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Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen

Anatole France: Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorAnatole France
titleDer fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen
publisherKurt Wolff Verlag
printrun1. - 10. Tausend
translatorGertrud van Grootheest
year1921
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidabfbc829
created20070412
modified20140408
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Der Siegelring

Er hatte mich gebeten, mittags zu ihm zu kommen.

Als wir bei der Mahlzeit saßen in seinem Eßzimmer, ein Raum so lang wie das Schiff einer Kirche, in welchem er einen wahren Schatz von Gold- und Silberwaren angesammelt hat, fand ich ihn nicht gerade traurig, aber doch verträumt. Hie und da blitzte in seinen Reden ein Funke seines lebhaften, vornehmen Geistes auf, bisweilen verriet ein Wort seinen künstlerischen, unendlich fein gebildeten Geschmack und seine sportlichen Leidenschaften, die selbst ein Sturz vom Pferde, wobei er sich den Schädel aufschlug, nicht zu mindern vermochte.

Aber seine Gedanken waren wie abgehackt – es war, als stießen sie alle gegen ein Hindernis.

Von diesem ermüdenden Gespräch behielt ich nur, daß er ein Paar weiße Pfaue nach Schloß Ravay geschickt hatte, daß er ohne allen Grund sich drei Wochen seine sämtlichen Freunde vernachlässigte, selbst die intimsten, Herrn und Frau N . . .

Offenbar hatte er mich doch aber nicht kommen lassen, um mir diese Art von Konfidenzen zu machen, so fragte ich ihn denn, als wir beim Kaffee angelangt waren, was er mir zu sagen habe.

Er sah mich erstaunt an und fragte:

»Ich wollte dir etwas sagen?«

»Ja, Himmel! du hast mir doch geschrieben: Iß morgen mittag bei mir, ich muß dich sprechen.«

Da er noch immer schwieg, zog ich den Brief aus der Tasche und reichte ihm denselben. Die Adresse war in seiner hübschen, etwas krausen Schrift geschrieben, und die Rückseite des Umschlages trug ein violettes Siegel.

Er faßte sich an die Stirn.

»Jetzt erinnere ich mich – ja, bitte tu mir den Gefallen und gehe bei Ferral vorüber. Er wird dir eine Skizze von Romney zeigen, eine junge Frau: goldene Haare, die einen goldenen Schimmer auf Stirn und Wangen werfen . . . Augen von so tiefem Blau, daß das Weiße im Auge noch blau erscheint . . . Der warme Ton der Haut ist wundervoll. Aber der eine Arm, dünn wie ein Darm . . .«

»Aber bitte, sieh es dir an und suche zu erfahren ob . . .«

Hier unterbrach er sich, und, die Hand am Türgriff, sagte er:

»Warte einen Augenblick. Ich ziehe einen Rock über, wir gehen zusammen.«

Als ich allein war, ging ich ans Fenster und betrachtete, aufmerksamer als ich es bisher getan hatte, das violette Siegel. Es war der Abdruck einer antiken Gemme, einen Satyr darstellend, der die Schleier einer Nymphe hebt, die am Fuße einer abgebrochenen Säule unter einem Lorbeer schlummert, ein beliebtes Sujet der Maler und Steinschneider aus der guten römischen Zeit. Ein vorzüglicher Abdruck. Die kleine Szene von der Größe eines Fingernagels wurde durch die Stilreinheit, das unvergleichliche Gefühl für die Form und durch die Harmonie des Ganzen zu einer großen gewaltigen Komposition.

Ich war entzückt. Durch die halboffne Tür rief mein Freund:

»Also komm.«

Er hatte den Hut schon auf dem Kopf und schien Eile zu haben fortzukommen.

Begeistert sprach ich über das Siegel.

»Ich kenne diesen wundervollen Stein gar nicht an dir.«

Darauf antwortete er, daß er ihn erst seit kurzem, seit ungefähr sechs Wochen, besäße. Es sei ein seltener Fund gewesen.

Dabei zog er einen Ring von der Hand, in den der Stein gefaßt war, und reichte ihn mir.

Da die meisten Gemmen gut klassischen Stils, wie bekannt ist, Karneole sind, so war ich einigermaßen überrascht, einen matten dunkelvioletten Stein zu finden.

»Was, ein Amethyst!« sagte ich.

»Ja, ein düsterer Stein, der Unglück bringt, nicht wahr? Glaubst du übrigens, daß der antik ist?«

Er ließ eine Lupe bringen. Das Vergrößerungsglas ermöglichte mir, die Modellierung der Höhlung eingehender zu bewundern. Zweifellos war das ein Meisterwerk griechischer Steinschneidekunst aus der ersten Zeit des Kaiserreichs. Schöneres hatte ich auch im Nationalmuseum in Neapel nicht gefunden, wo doch gewiß eine Auslese von Gemmen ist. Durch die Lupe sah man auf der Säule jenes Symbol, mit dem so häufig die dem Bacchuskult geweihten Denkmäler gekennzeichnet sind. Ich machte ihn darauf aufmerksam. Lachend zuckte er die Achsel.

Der Stein war offen gefaßt, so kam mir der Gedanke, auch die Rückseite zu untersuchen. Zu meiner Überraschung fanden sich Zeichen dort, die mit barbarischer Ungeschicklichkeit eingeritzt waren, und die augenscheinlich aus viel späterer Zeit datierten als die, in der die Gemme geschnitten worden war. Sie hatten Ähnlichkeit mit den Zeichen auf Amuletten, wie sie Antiquitätensammlern gut bekannt sind, und trotz meiner Unerfahrenheit auf diesem Gebiet glaubte ich Zauberformeln zu entziffern. Mein Freund war der gleichen Meinung.

»Das sollen Zauberformeln sein, Verwünschungen aus einem griechischen Dichter – – «

»Aus welchem?«

»Ich kenn mich da nicht aus.«

»Aus Theokrit.«

»Ja, vielleicht Theokrit.«

Durch die Lupe konnte ich deutlich eine Gruppe von vier Buchstaben lesen: KHPH.

»Das ist kein Name,« sagte mein Freund.

Ich wies darauf hin, daß es griechisch gelesen: KÈRÈ hieße.

Und dann gab ich ihm den Ring zurück, auf den er versonnen starrte, bevor er ihn auf den Finger schob.

»Gehn wir, gehn wir,« sagte er dann lebhaft, »wohin willst du?«

»In die Richtung der Madeleine, und du?«

»Ich? ja wohin wollte ich doch? Herrgott! Ich geh zu Gaulot ein Pferd ansehn, das er nicht kaufen möchte, bevor ich es geprüft habe. Du weißt ja, ich bin Pferdehändler und so etwas von Tierarzt. Außerdem bin ich Trödler, Teppichweber, Architekt, Kunstgärtner und wenn es sein muß Kulissenschieber. Ach, ich könnte es mit jedem Juden aufnehmen, wenn es nicht so langweilig wäre.«

Wir gingen die Vorstadt hinab, und mein Freund setzte sich in einer Weise in Trab, die seiner sonst so lässigen Art auffällig widersprach. Bald wurde sein Tempo so schnell, daß es mich Mühe kostete mit ihm Schritt zu halten. Vor uns ging eine leidlich gut angezogene Frau, auf die er mich aufmerksam machte.

»Der Rücken ist rund und die Taille etwas zu breit, aber sieh dir die Knöchel an. Das Bein ist ganz bestimmt reizend. Schau, Pferde, Frauen, alle diese schönen Tiere haben den gleichen Bau. In den fleischigen Partien sind ihre Glieder stark und gerundet, und sie verjüngen sich an den Gelenken, wo sich die Feinheit der Knochen zeigt. Betrachte dir diese Frau. Oberhalb der Taille ist da nichts Besonderes, aber jetzt abwärts. Wie da die Form frei und kräftig wird und sich in gut verteilter Proportion verschiebt und bewegt. Und der Unterschenkel, wie fein der ist. Ich bin überzeugt, das Knie ist ziemlich nervig, und das ist wirklich etwas sehr hübsches.«

Mit der von ihm sorgsam erworbenen Kenntnis, die er übrigens gern mitteilt, fügte er noch hinzu:

»Man darf von einer Frau nicht alles verlangen, sondern muß das Exquisite nehmen, wo immer es sich findet. Das Vollendete ist verteufelt selten.«

Ganz plötzlich, wie in einer geheimer Gedankenverbindung, hob er die linke Hand, um die Gemme zu betrachten.

Ich sagte:

»Durch dieses reizende kleine Bacchanal hast du euer Familienwappen ersetzt?«

»Ach, die Rotbuche! Buche der Buchenaus! Mein Urgroßvater in Poitou war unter Ludwig dem Sechzehnten was man einen Mann von Adel nannte, das heißt adliger Bürger. Im Lauf der Zeiten wurde er Mitglied eines revolutionären Klubs in Poitou und Aufkäufer von Nationalgut, eine Tatsache, die mir heute in unserer verjüdelten amerikanisierten Gesellschaft die Freundschaft von Prinzen und den Rang eines Aristokraten sichert. Warum ich also die Buche der Buchenaus aufgegeben habe? Warum? Sie war ungefähr gleichwertig mit der Eiche der Eichenhorsts! Und ich habe sie eingetauscht, gegen das Bacchanal, den sterilen Lorbeer und die symbolgeschmückte Säule!«

In dem Augenblick, als er diese Worte mit spöttischem Pathos ausstieß, hatten wir das Haus von seinem Freund Gaulot erreicht, aber Buchenau blieb nicht vor dem kupfernen Türklopfer stehn, der am Haustor glänzte, wie ein Wasserhahn im Badezimmer.

»Du hattest doch solche Eile, zu Gaulot zu kommen?«

Er schien mich kaum zu hören und beschleunigte seinen Schritt.

So schoß er ohne Aufenthalt bis zur Rue Matignon hinunter, in die er einbog. Dort blieb er unvermittelt vor einem großen, tristen, fünfstöckigen Hause stehn, schwieg und sah unruhig zu der von zahllosen Fenstern unterbrochenen öden Mörtelfassade hinauf.

»Willst du hier lange stehen?« frug ich ihn. »Weißt du übrigens, daß in diesem Hause die Frau Cère wohnt.«

Der Name dieser Frau würde ihn sicher irritieren. Diese Frau, deren unechte Schönheit er ebenso glossiert hatte, wie ihre stadtbekannte Käuflichkeit und ihre geradezu erschütternde Dummheit. Jetzt, nachdem sie alt und erledigt war, stand sie außerdem in Verdacht, in den Läden Spitzen zu stehlen.

Aber er antwortete nur mit müder, beinahe kläglicher Stimme:

»Glaubst du?«

»Ja, ganz sicher. Du, bitte sieh dir mal an den Fenstern im zweiten Stock diese schauderhaften Vorhänge mit den roten Leoparden an.«

Er sah hinauf.

»Frau Cère, ja, ich glaube, ja wirklich, ich glaube auch, sie wohnt hier. Ich glaube, daß sie jetzt da hinter einem der roten Leoparden steht.«

Anscheinend wollte er sie besuchen, darüber war ich erstaunt und sagte es ihm:

»Früher als alle Welt sie hübsch und stattlich fand, mißfiel sie dir doch so sehr. Damals als sie leidenschaftlich geliebt und Leute ihretwegen tief unglücklich wurden, sagtest du: »Allein die Haut dieser Frau wäre mir ekelhaft, gar nicht zu reden von der Bügelbrettfigur und den breiten Handgelenken.« Und nun wo sie eine Ruine ihrer selbst ist, entdeckst du wohl an ihr einen dieser köstlichen Schönheitswinkel, von denen du vorhin sagtest, man müsse sich daran genügen lassen? Hat sie so feine Gelenke, oder sind es Schönheiten der Seele bei ihr? Eine Bohnenstange ohne Busen, ohne Schenkel war sie immer, die es verstand die Augen zu verdrehen und es tat, sobald sie in einen Salon kam, und mit diesem simplen Manöver zog sie diese Herde von Schafsköpfen und Gecken an sich, die nichts besseres zu tun wissen, als sich für Frauen zu ruinieren, die sich nicht ausziehen dürfen.«

Ich hielt ein, etwas beschämt, so über eine Frau gesprochen zu haben. Aber diese hatte so bündige und zahlreiche Beweise ihrer abgrundtiefen Schlechtigkeit geliefert, daß ich dem Gefühl der Abneigung, das sie mir einflößte, wohl freien Lauf lassen konnte. Ich hätte mich sicher nicht in dieser Art und Weise über sie geäußert, wenn ich ihr schlechtes Herz und ihre Gemeinheit nicht gekannt hätte. Übrigens bemerkte ich mit gewisser Befriedigung, daß Buchenau keine Silbe von alledem gehört hatte.

Er begann, wie zu sich selber sprechend:

»Ob ich zu ihr gehe, oder ob ich nicht gehe, das ist ganz gleich. Wohin ich auch seit sechs Wochen komme, ich kann kein Zimmer betreten, ohne sie zu treffen. Ich gehe wieder in Häuser, in denen ich seit Jahren nie mehr war, warum, weiß ich nicht. Merkwürdige Häuser sind es.«

Ich verließ ihn, der angewurzelt vor der offenen Tür stand, und konnte mir nicht erklären, was ihn dort festhielt. Daß Buchenau diese Frau aufsuchte, diese Frau Cère, die ihm Abscheu eingeflößt hatte, als sie schön war, deren Annäherungsversuche er zurückgewiesen hatte in den Zeiten ihres Glanzes, nun wo sie alt und morphiumsüchtig war, schien mir ein Beweis von einer Verderbtheit, die mich bei meinem Freunde überraschte. Ich würde behaupten, solcher Irrtum der Sinne sei unmöglich, wenn sich irgend etwas Sicheres über das dunkle Gebiet krankhafter Leidenschaft überhaupt feststellen ließe.

Einen Monat später verließ ich Paris, ohne noch Gelegenheit gehabt zu haben Paul von Buchenau wiederzusehen.

Nach einigen in der Bretagne verlebten Tagen ging ich nach Trouville, wo sich meine Cousine B . . . mit ihren Kindern untergebracht hatte. Die erste Woche meines Aufenthaltes ging damit hin, meinen Nichten Unterricht im Aquarellieren zu geben, mit meinen Neffen Waffen zu schnitzen und meine Cousine Wagner spielen zu hören.

Am Sonntagmorgen begleitete ich meine Verwandten bis zur Kirche und machte dann während der Messe einen Rundgang durch den Ort. In der Straße, die an Spielzeugläden und Bazaren vorüber zum Strande hinunterführt, sah ich plötzlich Frau Cère vor mir. Sie ging in der Richtung der Badeanstalt, allein, schlaff, verlassen. Mit den Füßen schlurrte sie, als ob sie Pantoffeln trüge. Das vertragene, ärmliche Kleid hing nur so an ihrem Körper. Einmal sah sie sich um, da erschrak ich über die tiefliegenden, blicklosen Augen und den herabhängenden Mund. Die Frauen sahen ihr nach, aber sie ging stumpf und gleichgültig ihres Wegs.

Offenbar war die Ärmste völlig vom Morphium zugrunde gerichtet. Am Straßenende blieb sie vor dem offenen Schaufenster von Frau Guillot stehn und begann mit ihrer langen dürren Hand in den Spitzen herumzuwühlen. Mir fielen bei ihren gierigen Augen die Geschichten ein, die man sich in den großen Läden von ihr erzählt. Die dicke Frau Guillot kam mit Kunden, die sie hinausbegleitete vor die Tür, und Frau Cère ließ die Spitzen fahren, und setzte müde ihren Weg zum Strand hinunter fort. Als Frau Guillot mich bemerkte, rief sie:

»Sie sind aber ein schlechter Kunde geworden! Gar nichts kaufen Sie mir ab. Aber Sie müssen doch mal die Ringe und die Fächer sehn, die Ihren jungen Damen so gut gefallen haben. Die Fräulein Nichten werden immer hübscher.«

Zwischendurch sah sie der davongehenden Frau Cère nach und sagte kopfschüttelnd:

»Traurig ist es mit der, nicht wahr?«

Die Straßringe für meine Nichten mußte ich natürlich kaufen. Wahrend die Frau mir das Päckchen zurecht machte, sah ich durch die Scheiben Buchenau, der zum Strand hinabging. Wie er die Hand hob, und mit den Zähnen seine Nägel malträtierte, nach Art von Menschen, die in Unruhe sind, sah ich den Amethyst an seinem Finger.

Dieses Zusammentreffen überraschte mich um so mehr, da Buchenau geäußert hatte, daß er nach Dinard ginge, wo er seine Besitzung hat und wo er auch rennen läßt.

Als ich nach der Kirche meine Cousine traf, frug ich sie, ob sie wisse, daß Buchenau in Trouville sei. Sie nickte, und etwas bekümmert sagte sie:

»Der arme Mensch macht sich total lächerlich. Er verläßt die Frau überhaupt nicht mehr, denn wirklich . . .«

Sie unterbrach sich, fuhr aber doch fort:

»Er ist es, der ihr nachläuft. Das ist das Unfaßliche.«

Dieser Frau lief er nach!

In wenigen Tagen hatte ich sichere Beweise dafür. Ich sah ihn unaufhörlich mit Frau Cère und deren Gatten, von dem man noch nicht weiß, ob er ein dummer oder ein gefälliger Ehemann ist. Seine unerhörte Dummheit schützt ihn, insofern sie noch Zweifel an seiner Gemeinheit zuläßt. Früher hatte diese Frau vergeblich versucht, Buchenau zu gefallen, der sonst gern gastliebenden Haushaltungen mit beschränkten Mitteln beisprang. Aber damals hatte er ihr seine Antipathie nicht verborgen, und vor ihr gesagt: »Eine unechte Schönheit ist viel schlimmer als eine häßliche Frau, denn bei der Häßlichen kann man angenehme Überraschungen erleben, die andere aber ist wie eine Frucht, die Asche trägt.« Die Stärke seiner Empfindung hatte Buchenau in dem Augenblick dieses Wort biblischen Stiles prägen lassen.

Jetzt kümmerte Frau Cère sich nicht um ihn. Sie war gegen Männer gleichgültig geworden und kannte nur noch ihre Freundin, die Gräfin V . . . Diese beiden Frauen verließen sich kaum einen Augenblick, und man glaubte an die eventuelle Reinheit dieser Freundschaft, nur aus dem einen Grunde, weil beide verlebt und verbraucht waren. Trotzdem begleitete Buchenau sie auf allen ihren Gängen. Eines Tages sah ich ihn mit Mänteln beladen, am Riemen quer über der Brust das riesige Marineglas von Herrn Cère. Er machte eine Segelfahrt mit Frau Cère, und der ganze Strand sah ihnen mit häßlicher Freude durch die Gläser nach.

Begreiflicherweise hatte ich wenig Lust, ihn in diesem Abhängigkeitsverhältnis aufzusuchen, um so weniger, da er immer wie in einem somnambulen Zustand umherging. So ging ich aus Trouville, ohne eine Wort mit ihm gewechselt zu haben, ihn den Cères und der Gräfin V . . . überlassend.

Eines Abends fand ich ihn in Paris wieder bei seinen Freunden und Nachbarn, den N . . .s, die ein sehr nettes Haus machen. In der sehr hübschen Einrichtung ihres Hauses Avenue Kleber erkannte ich neben dem ausgezeichneten Geschmack Frau N . . . s den von Buchenau, die sich sehr glücklich ergänzten.

Der Kreis war ziemlich klein, und Buchenau zeigte sich wie früher, in seiner ihm eigenen starkgeistigen Art von raffiniertester gesellschaftlicher Gewandtheit, mit der er, ich weiß nicht recht wie, doch eine unglaubliche Ungeniertheit verbindet. Auch Frau N . . . hat Geist, und so unterhält man sich recht gut bei ihr. Trotzdem war anfangs das Gespräch, mit dem man mich empfing, äußerst langweilig. Ein gewisser Stadtrat Niclas erzählte die abgedroschene Geschichte von dem Schilderhaus, in dem alle Posten Selbstmord begehn, einer nach dem andern, das man dann schließlich abbrechen läßt, um diese Epidemie neuesten Stils zum Stillstand zu bringen. Im Anschluß hieran frug Frau N . . . mich, ob ich an Talismane glaube. Stadtrat Niclas zog mich aus der Verlegenheit zu antworten, indem er feststellte, da ich ungläubig sei, müsse ich abergläubisch sein.

»Das ist richtig,« rief Frau N . . . »Er glaubt weder an Gott noch an den Teufel, aber für spiritistische Geschichten hat er eine große Schwäche.«

Während sie sprach, sah ich die reizende Frau an und bewunderte die feine Grazie der Linie, die Wangen, Hals und Schultern umriß. Ihre ganze Erscheinung und Persönlichkeit ist wie ein seltenes und wunderbar köstliches Ding. Was Buchenau über diesen Fuß denkt weiß ich nicht, ich fand ihn berückend.

Paul von Buchenau kam und gab mir die Hand, dabei bemerkte ich, daß er keinen Ring mehr trug.

»Was hast du mit deinem Amethyst gemacht?«

»Ich hab ihn verloren.«

»Verloren! Einen Stein, schöner als alle Gemmen Roms und Neapels, den hast du verloren?«

Ohne Buchenau Zeit zur Antwort zu lassen, rief N . . ., der ihn nicht von seiner Seite ließ:

»Ja, denken Sie sich nur, er hat seinen Amethyst verloren, das ist eine ganze Geschichte!«

N . . . ist ein ausgezeichneter Mensch, ein bißchen zu mitteilsam, etwas zu dick und von einer gewissen Einfältigkeit, die nah ans Lächerliche grenzt.

»Marthe, Schatz« rief er jetzt stürmisch seiner Frau zu »hier ist noch jemand, der nicht weiß, daß Buchenau seinen Amethyst verloren hat.«

Und dann wandte er sich zu mir.

»Das ist nämlich ein ganzer Roman. Denken Sie sich, unser Freund hatte uns vollständig fallen lassen. Ich sagte zu meiner Frau: ›Hast du Buchenau irgend etwas getan?‹ ›Nein, absolut nichts‹, meinte sie, es war also vollkommen unverständlich. Aber noch unbegreiflicher wurde er uns, als wir hörten, daß er immer mit dieser Frau Cère zusammen sei – – «

Seine Frau unterbrach ihn:

»Wen kann das interessieren?«

Aber N . . . ließ sich nicht stören.

»Erlaube mal, mein Schatz, das gehört zu der Amethystgeschichte. Als nun der Sommer da war, lehnte Buchenau es ab, mit uns wie immer aufs Land zu kommen. Meine Frau und ich luden ihn sehr herzlich ein, aber er blieb in Trouville bei seiner Cousine Maureil, bei der es sehr langweilig ist.«

Seine Frau widersprach.

»Bitte sehr, zum Sterben langweilig. Dort hat er den ganzen Tag auf dem Wasser gelegen mit Frau Cère.«

Buchenau bemerkte nun sehr gelassen, daß an dem allen, was N . . . erzähle, kein wahres Wort sei.

»Wage es auch noch zu lügen,« sagte N . . ., ihm die Hand auf die Schulter legend, und dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »Tag und Nacht war er mit Frau Cère auf dem Meer, oder richtiger gesagt, mit ihrem Schatten, denn sie soll ja nur noch ein Schatten ihrer selbst sein. Der Mann blieb mit seinem Feldstecher am Strand. Bei einer dieser Fahrten verlor Buchenau seinen Amethyst, und nachdem ihm dies Malheur passiert war, war er keinen Tag länger in Trouville zu halten. Ohne sich von irgend jemand zu verabschieden, verließ er den Strand und kam zu uns nach Eyzies, wo ihn niemand mehr erwartete. Um zwei in der Nacht kam er an, und sagte ganz ruhig: ›Da bin ich.‹ Verrückter Kerl!«

»Und der Amethyst?« frug ich.

»Der ist wirklich ins Meer gefallen und ruht da im feinen Meersand. Kein Fischer bringt mir den im Bauch eines Fisches zurück, wie das sonst Brauch ist.«

Wenige Tage darauf kam ich, wie ich es oft tat, bei Hendel in der Rue de Chateaudun vorüber und frug, ob er nicht irgend etwas nach meinem Geschmack habe. Er weiß, daß ich aller Mode zuwider antike Bronzen und Marmor sammle. Schweigend öffnete er gewisse nur Liebhabern bekannte Glasschränke und nahm einen kleinen ägyptischen Schreiber aus Stein heraus, primitiver Stil. Ein Juwel! Als ich aber den Preis hörte, stellte ich ihn mit einem bedauernden Blick selber auf seinen Platz zurück. Dabei entdeckte ich in der Vitrine einen Wachsabdruck der Gemme, die ich bei Buchenau so sehr bewundert hatte. Ich erkannte die Nymphe am Säulenstumpf und den Lorbeer. Ein Zweifel war ausgeschlossen.

»Besaßen Sie den Stein?« frug ich Hendel.

»Ja, im letzten Jahr habe ich ihn verkauft.«

»Ein gutes Stück! woher stammt es?«

»Er kommt von Marc Delion, dem Bankier, der sich vor fünf Jahren wegen einer Frau aus der Gesellschaft umbrachte. Frau Cère, Sie kennen sie vielleicht.«

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