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Der fliegende Holländer

Frederick Marryat: Der fliegende Holländer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorKapitän Marryat
titleDer fliegende Holländer
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
year
firstpub
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
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Zehntes Kapitel.

Die plötzliche Dunkelheit, welche dem blassen Lichte gefolgt war, übte die Wirkung, daß alle Gegenstände der erstaunten Mannschaft des Schilling nur noch unbestimmter erschienen. Für eine Weile wurde kein Laut an Bord gehört. Einige hielten ihre Blicke auf die Stelle geheftet, wo die Erscheinung verschwunden war, Andere wandten sich voll düsterer, ahnungsvoller Gedanken ab. Hillebrant unterbrach zuerst das Schweigen; er drehte sich gen Osten und fuhr, da er dort ein Licht bemerkte, zusammen. Zu gleicher Zeit ergriff er Philipp beim Arme und rief: »Was ist dies?«

»Nur der Mond, der sich über die Wolken erhebt,« versetzte Philipp wehmüthig.

»Das gesteh' ich!« bemerkte Mynheer Kloots, die von Schweiß feuchte Stirne abwischend. »Ich habe früher oft von dieser Geschichte gehört, aber stets nur dabei gelacht.«

Philipp blieb stumm. Von der Wirklichkeit der Erscheinung überzeugt und wohl fühlend, wie tief er dabei betheiligt war, kam er sich selbst wie ein Verbrecher vor.

Der Mond hatte sich jetzt über die Wolken erhoben und goß sein mildes, blasses Licht über den schlummernden Ocean. Wie in Folge eines gemeinschaftlichen Antriebes richtete männiglich die Augen nach der Stelle, wo die fremdartige Erscheinung zuletzt gesehen worden war. Alles verhielt sich ruhig – eine todte Windstille.

Seit dem Auftauchen des Schiffes war der Pilot Schriften ohne Unterlaß auf der Hütte geblieben; er näherte sich jetzt allmälig Mynheer Kloots, blickte umher und sagte: »Mynheer Kloots, als Pilot dieses Fahrzeugs will ich Euch sagen, daß Ihr Euch auf sehr schlimm Wetter gefaßt halten müßt.«

»Schlimm Wetter?« entgegnete Kloots, sich aus einer tiefen Träumerei aufraffend.

»Ja, schlimm Wetter, Mynheer Kloots. Nie ist ein Schiff mit – mit dem, was wir eben gesehen haben, zusammengetroffen, ohne bald nachher ein Unheil zu erfahren. Schon der Name Vanderdecken bringt keinen Segen – hi! hi!«

Philipp wollte auf diesen Hohn antworten, fühlte sich aber außer Stand; seine Zunge war gefesselt.

»Was hat der Name Vanderdecken damit zu schaffen?« fragte Kloots.

»Habt Ihr denn nie von der Geschichte gehört? Der Kapitän des Schiffes, das uns eben zu Gesichte kam, ist ein gewisser Mynheer Vanderdecken – er ist der fliegende Holländer.«

»Wie könnt Ihr dies wissen, Pilot?« fragte Hillebrant.

»Nun, ich weiß es einmal, und noch viel mehr, wenn ich es sagen möchte,« antwortete Schriften. »Doch gleichviel – ich habe Euch vor schlimmem Wetter gewarnt und damit meine Pflicht erfüllt.«

Mit diesen Worten stieg Schriften die Hüttentreppe hinunter.

»Gott im Himmel! hat mich doch in meinem Leben nie Etwas so verwirrt und erschreckt,« bemerkte Kloots. »Ich weiß nicht, was ich davon denken oder sagen soll. – Was haltet Ihr davon, Philipp? War es nicht übernatürlich?«

»Ja,« versetzte Philipp traurig. »Ich zweifle nicht daran.«

»Ich glaubte, die Tage der Wunder seien vorbei,« sagte der Kapitän, »und war der Meinung, wir seien in jetziger Zeit unserer eigenen Anstrengung überlassen, ohne andere Warnungszeichen zu erhalten, als die uns das Aussehen des Himmels gibt.«

»Und auch dieser warnt uns jetzt,« bemerkte Hillebrant. »Seht, wie sich jene Wolkenschichte in den letzten fünf Minuten gehoben hat. Der Mond ist ihr zwar entwischt, wird aber bald wieder eingeholt sein – und seht, da zuckt im Nordwesten ein Blitz auf.«

»Wohlan, meine Kinder, ich kann so gut als irgend Einer dem Elemente Trotz bieten und mein Bestes thun, habe mich von jeher wenig um Böen und stürmisches Wetter bekümmert, aber doch gefällt mir die Warnung, die wir heute Abend erhalten haben, ganz und gar nicht. In Wahrheit, das Herz liegt mir mit einem Bleigewicht in der Brust. Philipp, laßt die Schnapsflasche heraufholen, wär's auch nur, um mir das Gehirn ein Bischen zu klären.«

Philipp erfaßte mit Freuden die Gelegenheit, die Hütte zu verlassen; er wünschte sich nur wenige Minuten, um seine Gedanken zu sammeln. Die Erscheinung des Geisterschiffs hatte ihn furchtbar erschüttert – nicht, daß er je an der wirklichen Existenz desselben gezweifelt hätte, sondern sein Geist wirbelte bei dem Gedanken, das Fahrzeug gesehen zu haben und demselben so nahe gewesen zu sein, in welchem sein Vater unter einem so schrecklichen Banne lag – dasselbe Fahrzeug, an dessen Bord, wie er in tiefster Seele empfand, sein eigenes Geschick in Erfüllung gehen mußte. Als er den Ton der Hochbootsmannspfeife vernahm, lauschte er begierig, um das Ertheilen der Befehle zu vernehmen, die – er wußte es wohl – von seinem Vater gegeben wurden. Auch seine Augen strengte er an zu dem Versuche, die Züge und den Anzug derjenigen zu unterscheiden, die sich auf den Decken bewegten. Sobald er den Knaben zu Mynheer Kloots hinaufgeschickt hatte, eilte er nach seiner Kajüte und begrub sein Antlitz in die Decke seines Bettes: dann betete er – betete, bis er seinen gewöhnlichen Muth wieder gewonnen und sich soweit gefaßt hatte, um mit der Ruhe und dem Heroismus eines Märtyrers der Gefahr entgegen zu sehen.

Philipp blieb nicht länger als eine halbe Stunde unten. Aber welche Veränderung hatte nicht stattgefunden, als er wieder auf dem Deck erschien! Vor kurzer Frist noch schwamm das Schiff regungslos auf dem stillen Wasser, und die hohen Segel hingen schlaff von den Raaen nieder. Der Mond schwebte in milder Schönheit am Himmelszelte dahin, den Wiederstrahl der Masten und Segel in der glatten See erkennen lassend. Jetzt war Alles dunkel. Das Wasser brach in kurzen schäumenden Wellen; die kleineren und oberen Segel waren eingenommen worden und das Schiff schnitt rasch durch das Wasser. Der Wind verkündete durch seine krampfhaften Stöße und sein zorniges Geheul nur zu deutlich, daß sein Grimm geweckt worden war und er jetzt alle seine Kräfte sammelte, um ein Werk der Zerstörung auszuführen. Die Matrosen waren noch immer mit Kürzung der Segel beschäftigt, betrieben aber ihr Geschäft düster und mißvergnügt. Was der Pilot Schriften zu ihnen gesagt hatte, wußte Philipp nicht; er bemerkte jedoch, daß sie ihn vermieden und augenscheinlich mit grollenden Gefühlen betrachteten. Die Bö steigerte sich mit jeder Minute.

»Der Wind ist nicht stätig,« bemerkte Hillebrant. »Es läßt sich nicht ausfindig machen, aus welcher Richtung der Sturm blasen mag, denn er hat bereits um fünf Striche gewechselt. Philipp, das Aussehen der Dinge will mir gar nicht gefallen, und ich kann wohl mit dem Kapitän sagen, daß auch mir das Herz schwer ist.«

»Mir ergeht es gleichfalls nicht besser,« versetzte Philipp; »aber wir sind in den Händen einer barmherzigen Vorsehung.«

»Hart Backbord! Vorn eingelegt! Das Schnausegel aufgegeit, meine Leute! Tummelt Euch!« rief Kloots, als das Schiff durch das Schlagen des Windes nach Norden und Westen rückwärts geworfen wurde und sich tief auf die Seite legte. Der Regen schoß nun in Strömen nieder und es war so dunkel, daß kaum Einer den Andern auf dem Decke sehen konnte.

»Wir müssen die Marssegel aufgeien, während die Mannschaft auf die Raaen steigt. Besorgt dieses Geschäft im Vorderschiff, Herr Hillebrant.«

Der Blitz durchzuckte nun quer das Firmament und der Donner rollte mit Macht.

»Hurtig! hurtig, Ihr Leute, laßt Alles beschlagen!«

Die Matrosen schüttelten das Wasser aus ihren triefenden Kleidern und gingen zum Theil an's Geschäft, während Andere den Vortheil der Nacht ersahen, um sich zu verbergen und mit ihrer eigenen Furcht zu Rathe zu gehen.

Alle Leinwand des Schiffes, mit Ausnahme des Fockstagsegels, war nun eingezogen und der Schilling flog, den Wind in seiner Vierung, gegen Süden. Die See brüllte in schäumenden Wogen; der Regen goß in Strömen durch die pechfinstere Nacht und die durchnäßten, erschrockenen Matrosen schützten sich unter den Bollwerken. Obgleich Viele ihren Dienst verabsäumt hatten, wagte sich doch nicht ein Einziger in den Raum hinunter. Sie sammelten sich nicht wie gewöhnlich, sondern Jeder zog es vor, sich einsam mit seinen Gedanken zu benehmen. Das gespenstische Schiff erhitzte ihre Einbildungskraft und bedrückte ihr Gehirn.

Es war eine endlos lange – eine schreckliche Nacht – der Tag schien gar nicht wieder kommen zu wollen. Endlich ging die Dunkelheit allmälig in ein trübes, düsteres Grau über – dieß war der Tag. Die Leute sahen sich gegenseitig an, fanden aber in ihren Blicken keinen Trost. Nicht ein einziges Gesicht war vorhanden, in welchem ein Strahl der Hoffnung gelauscht hätte. Ihr Loos war geworfen – sie blieben an den Orten gekauert, wo sie in der Nacht Schutz gesucht hatten, und verhielten sich stumm.

Die See warf jetzt berghohe Wogen auf und schleuderte das Schiff mehr als einmal nach hinten. Kloots befand sich eben in dem Compaßhäuschen und Hillebrant stand mit Philipp am Steuer, als eine hohe Welle über die Schanze hereinschlug und sich mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Deck Bahn brach. Der Kapitän und seine zwei Maten wurden weggeschwemmt und fast besinnungslos gegen die Bollwerke geworfen – das Binnackel und der Compaß brachen in Stücke – Niemand eilte nach dem Steuer – das Schiff drehte bei, und unter den hereinbrechenden Wogen stürzte der Hauptmast auf den Bord.

Alles befand sich in größter Verwirrung. Kapitän Kloots lag besinnungslos da, und nur mit Mühe konnte Philipp zwei Matrosen bereden, daß sie ihm den Kapitän hinuntertragen halfen. Hillebrant war noch unglücklicher gewesen – er hatte den rechten Arm gebrochen und war auch sonst noch schwer beschädigt. Philipp brachte ihn nach seinem Lager und ging dann wieder auf's Deck, um zu versuchen, ob er die Ordnung nicht wieder herstellen könne.

Philipp Vanderdecken war noch kein geübter Seemann, übte aber doch jenen moralischen Einfluß über die Matrosen, welcher dem Muthe und der Entschlossenheit nie entstehen kann.

Von einem bereitwilligen Gehorsam war zwar keine Rede, aber sie gehorchten doch, und in einer halben Stunde war das Schiff von dem zertrümmerten Maste befreit. Nach dieser Erleichterung übernahmen zwei der besten Matrosen das Steuer und abermals flog der Schilling vor dem Sturme dahin.

Aber wo befand sich während dieser Zeit der Zerstörung Mynheer von Stroom? Er steckte tief in den Laken seines Bettes, zitterte an allen Gliedern und gelobte hoch und theuer, wenn er je seinen Fuß wieder an's Land setze, sollten ihn alle Compagnien der Welt nicht mehr veranlassen, seinen theuern Leichnam abermals dem Salzwasser anzuvertrauen. Es war zuverlässig das Beste, was sich der arme Mann vornehmen konnte.

Obgleich übrigens die Matrosen für eine Weile Philipps Befehlen gehorchten, sah man sie doch bald angelegentlich mit dem einäugigen Piloten reden; sie hielten augenscheinlich eine viertelstündige Berathung und verließen sodann sammt und sonders, die zwei Männer am Steuer ausgenommen, das Deck. Der Grund, warum sie dieß thaten, stellte sich bald heraus – mehrere kehrten mit Krügen voll Branntwein zurück, den sie sich durch Erbrechen der Luke über dem Branntweinstübchen verschafft hatten. Philipp blieb ungefähr eine Stunde auf dem Deck und redete den Leuten zu, sie möchten sich nicht betrinken, aber vergeblich; auch die am Steuer Befindlichen wiesen das ihnen angebotene Getränk nicht zurück, und es stand nicht lange an, bis das Gieren des Schiffes bekundete, welche Wirkung der Branntwein geübt hatte. Philipp eilte nun hinunter, um nachzusehen, ob Mynheer Kloots sich hinreichend erholt habe, um auf das Verdeck zu kommen. Er fand ihn in tiefem Schlaf, aus dem er ihn nur mit Mühe wecken konnte, um ihm die unglückselige Kunde mitzutheilen. Mynheer Kloots folgte Philipp auf das Deck, spürte aber noch immer die Wirkung seines Falles, denn sein Kopf war verwirrt und er taumelte im Gehen, als ob er gleichfalls dem Branntwein gehörig zugesprochen hätte. Er war noch nicht lange auf dem Verdeck, als er in einem Zustande vollkommener Hülflosigkeit auf eine der Kanonen niedersank, denn er hatte eine schwere Hirnerschütterung erlitten. Hillebrant war zu ernstlich beschädigt worden, um sich von seinem Bette aufrichten zu können und Philipp sah jetzt, wie hoffnungslos ihre Lage war. Das graue Licht des Tages machte der Dunkelheit Platz und die Scene wurde nur erschütternder. Das Schiff lief zwar noch vor der Bö, aber die Leute am Ruder hatten augenscheinlich ihren Kurs gewechselt, denn der Wind, der früher Steuerbord gewesen, kam jetzt aus der Backbordrichtung. Es war jedoch kein Compaß auf dem Decke, und selbst dann würde die Mannschaft in ihrem trunkenen Zustande sich geweigert haben, auf Philipps Befehl oder Vorstellungen zu hören. »Er sei kein Matrose,« sagten sie, »und solle sie nicht lehren wollen, wie sie ein Schiff steuern müßten.« Die Bö hatte jetzt ihre Höhe erreicht. Der Regen ließ nach, aber der Wind tobte furchtbar und das Schiff wurde von den Betrunkenen so weit gesteuert, daß über beide Schanddecke die Wogen hereinbrachen. Die Matrosen aber lachten, sangen, und mischten ihren Chor in das Heulen der Bö.

Der Pilot Schriften schien der Führer des meuterischen Haufens zu sein. Die Branntweinkanne in seiner Hand, tanzte, sang und schnippte er mit den Fingern, während er, wie ein Dämon, sein einziges Auge auf Philipp heftete; zuweilen auch wälzte er sich mit schallendem Gelächter in den Speigaten. Weiterer Branntwein wurde so schnell, als man danach rief, heraufgeboten. Flüche, Geschrei und Gelächter mischten sich; die Matrosen am Steuer banden die Speichen fest und eilten, sich ihren Gefährten anzuschließen, während der Schilling vor der Bö dahinflog und beim Gieren nach dem Back- oder Steuerborde nur durch das Fockstagsegel – das einzige, welches gesetzt war – gehalten wurde. Philipp blieb bei der Hüttentreppe auf dem Decke. »Sonderbar,« dachte er, »daß ich allein noch zu handeln fähig bin und die Bestimmung zu tragen scheine, auf diese Scene des Schreckens und Abscheus niederzublicken – daß ich Zeuge sein soll, wie sich das Gebälk dieses Schiffes trennt und alles Leben meiner Begleiter verloren geht – ich, der einzige Ruhige und Gefaßte, der ein Auge hat für das, was bald vorgehen muß. Gott vergebe mir, aber wie nutzlos und unmächtig ich auch bin, stehe ich doch augenscheinlich hier als der Herr des Sturmes – ausgeschieden von meinen Mitmenschen durch meine eigenthümliche Bestimmung. Es muß so sein. Ich fühle, dieser Schiffbruch gilt nicht mir – ich habe ein gefeietes – oder vielmehr ein auf länger erstrecktes Leben, damit ich den Eid vollbringen möge, der im Himmel aufgezeichnet ist. Doch der Wind tönt nicht mehr so laut und das Wasser ist weniger wild bewegt. Meine Vorahnungen sind vielleicht unrichtig und es kann noch Alles gut gehen. Gebe es der Himmel, denn es ist traurig und kläglich, Menschen, die nach Gottes Ebenbilde geschaffen sind, in einem Zustand aus der Welt scheiden zu sehen, der sie unter das Vieh herab erniedrigt!«

Philipp hatte Recht, wenn er glaubte, daß der Wind nicht mehr so scharf und die See weniger hoch ging. Das Schiff war südwärts an der Tafelbay vorbeigekommen und durch die Veränderung des Curses in die falsche Bay gerathen, wo es gewissermaßen gegen die Gewalt des Windes und der Wellen geschützt war. Aber trotz des glatteren Wassers reichten die Wogen dennoch mehr als zu, um jedes Schiff zu zerschellen, das im Grunde der Bay an die Küste lief – ein Punkt, auf welchen der Schilling jetzt losgetrieben wurde. Die Bay bot indeß soweit eine schöne Aussicht zum Entkommen, daß das Ufer statt des Felsgestades an der Außenseite, an dem das Schiff in ein paar Sekunden in Trümmer gegangen wäre, sanft anstieg und aus losem Sand bestand, hievon konnte Philipp freilich keine Kenntniß haben, denn sie waren in der Dunkelheit der Nacht an dem Lande des Buchteinganges vorbeigekommen, ohne dasselbe zu bemerken. Nach etwa zwanzig Minuten bemerkte Philipp, daß die ganze See rund umher sich in einen Schaumkessel umwandelte, und noch ehe er sich Gedanken darüber machen konnte, stieß das Schiff so schwer auf den Sand, daß die noch übrigen Masten auf den Bord fielen.

Das Krachen der stürzenden Masten und das schwere Schlagen des Schiffs auf dem Sande, in dessen Folge vieles von dem Gebälke auseinander wich, und endlich daß Meer von Wellen, welches über dem unglücklichen Schiffe hinfegte, zügelte das Geschrei und den betrunkenen Lärm der Bande. Noch eine Minute und das Schiff wurde mit seiner Breitseite seewärts geworfen, Philipp, der sich auf der Luvseite befand, klammerte sich an das Bollwerk an, während die betrunkenen Matrosen leewärts im Wasser klatschten und die andere Seite des Schiffes zu gewinnen bemüht waren. Mit großem Entsetzen bemerkte unser Held, wie Mynheer Kloots in's Wasser hinuntersank, das jetzt mehrere Fuß über die Leewand des Verdecks ging, ohne daß der Kapitän auch nur den geringsten Versuch machte, sich Hülfe zu geben. Er war also dahin und für ihn alle Hoffnung vorbei. Philipp dachte an Hillebrant und eilte hinunter; der Mate lag noch, an die Seite gedrückt, in seinem Bette. Unser Held hob ihn heraus, schaffte ihn mit Mühe auf das Deck und legte ihn in das Langboot an den Spieren, weil hier am ehesten Aussicht für Rettung seines Lebens zu gewärtigen stand. Zu dem gleichen Boote hatten auch die Matrosen ihre Zuflucht genommen, weil es das einzige war, dessen Benützung möglich wurde. Auch Philipp wollte einsteigen, wurde aber von der Bande zurückgewiesen, welche unter der anspülenden Brandung die Bindseile loshieb. Eine andere schwere Welle hob das Boot von seinen Schoren und spülte es leewärts über das Schanddeck in das verhältnißmäßig glatte Wasser, aber nicht ohne es fast bis an die Dosten zu füllen. Darum bekümmerten sich übrigens die betrunkenen Matrosen nicht sonderlich, denn sobald sie wieder flott waren, begannen sie auf's Neue zu schreien und zu singen, während Wind und Wellen sie dem Ufer zutrieben. Philipp, der sich an dem Stumpfe des Hauptmastes hielt, sah ihnen mit ängstlichen Blicken nach und bemerkte, wie das Boot sich auf der schäumenden Brandung hob und dann in dem Wellentroge verschwand. Ferner und ferner wurde der Lärm der tollen Stimmen, bis er zuletzt nichts mehr hören konnte; endlich entdeckte er das kleine Fahrzeug auf der Höhe einer ungeheuren Rollwoge und dann entschwand es seinen Blicken für immer.

Philipp wußte, seine einzige Aussicht bestehe nun darin, daß er bei dem Schiffe blieb und sich auf einem Trümmerstücke des Wracks zu leiten versuchte. Das Gebälk konnte unmöglich mehr lange zusammenhalten, denn die oberen Decken hatten sich bereits getrennt und jeder neue Wellenstoß richtete größere Verheerungen an. Endlich vernahm er von dem Hinterschiffe her ein Geräusch, welches ihn daran erinnerte, daß Mynheer von Stroom noch in seiner Kajüte war. Philipp kletterte von seinem Maststumpf aus nach hinten und fand, daß die Hüttentreppe gegen die Kajütenthüre geworfen worden war und so die Oeffnung der letzteren unmöglich machte. Nach Beseitigung des Hindernisses gelangte er in die Kajüte, wo er Mynheer von Stroom fand, der sich mit der Gewalt der Todesangst an die Luvseite anklammerte. Philipp redete ihn an, konnte aber keine Antwort erhalten; dann versuchte er, ihn von der Stelle zu rücken, aber es war unmöglich, ihn von dem Theile der Scheidewand, den er umfaßt hatte, los zu machen. Ein lautes Geräusch und das Rauschen einer Wassermasse belehrte Philipp, daß das Schiff jetzt in der Mitte geborsten war. Nur mit Widerwillen überließ er den armen Supercargo seinem Schicksale und ging wieder zur Kajüte hinaus. An der Hinterluke bemerkte er ein Zappeln – es war Johannes, der Bär, welcher im Wasser schwamm, aber noch immer an seinem Stricke befestigt war, der ihn zu entkommen hinderte. Philipp nahm sein Messer heraus und befreite das arme Thier; aber kaum hatte er diesen Akt des Wohlwollens erfüllt, als eine schwere Woge über den hintern Theil des Schiffes rollte, denselben in viele Stücke zertrümmerte und auch unseren Helden in's Wasser stürzte. Er griff nach einem Balken des Decks und wurde von der Brandung dem Ufer zugetragen. Nach einigen Minuten befand er sich in der Nähe des Landes; aber nun stieß seine Stütze auf den Sand, und eine Welle, die ihn von derselben trennte, zwang ihn, sein Heil in der eigenen Anstrengung zu suchen. Er kämpfte sich lange ab, konnte aber doch, trotz der Ufernähe, keinen festen Grund gewinnen; der Anprall einer Welle warf ihn wieder zurück, und nun wurde er hin- und hergeworfen, bis seine Kräfte völlig erschöpft waren. Eben sank er unter eine Woge, um sich nicht wieder zu erheben, als seine Hand gegen Etwas streifte, das er mit der Gewalt des Todeskampfes erfaßte. Es war das zottige Fell des Bären Johannes, der dem Ufer zusteuerte und ihn bald aus der Brandung herausschleppte, so daß er festen Fuß fassen konnte. Philipp kletterte aus dem Bereich der Wellen an das Gestade hinauf und sank dann, von Anstrengung erschöpft, ohnmächtig zusammen.

Als er wieder aus seinem Zustande von Betäubung erwachte, fühlte er bei noch immer geschlossenen Augen einen ungeheuren Schmerz, welcher von dem Umstande herrührte, daß er viele Stunden, den Strahlen einer glühenden Sonne ausgesetzt, dagelegen hatte. Er öffnete die Lider, mußte sie aber augenblicklich wieder schließen; denn das Licht wirkte auf seine Sehorgane mit der Schärfe einer Messerspitze. Er wandte sich auf die Seite, bedeckte die Augen mit der Hand und blieb eine Weile in dieser Lage, bis er allmälig fand, daß sein Gesichtssinn wieder hergestellt war. Dann erhob er sich, und nach wenigen Sekunden vermochte er die Scene um sich her zu unterscheiden. Die See war noch immer wild bewegt und warf in der Brandung die Schiffstrümmer umher; der ganze Sand war mit Gegenständen, die zu der Ladung gehörten, besäet. In seiner Nähe befand sich die Leiche Hillebrants, und die übrigen Todten, welche am Gestade hin zerstreut lagen, belehrten unseren Helden, daß diejenigen, welche zum Boote ihre Zuflucht genommen hatten, sammt und sonders zu Grunde gegangen waren.

Der Sonnenhöhe nach mochte es Philipps Schätzung gemäß ungefähr drei Uhr Nachmittags sein; sein Geist fühlte sich jedoch so schwer gedrückt, und außer der Erschöpfung empfand unser Held so große Schmerzen, daß er sich nur leichthin umsah. Sein Gehirn schwindelte und er bedurfte der Ruhe. Von dem Schauplatz der Zerstörung sich entfernend, fand er bald einen Sandhügel, hinter welchem er sich gegen die sengenden Strahlen der Sonne schützen konnte. Er legte sich nieder und versank in tiefen Schlaf, aus welchem er erst am andern Morgen erwachte.

Auch diesmal wurde Philipp durch ein drückendes Gefühl geweckt; er fuhr auf und erblickte über sich eine Gestalt. Seine Augen waren noch schwach, weßhalb er sie eine Weile rieb, denn anfangs däuchte es ihn, daß der Bär Johannes und dann, daß der Supercargo von Stroom an seiner Seite stehe. Ein weiterer Blick belehrte ihn, daß er sich in beidem getäuscht hatte, obschon sein Irrthum wohl zu rechtfertigen war, denn die Gestalt war ein langer Hottentotte mit einem Hassagay in der Hand, der die frisch abgezogene Haut des armen Bären über die Schulter geworfen und eine von den Perücken des Supercargo von Stroom, deren Locken ihm bis zu den Lenden niederfielen, auf den Kopf gesetzt hatte. Der Wilde nahm sich in diesem sonderbaren Kostüme, denn er war in jeder andern Beziehung vollkommen nackt, so komisch gravitätisch aus, daß Philipp laut aufgelacht haben würde, wären seine Empfindungen nicht gar zu peinlich gewesen. Er richtete sich auf und trat an die Seite des Hottentotten, der noch immer unbeweglich, aber augenscheinlich ohne das mindeste Anzeichen einer feindseligen Absicht dastand.

Philipp empfand einen verzehrenden Durst, weßhalb er dem Wilden durch Zeichen andeutete, daß er zu trinken wünschte. Der Hottentotte winkte ihm zu folgen, und führte ihn über die Sandhügel nach dem Gestade, wo unser Held gegen fünfzig Menschen entdeckte, welche emsig beschäftigt waren, sich aus den umhergestreuten Vorräthen des Schiffs unterschiedliche Gegenstände auszulesen. Die Achtung, welche Philipps Führer erwiesen wurde, bekundete augenscheinlich, daß er der Häuptling des Kraals war. Ein paar feierlich ausgesprochene Worte reichten zu, Philipps Wünsche wenigstens zum Theile zu erfüllen, denn man bot ihm in einer Calabasche ein wenig schmutziges Wasser an, das ihm jedoch gleichwohl ganz köstlich vorkam. Sein Führer winkte ihm sodann, auf dem Sande Platz zu nehmen.

Es war eine furchtbare, aber doch zugleich lächerliche Scene. Hier der weiße Sand, der im hellen Lichte der Sonne noch weißer erschien und allenthalben mit Schiffstrümmern, Fässern und Waarenballen bestreut war, – dort die schäumende Brandung, welche Bruchstücke des Wracks umherwarf; hier die Knochen von Wallfischen, die durch einen frühern Sturm an die Küste geworfen wurden und nun, halb im Sand begraben, riesige Skelette blicken ließen – dort die zerstümmelten Leichen von Philipps Gefährten, deren Kleider von den Wilden unberührt geblieben waren, da Letztere nur nach den Knöpfen Jagd machten; dazu noch die nackten Hottentotten (denn es war Sommer, weßhalb sie ihre Schaffelle nicht trugen) gravitätisch am Gestade hin- und hergehend, und werthlose Dinge zusammen suchend, ohne dasjenige zu berühren, was von civilisirten Menschen am meisten begehrt wird – vor Allem aber der Häuptling, der in der noch blutigen Bärenhaut und in Mynheer Strooms gewaltiger Perücke mit aller Gravität eines Vicekanzlers da saß, ohne auch nur entfernt eine Ahnung zu haben, wie lächerlich er sich ausnahm. Das Ganze bot vielleicht eines der seltsamsten und wirrsten Tableau's, die je ein menschliches Auge schaute.

Obgleich sich die Holländer damals noch nicht sehr lange an dem Kap niedergelassen hatten, wurde doch seit vielen Jahren mit den Eingeborenen ein beträchtlicher Verkehr in Häuten und andern afrikanischen Produkten unterhalten. Schiffe waren daher den Hottentotten nichts Neues, und da letztere bisher freundlich behandelt worden waren, so zeigten sie sich auch sehr dienstfertig gegen die Europäer. Nach einer Weile begannen die Wilden alles Holz zu sammeln, das Eisen zu enthalten schien, bildeten damit mehrere Haufen und steckten dieselben in Brand. Der Häuptling fragte nun Philipp durch Zeichen, ob er hungrig sei, steckte auf die bejahende Antwort seine Hand in einen Beutel aus Ziegenhaut und brachte eine Handvoll sehr großer Käfer heraus, die er unserem Helden anbot. Philipp wies sie mit Abscheu zurück, worauf der Häuptling seine Leckerbissen mit vieler Würde selbst verzehrte. Nachdem er damit fertig geworden war, stand er auf und gab Philipp zu verstehen, daß er ihm folgen solle. Beim Aufstehen bemerkte Letzterer seinen eigenen Koffer in der Brandung; er eilte darnach hin, bedeutete durch Zeichen, daß es sein Eigenthum sei, nahm den Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Truhe und knüpfte das Nützlichste in einen Bündel zusammen, ohne dabei einen Beutel mit Gülden zu vergessen. Sein Führer machte keine Einwendungen, rief aber einen der nahestehenden Wilden herbei, machte ihn auf das Schloß und die Klampen aufmerksam, und trat dann mit Philipp den Weg über die Sandberge an. Nach einer Stunde langten sie an dem Kraal an, der aus niedrigen, mit Häuten bedeckten Hütten bestand. Die Weiber und Kinder schienen den neuen Anzug ihres Häuptlings höchlich zu bewundern, und erwiesen sich sehr zuvorkommend gegen Philipp, indem sie ihm zur Stillung seines Durstes Milch herbeibrachten. Unser Held betrachtete diese Evastöchter und dachte, während er sich von ihrem anstößigen, schmierigen Anzug und von den wunderlichen, häßlichen Gestalten abwandte, mit einem Seufzer an seine liebliche Amine.

Die Sonne ging jetzt unter und Philipp fühlte sich noch immer sehr erschöpft. Er deutete durch ein Zeichen an, daß er zu ruhen wünsche. Man führte ihn in eine Hütte voll Schmutz, und obgleich seine Nase von üblen Dünsten aller Art, deßgleichen auch seine Haut durch Insekten belästigt wurde, so legte er doch den Kopf auf sein Bündel, sprach ein kurzes Dankgebet und lag bald in tiefem Schlafe.

Am andern Morgen weckte ihn der Häuptling des Kraals; er hatte einen andern Mann mitgebracht, der ein wenig holländisch sprach. Philipp gab seinen Wunsch zu erkennen, daß er nach der Niederlassung gebracht zu werden wünsche, wo die Schiffe ankerten, und wurde vollkommen verstanden; der Dolmetscher entgegnete jedoch, daß zur Zeit keine Schiffe in der Bucht lägen. Demungeachtet bat Philipp, man möchte ihn nach der Ansiedelung bringen, denn er hoffte dort am ehesten an Bord eines Schiffes zu gelangen, und befand sich doch jedenfalls in der Zwischenzeit unter Europäern. Die Entfernung betrug, wie er erfuhr, nicht ganz eine Tagreise. Nach einem kurzen Gespräche mit dem Häuptling forderte der Dolmetscher unsern Helden auf, ihm zu folgen, da er ihn nach der Niederlassung bringen wolle. Philipp labte sich reichlich an einem Topf mit Milch, den ihm eines der Weiber gebracht hatte, wies abermals eine Handvoll Käfer zurück, die ihm der Häuptling anbot, nahm seinen Bündel auf, und folgte seinem neuen Bekannten. Gegen Abend langten sie an den Bergen an, von welchen aus Philipp die Tafelbay und die wenigen von den Holländern errichteten Häuser zu Gesichte kamen. Mit Entzücken bemerkte er noch außerdem ein Schiff in der See, das, wie er bei seiner Ankunft am Ufer bemerkte, ein Boot an's Land geschickt hatte, um frischen Mundvorrath einzunehmen. Er redete die Leute an, sagte ihnen, wer er sei, theilte ihnen den Schiffbruch des Schillings mit, und äußerte seinen Wunsch, an Bord zu gehen.

Der Offizier, welcher das Boot kommandirte, erwies sich bereitwillig, unsern Helden einzunehmen, und theilte ihm mit, daß sie der Heimath zusegelten. Philipps Herz pochte laut bei dieser Nachricht. Er wäre auch andernfalls an Bord gegangen, hatte aber nun eine Aussicht, seine theure Amine wiederzusehen, ehe er sich abermals einschiffte, um seiner seltsamen Bestimmung zu folgen. Er fühlte, daß ihm noch einiges Glück vorbehalten war, daß sein Leben in Entbehrung und Ruhe wechseln sollte, und daß seine künftigen Aussichten in einer fortlaufenden Kette voll Leiden beständen bis zum Tode.

Der Kapitän des Schiffes nahm ihn freundlich auf, gestattete ihm bereitwillig die Ueberfahrt nach Holland, und in drei Monaten erreichte Philipp Vanderdecken, ohne irgend einen erzählenswerthen Vorfall befahren zu müssen, die Rhede von Amsterdam.

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