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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid2cabcb1e
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Fünfzehntes Kapitel.

Etwa drei Monate nach diesem Gespräche saßen Amine und Philipp abermals auf der erwähnten Rasenbank, die ihr Lieblingsaufenthalt geworden war. Pater Matthias hatte eine innige Freundschaft mit Pater Seysen geschlossen, und die beiden Priester waren fast eben so unzertrennlich, als Philipp und Amine. Da sich unser Held vorgenommen hatte, seine seltsame und furchtbare Aufgabe nicht auf's Neue anzutreten, ehe er einen Wink dazu erhielte, so lebte das Ehepaar glücklich im gegenseitigen Besitze, und der Gegenstand wurde selten zur Sprache gebracht. Bei seiner Heimkehr hatte Philipp gegen die Direktoren der Compagnie den Wunsch möglichst baldiger Wiederverwendung, und zwar in der Eigenschaft eines Schiffskommandeurs, ausgedrückt, und da er seit dieser Zeit keine weiteren Schritte that, so war auch alle Kunde von Amsterdam ausgeblieben.

»Ich liebe diese Rasenbank, Philipp,« sagte Amine, »und es gewinnt den Anschein, als hätte ich eine vertraute Freundschaft mit ihr geschlossen. Wie du dich erinnerst, war dieß der Ort, als wir die Frage besprachen, ob es erlaubt sei, zu Träumen seine Zuflucht zu nehmen: desgleichen, mein theurer Philipp, hast du mir an der nämlichen Stelle deinen Traum erzählt, während ich dir denselben auslegte.«

»Allerdings, Amine; aber wenn du den Pater Seysen um seine Meinung fragst, wird er eine ziemlich strenge Entscheidung gegen dich ergehen lassen. Du wirst ihm in dem Lichte einer fluchwürdigen Ketzerin erscheinen.«

»Sei's d'rum, wenn es ihm Freude macht. Ich nehme keinen Anstand, ihm das Geschehene mitzutheilen.«

»Thue dieß ja nicht, Amine; laß das Geheimniß nur unter uns bleiben.«

»Glaubst du, Pater Matthias würde mir Vorwürfe machen?«

»Gewiß.«

»Aber ich nicht; der alte Mann ist so wohlwollend und freisinnig, daß ich ihn eigentlich bewundere. Ich möchte wohl die Frage mit ihm beleuchten.«

Während Amine sprach, empfand Philipp eine Berührung seiner Schulter, und ein plötzlicher, eisiger Schauder rann durch seinen ganzen Körper. Im Nu wandten sich seine Gedanken der wahrscheinlichen Ursache zu, und als er den Kopf umwandte, bemerkte er mit Erstaunen, daß der Pilot des Schillings, der einäugige Schriften, den er für ertrunken gehalten hatte, mit einem Briefe in der Hand, hinter ihm stand. Das plötzliche Erscheinen dieses boshaften Wichtes bewog Philipp zu dem Ausrufe:

»Barmherziger Himmel! Ist es möglich?«

Amine, welche bei dem Rufe ihres Gatten gleichfalls umgesehen hatte, bedeckte ihr Antlitz, und brach in Thränen aus – eine Bewegung, zu welcher nicht Furcht, sondern die Ueberzeugung Anlaß gab, daß ihr Gatte erst im Grabe Ruhe finden werde.

»Philipp Vanderdecken,« sagte Schriften, »hi!hi! ich habe einen Brief an Euch – er ist von der Compagnie.«

Philipp nahm das Schreiben, heftete aber, eh' er es erbrach, seine Augen auf Schriften.

»Ich dachte,« sagte er, »Ihr wäret ertrunken, als das Schiff in der falschen Bay zu Grunde ging. Wie entkamt Ihr?«

»Wie ich entkam?« versetzte Schriften. »Erlaubt mir die Frage, wie Ihr gerettet wurdet?«

»Ich wurde von den Wellen an's Land geworfen,« entgegnete Philipp; »aber – –«

»Aber,« unterbrach ihn Schriften, »hi! hi! mich hätten die Wellen nicht an's Land werfen sollen.«

»Und warum nicht? Ich habe das nicht gesagt.«

»Nein, aber ich denke doch, Euch aus dem Herzen zu sprechen. Es kam übrigens anders, denn ich rettete mich in derselben Weise, wie Ihr – wurde gleichfalls von den Wellen ausgeworfen – hi! hi! Doch ich kann nicht länger hier warten; meinen Auftrag habe ich erfüllt.«

»Halt,« versetzte Philipp; »beantwortet mir nur noch eine einzige Frage. Segelt Ihr dießmal in dem nämlichen Schiffe mit?«

»Muß mich entschuldigen,« erwiderte Schriften, »sehne mich nicht nach dem Geisterschiff, Mynheer Vanderdecken.« Und mit dieser Antwort wandte sich der kleine Mann um, und ging raschen Schrittes von hinnen.

»Ist dieß nicht eine Aufforderung, Amine?« sagte Philipp nach einer Pause, den unerbrochenen Brief noch immer in der Hand haltend.

»Ich will's nicht in Abrede ziehen, theuerster Philipp. Es ist zuverlässig so; der abscheuliche Bote scheint aus dem Grabe erstanden zu sein, um dir die Weisung zu überbringen. Vergib mir, Philipp, aber die Ueberraschung hat mich überwältigt. Ich will dir nicht wieder mit weibischer Schwäche lästig fallen.«

»Meine arme Amine,« versetzte Philipp traurig. »Ach! warum habe ich meine Erdenpilgerschaft nicht allein angetreten? Es war selbstsüchtig von mir, dich mit so viel Elend zu verketten und die Last nie endender Angst und Ungewißheit auch auf dich zu übertragen!«

»Und wer sollte sie mit dir theilen, theuerster Philipp, wenn nicht das Weib deines Herzens? Du kennst mich wenig, wenn du glaubst, daß ich vor den Anforderungen der Pflicht zurückbebe. Nein, auch in dem bitteren Schmerz, den sie bereitet, liegt eine Wonne, denn während ich deinen Kummer tragen helfe, nehme ich dir einen Theil desselben ab, und ich bin stolz darauf, das Weib eines Mannes zu sein, der zu so eigenthümlichen Prüfungen auserkoren wurde. Doch nichts mehr davon, mein Theuerster. Du mußt den Brief lesen.«

Philipp gab keine Antwort. Er erbrach das Siegel und fand, daß der Brief ihm mittheilte, er sei als erster Mate auf die Vrow Katharina, – ein Schiff, welches mit der nächsten Flotte aussegelte – ernannt worden; er solle übrigens so schleunig als möglich an Bord eintreffen, da der Cargo geladen werden müsse. Der Brief, welcher vom Sekretär geschrieben war, theilte ihm noch ferner mit, daß er nach dieser Reise zuverlässig darauf rechnen dürfe, unter Bedingungen, welche ihm von dem Collegium namhaft gemacht werden sollten, das Kommando eines Schiffes zu erhalten.

»Ich dachte, Philipp, du habest schon für diese Fahrt um eine Kapitänsstelle nachgesucht?« bemerkte Amine traurig.

»Ja,« versetzte Philipp; »aber wahrscheinlich hat man meiner Bitte deßhalb keinen Nachdruck gegeben, weil ich sie nicht ernstlich verfolgte. Die Schuld liegt an mir.«

»Und jetzt ist es zu spät?«

»Ja, meine Theuerste – ohne Frage. Doch daran liegt jetzt nichts: ich mache diese Fahrt ebenso gerne als erster Mate mit, vielleicht sogar noch lieber.«

»Philipp, ich kann jetzt wohl sprechen und will dir bekennen, daß meine Hoffnungen schmerzlich getäuscht wurden. Ich erwartete zuverlässig, du würdest das Kommando eines Schiffes erhalten. Du erinnerst dich, daß ich auf derselben Rasenbank, auf welcher wir jetzt sitzen – es war in der Zeit, als du mir deinen Traum erzähltest – von dir ein Versprechen erhielt, dessen Erfüllung ich mir noch immer vorbehalte, obschon ich dir jetzt sage, um was ich zu bitten beabsichtigte. Du solltest mir nämlich erlauben, mein theurer Philipp, mit dir zu segeln. An deiner Seite kümmere ich mich um nichts, denn ich kann glücklich sein unter jeder Entbehrung oder Gefahr. Aber so lange allein zu bleiben, über meinen peinlichen Gedanken zu brüten, mich in Ungewißheit zu verzehren, in steter, ungeduldiger Unruhe zu verharren und nicht im Stande zu sein, mich an irgend Jemand zu wenden – dies, theuerster Philipp, ist das größte Elend, das Jemand widerfahren kann – das Elend, das ich in deiner Abwesenheit zu ertragen verurtheilt bin. Merke wohl, Philipp, ich habe dein Versprechen. Als Kapitän wärst du in der Lage, dein Weib an Bord zu nehmen. Diesmal ist mein heißes Verlangen bitter vereitelt worden; tröste mich daher einigermaßen mit dem Versprechen, daß ich die nächste Fahrt mitmachen soll, wenn dir der Himmel wieder heimzukehren gestattet.«

»Du hast mein Wort, Amine, da dir so viel daran gelegen ist. Ich kann dir nichts abschlagen, obgleich mich eine trübe Ahnung erfüllt, daß dein und mein Glück für immer scheitern wird. Ich bin kein Träumer, aber doch däucht es mich, da ich nun einmal so seltsam mit dieser Welt und mit einer andern verkettet bin, als ob mir ein kleiner Theil der Zukunft aufgeschlossen sei. Ich habe dir mein Versprechen gegeben, Amine, obgleich es mir lieb wäre, wenn du mich desselben entbändest.«

»Wenn auch Uebles folgt, Philipp, so ist es unsere Bestimmung. Wer vermag sein Schicksal abzuwenden?«

»Amine, wir können mit Freiheit handeln, und so ist es uns bis zu einer gewissen Ausdehnung gestattet, unserer Bestimmung eine Richtschnur zu geben.«

»Ach, das möchte mich Pater Seysen wohl auch glauben machen, aber ich kann die Gründe nicht verstehen, mit denen er seine Behauptung unterstützt. Er sagt, es sei ein Theil des katholischen Glaubensbekenntnisses. Möglich – aber ich vermag auch so viele andere Punkte nicht zu fassen. Ich wollte, daß euer Glaube einfacher wäre, denn bis jetzt hat mich der gute Mann – denn gut ist er in der That – nur in Zweifel geführt.«

»Durch die Schule der Zweifel wirst du zur Ueberzeugung gelangen.«

»Möglich,« versetzte Amine; »aber doch dünkt es mich, als sei ich erst am Anfang meiner Reise. Kehren wir übrigens jetzt nach Hause zurück. Du mußt nach Amsterdam, und ich will dich begleiten. Wenigstens bis zur Abfahrt soll dich das Lächeln deiner Amine nach den Mühen des Tages erheitern. Ist's dir nicht recht so?«

»Ja, meine Theure; ich würde dir selbst auch diesen Vorschlag gemacht haben. Aber, wie mochte nur Schriften hieher gekommen sein? Seinen Leichnam habe ich allerdings nicht gesehen, aber sein Entkommen scheint doch ein Wunder zu sein. Warum ließ er sich nicht blicken, als er gerettet war? Und wo mochte er gewesen sein? Was hältst du von der Sache, Amine?«

»Was ich schon längst gedacht habe, Philipp. Es ist eine Eule mit einem bösen Auge, dem es aus irgend einem Grunde gestattet ist, in menschlicher Gestalt auf Erden zu wandeln; auch steht er zuverlässig mit deiner wundersamen Bestimmung im Zusammenhange. Wenn überhaupt ein weiterer Beweis nöthig wäre, mich von der Wahrheit alles Vorgefallenen zu überzeugen, so fände sich dieser in seinem Aussehen – der elende Afrit! Oh, daß mir die Kräfte meiner Mutter zu Gebote ständen – doch ich vergesse, daß du es nicht liebst, wenn ich von solchen Dingen spreche, und ich will daher schweigen.«

Philipp erwiderte nichts; in seine Betrachtungen vertieft, ging er stumm nach der Hütte zurück. Obgleich er bereits einen unabänderlichen Entschluß gefaßt hatte, schickte er doch den portugiesischen Priester ab, um den Pater Seysen herbeizubescheiden, damit er sich mit ihnen benehmen und ihre Ansicht über die an ihn ergangene Aufforderung hören könne. Nachdem er auf's Neue sich umständlich über Schriftens muthmaßlichen Tod und sein abermaliges Erscheinen als Bote verbreitet hatte, ging er zu Aminen die Treppe hinauf, um die beiden Priester ihren Berathungen zu überlassen. Erst nach zwei Stunden wurde unser Held wieder herunterberufen und Pater Seysen war augenscheinlich in einem Zustande großer Verwirrung.

»Mein Sohn,« begann er, »wir befinden uns in großer Verlegenheit. Wir hatten gehofft, unsere Ansichten in Betreff dieser wundersamen Mittheilungen seien richtig, und die Sache selbst, die wir in der Weise, von der du aus eigener Erfahrung und aus dem Munde deiner Mutter Kunde erhieltst, nichts Anderes, als ein Werk des Teufels; in diesem Falle hätten aber unsere Gebete und Messen die Macht des Erzfeindes brechen müssen. Wir riethen dir, eine weitere Aufforderung abzuwarten, die du auch jetzt erhalten hast. Der Brief an sich ist natürlich von keinem Belang, wohl aber das Wiedererscheinen des Boten ein Punkt, der wohl berücksichtigt werden muß. Sage mir, Philipp, was hältst du davon? Wäre es nicht möglich, daß er gerettet worden wäre – wie es ja auch bei dir selbst der Fall war?«

»Die Möglichkeit ist nicht in Abrede zu ziehen, Vater,« versetzte Philipp; »er kann an die Küste geworfen worden sein und eine andere Richtung eingeschlagen haben. Dies wäre möglich, obgleich nichts weniger, als wahrscheinlich. Da Ihr mich übrigens um meine Meinung fragt, so muß ich Euch aufrichtig sagen, daß ich ihn für keinen irdischen Boten halte, – ja, ich bin sogar fest davon überzeugt. Daß er mit meiner Bestimmung in einer geheimnißvollen Verbindung steht, ist gewiß, obschon ich natürlich über seine weiteren Verhältnisse keine Auskunft zu geben vermag.«

»In diesem Falle, mein Sohn, sind wir zu dem Entschlusse gekommen, unsern Rath zurückzubehalten. Du mußt jetzt auf deine eigene Verantwortung hin und nach deinem eigenen Urtheil handeln. Wir werden dir keine Einrede thun, für was immer du dich entscheiden magst, wohl aber unsere Gebete gen Himmel schicken, damit er dich in seine heilige Obhut nehme.«

»Ich habe mich dahin entschieden, hochwürdiger Vater, der Aufforderung Folge zu geben.«

»So sei's drum, mein Sohn; es ereignet sich vielleicht ein Umstand, der dir aus diesem Geheimniß heraushilft – aus einem Geheimnisse, das, wie ich zugebe, mein Fassungsvermögen übersteigt und von zu schmerzlicher Natur ist, als daß ich länger dabei verweilen möchte.«

Philipp sagte nichts mehr, denn er bemerkte, daß der Priester nicht geneigt war, auf eine weitere Beleuchtung des Punkts einzugehen. Pater Matthias ersah die Gelegenheit, Philipp für seine wohlwollende Gastfreundschaft zu danken, und erklärte seine Absicht, mit dem ersten Schiffe nach Lissabon zurückzukehren.

Ein paar Tage später verabschiedeten sich Amine und Philipp von den Priestern, um nach Amsterdam aufzubrechen, und baten Pater Seysen, bis zur Rückkehr der Ersteren die Obhut über das Häuschen zu übernehmen. Am Orte seiner Bestimmung angelangt, besuchte Philipp die Direktoren der Compagnie, welche ihm nach seiner Rückkehr von dieser Reise das Kommando eines Schiffes versprachen, das er jedoch theilweise auf eigene Kosten ausrüsten sollte. Unser Held zeigte sich bereitwillig und entfernte sich sodann, um die Vrow Katharina zu besuchen, – das Schiff, auf welchem er als erster Mate eine Anstellung erhalten hatte. Es war noch nicht aufgetakelt und die Flotte sollte erst nach zwei Monaten aufbrechen. Nur ein Theil der Mannschaft befand sich an Bord und der Kapitän, welcher zu Dort wohnte, war gleichfalls noch nicht angekommen.

So weit Philipp die Sache zu beurtheilen wußte, war die Vrow Katharina ein sehr untergeordnetes Schiff, zwar größer, als viele andere, aber alt und schlecht gebaut, obgleich es schon mehrere Indienfahrten mit Glück zurückgelegt hatte und anzunehmen war, daß es die Compagnie nicht benützen würde, wenn sie sich nicht von seiner Seewürdigkeit überzeugt hätte. Nachdem unser Held der an Bord befindlichen Mannschaft einige Weisungen ertheilt hatte, kehrte er nach dem Gasthause zurück, wo für ihn und Amine Zimmer gemiethet waren.

Am andern Tage, als Philipp eben die Takelung des Schiffes beaufsichtigte, langte der Kapitän an, sprang über die Planke, welche mit dem Kai in Verbindung stand, an Bord und lief dann zuerst auf den großen Mast zu, den er mit beiden Armen umklammerte, trotz der nicht geringen Quantität von Talg, welche ihm das Tuch seines Rockes besudelte.

»O, meine liebe Vrow, meine Katharina!« rief er, als ob er mit einem Frauenzimmer spräche, »wie geht es dir? Freut mich, dich wieder zu sehen. Du bist doch hoffentlich immer wohl gewesen? Freilich wird es dir nicht gefallen, in dieser Weise aufgelegt zu werden. Doch sei unbesorgt, meine liebe Creatur, du sollst bald wieder schöner sein.«

Der Name des Mannes, der sich so verliebt gegen sein Schiff geberdete, war Wilhelm Barentz, ein junger Mann von noch nicht Dreißigen, kleiner Statur und zarten Verhältnissen. Seine Züge waren schön, aber weibisch, seine Bewegungen rasch und unruhig; auch lag in seinem Auge ein Ausdruck, der auf die Vermuthung einer kleinen Flüchtigkeit führen konnte, wenn auch nicht bereits sein Benehmen diese Thatsache vollkommen bewiesen hätte.

Sobald sich der Kapitän in seinem Entzückensergusse ergangen hatte, stellte sich ihm Philipp vor und theilte ihm mit, in welcher Eigenschaft er sich an Bord befand.

»Ah! Ihr seid der erste Mate der Vrow Katharina? Da seid Ihr ein sehr glücklicher Mann. Nächst dem Kapitän hat der erste Mate dieses Schiffes die beneidenswertheste Stellung in der Welt.«

»Um ihrer Schönheit willen freilich nicht,« bemerkte Philipp, »sie mag indeß andere gute Eigenschaften haben.«

»Nicht um ihrer Schönheit willen? Ei, Herr, ich sage Euch, wie mein Vater schon vor mir gesagt hat – und sie war seine Vrow, ehe sie die meinige wurde, – daß sie das schönste Fahrzeug in der Welt ist. Jetzt könnt Ihr allerdings noch nicht urtheilen, aber ich versichere Euch, außer dem Umstande, daß sie das schönste Schiff ist, besitzt sie auch alle guten Eigenschaften unter der Sonne.«

»Das höre ich gerne,« versetzte Philipp, »und finde dann zugleich einen Beweis, daß man nicht nach dem Aussehen urtheilen muß. Ist sie aber nicht schon sehr alt?«

»Alt? Nicht älter als zweiundachtzig Jahre – gerade in ihrem Lenze. Geduldet Euch nur, mein Theuerster, bis Ihr sie auf dem Wasser tanzen seht, und ich stehe Euch dafür, Ihr sprecht den ganzen Tag mit mir von ihrer Vortrefflichkeit; auch zweifle ich nicht, daß wir eine sehr vergnügte Zeit mit einander verbringen werden.«

»Vorausgesetzt, daß sich der Gegenstand nicht erschöpft,« erwiderte Philipp.

»Von meiner Seite wird dies nie der Fall sein; und, erlaubt mir, zu bemerken, Herr Vanderdecken, daß es jeder Offizier mit mir zu thun kriegt, der an der Vrow Katharina Mängel findet. Ich bin ihr Ritter und habe ihr zu Ehren schon drei Männer in den Sand gestreckt – hoffentlich werde ich nicht mit einem Vierten zu kämpfen haben.«

Philipp lächelte, denn die Dame schien ihm des Kampfes durchaus nicht würdig. Dennoch behielt er die Worte des Kapitäns im Gedächtniß und wagte es fortan nie, eine Ansicht gegen die schöne Vrow Katharina auszudrücken.

Die Mannschaft war bald vollzählig, das Schiff getakelt und das Segelwerk gesetzt; Vrow Katharina lag mit den anderen Schiffen der Flotte in dem Strom vor Anker. Sofort wurde das Cargo eingenommen, und sobald der Raum voll war, kam zu Philipps großem Aerger der Befehl, daß noch hundertundfünfzig Soldaten und andere Passagiere, von denen Viele ihre Weiber und Familien bei sich hatten, an Bord genommen werden müßten. Unser Held hatte schwere Arbeit, denn der Kapitän beschränkte seine Thätigkeit blos auf die Lobpreisungen seines Schiffes, und als zuletzt alles an Bord genommen war, befand sich die Flotte in der Lage, auszufahren.

Es war nun Zeit, sich von der im Gasthof wohnenden Amine zu verabschieden, welcher Philipp jeden freien Augenblick gewidmet hatte. Die Flotte sollte nach zwei Tagen in die See stechen, Amine aber an dem gleichen Morgen ihre Heimreise antreten. Sie war ruhig und gefaßt, denn sie fühlte sich überzeugt, daß sie ihren Gatten wiedersehen würde. In dieser süßen Vorahnung umarmte sie ihn, als sie sich an dem Ufer trennten; er trat in das Boot, welches ihn an Bord brachte.

»Ja,« dachte Amine, als sie der Gestalt ihres mehr und mehr sich entfernenden Gatten nachsah – »ja, ich weiß, daß wir uns wiedersehen werden. Nicht diese Fahrt wird für dich oder mich verhängnißvoll werden, wohl aber habe ich ein dunkles Vorgefühl, daß die nächste, bei welcher ich dich begleite, uns für immer trennen wird. Wie dies geschehen soll, weiß ich nicht, – aber es ist Bestimmung. Die Priester sprechen von freiem Willen – ist es ein freier Wille, der ihn mir entreißt? Würde er nicht lieber mit mir am Lande bleiben? Ja; aber er darf nicht, denn er muß sein Geschick erfüllen. Freier Wille? Es wäre Tyrannei von ihm, zu gehen, wenn ihn nicht seine Bestimmung riefe. Ist es mir doch stets gewesen, als ob diese Priester meine Feinde seien, ohne daß ich mir einen Grund dafür anzugeben wüßte: sie sind beide gute Menschen, und auch der Glaube, den sie lehren, ist gut. Erbarmen, Liebe gegen Alle, Vergebung gegen Beleidiger und Unterlassung eines Urtheils über Andere – Alles dies ist gut; und doch flüstert mir mein Herz zu, daß – – Doch das Boot ist an dem Schiffe angelangt und Philipp klettert hinauf. Lebe wohl, lebe wohl, mein theuerster Gatte. Ich wollte, ich wäre ein Mann! Doch nein, es ist besser so, wie es ist.«

Amine blieb am Ufer stehen, bis sie Philipp nicht mehr sehen konnte, und ging dann langsam nach dem Gasthof zurück. Als sie am andern Morgen aufstand, fand sie, daß die Flotte mit Tagesanbruch abgesegelt war; der Kanal, wo es früher von Schiffen gewimmelt hatte, lag jetzt öde.

»Er ist fort,« murmelte Amine. »Jetzt gedulde dich, Herz, für viele Monate stillen Leidens – ich kann's nicht Leben nennen, denn ich lebe nur in seiner Gegenwart.«

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