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Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen

Anatole France: Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorAnatole France
titleDer fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen
publisherKurt Wolff Verlag
printrun1. - 10. Tausend
translatorGertrud van Grootheest
year1921
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectidabfbc829
created20070412
modified20140408
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Die rechtschaffenen Richter

Ich habe einmal ein paar rechtschaffene Richter gesehen, sagte Johann Marteau, das war auf einem Bild. Ich war nach Belgien gegangen, um einem neugierigen Beamten zu entgehen, der behaupten wollte, daß ich an einem anarchistischen Komplott teilgenommen hatte. Ich kannte meine Komplicen nicht und sie mich nicht, aber das war für den Beamten kein Hindernis. Nichts setzte ihn in Verlegenheit. Nichts klärte ihn auf, er setzte seine Untersuchung fort. Diese Manie erschien mir bedenklich; ich ging daher nach Belgien und fand in Antwerpen eine Stellung.

Eines Sonntags sah ich im Museum auf einem Bild von Mabuse zwei rechtschaffene Richter. Sie gehören zu einer verloren gegangenen Art. Ich will damit sagen, es waren fahrende Richter, die im Zuckeltrab auf ihren Pferden von Ort zu Ort ritten. Gendarmen, mit Lanzen und Partisanen bewaffnet, geben ihnen zu Fuß das Geleite. Die beiden bärtigen Richter tragen auf ihrem langen Haupthaar wie die Könige in den alten flämischen Bibeln eine merkwürdige, kostbare Kopfbedeckung, die zugleich einer Nachtmütze und einem Diadem ähnlich sieht. Ihre Brokatgewänder sind reich mit eingewirkten Blumen verziert. Der alte Meister hat es verstanden, ihnen ein würdiges, ruhiges und sanftes Aussehen zu verleihen, und ihre Pferde sind still und sanft wie sie. Und doch haben die beiden Richter weder denselben Charakter, noch die gleiche Auffassung ihres Amtes. Das sieht man sofort. Der eine hält in der Hand ein Papier und zeigt mit dem Finger auf den Text. Der andre stützt die linke Hand auf den Sattelknopf, während er die rechte mehr wohlwollend als gebieterisch emporhebt. Es scheint, als hätte er zwischen Daumen und Zeigefinger ein unmerklich feines Pulver. Diese Gebärde seiner sorgsamen Hand deutet auf vorsichtig erwägendes, scharfsinniges Denken. Beides sind rechtschaffene Richter, aber der eine haftet am Buchstaben, während der andre mit dem Geiste richtet. Auf die Barriere gestützt, die sie vom Publikum trennt, höre ich ihnen zu.

Der erste Richter sagt:

»Ich halte mich an das, was geschrieben steht. Das erste Gesetz wurde auf Stein geschrieben, zum Zeichen, daß es bis an das Ende der Welt dauern würde.«

Der andre Richter antwortet darauf:

»Jedes geschriebene Gesetz wurde schon ungültig, denn die Hand des Schreibers ist langsam, aber der Geist der Menschen ist flink, und ihr Schicksal ist bewegt.«

Und die beiden guten Alten fahren in ihrer sententiösen Unterhaltung fort:

Erster Richter: »Das Gesetz ist stabil.«

Zweiter Richter: »Zu keiner Zeit noch stand das Gesetz fest.«

Erster Richter: »Da es von Gott herrührt, ist es unwandelbar.«

Zweiter Richter: »Es ist ein natürliches Erzeugnis des sozialen Lebens und hängt von den bewegenden Umständen dieses Lebens ab.«

Erster Richter: »Es ist der unveränderliche Wille Gottes.«

Zweiter Richter: »Es ist der ewig veränderliche Wille der Menschen.«

Erster Richter: »Es war da, bevor die Menschen waren, und steht über ihnen.«

Zweiter Richter: »Es stammt von den Menschen und ist unvollkommen wie sie.«

Erster Richter: »Richter, öffne dein Buch und lies, was geschrieben steht. Denn Gott selbst hat es denen, die an ihn glaubten, diktiert: Sic locutus est patribus nostris, Abraham et semini ejus in saecula

Zweiter Richter: »Was die Toten geschrieben haben, werden die Lebenden verlachen, sonst würde sich der Wille derer, die nicht mehr sind, denen, die noch sind, aufdrängen. So würden die Toten die Lebenden, die Lebenden aber die Toten sein.«

Erster Richter: »Die Lebenden müssen den Gesetzen der Toten gehorchen. Tote und Lebende sind vor Gott Genossen einer Zeit. Moses und Cyrus, Justinian und der deutsche Kaiser regieren uns. Denn vor dem Ewigen sind wir ihre Zeitgenossen.«

Zweiter Richter: »Die Lebenden müssen von den Lebenden ihre Gesetze erhalten. Zoroaster und Numa Pompilius können uns weniger belehren über das, was uns erlaubt und verboten ist, als der Schuhsticker von Sainte Gudule.«

Erster Richter: »Die ersten Gesetze wurden uns durch die ewige Weisheit offenbart. Je mehr sich ein Gesetz dieser Quelle nähert, desto besser ist es.«

Zweiter Richter: »Sehen Sie denn nicht, daß jeden Tag neue Gesetze entworfen werden und daß die Verfassungen und Gesetzgebungen mit den verschiedenen Zeiten und Ländern Veränderungen erfahren haben?«

Erster Richter: »Die neuen Gesetze entstehen aus den alten. Es sind junge Zweige am alten Stamm, die der gleiche Saft nährt.«

Zweiter Richter: »Aus dem alten Baum des Gesetzes quillt ein bitterer Saft. Unaufhörlich legt man die Axt daran.«

Erster Richter: »Ein Richter soll nicht untersuchen, ob die Gesetze gerecht sind, denn sie sind es. Er muß sie nur richtig anwenden.«

Zweiter Richter: »Wir müssen erforschen, ob das Gesetz, welches wir anwenden, gerecht oder ungerecht ist, denn wenn wir es als unmöglich erkannt haben, ist es uns unmöglich, irgendwelche Milderungsmittel anzuwenden, wenn wir es gebrauchen müssen.«

Erster Richter: »Die Kritik der Gesetze ist unvereinbar mit der Achtung, die wir ihnen schulden.«

Zweiter Richter: »Wenn wir ihre Strenge nicht erkennen, wie könnten wir sie da mildern?«

Erster Richter: »Wir sind Richter, aber keine Gesetzgeber oder Philosophen.«

Zweiter Richter: »Wir sind Menschen.«

Erster Richter: »Ein Mensch könnte die Menschen nicht richten. Wenn ein Richter sein Amt ausübt, so gibt er seine Menschlichkeit auf. Er wird göttlich und fühlt weder Freude noch Schmerz.«

Zweiter Richter: »Eine Gerechtigkeit, die nicht von Mitgefühl geleitet wird, ist grausam.«

Erster Richter: »Die Gerechtigkeit ist vollkommen, wenn sie nach dem Buchstaben handelt.«

Zweiter Richter: »Sie ist abgeschmackt, wenn sie nicht vom Geist beseelt wird.«

Erster Richter: »Das Prinzip des Gesetzes ist ein göttliches, und die Folgen, die es nach sich zieht, seien sie noch so gering, sind göttlich. Aber wenn das Gesetz nicht ganz von Gott, sondern ganz von den Menschen stammt, so muß es buchstäblich angewandt werden. Denn der Buchstabe bleibt, der Geist aber ist flatterhaft.«

Zweiter Richter: »Das Gesetz stammt lediglich von den Menschen; es entstand in seiner Dummheit und Grausamkeit zu Beginn der menschlichen Vernunft. Aber wäre es auch göttlichen Ursprungs, so müßte man doch dem Geiste und nicht dem Buchstaben folgen, denn der Buchstabe ist tot, der Geist aber lebt.«

Nachdem die beiden Richter so gesprochen hatten, stiegen sie von ihren Pferden und begaben sich mit ihrer Eskorte zum Gerichtshof, wo sie erwartet wurden, um jedem zu geben, was ihm zukam. Unterdessen unterhielten sich ihre Pferde, die an einem Pflock unter der großen Ulme befestigt waren. Das Pferd des ersten Richters sagte:

»Wenn die Erde einst den Pferden gehören wird (und sie wird ihnen sicher gehören, denn das Pferd ist offenbar das Endziel und der Schlußzweck der Schöpfung), wenn die Erde den Pferden gehören wird und wir tun und lassen können, was wir wollen, so werden wir wie die Menschen unter bestimmten Gesetzen leben, und wir werden uns das Vergnügen gönnen, unsresgleichen ins Gefängnis zu stecken, aufzuhängen und zu rädern. Wir werden dann moralische Geschöpfe sein. Man wird das an den Gefängnissen und Galgen, die sich in unsrer Stadt erheben werden, erkennen. Es wird dann gesetzgebende Pferde geben. Wie denkst du darüber, Roussin?«

Roussin, der Gaul des zweiten Richters, erwiderte, daß er das Pferd für die Krone der Schöpfung halte, und er hoffe, es werde früher oder später zur Regierung kommen.

»Wenn wir erst Städte gebaut haben«, fuhr es fort, »so müssen wir, wie du ganz richtig sagst, Blanchet, eine Polizei einsetzen. Ich wollte, daß die Gesetze dann recht pferdisch wären, ich meine den Pferden und der allgemeinen Pferdeexistenz günstig.«

»Wie verstehst du das, Roussin?«

»Ich verstehe es, wie es recht ist. Ich verlange, daß die Gesetze jedem sein Teil Hafer und seinen Platz im Stall sichern, und daß es jedem erlaubt sei, frei zu lieben, wenn die Zeit kommt. Denn jedes Ding hat seine Zeit. Schließlich wünsche ich, daß die Pferdegesetze mit der Natur im Einklang stehen.«

»Ich hoffe,« antwortete Blanchet, »daß unsre Gesetzgeber höher denken werden als du. Sie werden von dem himmlischen Pferd, das alle Pferde geschaffen hat, zu den Gesetzen inspiriert werden. Das göttliche Pferd ist über alle Maßen gütig, denn es ist über alle Maßen mächtig. Macht und Güte sind seine Attribute. Es hat seine Geschöpfe dazu bestimmt, den Hemmschuh zu erdulden, die Halfter zu tragen, die Sporen zu spüren und unter Schlägen zu verenden. Du sprichst von ›lieben‹, Kamerad; sein Wille war es, daß viele von uns beschnitten wurden. Es war sein Befehl. Die Gesetze müßten den verehrungswürdigen Befehl aufrecht erhalten.«

»Aber bist du ganz sicher, mein Freund,« fragte Roussin, »daß dieses Übel von dem himmlischen Pferde herrührt, das uns geschaffen hat, und nicht etwa von den Menschen, die ihm untergeordnete Wesen sind?«

»Die Menschen sind die Diener und die Engel des himmlischen Pferdes,« erwiderte Blanchet. »Sein Wille betätigt sich in allem, was geschieht. Es ist gut. Weil es das Böse, das uns widerfährt, will, so beweist das, daß das Böse gut ist. Damit ein Gesetz gut sei, muß es uns Böses zufügen. Und im Reiche der Pferde werden wir auf alle Art, durch Erlasse, Dekrete, Urteilssprüche und Befehle gequält und beengt werden, um dem himmlischen Pferd zu gefallen.«

»Du mußt denn doch ein Eselshirn haben, Roussin«, fügte Blanchet hinzu, »wenn du nicht begreifst, daß das Pferd in die Welt gesetzt wurde, um zu leiden, daß es seinem Endzweck entgegenwirkt, wenn es nicht leidet, und daß das himmlische Pferd sich von denjenigen Pferden abwendet, die glücklich sind.«

So sprachen die beiden Pferde zueinander.

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