Philipp, welcher bemerkte, wie sehr sich sein Kapitän den Gegenstand zu Herzen gehen ließ, »haben wir schwer geladen und so viele Truppen auf dem Decke.«

Nachdem die Flotte die Sandbänke im Rücken hatte und nun dicht an den Wind kam, bewies die Vrow Katharina, daß sie sogar noch langsamer segelte, als zuvor.

»Wenn wir so gar dicht am Winde liegen,« bemerkte Mynheer Barentz, »hält sich die Vrow nicht am besten; aber gebt ihr einen Strich frei, und Ihr werdet sehen, wie sie der ganzen Flotte ihren Stern zeigen wird. Sie ist ein schönes Schiff, Mynheer Vanderdecken, oder nicht?«

»Ein recht hübsch geräumiges Schiff,« versetzte Philipp, und dies war auch Alles, was er mit gutem Gewissen sagen konnte.

Die Flotte segelte weiter, bisweilen am Wind, bisweilen frei; wie übrigens auch der Segelstrich sein mochte, die Vrow Katharina blieb stets zurück und die Flotte mußte mit dem Sonnenuntergange beilegen, daß die Dame nachkommen konnte. Dennoch fuhr der Kapitän fort, zu behaupten, daß der Segelstrich, in welchem sie sich zufällig befand, der einzige sei, in welchem sich die Vrow Katharina mangelhaft erweise. Unglücklicherweise war sie übrigens auch in anderen Punkten eben so schlecht, als in ihrem Segeln, denn sie lief stets in Gefahr, umzukippen, war leck und sprach auch auf das Steuer nicht gut an. Mynheer Barentz war jedoch nicht zu überzeugen. Er betete sein Schiff an und konnte, wie alle Verliebte, keinen Mangel an seiner Geliebten sehen. Andere waren jedoch nicht so blind, und der Admiral beschloß, weil er nicht wünschte, daß die Reise durch die Langsamkeit eines einzigen schlecht segelnden Schiffes allzusehr verzögert würde, die gute Vrow sich selbst zu überlassen, sobald sie das Kap umschifft hätten. Eine derartige Grausamkeit war jedoch unnöthig, denn eine schwere Bö zerstreute die ganze Flotte, und am zweiten Tage befand sich das gute Schiff, Vrow Katharina, allein, mühsam sich durch die Wellentröge kämpfend, leck, daß man stets die Pumpen beschäftigen mußte, und vor der Bö fast eben so schnell in's Lee abtriftend, als sie gewöhnlich segelte. Der Sturm hielt eine ganze Woche an und jeden Tag wurde ihr Zustand beunruhigender. Mit Truppen überfüllt und mit einer Menge von Vorräthen belastet, ächzte und arbeitete sie, während ein ganzes Meer über sie hinwusch und die Matrosen an den Pumpen kaum ihren Posten zu behaupten vermochten. Philipp strengte sich auf's Aeußerste an, ermunterte die erschöpfte Mannschaft, machte fest, wo Etwas gewichen war, und verkehrte nur wenig mit dem Kapitän, der selbst kein Seemann war.

»Nun,« bemerkte der Kapitän, der sich an den Belegnägeln festhielt, gegen Philipp, »Ihr werdet doch zugeben, daß sie schön Luv hält in einer Bö – oder nicht? Gemach, mein Herzchen, gemach,« fuhr er fort, das Schiff anredend, welches einen so schweren Sturz in die Wogen that, daß alles Gebälk ächzte.

»Gemach, mein Liebchen, gemach! Wie mögen wohl die armen Teufel in den andern Schiffen umhergeworfen werden! He! Mynheer Vanderdecken, diesmal haben wir den Vorsprung vor ihnen; sie müssen furchtbar weit im Lee drunten liegen. Meint Ihr nicht auch?«

»Ich kann mir da in der That keine Vermuthungs-Aeußerung erlauben,« versetzte Philipp lächelnd.

»Ei, es läßt sich ja nicht ein einziges blicken. Doch ja, beim Himmel – da ist eines! Schaut über unsern Leebaum. Nun, das muß jedenfalls ein Kapitalsegler sein. Schaut da – einen Strich Backstags hinten aus! Barmherziger Himmel, wie steif muß es sein, da es einen solchen Tuchdruck tragen kann.«

Philipp hatte das Schiff bereits gesehen – ein großes Fahrzeug an dem Winde und auf dem gleichen Gange mit der Vrow Katharina. In einer Bö, in welcher kein Schiff die Marssegel führen konnte, und die Vrow Katharina unter dicht gerafften Fock- und Stagsegeln ging, steuerte das Fahrzeug in Lee unter vollem Segeldruck – Bramsegel, Oberbramsegel, Klüver, kurz jeder Stich Tuch war ausgesetzt, als ob es nur eine leichte Brise wäre. Die Wogen thürmten sich berghoch an und tauchten die Vrow Katharina jede Minute bis an's Schanddeck unter; das andere Schiff aber schien sich nicht an den Wellentumult zu kehren, sondern segelte stetig und glatt auf ebenem Kiele fort. Philipp wurde es mit einmal klar, daß dies das Geisterschiff sein müsse, auf welchem das Urtheil seines Vaters erfüllt werden sollte.

»Ist das nicht sehr sonderbar?« bemerkte Mynheer Barentz.

Unser Held fühlte eine solche Bedrückung, daß er nicht zu antworten vermochte. Während er sich mit der einen Hand immer noch fest hielt, bedeckte er mit der andern seine Augen.

Die Matrosen hatten nunmehr das Schiff gleichfalls gesehen, und erinnerten sich der wohlbekannten Sage. Viele von den Truppen waren, als das Gerücht umging, gleichfalls auf das Deck geklettert, und Aller Augen waren auf das übernatürliche Schiff geheftet. Da brach unter heftigen Donnerschlägen ein wüthender Windstoß auf die Vrow Katharina los, und der schwere Regen machte die Luft so dicht, daß sich schon in kurzen Entfernungen nichts mehr unterscheiden ließ. Nach einer Viertelstunde hellte sich's wieder auf, und als sie nach dem Lee blickten, war das fremde Schiff verschwunden.

»Barmherziger Himmel! es muß umgestürzt und in dem Squall untergegangen sein,« sagte Mynheer Barentz. »Dachte ich mir's doch gleich, als ich es einen solchen Segeldruck führen sah. Es gab nie ein Schiff, das mehr zu führen vermochte, als die Vrow Katharina. Es war Wahnsinn von Seite des Schiffskapitäns, aber ich denke wohl, daß er nicht hinter uns zurückbleiben mochte – was meint Ihr, Mynheer Vanderdecken?«

Philipp gab auf diese Bemerkungen, welche den Wahnsinn des Kapitäns voll bekundeten, keine Antwort. Er fühlte, daß sein Schiff den Schicksalsmächten verfallen war, und konnte nur mit Schauder an die vielen Menschen an Bord denken, welche zum Opfer fallen sollten.

Nach einer Pause sprach er:

»Mynheer Barentz, diese Bö wird wahrscheinlich fortfahren, und meiner Ansicht nach vermag das beste Schiff, das je gebaut wurde, einem solchen Wetter nicht Stand zu halten. Mein Rath wäre daher, zu wenden und nach der Tafelbay zurückzulaufen. Verlaßt Euch darauf, wir werden die ganze Flotte bereits vor uns dort finden.«

»Habt keine Sorge um das gute Schiff Vrow Katharina,« versetzte der Kapitän; »seht nur, wie es luvt.«

»Verteufelt schlecht,« bemerkte einer der Matrosen, die sich um Philipp gesammelt hatten, um zu hören, welchen Rath er geben würde. »Hätte ich gewußt, daß sie so ein altes mürbes Beest ist, so hätte ich mich nie an ihren Bord gewagt. Mynheer Vanderdecken hat Recht; wir müssen nach der Tafelbay zurück, eh' uns etwas Schlimmes befällt. Das Schiff im Lee hat uns ein Warnungszeichen gegeben – hat sich nicht umsonst sehen lassen. Fragt Herrn Vanderdecken, Kapitän; er kann Euch Auskunft geben, denn er ist wirklich ein Seemann.«

Philipp fuhr bei dieser Berufung zusammen, obgleich sie in durchaus keiner Beziehung zu dem Interesse stand, welches unser Held an dem Geisterschiffe nahm.

»Ich muß sagen,« versetzte Philipp, »daß stets Unheil erfolgt ist, so oft ich mit diesem Schiffe zusammengetroffen bin.«

»Mit diesem Schiffe? Ei, was war denn darin, um Euch so einzuschüchtern? Es führte zu viel Segel und ist untergegangen.«

»Es geht nie unter,« entgegnete einer der Matrosen.

»Nein! nein!« riefen viele Stimmen; »aber uns wird dieses Loos blühen, wenn wir nicht zurücklaufen.«

»Bah! Unsinn! Mynheer Vanderdecken, was sagt Ihr?«

»Ich habe bereits meine Ansicht abgegeben,« antwortete Philipp, dem es angelegentlich darum zu thun war, das Schiff wo möglich wieder in einen Hafen zu schaffen. »Das Beste, was wir thun können, ist, daß wir auf die Tafelbay abheben.«

»Und wir Alle sind entschlossen, Kapitän,« fuhr der alte Matrose, der eben gesprochen hatte, fort, »daß es so geschehen soll, mag es Euch jetzt anstehen oder nicht; also hinauf mit dem Steuer, mein Schatzkind, und Mynheer Vanderdecken wird die Segel setzen.«

»Ha! Was soll das?« rief Kapitän Barentz. »Eine Meuterei an Bord der Vrow Katharina? Unmöglich! An Bord der Vrow Katharina, des besten und schnellsten Schiffes in der ganzen Flotte!«

»Des garstigsten, wurmstichigsten, alten Fasses!« rief einer der Matrosen.

»Was?« rief der Kapitän. »Was muß ich hören? Mynheer Vanderdecken, dieser lügnerische Schuft muß wegen Meuterei in Ketten gelegt werden.«

»Bah, Unsinn! Er ist toll,« versetzte der alte Seemann. »Kommt, kümmert Euch nicht um ihn! Mynheer Vanderdecken, wir wollen Euch gehorchen; aber das Steuer muß augenblicklich hinauf.«

Der Kapitän stürmte, fügte sich aber zuletzt, da Philipp die Ueberlegenheit des Schiffes zwar anerkannte, zugleich aber darauf aufmerksam machte, daß man mit dem panischen Schrecken der Matrosen, obschon derselbe die ernstlichste Rüge verdiene, Rücksicht haben müsse. Das Steuer wurde gehoben, das nöthige Segelwerk gesetzt, und die Vrow Katharina rollte schwerfällig vor dem Sturme einher. Gegen Abend wurde das Wetter milder und der Himmel klärte sich auf. See und Wind legten sich schnell, das Wasserfangen minderte sich, und Philipp hoffte, sie dürften in vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden wohlbehalten in der Bay anlangen.

Während sie ihren Kurs steuerten, legte sich der Wind allmälig mehr und mehr, bis zuletzt völlige Stille eintrat. Nichts blieb von dem Sturme zurück, als ein langes, schweres Schwellen gegen Westen, von welchem die Vrow Katharina allmälig weiter abtriftete. Die ermatteten Matrosen konnten jetzt ausruhen, desgleichen auch die Soldaten und Passagiere, welche unten eingesperrt gewesen, oder auf dem Hauptdecke gewässert worden waren.

Das obere Deck war gedrängt voll. Mütter saßen, ihre Kinder in den Armen, in der Sonne, um sich zu wärmen; die Wände des Takelwerks waren allenthalben mit nassen Kleidern behangen, und die Matrosen mühten sich eifrig, die Beschädigungen, welche das Schiff während des Sturmes erlitten hatte, wieder auszubessern. Ihrer Rechnung nach waren sie nicht weiter als fünfzig Meilen von der Tafelbay entfernt, und jeden Augenblick erwarteten sie im Süden Land zu sehen. Auf's Neue herrschte Heiterkeit, und Alle an Bord, Philipp ausgenommen, glaubten, daß keine Gefahr mehr zu fürchten sei.

Der zweite Mate hieß Krantz und war ein thätiger, tüchtiger Seemann. Philipp hatte ihn sehr lieb gewonnen, weil er wußte, daß er ihm vertrauen konnte, und am nämlichen Nachmittag gingen sie Beide mit einander auf dem Decke umher.

»Was haltet Ihr von dem seltsamen Schiff«, das wir gesehen haben, Vanderdecken?«

»Es ist mir schon früher in den Weg gekommen, Krantz, und – – «

»Nun, was weiter?«

»Jedes Schiff, dem es meines Wissens begegnete, ist nicht wieder in den Hafen zurückgekehrt. Andere wissen gleiche Geschichten zu erzählen.«

»So ist's also wirklich nur der Geist eines Schiffes?«

»So sagt man; auch trägt man sich mit unterschiedlichen Erzählungen darüber. Was übrigens den gegenwärtigen Vorfall betrifft, so bin ich vollkommen überzeugt, daß uns ein Unglück zustoßen wird, noch ehe wir den Hafen erreichen, obgleich in diesem Augenblicke Alles so ruhig erscheint, und der Ankerplatz ganz in der Nähe ist.«

»Ihr seid abergläubisch,« versetzte Krantz; »und doch – ich muß sagen, daß mir die ganze Erscheinung doch nicht wie Wirklichkeit vorkam. Kein Schiff hätte im Sturme solche Segel führen können, obschon Tollköpfe genug auf dem Wasser herumschwimmen, die bisweilen die abgeschmacktesten Dinge versuchen. Wenn es ein wirkliches Schiff war, so muß es untergegangen sein, denn als sich die Luft aufklärte, war keine Spur mehr davon zu entdecken. Ich bin übrigens nicht sehr leichtgläubig und werde nur an etwas Uebernatürliches in der Sache glauben, wenn die Folgen eintreten, die Ihr als nothwendig anzunehmen scheint.«

»Gebe Gott, daß ich Unrecht behalte,« entgegnete Philipp; »aber mich quälen schlimme Vorahnungen. Wir sind noch nicht im Hafen.«

»Nein, aber auch nicht sehr weit von ihm entfernt, und es ist alle Aussicht vorhanden, daß das Wetter schön bleibt.«

»Man kann nicht wissen, von welcher Seite her die Gefahr kommen mag,« erwiderte Philipp. »Wir haben noch andere Dinge zu fürchten, als das Ungestüm der Winde.«

»Allerdings,« sagte Krantz, »aber demungeachtet müßt Ihr nicht gleich den Raben spielen. Trotz Allem, was Ihr sagt, prophezeie ich, daß wir spätestens nach zwei Tagen wohlbehalten in der Tafelbay vor Anker liegen.«

Die Unterhaltung wurde abgebrochen, und Philipp war froh, allein sein zu können. Eine Schwermuth und Niedergeschlagenheit hatte ihn ergriffen, wie er sie zuvor nie empfunden. Er lehnte sich über die Laufplanke und schaute in das Wogen des Meeres nieder.

»Barmherziger Himmel!« rief er, »möge es dir gefallen, dieses Schiff zu schonen. Laß mich nicht das Weheklagen der Weiber, den Hülferuf der armen Kinder vernehmen; laß nicht die vielen Menschen, welche sich diesen Planken anvertraut haben, dem Verbrechen meines Vaters zum Opfer fallen!«

Philipp gerieth in ein tiefes Nachsinnen. »Die Wege des Himmels sind in der That geheinmißvoll,« sagte er. »Warum sollten Andere leiden, weil mein Vater gesündigt hat? Und doch; ist's nicht allenthalben so? Wie viele Tausende fallen nicht auf dem Schlachtfelde als Opfer des Ehrgeizes eines Königs oder des Einflusses eines Weibes? Wie viele Millionen sind vernichtet worden, weil sie sich zu einem andern Glaubensbekenntnisse hielten? Der Herr waltet in seiner eigenen Weise und wir können nur zweifeln und staunen!«

Die Sonne war untergegangen, ehe Philipp die Laufplanken verlassen und sich nach seinem Lager begeben hatte. Sich selbst und seine Schiffsgefährten dem Schutze der Vorsehung empfehlend, schlief er endlich ein; aber ehe die acht Glockenzüge Mitternacht verkündigten, wurde er durch einen rauhen Ruck an seiner Schulter geweckt; er sah Krantz, der die erste Wache hatte, neben sich stehen.

»Beim allmächtigen Gott! Vanderdecken, Ihr habt recht prophezeit. Hurtig – auf! Das Schiff steht in Flammen!«

»In Flammen?« rief Vanderdecken, von seinem Lager aufspringend. »Wo?«

»Im Hauptraume.«

»Ich bin augenblicklich droben, Krantz. Inzwischen haltet die Luken zu und richtet die Pumpen.«

In weniger als einer Minute befand sich Philipp auf dem Decke, wo er bereits den Kapitän Barentz sah, welchem der zweite Mate gleichfalls das Unglück mitgetheilt hatte. – Krantz erklärte in wenigen Worten das Ganze: er hatte bemerkt, daß aus dem Hauptraume ein starker Brandgeruch hervordrang, und als er eine der Luken öffnete, was er ohne Beistand that, um nicht den Schrecken sogleich weiter zu verpflanzen, fand er, daß der Raum voll Rauch war. Er hatte den Deckel augenblicklich wieder geschlossen und die Sachlage nur Philipp und dem Kapitän mitgetheilt.

»Eure Geistesgegenwart verdient dankbare Anerkennung,« versetzte Philipp; »wir haben jetzt Zeit, ruhig zu überlegen, was geschehen muß. Wenn die Truppen, die armen Weiber und die Kinder von ihrer Gefahr unterrichtet wären, so würden sie uns mit ihrem Schrecken sehr hinderlich werden; aber wie konnte nur im Hauptraume Feuer auskommen?«

»Ich habe nie gehört, daß die Vrow Katharina je zuvor Feuer gefangen hätte. Ich halte es für eine Unmöglichkeit. Es muß ein Irrthum obwalten – sie ist – –«

»Ich erinnere mich jetzt, daß wir unter unserem Cargo mehrere Kisten mit Vitriolöl haben,« unterbrach ihn Philipp. »Die Flaschen müssen im Sturme in Unordnung gerathen und zerbrochen sein. Für den Fall eines Unglücks ließ ich die Kisten obenhin verpacken; das lange Rollen und Untertauchen des Schanddecks muß Anlaß gegeben haben, daß eine davon los wurde.«

»Da haben wir die Bescheerung; 's ist nicht anders,« bemerkte Krantz.

»Ich wollte sie gar nicht an Bord nehmen und verlangte, man solle sie auf ein Schiff bringen, das nicht so von Truppen überfüllt sei, damit die Kisten auf dem Hauptdecke stehen bleiben könnten; aber man erwiderte, die Fakturen seien bereits ausgefertigt und könnten nicht mehr abgeändert werden. Doch wie jetzt handeln? Ich denke, wir lassen die Luken zu, um die Flammen so viel möglich zu ersticken.«

»Ja,« versetzte Krantz, »und zu gleicher Zeit hauen wir ein Loch in's Deck, gerade groß genug, um den Spritzenschlauch durchzulassen, damit wir möglichst viel Wasser in den Raum pumpen können.«

»Ihr habt Recht, Krantz; ruft den Zimmermann und laßt ihn anfangen. Ich will die Matrosen wecken und mit ihnen reden. Der Brandgeruch wird jetzt sehr stark; wir haben keine Zeit zu verlieren. – Wenn wir nur die Truppen und die Weiber ruhig erhalten können, so läßt sich noch etwas thun.«

Die Matrosen wurden geweckt und erschienen alsbald verwundert auf dem Decke. Sie bemerkten den Zustand des Schiffes nicht, denn da die Luken verschlossen blieben, so konnte der Rauch nur wenig durchdringen und das untere Deck nicht erfüllen.

»Meine Jungen,« sagte Philipp, »es thut mir leid, euch sagen zu müssen, daß wir Grund zu der Vermuthung haben, es sei in dem Hauptraum Feuer ausgebrochen.«

»Ich rieche es,« rief einer der Matrosen.

»Ich auch,« stimmten mehrere Andere erschrocken ein und machten eine Bewegung, als ob sie nach unten gehen wollten.

»Stille! und bleibt, wo ihr seid, ihr Leute. Hört, was ich euch sage. Wenn wir die Truppen und die Passagiere in Schrecken setzen, können wir nichts anfangen. Wir müssen uns auf uns selbst verlassen, dürfen aber keine Zeit verlieren. Herr Krantz und der Zimmermann thun Alles, was vorderhand räthlich ist; und nun, meine Leute, erweist mir den Gefallen, euch auf dem Decke niederzusetzen – ihr alle miteinander – ich will euch dann sagen, was wir vornehmen müssen.«

Philipps Befehl wurde Folge geleistet. Das Resultat war vortrefflich, denn die Leute gewannen nun Zeit, sich von der ersten Erschütterung zu erholen. Von allen Schrecken nämlich, welche die Menschen betreffen können, ist keiner furchtbarer, als derjenige, welchen der erste Ruf erzeugt, daß Feuer an Bord eines Schiffes sei. Freilich ist auch die Lage höchst kläglich, wenn man in's Auge faßt, daß man nur unter zwei Elementen zu wählen hat, die beide alles Leben zu zerstören bemüht sind. Philipp schwieg eine Weile; dann machte er die Matrosen auf die Gefahr ihrer Lage aufmerksam, theilte ihnen mit, welche Maßregeln er und Krantz bereits getroffen hätten und legte ihnen wiederholt an's Herz, wie nöthig es sei, daß sie sich ruhig und gefaßt verhielten. Zugleich erinnerte er sie, daß nur wenig Pulver in dem Magazin sei, und dieses weit vom Feuer abliege, so daß es leicht entfernt und über Bord geworfen werden könne; lasse sich das Feuer nicht löschen, so hätten sie genug Spieren auf dem Decke, um einen Floß zu bilden, der ihnen Allen nebst den Booten eine um so sichere Zuflucht böte, da sie nicht weit vom Lande entfernt wären.

Philipps Anrede übte die wohlthätigsten Wirkungen. Auf das Geheiß des ersten Maten erhoben sie sich wieder und der eine Theil begab sich nach dem Magazine, um das Pulver heraufzubieten und es über Bord zu werfen, während sich ein anderer nach den Pumpen begab. Auch Krantz kam herbei und berichtete, daß in die Deckplanken über dem Hauptraum ein Loch gehauen sei. Die Schläuche wurden befestigt, und bald strömte das Wasser in Menge herunter; aber es war unmöglich, die Gefahr länger geheim zu halten. Die Soldaten schliefen auf dem Decke und entnahmen aus der Beschäftigung der Matrosen, was vorgefallen war, selbst wenn sie nicht durch den Rauch, der sich jetzt sehr vermehrte und die unteren Decke füllte, darauf aufmerksam geworden wären. In einigen Minuten ließ sich der Schreckensruf: »Feuer!« durch das ganze Schiff vernehmen, und bald sah man Männer, Weiber und Kinder nach ihren Kleidern eilen und entsetzt auf den Decken umherlaufen, die Einen schreiend, die Andern betend – kurz die Verwirrung und der Schrecken waren kaum zu beschreiben.

Die guten Wirkungen von Philipps umsichtigem Benehmen stellten sich nun augenfällig heraus; denn wären die Matrosen durch diesen Ruf erst geweckt worden, so würden sie wohl ebenso unfähig zum Handeln gewesen sein, als die Soldaten und Passagiere. Alle Subordination hätte aufgehört: die Einen wären nach den Booten geeilt, die Mehrzahl dem Untergange preisgebend, die Andern hätten den Branntweinverschlag erbrochen und durch ihre Trunkenheit die Verwirrung und den Schrecken der Scene vergrößert. Nichts hätte dann geschehen können und wahrscheinlich wäre die gesammte Mannschaft elendiglich zu Grund gegangen. Aber Alles dies hatte die Geistesgegenwart Philipps und des zweiten Maten verhindert, denn der Kapitän war als eine bloße Null zu zählen, da es ihm an aller Kenntniß seines Berufes gebrach, obschon es ihm nicht an Muth fehlte. Die Matrosen erwiesen sich eifrig in ihrer Pflicht und schoben die Soldaten bei Seite, welche ihnen bei dem ihnen zugewiesenen Geschäfte hindernd in den Weg traten. Philipp, der das Letztere bemerkte, überließ Krantz die Beaufsichtigung der Arbeiten, ging hinunter und brachte es durch Vorstellungen an die besonnensten Soldaten so weit, daß sich die Mehrzahl der Truppen beziehungsweise ruhig verhielt.

Das Pulver war über Bord geworfen und auf der andern Seite ein zweites Loch in das Deck gehauen worden, so daß unter Anwendung einer weiteren Pumpe die doppelte Wassermasse in den Raum strömte. Philipp sah aber, daß der Brand immer weiter griff. Der Rauch brach durch die Ritzen der Luken und der in's Deck gehauenen Löcher mit einem Ungestüm, aus dem sich die Ausdehnung des unten tobenden Feuers entnehmen ließ. Philipp hielt es deshalb für räthlich, sämmtliche Weiber und Kinder nach der Hütte und dem Halbdeck des Schiffes zu schaffen, zugleich die Männer auffordernd, sie sollten bei ihrer Familie bleiben. Es war ein wehmüthiger Anblick und die Thränen standen unserem Helden in den Augen, als er die Weibergruppe überschaute – einige weinend und die Kinder an die Brust drückend – andere ruhig und sogar gefaßter, als die Männer; die älteren Kinder stumm oder weinend, weil sie ihre Mütter weinen sahen, die jüngern ohne Ahnung einer Gefahr mit dem nächsten besten Gegenstande, der ihre Aufmerksamkeit fesselte, spielend oder ihren Eltern zulächelnd. Die Offiziere, welche die Truppen kommandirten, waren zwei neu eingetretene Fähndriche, sehr junge Leute, die nichts von ihrem Dienste verstanden und durchaus kein Ansehen hatten – denn in Fällen außerordentlicher Gefahr mag man keinen Leuten gehorchen, die unwissender sind, als wir. Philipp forderte sie daher auf, bei den Frauen und Kindern zu bleiben und dort die Aufsicht zu übernehmen, wozu sie sich auch bereit finden ließen.

Sobald unser Held Befehl erlassen hatte, daß die Weiber und Kinder anständig gekleidet würden (was bei Vielen nicht der Fall war), begab er sich wieder nach dem Vorderschiffe, um die Arbeiten der Matrosen zu beaufsichtigen, welche in Folge des Uebermaßes ihrer Anstrengung bereits Symptome der Ermattung zu zeigen begannen; nun aber erboten sich viele der Soldaten zum Dienst an den Pumpen, was bereitwillig angenommen wurde. Ihre Bemühungen waren übrigens vergeblich. Nach einer weitern halben Stunde barsten die Luken mit lautem Getöse und eine Flammensäule schoß senkrecht aus dem Raume auf, die bis zu dem untersten Stengenkopfe hinanleckte. Jetzt hörte man das laute Geschrei der Weiber, die in ihrer Todesangst ihre Kinder an die Brust drückten, während die Matrosen und Soldaten, die an den Pumpen gearbeitet hatten, in ihrer raschen Flucht vor dem verzehrenden Feuer in buntem Gewirre nach dem Hinterschiffe stürzten.

»Seid ruhig, meine Jungen – ruhig, meine guten Bursche,« rief Philipp; »es hat noch keine Gefahr. Vergeßt nicht, wir haben unsere Boote und den Floß, und wenn wir auch nicht das Feuer zu überwältigen und das Schiff zu retten vermögen, so können wir doch, wenn ihr nur die Besonnenheit nicht verliert, nicht blos uns selbst, sondern auch die armen Kinder in Sicherheit bringen, die euch jetzt anflehen, um ihretwillen dem Aeußersten aufzubieten. Kommt, kommt, meine Jungen; laßt uns unsere Pflicht thun. Wenn wir keine Zeit verlieren, sind wir im Besitze der Mittel, uns zu retten. Zimmermann, holt Eure Aexte und haut die Spierenbindsel durch. Wir wollen jetzt unsere Boote hinaushissen und einen Floß für diese armen Weiber und Kinder machen; das Land ist keine zehn Meilen mehr entfernt. Krantz, seht mit der Steuerbordwache nach den Booten; die Backbordwache läßt mit mir die Spieren über Bord. Kanoniere, rafft so viel Tauwerk zusammen, als ihr könnt, um es zu Bindseilen benützen zu können. So, ihr Jungen – an Licht fehlt's uns nicht, wir können ohne Laterne arbeiten.«

Ein Scherz ist oft sogar noch am Orte, wenn man schon an der Pforte der Ewigkeit zu stehen vermeint, und die launige Bemerkung Philipps, daß es nicht an Licht fehle, ermuthigte die Matrosen zum Gehorsam. Die Flammensäule stieg nun über das große Mars hinaus, leckte mit ihren gespaltenen Zungen an dem Stengentakelwerk und schloß den Hauptmast in ihre Falten ein. Das laute Brausen, mit welchem das Feuer ausschoß, bekundete die Schnelligkeit, mit welcher der ungestüme Brand unten um sich griff, und wie wenig Zeit zu verlieren war. Die unteren und Hauptdecken wurden nun so mit Rauch erfüllt, daß Niemand mehr zu bleiben vermochte. Einige arme Tropfe, die krank in ihren Hängematten lagen, waren längst erstickt, denn man hatte sie vergessen. Kein Windlein rührte sich, und die Wellen gingen niedrig; der Rauch, der aus den Luken hervordrang, stieg gerade in die Luft, was ein Glück war, da das Schiff allen Steuergang verloren hatte. Die Boote waren bald im Wasser und mit zuverlässigen Männern besetzt; die Spieren wurden über Bord gelassen und von den Matrosen der Boote zusammengebunden. Dann sammelte man alle Abtropftröge, um sie als Sitze auf den Spieren zu befestigen, und Philipps Herz war hoch erfreut über die Aussicht, die vielen Menschen, welche sich eingeschifft hatten, retten zu können.

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