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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
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Eilftes Kapitel.

Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß Philipp mit aller möglichen Hast nach seinem Häuschen eilte, das für ihn den werthvollsten Erdenschatz barg. Nachdem er seine Pflicht zu erfüllen gesucht, versprach er sich einige Monate glücklicher Ruhe, denn wie sehnlich er auch wünschen mochte, seinem Gelübde nachzukommen, so fühlte er wohl, daß er erst im Herbste mit der nächsten Flotte wieder aussegeln konnte, und jetzt hatte kaum der April begonnen. So sehr er übrigens den Verlust von Mynheer Kloots und Hillebrant, wie auch den Tod der unglücklichen Matrosen beklagte, so fand er doch einigen Trost in der Erinnerung, daß er des elenden Schriften, der das Loos seiner Gefährten gleichfalls getheilt hatte, für immer losgeworden war; ja, er segnete sogar fast den Schiffbruch, weil er ihn in den Stand setzte, so bald wieder in Aminens Arme zurückzukehren.

Es war spät am Abend, als Philipp in Vließingen ein Boot nahm und nach seiner Wohnung bei Terneuse übersetzte. Ein rauher Abend für die Jahreszeit – der Wind blies frisch und der Himmel war schichtenweise mit Wolken bedeckt, welche das Licht des hoch am Himmel stehenden, vollen Mondes da und dort mit breiten, weißen Säumen bekränzten. Bisweilen wurde die silberne Scheibe von einer dunkeln Wolke fast verdunkelt, und trat dann wieder in ihrem vollen Glanze hervor. Philipp sprang an's Land, hüllte sich in seinen Mantel und eilte nach der Hütte. Als er mit klopfendem Herzen näher kam, bemerkte er, daß das Fenster der Wohnstube offen stand und eine Frauengestalt herauslehnte. Dieß konnte Niemand anders, als seine Amine sein, weßhalb er, nachdem er die kleine Brücke übersetzt hatte, nicht der Thüre, sondern dem Fenster zuging. Amine war jedoch zu sehr in die Betrachtung des Himmels über ihr und in ihre eigenen Gedanken vertieft, um die Annäherung ihres Gatten zu bemerken. Philipp gewahrte dieß und blieb deßhalb, als er noch vier oder fünf Schritte von ihr entfernt war, stehen.

Um sie durch seine plötzliche Erscheinung nicht zu erschrecken, wünschte er, unbemerkt die Thüre gewinnen zu können, denn er erinnerte sich, daß er ihr versprochen hatte, er wolle sie, falls es ihm gestattet werde, besuchen, wie sein Vater einst seine Mutter besucht hatte. Während er übrigens noch zweifelnd dastand, wandten sich Aminens Blicke gegen ihn hin; sie gewahrte ihn, aber eine dicke Wolke, die jetzt die Mondscheibe verhüllt hatte, verlieh seiner Gestalt ein schattenhaftes, überirdisches Aussehen. Da außerdem Amine keinen Grund hatte, seine Rückkehr jetzt schon zu erwarten, so hielt sie ihn für einen Bewohner der Geisterwelt, fuhr zurück, strich sich mit beiden Händen das Haar aus der Stirne und schaute abermals angelegentlich nach ihm hin.

»Ich bin's, Amine, fürchte dich nicht,« rief Philipp hastig.

»Ich fürchte mich nicht,« versetzte Amine, ihre Hand an's Herz drückend; »es ist jetzt vorüber. Geist meines theuren Gatten, – denn das mußt du wohl sein – ich danke dir. Sei willkommen, Philipp – auch im Tode willkommen!«

Und Amine winkte, als sie vom Fenster zurücktrat, wehmüthig mit ihrer Hand, Philipp zum Eintreten auffordernd.

»Mein Gott! sie hält mich für todt!« dachte Philipp und sprang, kaum wissend, was er thun sollte, durch das Fenster hinein, wo er sie auf dem Sopha fand.

Er wollte sprechen, aber Amine, deren Augen fest auf ihn geheftet waren, rief in der vollen Ueberzeugung, daß sie nur eine übernatürliche Erscheinung vor sich habe –

»So bald – so bald schon! O Gott. Dein Wille geschehe! Und doch ist es schwer zu ertragen. Philipp, theurer Philipp, ich empfinde es, daß ich dir bald folgen werde.«

Philipp wurde jetzt noch unruhiger, denn er fürchtete eine plötzliche Reaktion, wenn Amine entdecken sollte, daß er noch lebe.

»Theure Amine, höre mich. Ich erscheine unerwartet und zu einer ungewöhnlichen Stunde. Doch wirf dich in meine Arme und du wirst finden, daß dein Philipp nicht todt ist.«

»Nicht todt?« rief Amine aufspringend.

»Nein, nein, noch warm in Fleisch und Blut, Amine – noch immer dein dich zärtlich liebender Gatte,« rief Philipp, sie mit seinen Armen umfassend und an sein Herz drückend.

Amine sank auf das Sopha nieder und konnte sich glücklicherweise durch einen Strom von Thränen Erleichterung verschaffen, während Philipp, an ihrer Seite knieend, sie unterstützte.

»O Gott! o Gott! Ich danke dir,« entgegnete Amine nach einer Weile. »Ich glaubte, es sei dein Geist, Philipp. O, es machte mich glücklich, auch so dich zu sehen,« fuhr sie fort, an seinem Halse weinend.

»Kannst du jetzt hören, Theuerste, was ich dir mitzutheilen wünsche?« sagte Philipp nach einem kurzen Schweigen.

»O sprich, sprich, Lieber; ich könnte dir eine ganze Ewigkeit zuhören.«

Philipp berichtete nun in kurzen Worten, was sich zugetragen und Anlaß zu seiner unerwarteten Rückkehr gegeben hatte. Die zärtlichen Liebkosungen seiner noch immer aufgeregten Gattin leisteten ihm vollen Ersatz für alle seine Leiden. »Und dein Vater, Amine?«

»Er ist wohl – doch wir können morgen von ihm sprechen.«

»Ja,« dachte Philipp, als er am andern Morgen erwachte und die lieblichen Züge seiner noch immer schlummernden Gattin betrachtete. »Ja, Gott ist barmherzig. Ich fühle, daß mir noch ein Glück vorbehalten ist – ja noch mehr, daß dieses Glück von der treuen Erfüllung meiner Aufgabe abhängt und Strafe mich ereilt, wenn ich mein feierliches Gelübde vergesse. Doch sei es so – sogar durch Todesgefahren will ich meine Pflicht verfolgen und auf Gottes Erbarmen hoffen, daß er mich hier unten und im Himmel oben belohnen werde. Habe ich nicht jetzt schon reichlichen Ersatz für alle meine Leiden? Oh ja, mehr als Ersatz,« dachte er weiter, als er mit einem Kusse den Schlummer seiner Gattin störte, deren dunkle Augen jetzt mit dem vollen Strahle der Liebe und Freude auf ihm hafteten.

Ehe Philipp die Treppe hinunterging, erkundigte er sich nach Mynheer Poots.

»Mein Vater hat mir in der That viel Ungelegenheit gemacht,« versetzte Amine. »Ich mußte, wenn ich ausging, das Wohnzimmer abschließen, denn ich traf ihn mehr als einmal, wie er versuchte, die Schrankschlösser zu erbrechen. Sein Durst nach Geld ist unersättlich; er träumt von nichts Anderem. Er hat mir viel Kummer gemacht, indem er behauptete, ich werde dich nie wieder sehen, und deßhalb von mir verlangte, ich solle ihm dein ganzes Vermögen übergeben. Doch er fürchtet mich – noch mehr aber deine Rückkehr.«

»Mit seiner Gesundheit geht es übrigens gut?«

»Er ist nicht krank, welkt aber augenscheinlich mehr und mehr dahin – gleich einer Kerze, die in den Leuchter hinuntergebrannt ist und abwechselnd verblindet, um wieder aufzuflackern; das einemal ist er fast kindisch, das anderemal schmiedet er Plane, als fühlte er noch die Kraft seiner Jugend. Oh, welch ein schlimmer Fluch muß nicht dieser Golddurst sein! Ich glaube – ach, Philipp, nur mit Entsetzen kann ich es sagen – daß der arme, alte Mann – trotz seiner Nähe am Grabe, in welches er doch Nichts mitnehmen kann – dein Leben und das meinige zum Opfer bringen könnte, um sich in den Besitz jener Gülden zu versetzen, die ich bereitwillig gegen einen Kuß von deinen Lippen austauschen würde.«

»So hat er wirklich in meiner Abwesenheit Versuche gemacht, Amine?«

»Ich wage es nicht, meine Gedanken auszusprechen, und will ebenso wenig Muthmaßungen laut werden lassen, die schwer zu erweisen sein dürften. Sprechen wir nicht mehr von ihm, sondern laß dir's genügen, wenn ich sage, daß ich ein sorgfältiges Auge auf ihn habe. Du wirst ihn bald sehen; erwarte übrigens keinen herzlichen Willkomm, und wenn es auch der Fall wäre, so glaube nicht, daß er ehrlich gemeint ist. Ich will ihm nichts von deiner Rückkehr sagen, um mich zu überzeugen, welche Wirkung sie auf ihn übt.«

Amine ging nun hinunter, um das Frühstück zu bereiten, und Philipp machte einen kleinen Spaziergang. Als er wieder zurückkehrte, fand er Mynheer Poots neben seiner Tochter am Tische sitzend.

»Barmherziger Allah! darf ich meinen Augen trauen?« rief der alte Mann. »Seid Ihr's wirklich, Mynheer Vanderdecken?«

»Ei freilich,« versetzte Philipp; »ich kehrte gestern Abend zurück.«

»Und du sagtest mir nichts davon, Amine?«

»Ich wünschte, Euch zu überraschen,« entgegnete Amine.

»Mich zu überraschen? Wann segelt Ihr wieder aus, Mynheer Philipp? Doch hoffentlich recht bald? Vielleicht morgen?« sagte Mynheer Poots.

»Hoffentlich vor vielen Monaten noch nicht,« antwortete Philipp.

»Vor vielen Monaten noch nicht? Das ist lange für ein müßiges Leben. Ihr solltet Geld erwerben. Sagt mir, bringt Ihr diesmal ein hübsches Häufchen mit?«

»Nein,« versetzte Philipp; »ich habe Schiffbruch gelitten und fast mein Leben verloren.«

»Ihr geht aber doch wieder?«

»Ja, seiner Zeit wird's geschehen.«

»Sehr gut; wir wollen auf Euer Haus und auf Eure Gülden Acht haben.«

»Mit der Mühe, mein Geld zu hüten, werde ich Euch wahrscheinlich verschonen,« entgegnete Philipp, um den alten Mann zu ärgern, »denn ich habe im Sinne, es mit mir zu nehmen.«

»Es mit Euch zu nehmen? Und warum denn, wenn ich fragen darf?« entgegnete Poots unruhig.

»Um vor meiner Ausfahrt Güter einzukaufen und noch mehr Geld zu erwerben.«

»Aber Ihr könnt wieder Schiffbruch leiden und all Euer Geld verlieren. Nein, nein; Ihr könnt gehen, Mynheer Philipp, aber Eure Gülden müßt Ihr nicht mitnehmen.«

»Ich will's aber einmal,« entgegnete Philipp. »Wenn ich meine Wohnung wieder verlasse, werde ich all mein Geld mitnehmen.«

Philipp war nämlich im Verlaufe dieses Gesprächs beigefallen, wenn Mynheer Poots nur auf den Glauben gebracht werden könne, daß er sein Geld mitgenommen habe, so dürfte Amine ein ruhigeres Leben haben und nicht mehr genöthigt sein, fortwährend die Hüterin zu machen. Er beschloß daher, bei seiner nächsten Abreise nach diesem Plane zu verfahren.

Mynheer Poots erneuerte das Gespräch nicht wieder, sondern versank in düstere Gedanken. Einige Minuten später verließ er das Wohnzimmer und begab sich nach seinem eigenen. Philipp theilte nun seiner Gattin mit, aus welchem Grunde er dem alten Manne den Glauben beizubringen wünschte, daß er sein Eigenthum mit auf die See nehmen wolle.

»Das war sehr rücksichtsvoll von dir, Philipp, und ich danke dir für deine wohlwollende Absicht, obschon ich wünschte, daß du nichts über den Gegenstand hättest verlauten lassen. Du kennst meinen Vater nicht; ich muß ihn jetzt als einen Feind bewachen.«

»Nun, wer wird auch viel von einem gebrechlichen alten Manne fürchten!« versetzte Philipp lachend.

Amine war jedoch anderer Ansicht, und ließ keinen Augenblick von ihrer Vorsicht ab.

Der Frühling und der Sommer schwanden rasch dahin, denn unser Pärchen fühlte sich glücklich. Philipp besprach sich viel mit seiner Gattin über das Vorgefallene – namentlich über die gespenstische Erscheinung jenes Schiffes und über den verhängnißvollen Schiffbruch.

Amine fühlte, daß ihrem Gatten noch viele Gefahren und Schwierigkeiten bevorstanden, versuchte aber auch nicht ein einzigesmal, ihm die Wiederaufnahme der Erfüllung seines Gelübdes auszureden. Gleich ihm blickte sie mit hoffendem Vertrauen in die Zukunft; denn obwohl sie wußte, daß sich sein Glück zu irgend einer Zeit erfüllen mußte, so beredete sie sich doch gerne, daß die Stunde lange verzögert werden dürfte.

Zu Ende des Sommers begab sich Philipp wieder nach Amsterdam, um sich einen Platz auf einem der Schiffe zu nehmen, welche mit dem Beginne des Winters ausfahren sollten.

Der Schiffbruch des Schilling war wohl bekannt, denn Philipp hatte während seiner Heimfahrt alle Umstände, mit Ausnahme der Erscheinung des gespenstischen Schiffes, aufgezeichnet und dem Direktorium mitgetheilt. Die Compagnie hatte ihm nicht nur wegen seines trefflichen Berichtes, sondern auch in Berücksichtigung seiner eigenthümlichen Leiden und seiner wunderbaren Rettung die Stelle eines zweiten Maten versprochen, im Falle er geneigt sein sollte, wieder nach Ostindien zu segeln.

Als er den Direktoren seinen Besuch machte, erhielt er seine Ernennung auf die Batavia, ein schönes Schiff von ungefähr vierhundert Tonnen Last. Nachdem dies eingeleitet war, eilte er nach Terneuse zurück und theilte seiner Gattin im Beisein des Mynheer Poots mit, was er gethan hatte.

»Ihr geht also wieder zur See?« bemerkte Mynheer Poots.

»Ja, aber wahrscheinlich nicht vor 2 Monaten,« versetzte Philipp.

»Ah!« entgegnete Poots; »in zwei Monaten!« Und der alte Mann murmelte vor sich hin.

Wie wahr ist es, daß wir weit leichter ein wirkliches Uebel, als die Ungewißheit ertragen können! Wir dürfen nicht glauben, daß Amine sich über den Gedanken einer nahen Trennung von ihrem Gatten abhärmte; freilich fühlte sie dieselbe schmerzlich, aber das Scheiden war eine gebieterische Pflicht, die ihr immer vorschwebte, weshalb sie gegen ihre Empfindungen ankämpfte und sich ohne Klage in das fügte, was sich nicht vermeiden ließ. Nur ein Umstand verursachte ihr viel Unruhe – nämlich die Stimmung und das Benehmen ihres Vaters. Amine kannte seinen Charakter gut und bemerkte, daß er bereits in Geheim Philipp haßte, da er in demselben das einzige Hinderniß sah, sich das im Hause befindliche Geld zuzueignen; denn der alte Mann wußte wohl, daß seine Tochter nach Philipps Tode sich wenig darum kümmern würde, wer davon Besitz nehme oder was daraus werde. Der Gedanke, daß sein Schwiegersohn das Geld mit sich nehmen wolle, hatte das Gehirn des alten Geizhalses beinahe völlig verdreht. Amine, die ihn scharf bewachte, sah ihn oft stundenlang umhergehen und vor sich hinmurmeln, ohne daß er seinem Berufe den früheren Eifer weihte.

Ein paar Abende nach der Rückkehr von Amsterdam klagte Philipp über Unwohlbefinden.

»Ihr seid nicht wohl?« rief der alte Mann aufspringend. »Laßt mich sehen – ja, Euer Puls ist sehr schnell. Amine, dein armer Gatte ist sehr krank. Er muß zu Bette gehen, und ich will ihm Etwas geben, was ihm gut thun wird. Ihr braucht mir nichts dafür zu bezahlen, Philipp – ganz und gar nicht.«

»So gar unwohl fühle ich mich denn doch nicht, Mynheer Poots,« versetzte Philipp, »obschon ich argen Kopfschmerz verspüre.«

»Ja, und Ihr habt auch Fieber, Philipp; und Vorsorge ist besser, als eine Cur. Geht zu Bette und nehmet, was ich Euch sende; Ihr werdet dann morgen wieder wohl sein.«

Philipp ging mit Amine die Treppe hinauf, während sich Mynheer Poots nach seinem eigenen Gemache begab, um die Arznei zu bereiten. Sobald Philipp im Bette lag, ging Amine wieder hinunter und traf auf ihren Vater, der ihr ein Pulver mit der Weisung einhändigte, es ihrem Gatten zu geben, und dann die Wohnstube verließ.

»Gott verzeih mir, wenn ich meinem Vater Unrecht thue,« dachte Amine, »aber ich habe meine Bedenken. Philipp ist krank – kränker, als er zugestehen will, und wenn er nicht Arznei nimmt, so könnte es noch schlimmer werden; aber mein Herz flüstert mir zu, daß ich nicht trauen darf. Und doch – wahrhaftig, er kann nicht so teuflisch verrucht sein.«

Sie untersuchte den Inhalt des Papiers; es war eine sehr geringe Quantität dunkelbraunen Pulvers, welches der Weisung des Doctors zufolge, in einem Becher warmen Weins gereicht werden sollte. Mynheer Poots hatte sich erboten, den Wein selbst heiß zu machen. Seine Rückkehr aus der Kirche unterbrach Aminens Betrachtungen.

»Hier ist der Wein, mein Kind; gib ihm den ganzen Becher mit dem Pulver und decke ihn warm zu; es wird bald Schweiß erfolgen, der nicht unterbrochen werden darf. Wache bei ihm, Amine – du mußt nicht zu Bette gehen; morgen wird er dann wieder gut sein.« Mynheer Poots verließ nun das Gemach, indem er noch beifügte: »gute Nacht, mein Kind.«

Amine schüttete das Pulver in einen der silbernen Becher auf dem Tisch und mischte es mit dem Weine. Der freundliche Ton in der Stimme ihres Vaters hatte für einen Augenblick ihren Argwohn beschwichtigt; auch mußte man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er als Arzt stets sehr besorgt für seine Patienten war. Als Amine das Pulver mischte, bemerkte sie, daß kein Bodensatz zurückblieb und der Wein nichts an seiner Klarheit verlor. Dies war ungewöhnlich und ihr Argwohn wachte wieder auf.

»Das gefüllt mir nicht,« sagte sie; »ich fürchte meinen Vater – Gott steh' mir bei! – Ich weiß kaum, was ich thun soll. Nein, ich will es Philipp nicht geben. Der warme Wein allein wird zureichen, um Schweiß herbeizuführen.

Sie hielt inne und dachte wieder nach. Das Pulver hatte sie mit so wenig Wein gemischt, daß es nicht den vierten Theil des Bechers füllte; sie stellte ihn bei Seite, goß einen andern bis an den Rand voll und begab sich sodann nach dem Schlafgemach.

Auf dem Treppenabsätze begegnete sie ihrem Vater, der ihrer Meinung nach bereits zu Bette gegangen war.

»Gib Acht, daß du nichts verschüttest, Amine. Das ist recht, – gib ihm nur einen ganzen Becher voll. Halt, gib es mir; ich will es ihm selber bringen,«

Mynheer Poots nahm den Becher aus Aminens Händen und begab sich in Philipps Gemach.

»Hier mein Sohn, trinkt dies auf einmal aus und es wird Euch gut thun,« sagte Mynheer Poots, und seine Hände zitterten, so daß der Wein auf die Bettdecke niederträufelte. Amine, welche ihrem Vater zusah, war mehr als je erfreut, daß sie das Pulver nicht in den Becher gethan hatte. Philipp stützte sich auf seine Ellenbogen, trank den Wein, und Mynheer Poots wünschte ihm gute Nacht.

»Verlaß ihn nicht, Amine – es muß Alles recht geschehen,« sagte Mynheer Poots, ehe er das Zimmer verließ.

Amine hatte zwar beabsichtigt, hinunterzugehen und das in der Wohnstube stehende Licht zu holen; der gedachten Weisung zufolge blieb sie jedoch bei ihrem Gatten, gegen den sie ihre Gefühle aussprach, indem sie ihm zugleich mitteilte, daß sie ihm das Pulver nicht gegeben habe.

»Ich hoffe, daß du im Irrthum bist, Amine,« versetzte Philipp; »gewiß, du kannst unmöglich Recht haben. Wie wäre es auch möglich, daß ein Mensch die schlimmen Vermuthungen rechtfertigen könnte, die du gegen deinen Vater hegst!«

»Du hast nicht so lange mit ihm gelebt, wie ich, und auch nicht gesehen, was ich gesehen habe,« entgegnete Amine. »Möglich, daß ich Unrecht habe – aber du weißt nicht, zu welchen Unthaten das Gold die Menschen zu verlocken im Stande ist. Wie dem übrigens sein mag, jedenfalls mußt du jetzt schlafen und ich will bei dir wachen, mein Theuerster. Ich bitte, sprich nicht – ich fühle, daß ich jetzt doch nicht schlafen kann, und wünsche ein wenig zu lesen – ich will mich dann gelegentlich gleichfalls niederlegen.«

Philipp machte keine anderen Einwendungen und schlief bald ein. Amine wachte schweigend an seiner Seite, bis Mitternacht längst vorüber war.

»Er athmet schwer,« dachte Amine, »aber hätte ich ihm das Pulver gegeben – wer weiß, ob er je wieder erwachen würde! Mein Vater ist so tief eingeweiht in die Kunst des Ostens, daß ich mich vor ihm fürchte. Ach, ich weiß ja, wie er nur zu oft für einen mit Gold gefüllten Beutel den Schlaf des Todes bereitete. Ein Anderer würde bei dem Gedanken schaudern, aber ein Mensch, der sich dazu brauchen läßt, für gute Bezahlung den Tod zu spenden, wird wenig Bedenken tragen, auch dem Gatten seiner eigenen Tochter das Gift zu reichen. Ich habe ihn sorgfältig beobachtet – kenne seine Gedanken und Wünsche. Welche schlimme Vorahnung hat mich noch diesen Abend befallen – welche unabwendbare Furcht vor einem Uebel! Philipp ist allerdings krank, aber doch nicht gefährlich – nein, nein! Und außerdem ist seine Zeit noch nicht gekommen; er hat das furchtbare Werk, dem er sich unterzog, noch zu beendigen. Ich wollte, es wäre Morgen. Wie süß er schläft – und der Schweiß steht ihm in Tropfen auf der Stirne. Ich muß ihn warm zudecken und Acht haben, daß er in dieser Lage bleibt. Horch, da klopft Jemand unten. Ach, wenn er nur nicht erwacht – das Pochen gilt meinem Vater.«

Amine verließ das Gemach und eilte die Treppe hinunter. Wie sie vermuthet hatte, wollte man Mynheer Poots zu einer Kreisenden rufen.

»Er wird unverweilt kommen,« sagte Amine; »ich will ihn wecken.«

Sie ging die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo ihr Vater schlief und klopfte; da sie keine Antwort erhielt, so pochte sie abermals.

»Mein Vater schläft doch sonst nicht so tief,« dachte Amine, als auch auf ihr zweites Klopfen keine Antwort erfolgte.

Sie öffnete die Thüre, ging hinein und bemerkte zu ihrem Erstaunen, daß ihr Vater nicht im Bette lag.

»Seltsam,« dachte sie; »aber ich erinnere mich jetzt, daß ich ihn nicht heraufkommen hörte, nachdem er hinuntergegangen war, um das Licht wegzunehmen.«

Amine eilte in die Wohnstube hinunter, wo sie ihren Vater scheinbar in tiefem Schlafe auf dem Sopha liegen sah. Sie rief ihm zu, erhielt aber keine Antwort.

»Barmherziger Himmel! Ist er todt?« dachte sie, als sie mit dem Lichte herantrat, um das Gesicht ihres Vaters zu beleuchten.

Ja, es war so – seine Augen waren starr und gläsern – seine untere Kinnlade niedergesunken.

Eine Weile lehnte sich Amine in einem Zustande von Betäubung gegen die Wand; ihr Gehirn schwindelte. Endlich gewann sie ihre Fassung wieder.

»Es muß sich bald zeigen,« dachte sie, während sie auf den Tisch zuging und in den silbernen Becher blickte, in welchem sie das Pulver gemischt hatte.

Er war leer!

»Der Gott der Gerechten hat ihn zur Strafe gezogen!« rief Amine. »Aber ach! daß dieser Mensch mein Vater sein mußte! Ja, es ist klar. Durch seine eigenen verruchten und verdammungswürdigen Anschläge eingeschüchtert, goß er sich Wein ein, um seine Gewissensbisse zu betäuben. Er wußte nicht, daß das Pulver noch in dem Becher war, füllte ihn auf und trank selbst – den Tod, den er einem andern zugedacht hatte! Einem Andern! – Und wem? Einem Manne, der der Gatte seiner eigenen Tochter ist – Wärst du nicht mein Vater,« fuhr Amine fort, während sie die Leiche betrachtete, »so würde ich dich anspeien und dir fluchen! – Doch du bist gestraft und möge Gott dir vergeben – du armes, schwaches, gottloses Geschöpf!«

Amine verließ sodann das Gemach und ging die Treppe hinauf, wo sie Philipp noch immer schlafend und in reichlichem Schweiße fand.

Die meisten Weiber würden unter derartigen Umständen ihre Gatten geweckt haben, aber Amine dachte nicht an sich selbst. Philipp war krank, und sie mochte zu keiner Aufregung Anlaß geben, die ihm gefährlich werden konnte. Sie setzte sich neben dem Bette nieder, drückte die Hände an ihre Stirne und stützte die Ellenbogen auf ihre Kniee; so verblieb sie in tiefen Gedanken, bis die Sonne sich erhob und ihre hellen Strahlen durch das Fenster goß.

Ein abermaliges Klopfen weckte sie aus ihren Betrachtungen. Sie eilte in die Hausflur hinunter, ohne jedoch die Thüre zu öffnen.

»Mynheer Poots möchte doch augenblicklich kommen,« sagte das Mädchen, das den Auftrag zu besorgen hatte.

»Meine gute Therese,« versetzte Amine, »mein Vater hat mehr des Beistandes nöthig, als Eure arme Frau, denn ich fürchte, seine Erdenwanderung ist vorüber. Ich fand ihn sehr krank, als ich ihn rufen wollte, und er ist nicht im Stande, sein Bette zu verlassen. Ich muß Euch selbst um einen Gefallen bitten; ersucht doch den Pater Seysen, er möchte hierher kommen, denn ich fürchte, mein armer Vater liegt in den letzten Zügen.«

»Ach, du mein Himmel!« erwiderte Therese. »Ist's wirklich so weit? Seid unbesorgt, ich will Euer Geheiß erfüllen, Mistreß Amine.«

Das zweite Klopfen hatte Philipp geweckt, welcher sich jetzt viel besser und ganz vom Kopfweh befreit fühlte. Er bemerkte, daß sich Amine die ganze Nacht über nicht zur Ruhe begeben hatte und war eben im Begriffe, ihr einen Verweis zu geben, als sie ihn mit einemmale von dem ganzen Vorfalle unterrichtete.

»Du mußt dich ankleiden, Philipp,« fuhr sie fort, »und mir Beistand leisten, damit wir die Leiche zu Bette bringen können, ehe der Priester kommt. Barmherziger Gott! hätte ich dir das Pulver gegeben, mein theuerster Philipp – – doch sprechen wir nicht mehr davon. Beeile dich, denn Pater Seysen wird bald hier sein.«

Philipp kleidete sich an und folgte Amine nach dem Wohnzimmer hinunter. Die Sonne schien hell und goß ihre Strahlen auf das abgezehrte Gesicht des alten Mannes, der mit geballten Fäusten dalag, während seine Zunge zwischen die Zähne der einen Mundseite eingeklemmt war.

»Ach! dieses Zimmer scheint verhängnißvoll zu werden. Wie viele Schreckensscenen müssen wohl noch darin vorgehen?«

»Hoffentlich keine mehr,« versetzte Amine. »Auch erscheint mir die gegenwärtige nicht als eine Schreckensscene. Aber als dieser alte Mann, der jetzt als ein Opfer seines eigenen Verraths abgerufen wurde, an deinem Bette stand – jeder Zug seines Gesichtes Theilnahme und Wohlwollen – und dir den Becher anbot – das war ein Auftritt des Entsetzens« – fügte Amine schaudernd bei, – »der mich lange umspuken wird.«

»Gott vergebe ihm, wie ich ihm vergebe,« versetzte Philipp, indem er den Leichnam aufhob und die Treppe hinauf nach dem Gemache brachte, in welchem Mynheer Pools zu schlafen pflegte.

»Wir wollen die Leute wenigstens glauben lassen, daß er in seinem Bette und eines natürlichen Todes starb,« sagte Amine. »Mein Stolz vermöchte es nicht zu ertragen, daß die Unthat bekannt und ich als die Tochter eines Mörders angesehen würde! Oh, Philipp!«

Amine setzte sich nieder und brach in Thränen aus.

Ihr Gatte war noch bemüht, sie zu trösten, als Pater Seysen an die Thür klopfte; Philipp eilte hinunter, um zu öffnen.

»Guten Morgen, mein Sohn. Wie geht es dem Leidenden?«

»Er hat aufgehört zu leiden, Vater.«

»Wirklich?« versetzte der gute Priester mit bekümmerter Miene. »So komme ich also zu spät? Und doch habe ich keinen Augenblick gezögert.«

»Er verschied plötzlich unter Convulsionen, Vater,« versetzte Philipp, den Geistlichen die Treppe hinaufführend.

Pater Seysen betrachtete die Leiche und bemerkte wohl, daß seine Dienste hier zu spät kamen. Er wandte sich an Amine, welche ihren Thränen noch immer freien Lauf ließ.

»Weine, mein Kind, weine immerhin, denn du hast alle Ursache dazu,« sagte der Priester. »Der Verlust der Liebe eines Vaters muß eine schwere Heimsuchung sein für ein dankbares und zärtliches Kind. Doch gib dich nicht zu sehr dem Schmerze hin, Amine; du hast andere Pflichten, andere Bande, mein Kind – du hast einen Gatten.«

»Ich weiß es, Vater,« versetzte Amine, »aber doch muß ich weinen, denn ich bin seine Tochter.«

»Ist er denn gestern Abend nicht zu Bette gegangen, daß er noch immer die Kleider anhat? Wann beklagte er sich zum erstenmale?«

»Ich sah ihn zum letztenmale, Vater,« antwortete Philipp, »als er in mein Zimmer kam und mir Arznei reichte; dann wünschte er mir gute Nacht. Jemand wollte ihn zu einem Kranken rufen, weßhalb meine Gattin hinging, um ihn zu wecken; sie fand ihn aber bereits sprachlos.«

»Das ist sehr schnell gegangen,« versetzte der Priester; »aber er war ein alter Mann und mit alten Leuten nimmt es oft plötzlich ein Ende. Wart Ihr bei seinem Sterben?«

»Ich nicht, Sir,« entgegnete Philipp. »Meine Frau weckte mich, und ehe ich mich ankleiden konnte, war er bereits aus dieser Welt geschieden.«

»Wir wollen hoffen, um in eine bessere einzugehen, meine Kinder.«

Amine schauderte.

»Sage mir, Amine,« fuhr der Priester fort; »zeigte er Spuren der Begnadigung, bevor er starb? Denn du weißt wohl, daß sein Glaube als sehr zweifelhaft erschien, und er nicht viel nach dem Ritus unserer heiligen Kirche fragte.«

»Es gibt Zeiten, heiliger Vater,« versetzte Amine, »in welchen sich sogar bei einem wahren Christen keine Zeichen, wie Ihr sie meint, erwartet werden können. Betrachtet nur seine geballten Hände und die Spuren des herben Todeskampfes in seinem Gesichte!«

»'s ist leider nur zu wahr, meine Tochter; so müssen wir eben das Beste hoffen. Knieet mit mir nieder, meine Kinder, damit wir für die Seele des Hingeschiedenen beten.«

Philipp und Amine ließen sich mit dem Priester auf die Kniee nieder, der ein brünstiges Gebet gen Himmel schickte. Als sie sich wieder erhoben, wechselten sie einen Blick, der vollkommen enthüllte, was gegenseitig in ihrem Innern vorging.

»Ich will Leute schicken, welche dem Todten den letzten Dienst erweisen und die Leiche für die Beerdigung vorbereiten,« sagte Pater Seysen. »Uebrigens wird es gut sein, wenn Ihr nicht sagt, er sei schon vor meiner Ankunft gestorben. Man braucht nicht zu muthmaßen, daß er abgerufen wurde, ohne die heiligen Sterbsakramente zu empfangen.«

Philipp, der zu den Füßen des Bettes stand, nickte bejahend mit dem Kopfe, und der Priester entfernte sich. Man hatte in der Stadt stets große Abneigung gegen Mynheer Poots gehegt. Seine Vernachlässigung aller religiösen Pflichten – der Zweifel, ob er überhaupt nur ein Mitglied der Kirche sei – sein Geiz und seine Erpressungen – Alles dies hatte ihm eine Schaar von Feinden zugezogen; gleichwohl war er aber durch seine große medicinische Geschicklichkeit, die allenthalben volle Anerkennung fand, zu einem Manne von Bedeutung geworden. Hätte man in Erfahrung gebracht, daß er ein Moslem, wo nicht gar ein völlig Ungläubiger war, ferner, daß er in dem Versuche gestorben sei, seinen Schwiegersohn zu vergiften, so würde ihm zuverlässig ein christliches Begräbniß versagt worden sein, und die Finger der Verachtung hätten sich auch auf die Tochter gerichtet. Da jedoch Pater Seysen auf jede Frage mit milder Stimme antwortete, er sei »im Frieden hingefahren,« so nahm man an, Mynheer Poots sei als guter Christ gestorben, obgleich er im Leben nur wenig Christenthum gezeigt hatte. Am andern Tag wurden die Ueberreste des alten Mannes mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten der Erde anheim gegeben, und Philipp mit seiner Gattin fühlten sich nicht wenig beruhigt, daß Alles so ruhig abgelaufen war.

Erst nach der Beerdigung untersuchten die Hinterbliebenen das Gemach des Todten. Der Schlüssel zu der eisernen Truhe war in dessen Tasche gefunden worden, und Philipp hatte noch nie von dem Lieblingsverschlusse des alten Mannes Einsicht genommen. Das Zimmer war mit Flaschen und Büchsen angefüllt. Was Amine als brauchbar kannte, wurde in eine Kammer geschafft, das Uebrige aber weggeworfen. Der Tisch enthielt viele Schubladen, die unter anderen Gegenständen viele Papiere mit arabischen Schriftzügen bargen, – wahrscheinlich Recepte. Auch fanden sich Büchsen mit arabischen Charakteren vor, und die erste, welche sie aufnahmen, enthielt ein ähnliches Pulver, wie das war, welches Herr Poots Aminen gegeben hatte. Aus vielen Gegenständen, welche außerdem noch vorhanden waren, ließ sich entnehmen, daß der alte Mann auch in den geheimen Wissenschaften, welche in jener Zeit im Schwunge waren, gepfuscht hatte. Sie wurden unverweilt den Flammen übergeben.

»Hätte Pater Seysen all dies gesehen!« bemerkte Amine in wehmüthigem Tone. »Doch da sind einige gedruckte Papiere, Philipp.«

Philipp untersuchte sie und fand, daß es Aktienscheine der holländisch-ostindischen Compagnie waren.

»Nein, Amine, das ist Geld oder doch Geldeswerth – acht Aktien des Compagnie-Kapitals, die uns ein schönes Jahreseinkommen abwerfen werden. Ich ließ mir nicht träumen, daß der alte Mann einen solchen Gebrauch von seinem Gelde machte. Ich hatte im Sinne, vor meiner Abreise einen Theil meiner Habe in ähnlicher Weise anzulegen, damit es nicht müßig liegen bleibe.«

Nun wurde die eiserne Truhe untersucht. Sie schien nur wenig zu enthalten, denn sie war groß und tief und sah fast leer aus; als jedoch Philipp auf den Boden hinuntergriff, traf er auf dreißig oder vierzig kleine Beutel, die statt silberner Gülden lauter Goldmünzen enthielten; nur ein einziger großer Sack mit Silbergeld war vorhanden. Nun wurden aber noch mehrere kleine Schachteln und Pakete entdeckt, in denen man beim Oeffnen Diamanten und andere kostbare Steine fand. Als Alles beisammen lag, erwies sich der Schatz von hohem Werthe.

»Meine liebe Amine, du hast mir eine in der That sehr unerwartete Mitgift gebracht,« sagte Philipp.

»Du darfst wohl sagen, unerwartet,« versetzte Amine; »diese Diamanten und Kleinodien muß mein Vater aus Aegypten mitgebracht haben; und doch wie armselig lebten wir, bis wir in diese Wohnung kamen! Gott verzeih ihm! und bei all diesem Reichthum wollte er meinen Philipp vergiften, um noch mehr zusammen zu scharren!«

Sie zählten das Geld, das sich fast auf fünfzig tausend Gülden belief, legten dann Alles wieder zurück und verließen das Zimmer.

»Ich bin ein reicher Mann,« dachte Philipp, als er allein war, »aber was nützen mir alle diese Schätze? Ich könnte mir ein Schiff kaufen und selbst der Kapitän desselben sein, – aber würde es nicht zu Grunde gehen? Freilich ist das keine nothwendige Folge, aber doch spricht die Wahrscheinlichkeit dafür. Ich will daher kein eigenes Schiff haben. Ist's aber auch recht, mit einem solchen Gefühle in den Schiffen Anderer zu segeln? Ich weiß es nicht; soviel ist übrigens gewiß, daß ich eine Pflicht zu erfüllen habe, und daß unser Aller Leben in der Hand einer gütigen Vorsehung ist, die uns abruft, wenn sie es für passend hält. Ich will das Meiste meines Geldes in Compagnie-Aktien anlegen; wenn ich dann in den Schiffen derselben segle und aus einer Begegnung mit meinem armen Vater Unglück erwächst, so leide ich wenigstens gemeinschaftlich mit den Uebrigen. Nun will ich's aber auch meiner Amine gemächlich machen.«

Philipp traf unverweilt eine große Veränderung in der Art des Hauswesens, Er miethete zwei weibliche Dienstboten, ließ die Zimmer gemächlicher einrichten und sparte, soweit die Bequemlichkeit seiner Gattin in Betracht kam, keine Unkosten. Von Amsterdam her verschrieb er sich mehrere Aktien der ostindischen Gesellschaft, ließ übrigens sein eigenes Geld und die Diamanten noch immer in Aminens Händen. Unter derartigen Vorkehrungen entschwanden die zwei Monate rasch, und als Alles bereinigt war, erhielt Philipp abermals eine Aufforderung (diesmal schriftlich), auf seinem Schiffe einzutreffen. Es wäre Aminen wohl lieber gewesen, wenn Philipp als Passagier, nicht als Offizier mitgegangen wäre; unser Held zog jedoch das Letztere vor, da er sonst für eine Indienfahrt keinen Grund hätte angeben können.

»Ich weiß nicht, wie es kömmt,« bemerkte Philipp den Abend vor seiner Abreise; »aber es ist mir nicht, wie das letztemal, denn ich fühle mich durch gar keine schlimme Vorahnung beklommen.«

»Auch ich nicht,« versetzte Amine; »dennoch ist's mir, als ob du lange fortbleiben würdest, Philipp, und ist das nicht schlimm genug für ein zärtliches, bekümmertes Weib?«

»Wohl, Liebe, du hast ganz Recht, aber – –«

»O ja, ich weiß, es ist deine Pflicht und du mußt gehen,« entgegnete Amine, ihr Antlitz an seiner Brust verbergend.

Am andern Tage trennte er sich von seiner Gattin, die sich jetzt weit standhafter benahm, als bei ihrer ersten Trennung. »Alles ging verloren, und er wurde gerettet,« dachte Amine. »Mein Inneres sagt mir, er wird zu mir zurückkehren. Gott im Himmel, dein Wille geschehe!«

Philipp langte bald in Amsterdam an. Nachdem er sich viele Gegenstände gekauft hatte, die er im Falle eines fast mit Sicherheit vorauszusehenden Unglücks für vortheilhaft hielt, schiffte er sich an Bord der Batavia ein, die seefertig vor einem einzelnen Anker lag.

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