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Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen

Anatole France: Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorAnatole France
titleDer fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen
publisherKurt Wolff Verlag
printrun1. - 10. Tausend
translatorGertrud van Grootheest
year1921
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidabfbc829
created20070412
modified20140408
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Die großen Manöver von Montil

Das Gefecht war im vollsten Gange, alles ging vorzüglich. General Ducuir von der Südarmee, dessen Brigade eine starke Stellung im Gehölz von St. Colomban inne hatte, ließ um 10 Uhr morgens eine glänzende Rekognoszierung vornehmen, welche ergab, daß der Feind nirgends in Sicht sei.

Hierauf bekamen die Kavalleristen ihre Suppe, der General ließ seine Schwadron in St. Luchaire und stieg mit dem Hauptmann Varnot in das Automobil, das von Schloß Montil gekommen war, wo die Baronin Bonmot sie zum Frühstück erwartete. Das Dorf Montil war feierlich bekränzt. Der General fuhr durch den Triumphbogen, der ihm zu Ehren am Eingang des Parkes errichtet war, mit Fahnen, Waffentrophäen, Eichenlaub und Lorbeerzweigen.

Die Frau Baronin empfing den General auf der Terrasse des Schlosses und führte ihn in den riesigen Waffensaal, der von blitzendem Eisen wiederstrahlte.

»Welch ein wunderbarer Besitz, Frau Baronin, und welch herrliche Landschaft!« sagte der General. »Ich habe hier oft in der Gegend gejagt, und wenn ich nicht irre, habe ich Ihren Herrn Sohn bei gemeinsamen Bekannten getroffen, nämlich bei den Brekes.«

»Ja, ja, ganz recht, Herr General,« stimmte Ernst von Bonmot bei, der die Herren aus St. Luchaire abgeholt hatte, »es war bei Brekes, aber es ist zum Sterben langweilig bei denen.«

Das Frühstück fand im kleinsten Kreise statt. Außer dem General, dem Hauptmann, der Baronin und ihrem Sohn waren nur noch Frau Worms-Clavelin und Joseph Lacrisse zugegen.

»A la Guerre, comme à la guerre,« sagte die Baronin lächelnd und wies dem General den Platz zu ihrer Linken an der blumengeschmückten Tafel, auf welcher ein berittener Napoleon aus Sèvres-Bisquit prangte.

Der General ließ seine Blicke über die lange Galerie schweifen, von der die kostbarsten alten Teppiche herabhingen.

»Wie groß ist der Saal!« sagte er bewundernd.

»Ja, Herr General hätten die ganze Brigade hier hereinführen können,« meinte der Hauptmann lachend.

»Sie wäre mir willkommen gewesen,« sagte die Baronin heiter.

Die Unterhaltung war einfach, ruhig und herzlich. Man war taktvoll genug, nicht von Politik zureden. Der General war Monarchist. Er äußerte sich nicht darüber, aber es war bekannt. Seine beiden Söhne hatten beim Regierungsantritt des Präsidenten Loubet »Panama« gerufen auf den Boulevards und waren verhaftet worden. Er selbst bewahrte stets eine große Zurückhaltung.

Heute sprach man von Pferden und Kanonen.

»Das neue 75er Geschütz ist ein Juwel,« sagte der General.

»Und es ist wirklich bewunderungswürdig, mit welcher Leichtigkeit es sich einstellen läßt,« bemerkte Hauptmann Varnot.

»Und während abgeschossen wird, bieten die Munitionswagen durch eine ingeniöse Vorrichtung den Mannschaften Schutz,« sagte Frau Worms-Clavelin.

Man bewunderte die militärischen Kenntnisse der Dame, worauf dieselbe beflissen war, sich auch sonst ins beste Licht zu setzen.

»Wissen Sie wohl, Herr General,« sagte sie, »daß wir hier in unserm Kirchspiel eine wundertätige Mutter Gottes haben?«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete der General.

»Bevor unser verehrter Abbé Guitrel zum Bischof ernannt wurde, interessierte er sich sehr für die Wunder der Madonna. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben, und wie Sie wohl wissen, ist sie die Beschützerin der französischen Armee.«

»Wirklich? das muß ich lesen, wo bekommt man das Buch?«

Frau Worms-Clavelin versprach, es ihm zu schicken.

Kurz und gut, es wurde bei Tisch nichts gesprochen, was einen Mißklang gegeben oder nach Klatsch ausgesehen hätte.

Nach dem Frühstück machte man einen Rundgang durch den Park, und darauf verabschiedete sich Hauptmann Varnot.

»Meine Schwadron soll in St. Luchaire auf mich warten, Herr Hauptmann« sagte der General.

Dann wandte er sich an Lacrisse und sagte:

»Sehen Sie, die Manöver geben uns ein Bild des Krieges, aber das Bild stimmt insofern nicht ganz, als alles im voraus festgelegt ist und daß im Kriege das Unvorhergesehene eine große Rolle spielt.«

»Herr General, Sie müssen meine Fasanerie sehen,« bat die Baronin.

»Mit Vergnügen, meine Gnädige.«

»Kommst du nicht mit, Ernst?«

Ernst war angehalten worden von dem guten alten Raulin, dem Ortsvorsteher von Montil.

»Sie werden entschuldigen, Herr Baron, wäre es nicht möglich, daß Sie bei dem Herrn General ein gutes Wort für mich einlegten? Vielleicht ließe es sich einrichten, daß die Artillerie über meinen Kleeacker fährt.«

»Steht denn der Klee schlecht, Raulin?«

»Ach, das nicht gerade, Herr Baron. Die Ernte wird ganz gut ausfallen, aber die Entschädigung ließe sich doch mitnehmen. Im vorigen Jahr hat Houssiaux sie bekommen, da ist es doch nicht mehr als recht und billig, daß ich sie diesmal kriege. Ich bin Amtsvorsteher, habe alle Lasten und Scherereien mit der Gemeinde, da meine ich, wenn eine Vergütung geboten wird, käme sie mir doch wohl zu.«

Als der General die Fasanerie besichtigt hatte, meinte er:

»Nun muß ich zu meiner Brigade.«

»Ach,« sagte der junge Baron, »mit meinem ›dreißigpferdigen‹ ist es ein Katzensprung bis dahin.«

Nun besichtigte man die Pferdeställe, die Hundezwinger und die Gärten.

»Wundervoll sind diese Rosen,« sagte der General, der ein großer Blumenfreund war.

Der Lärm der Geschütze erstarb in der duftenden Atmosphäre vor ihren Ohren.

»Ein festlicher Schall, der das Herz freudig bewegt,« sagte Lacrisse.

»Ja, es ist wie Glockenläuten, schwärmte Frau Worms-Clavelin.

»Sie sind eine echte Französin, gnädige Frau,« sagte der General, »aus allen Ihren Worten spricht ein wahrhaft patriotisches Herz.«

Es war inzwischen 4 Uhr geworden, der General konnte unmöglich länger weilen. Ein Glück, daß man mit dem »dreißigpferdigen« im Umsehen bei der Brigade sein konnte.

Der General verabschiedete sich und bestieg das Auto, begleitet von dem jungen Baron, von Lacrisse und dem Chauffeur, und wieder ging es durch den Triumphbogen.

In 40 Minuten war der General in St. Luchaire, aber die Schwadron fand er nicht mehr dort. Alle vier machten sich auf die Suche nach dem Hauptmann Varnot. Vergeblich – das Dorf war leer, kein einziger Soldat mehr zu sehen. Als sie einen vorüberfahrenden Schlachter nach der Brigade Ducuir fragten, sagte der:

»Fahren Sie man die Chaussee nach Cagny hinunter, vorhin hörte man die Kanonen aus der Richtung, ich kann Ihnen sagen, das war ein Geknatter!«

»Cagny, wo liegt das?« fragte der General.

»Beunruhigen Sie sich nicht, Herr General,« sagte der junge Baron, »ich weiß, wo es ist, ich werde Sie hinführen.«

Und da die Fahrt etwas lange dauern konnte, reichte er dem General eine Automütze, Brille und Staubmantel.

Nun schlugen sie die Landstraße ein, passierten St. André, Villeneuve, Letaf, St. Porçain, Trupféme, Mirange und kamen schließlich an den Teich von Cagny, der in der untergehenden Sonne wie ein kupfener Spiegel erglänzte. Unterwegs begegneten ihnen auf der Chaussee Dragoner von der Nordarmee, die wußten allerdings nicht, wo die Brigade Ducuir sich befand, aber von denen erfuhren sie, daß die Südarmee bei St. Paulair im Gefecht läge.

St. Paulair – St. Paulair – das lag in 40 Kilometer Entfernung in der Richtung von Montil.

Das Auto drehte um, und nun ging es zurück auf der Landstraße über Mirange, Trupféme, St. Porçain, Letaf, Villeneuve und St. André.

»Fahren Sie schneller,« befahl der junge Baron.

Und der Wagen flog an den Ortschaften vorüber in eine leuchtende Staubwolke, wie in eine Gloriole gehüllt, überfuhr Hühner und Schweine und traf 2 Kilometer vor St. Paulair auf die Vorposten der Südarmee, die La Saulaie, Mesville und Le Sourdais besetzt hielten. Hier erfuhren sie, daß die ganze Nordarmee auf dem jenseitigen Ufer der Ilette stand.

Jetzt nahmen sie die Richtung von Torcy-la Mirande, um den Fluß in der Höhe von Vieux Bac zu erreichen.

Als nach einstündiger Fahrt an dem klaren Abend schon weiße Nebel in den Wiesen lagerten, rief der junge Baron plötzlich:

»Verdammt noch mal! wir können nicht hinüber, die Brücke über die Ilette ist zerstört.«

»Was!« schrie der General, »die Brücke ist zerstört?«

»Nun ja, Herr General, in der Manöversprache ist die Brücke angeblich zerstört.«

Der General war kein Freund von schlechten Späßen.

»Sehr witzig, junger Mann,« sagte er verbissen.

Bei Vieux Bac fuhren sie mit Donnergetöse über die eiserne Brücke und gelangten auf die alte römische Heerstraße, die Torcy la Mirande mit dem Hauptort des Departements verbindet. Am Himmel leuchtete schon die Venus neben dem jungen Mond in silbernem Licht. Sie fuhren noch etwa 30 Kilometer, ohne auf die Truppen zu stoßen. Bei St. Evariste mußte eine schlimme Steigung überwunden werden. Der Wagen ächzte wie ein müdes Tier, aber er zog durch. Als es dann bergab ging, war der Weg so steinig, daß das Auto sich fast überschlug und in den Graben geriet. Aber dann war der Weg vorzüglich bis Mallemanche, wo sie in der Nacht während eines Alarms anlangten.

Der Himmel strahlte von Sternen, Trompeten erschallten, und Fackeln warfen ihre roten Feuergarben über die bläuliche Straße. Infanteristen stürzten aus allen Häusern, an deren Fenster sich die Einwohner drängten.

»Obgleich diese Operationen nur fingiert sind,« sagte Lacrisse, »ist dies alles doch sehr eindrucksvoll.«

Der General erfuhr, daß seine Brigade am linken Flügel der siegreichen Armee Villeneuve besetzt hielte und daß der Feind im vollsten Rückzuge begriffen sei.

Villeneuve liegt da, wo die Ilette und Claine zusammenfließen, ungefähr 20 Kilometer von Mallemanche entfernt.

»Nach Villeneuve!« sagte der General, »wir wissen nun doch endlich, woran wir sind, das ist schon viel wert.«

Die Straße von Villeneuve war versperrt mit Kanonen, Munitionswagen und Artilleristen, die in ihren großen Mänteln schliefen. Das Auto konnte daher nur langsam vorwärts kommen.

Eine Marketenderin rief aus ihrem, mit chinesischen Lampions erhellten Wagen zu ihnen hinüber und bot ihnen Kaffee und Likör an.

»Wir geben Ihnen keinen Korb,« sagte der General, »denn wir haben im Manöver viel Staub schlucken müssen.«

Man trank ein Gläschen und fuhr dann bis Villeneuve, das von Infanterie besetzt war.

»Wo ist denn meine Brigade,« fragte der General beunruhigt. Sie befragten die Offiziere, die ihnen begegneten, aber niemand hatte irgendwelche Nachricht von der Brigade Ducuir.

»Was, keine Nachricht? die Brigade ist nicht hier in Villeneuve? das ist doch unglaublich.«

Jetzt klang eine Frauenstimme wie ein Glockenzeichen durch die Nacht.

»Meine Herren!«

Sie hoben die Köpfe und erblickten die Posthalterin, die den Kopf ganz voller Lockenwickel zum Fenster hinaussah.

»Meine Herren! es gibt zwei Villeneuve. Dies hier ist Villeneuve an der Claine, vielleicht wollen die Herren nach Villeneuve la Bataille.«

»Ja, das wird es wohl sein.«

»Aber das ist noch weit,« sagte die Posthalterin. »Erst müssen Sie nach Montil fahren . . . wissen Sie, wo das liegt?«

»Allerdings« erwiderte der junge Baron mit ironischem Lächeln.

»Nun gut, von dort aus fahren Sie nach St. Michel, dann nehmen Sie die Heeresstraße und . . .«

»Meine Herren . . .«

Diesmal war es der Notar von Villeneuve an der Claine, der seinen Rat an den Mann bringen wollte.

»Ich sollte meinen, um nach Villeneuve la Bataille zu kommen, täten Sie am besten, wenn Sie durch den Wald von Tongues fahren würden, dann biegen Sie rechts ab . . .«

»Schon gut, den Wald von Tongues kenne ich, ich habe da des öfteren gejagt, danke mein Herr, danke Fräulein.«

»Bitte keine Ursache,« erwiderte die Posthalterin.

»Zu Ihren Diensten meine Herren,« dienerte der Notar.

»Wollen wir uns nicht erst im Wirtshaus einen Cocktail brauen lassen,« schlug der Baron vor.

»Ja, ich würde gern etwas essen,« sagte Lacrisse, »ich bin schachmatt.«

»Ein bißchen Courage, meine Herren,«ermunterte der General. »In Villeneuve la Bataille können wir uns erholen.«

Nun ging es wieder los. Vorüber an unzähligen Dörfern und Flecken raste der Wagen und warf seinen gespenstischen Lichtkegel vor sich her in die schweigende Einsamkeit der Wälder.

Sie sahen Hirsche, die eiligst vor ihnen die Flucht ergriffen, sahen die Lichter in den Hütten der Köhler – plötzlich – in einem Hohlweg fahren sie erschrocken zusammen bei einem fürchterlichen Explosionsgetöse – der Wagen schleudert und stößt gegen einen Baum.

»Herrgott, was ist los!« ruft der General.

Lacrisse liegt auf dem Moose und seufzt schwer.

Der junge Baron hantiert mit der Laterne und spricht mit düsterer Stimme:

»Ein Reifen ist geplatzt, aber was viel schlimmer ist, die Vorderachse ist verbogen.«

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