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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
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Fritz und Franz.

Es giebt ja Leute, die einen Tag nach dem andern verkonsumiren, ohne jemals zu der Ueberlegung zu kommen, daß für das Leben keine Retourbillette verabfolgt werden, die nicht wissen wollen, daß die Leiden und Freuden Stationen sind, an denen man scheinbar Aufenthalt macht, obgleich die Reise unaufhörlich weiter geht und das Grau des Alters sich nach und nach ansetzt, wie der Staub der Bahnstrecke und die Asche der verbrannten Kohlen. An sich selbst und den Mitfahrenden ist kaum zu merken, wie man einsiehlt, ebenso wenig, wie wir am eigenen Gesicht die langsamen Veränderungen wahrnehmen, weil wir uns an das Bild gewöhnen, das wir täglich im Spiegel erblicken, aber an den Neueinsteigenden wird uns kund, wie lange wir schon unterwegs waren.

Allmälig fing es stark an zu herbsten. Die Bäume in der Stadt sahen schon seit Wochen wie Besen aus und im Friedrichshain konnte man das letzte Laub an den Zweigen bereits einzeln zählen. Wie kurz ist doch die Zeit von Maiengrün und Frühlingslust bis zum herbstlichen Braun und dem Winter mit der Sehnsucht nach neuem Aufleben. Ist es wahr, daß die Jahre mit dem zunehmenden Alter kürzer werden wie die Wintertage, dieselben Jahre, die in der Kindheit unermeßlich waren? Die Kalendermacher haben sie egal ausgerechnet, aber wenn wir unsere Wünsche und Hoffnungen daran legen, dann merken wir, wie sie kleiner geworden sind, und wie rasch sie sich an einander reihen, das sehen wir an dem jungen Aufwuchs, der um uns in die Höhe schießt. Und wie vieles wird unversehens anders. Wie lange ist es her, daß Emmi auf dem Teppich bei mir herumkroch, und nun sitzt sie ebenso da wie dereinst ich und hat ihre Beiden, deren Spiel sie überwacht. Dachte ich damals an meine eigene Großmütterlichkeit? wie sollte ich wohl. Die Jahre waren noch so lang. –

Es läßt sich nicht läugnen, etwas Süßeres als die Zwillinge beim Zubettegehen giebt es kaum: die reinen kleinen Raphaels, ebenso reizende Speckärmchen und Beinchen und Remmelchen im Nacken zum Hineinbeißen. Man kann sich nicht sattküssen, und selbst Amanda Kulecke, die sie so gerne als Nackedeis sieht, sagt: es seien richtige Schooßgenien. Sie wissen aber auch, daß man sie lieb hat, und kreischen vor Vergnügen, wenn Großmama sie nimmt und herzt, immer einen zur Zeit, wie es bei Doppelbrüdern nicht anders möglich ist.

Trotzdem prophezeite ich von vorneherein, daß Zwillinge, wenn auch niedlich, doch sehr umständlich sind, allein blos die Schlepperei mit dem Kinderwagen, worin eine halbe Schwadron Platz hat und den eine Menschenkraft allein die Treppe nicht hinunter bringt. Aber Er hat ihn so fleemsch bestellt und wir Frauen können uns damit absklaven, denn die Amme war viel zu gebieterisch, um Hand mit anzulegen, bewahre, die ließ sich hinten und vorn aufpassen wie ein Meerwunder, kein Essen gut genug, immer doppelt Butter und belegte Stullen. Emmi und mir war nicht schlecht tedeumhaft zu Muthe, als sie wieder nach dem Spreewald zurück verduftete, um sich für die nächste Herrschaft zu stärken. Man war doch wieder uneingeschränkt im eigenen Hause.

Der Doktor hatte wie immer nur Taubheit gegen meine Klagen, wenn die Person von Tage zu Tage übergriffiger wurde. Er verbot uns sogar, sie zu maßregeln, damit ihr Aerger nicht auf die Kinder schlüge. Aber hatte Er den ganzen Tag von ihr auszustehen? Er geht auf die Praxis und genießt die häuslichen Erlebnisse nicht mit. Da ist es denn keine Kunst, Vater spielen.

Seitdem die Kinder ins Leben antraten, ist Er hinsichtlich größerer Gesellschaften sehr sparsam, natürlich mit Ausnahme der Taufe, für die ich diesmal den Küchenzettel gemacht hatte, aber ich fürchte, sie ist ihm zu üppig gewesen und Er will nun mit Einfachheit wieder auf die Auslagen kommen, wie Er überhaupt dafür schwärmt, wo es schön ist und wenig kostet. Hochgebildet kann man es doch nicht nennen, wenn Er sagt, große Gesellschaften wären nichts als Damenparaden? Aber Doktoren erlauben sich mitunter Urtheile. Hat man sich Familie zugelegt, so darf man weitere Kreise nicht vernachlässigen. Da muß von Zeit zu Zeit mal ein Arrangement stattfinden, was spricht blos die Nachbarschaft, wenn sie niemals erleuchtete Festfenster bemerkt? Die sagt: »Na, auf der Doktoretage herrscht auch wohl Armuth und Edelsinn!«

Muß Er ferner nicht sorgen, daß für die heranwachsenden Kinder Verkehrsfamilien vorhanden sind, wo sie gebeten werden und Genossen finden, sowie junge Damen, wenn sie in das Jünglingsalter treten?

Herr Kleines pflegt des Sonntagsmittags seine Anstandsvisiten zu erledigen und mit den Kindern zu schäkern, um sich in der Achtung der Mutter zu befestigen, wobei er ziemlich krähenartig herumhoppst und sie durch Gesichterschneiden zu erlustigen sucht, was ihm jedoch meistens vergeblich gelingt, denn wenn er die Kopfhaut so rauf- und runterzieht und die Horchlappen pendeln läßt, haben wir es schon erlebt, daß Franz bis zum Wegbleiben schreit und erst mühsam durch Puckelklopsen wieder zu sich gebracht werden kann. Es ist dies eine besonders seltene Begabung der Natur, aber wozu taugt so etwas, da es den Kindern Nachts im Traume vorkommt und sie schreckhaft aufzetern, was sich erst gab, als ihm die Ausnutzung seiner Anlagen untersagt wurde. Dito brachte er Anfangs viel zu freigebig Spielzeug mit, welches ihn zu unnöthigen Ausgaben verleitete, da es immer paarweise sein mußte; für solche Verschwendung wird bei meinem Schwiegersohn nicht gegenleisterisch genug vorgesetzt und schenken lassen mag man sich doch auch nichts von Jemand, der, wenn auch in festem, doch nicht übermäßigem Salair steht. Trotz des Spielzeugs bewiesen die Kinder eine unbesiegbare Abneigung gegen ihn, was auch wohl daher kommt, daß sie für die hygienischen Gegenstände ohne jegliche ableckbare Farbe, genau nach den Warnungen des Reichsgesundheitsamtes, nicht Verständniß genug entwickelten, und als er ihnen Murmeln schenkte, auf denen das arsenikfreie Bunte festsitzt, wußte er hoffentlich selbst nicht, wie gefährlich gerade Murmeln sind, und wie sehr sie als sanitätswidrig verboten werden müssen.

Die Angelegenheit verhielt sich nämlich so.

Herr Kleines schleppt die Murmeln heran und weil es billige Waare ist, darf er sie den Zwillingen verehren. Er zählt sie denn auch selbst ab: sechs für Franz und sechs für Fritz und Alles ist in schönster Ordnung, wie er sie ihnen giebt. Das kleine Volk vergnügt sich ausnehmend mit den rollenden Kügelchen und Franz schreit nicht und Fritz kratzt und beißt Herrn Kleines nicht, wie sonst, sondern lauter Gejacher und Gejubel.

Während die Kinder nun trudeln, erzählt Herr Kleines uns – ich war nämlich zufällig bei Emmi anwesend – was anderswo passirt ist und wie es in bekannten Familien zugeht, wo er ebenfalls kommt, wie leichtsinnig die Frau Soundso ist, bei denen er letzt war, wie unschick Frau X. sich kleidet, obgleich sie ihre Toiletten aus Paris bezieht (notabene was ich bezweifele), und was der über die gesagt hat und die über den und so Allerlei mehr, was sich sehr unterhaltend anhört, wenn es unverwandte Leute betrifft, aber zu großem Krakehl führen kann, sollten sie es erfahren.

Wenn ich ihn bei höchst bedenklichen Rapporten unterbreche: »Herr Kleines, das sind doch wohl hoffentlich Phantasiegebilde eigener Fabrikation,« dann er gleich hitzköpfig geworden und sich als Augen- und Ohrenzeuge bei den verschlossenen Thürgeschichten herausgeschworen, daß man schweigt, weil hierauf nur noch zum Duell gefordert werden kann. Aber glauben thun weder ich es Alles, noch Emmi. Man muß auch bedenken: bei so einer Visite soll nur etwas erzählt werden, und da kommt es auf eine Handvoll mehr schließlich nicht an.

Als Herr Kleines gegangen war und die Kinder nicht länger mit den Murmeln spielen mochten, sammelte ich die Dinger auf. »Sag mal, Emmi, waren nicht zwölf Murmeln da?« fragte ich. – »Ja,« entgegnete sie, »er gab Franz sechs und Fritz sechs, das macht zusammen zwölf.« – »Hier sind aber nur Elfen.« – »Immer noch genug,« sagte Emmi.« – »So meine ich es nicht,« erwiderte ich, »aber wo ist der eine Murmel?« – »Weg,« lachte Emmi über meine Besorgniß. – »Das weiß ich, aber wo er ist, darum handelt es sich. Ich will nur hoffen, daß ihn Keiner hintergeschluckt hat.«-

»Um Gotteswillen,« rief Emmi, und bekam es mit der Furcht. »Die Kugel muß wieder her. Laß uns suchen, Mama.« – »Wo ist das Kindermädchen?« – »Das ist einen Gang aus.« – »Denn man heran.«

Wir Beide nun darauf los gesucht: auf dem Teppich, unter dem Teppich, unter den Möbeln, auf den Möbeln, im Nebenzimmer, auf dem Fensterbrett, die Kinder hochgehoben, wieder hingesetzt, wieder den Teppich umgekehrt, die Kinder nochmals gehoben, nochmals in allen Ecken nachgefühlt, nochmals den Teppich umgeschlagen. Kein Murmel zu finden.

»Einer hat ihn verschluckt,« sagte Emmi in banger Ueberzeugung.

»Wer aber?« fragte ich. »Franz oder Fritz?«

»Wie kann ich das wissen? Wenn mein Mann nur da wäre; es kann noch eine Stunde dauern, bevor er kommt. Was sollen wir bis dahin beginnen? Ob man dem Kinde etwas Warmes zu trinken giebt?«

»Welchem?« fragte ich energisch, um sie zur Besonnenheit zurückzurufen, da ihre Haltungskraft sichtlich ins Wanken kam. »Weißt Du denn, wer? Ich vermuthe Franz.«

»Ohne Zweifel Fritz, der steckt Alles in den Mund.«

»Erlaube, Fritz artet mehr nach uns Buchholzens, und ich wüßte nicht, selbst aus frühester Jugend nicht, daß sich Jemand von uns durch Gierigkeit und Schluckigkeit hervorgethan hätte; nein, wenn Einer sie in sich hat, dann ist es Franz.«

Emmi prüfte die Kinder mit ängstlichen Blicken: »Findest Du nicht auch, daß Franz schon ganz blaß aussieht? O Gott, wenn er stirbt! wo bleibt mein Mann?« Sie fuhr dem Kinde mit dem Zeigefinger in den Mund, und wühlte drin herum, als wenn die Kugel da noch hackte, aber ohne ein anderes Resultat, als daß der Zunge natürlich grausam losblöckte.

»Wie furchtbar er wohl leidet. Dieser abscheuliche Herr Kleines. Was hat er den Kindern die dummen Murmeln mitzubringen? Er muß doch wissen, daß sie so etwas leicht in den Mund nehmen. Der soll sich freuen, so werde ich ihm die Wahrheit sagen! Sei nur stille, mein Herzensfränzchen, es wird schon wieder besser; Papa soll dem Kindchen helfen, der hat gleich heraus, wo Murmelchen sitzt. O Gott, wenn er nur nicht schneiden muß.«

»Emmi,« sprach ich, »rede Dich nicht in mehr Trübsal und Aufregung, als nöthig ist. warte doch erst ab, damit, wenn es verlangt wird, Du Kräfte hast, während des Schlimmsten den Kopf oben zu halten. Eingebildete Gefahren sind keine Gefahren, sondern bloße Selbstquälerei ...«

»So?« unterbrach sie mich, »ist der Murmel am Ende keine Gefahr? Wenn es nach Dir ginge, müßte das Kind wohl eine Kegelkugel verschluckt haben, um Dein Mitleid zu erwecken?«

»Emmi!«

»Nun ja,« besann sie sich nachgebend. »Ich sitze hier in tausend Nöthen und Du elendest mich mit guten Lehren. O Mama, wo bleibt Franz? Siehst Du denn nicht, wie das Kind von Minute zu Minute hinfälliger wird?«

»Das kommt von dem Brüllen.«

»O mein Goldkind, mein süßes Fränzchen, weine nicht so« fing sie nun an, »sei doch nur wieder lieb,« und wiegte es auf den Armen hin und her. Das Kind ward meiner Ansicht nach durch die ausnahmsweise Ueberzärtlichkeit blos verwildert und gab sich erst recht nicht.

»Emmi,« nahm ich möglichst gelassen das Wort: »Ich an Deiner Stelle würde unter den gegebenen Verhältnissen das Kind nicht so heftig schuckeln. wie leicht kann sich der Murmel dabei ins Tiefere verlieren und verhärtet sich nachher.«

Sie blickte mich ganz graß an, so wie ich mal Eine als Ophelia im Schauspielhause sah, die es ja auch mit der Hitze und Kälte kriegt. »Meinst Du?« schrie sie auf. »Dann ist keine Hoffnung mehr. Franz hatte neulich einen ähnlichen Fall mit einem verschluckten Bleisoldaten. Der Knabe mußte sterben. O mein Fränzchen, mein süßes Fränzchen.«

Zur Erleichterung der Situation kam jetzt der Doktor. Emmi wie außer sich, ihm gleich zugeschrieen: »Rette Deinen Sohn,« daß es ihm sichtlich in die Glieder fuhr. Erst als ich ihm auseinandersetzte, wie so die Murmeln in das Haus gekommen, und wie unerhört Herr Kleines sei, gewann der Arzt bei ihm Oberhand über den Vater und er begann den kleinen Franz zu untersuchen, was dem diebischen Spaß machte. Nach einer Weile sprach er: »Der Junge ist ja munter wie immer; warum stellt Ihr Euch so an?« – »Möglicherweise hat Fritz sie?« schluchzte Emmi.

»Oder keiner von Beiden,« sagte der Doktor.

»Einer muß sie haben,« entgegnete ich, »denn die Kugel ist spurlos vom Erdboden verschwunden.« – »Wenn nur ordentlich gesucht wird, giebt sie sich auch an,« sprach der Doktor. – »Wir haben schon das Oberste zu Unterst gekehrt.« – »Weiber sind nie gründlich,« brummte Er und fing an den Murmel aufzutreiben.

Ich hatte keine Zeit, ihm ebenso rücksichtslos zu antworten, wie er verdient hatte, da das Teppichumkehren wieder losging und das Gegrabbele hinter den Möbelbeinen, das Gestöbere in den Ecken und die totale Wirthschaft von vorhin. Zuletzt zählte er die Murmeln noch einmal durch: aber das Dutzend wurde trotzdem nicht voll. – »Elfe bleiben elf,« sagte ich grimmig.

Der Doktor kratzte den Hinterschädel: »Der Murmel ist weg.«

»So klug sind wir schon lange,« gab ich ihm zu verstehen, »obgleich wir ›Weiber‹ keine Gründlichkeit besitzen. Nein, durchaus gar keine.«

»Sollte Pitti ihn fortgetragen haben?« fragte er. – »Der Hund ist mit keinem Bein im Zimmer gewesen.« – »Dann muß etwas geschehen,« sprach er, »aber sei nur ruhig, Emmi, die Sache ist nicht von Bedeutung. Franz bekommt erst einen Eßlöffel Baumöl und dann etwas Magenfegendes, das ich ihm verschreiben werde.«

»Und Fritz?« warf ich ein.

»Was ist mit Fritz?«

»Wissen Sie denn so genau, wer den Murmel verschlungen hat?«

»Beide werden ganz gleich behandelt,« entschied der Doktor kurz. »Der Murmel muß heran.«

»Nun kann das eine unschuldige Wurm um des anderen willen ebenfalls leiden,« bemerkte ich, einigermaßen in meinen Menschlichkeitsgefühlen verletzt, »das finde ich geradezu unverantwortlich.«

»Unverantwortlich ist, daß nicht besser aus die Kinder geachtet wurde,« schalt Er. »Bei der Amme wäre so etwas sicher nicht passirt.«

Dieser Vorwurf empörte mich. »Herr Schwiegersohn,« erwiderte ich daher in gemessenem Tone: »Die Amme war ein Greuel. An uns liegt die Verantwortlichkeit nicht. Ich habe gleich gesagt, daß es ein schreckliches Durcheinander geben würde und größer kann der Kuddelmuddel wohl nicht werden, als jetzt, wenn Einer schuld daran ist, dann sind Sie es; in unserer Familie hat es niemals Zwillinge gegeben.«

Und was entgegnete Er hierauf hohnlächelnd, anstatt vernichtet zu schweigen? »Das thut mir leid, die Rasse ist gut.«

Hierauf konnte nur verletztes Umwenden als Antwort dienen.

Nachdem er Emmi zu beruhigen versucht hatte, daß noch nichts Bedenkliches vorläge, ging er, das Rezept aufzusetzen. Die Kleinen kriegten Gel ein, wodurch sie auch nicht entzückt vom Leben wurden, und als das Mädchen nachher die Medizin brachte, erschienen sie noch enttäuschter vom Dasein, wenigstens ihren kleinen Antlitzen nach zu schließen, die sie in herzergreifende Grimassen zogen. Aber muß nicht Jeder von Klein auf erfahren, daß das Erdenthal zeitweilig ein Jammerleben ist, dessen Pfade nicht mit Pfannkuchen gepflastert sind?

Als sie das Gel und das Arzneiliche intus hatten, kamen sie ins Bett. Aber die Zucht! Ich danke noch.

Erstlich mal fiel es ihnen nicht ein, müde zu sein, weil es außer der Zeit war, und dann ist Franz ein solcher Rührbregen, daß er überhaupt nie ruhig liegt, weil aber Kranke in die Posen gehören und inwendige Murmel zu den beunruhigenden Symptomen gerechnet werden, verlegten wir diesen Besuchsnachmittag in die Schlafstube, indem Emmi bei Franzen saß und ich bei Fritzen, der mir zum Trotz ganz seine Buchholzische Natur verleugnete und sich ebenso ungezogen betrug wie Franz, obgleich es sonst ein sinniges, still für sich spieleriges Kind ist. Wenn wir kaum meinten, sie lägen, dann die Brüder hochgeklettert, und wenn wir sie eben ausgenommen hatten, dann wieder hinabgestrebt. Der Doktor mußte ihnen sehr etwas velocixedenhaftes verschrieben haben, sonst konnten sie nicht so fuhrwerken, wie sie thaten.

Emmi kam sichtlich dabei herunter. »Kind,« sagte ich, »thu mir den Gefallen und eß mit Deinem Manne ordentlich zu Mittag, derweil ich und das Mädchen krankenwärtern; ich krieg meinen Theil nachher schon. Wir schicken einen Dienstmann nach der Landsbergerstraße, daß ich bei Euch bliebe und erst gegen Abend käme.«

»Glaubst Du, ich bin eine Rabenmutter, die ihre Engel am Rande des Grabes verläßt?«

»Dummes Zeug,« sagte ich, »wo doch nur Einer in Gefahr schweben kann und selbst Dein Mann nicht mal weiß, welcher? Aber wenn es wirklich gefährlich ist, würde er es sagen. Geh', Emmi, Er eßt nicht gerne allein und Du wirst mir sonst auch noch krank.« – Sie ließ sich überreden und da der Doktor noch einmal Nachsehen kam, faßte sie etwas Muth, als der keine vermehrte Besorgniß herauszuforschen vermochte. –

Er versteht sein Fach gründlich, das muß ich bekennen, aber den Murmel konnte Er doch nicht ans Licht bringen, worüber Emmi sich immer mehr aufregte, je öfter unsere Hoffnungen getäuscht wurden.

Obgleich es demnach meine Pflicht gewesen wäre, die Nacht zu bleiben und meiner Tochter beizustehen, rieth der Doktor mir, nur zu gehen, zumal kein Fieber vorhanden und beide Kinder gleichweg schlummerten. Das Einzige, was ihnen fehlte, was ein bischen Angegriffenheit von dem Rezept.

Als ich nach Hause kam, befand mein guter Karl sich bei einem vergnügten Skat, bestehend aus ihm, Herrn Felix und Herrn Kleines, den er aus dem Spaziergange getroffen und zu diesem Zwecke dingfest gemacht hatte.

»War etwas los beim Doktor, daß du Botschaft schicktest?« fragte er.

»O ja,« rief ich aus und fuhr Herrn Kleines an, »und Sie sind der Thäter. Wie können Sie so unvernünftig sein und den Kindern Spielzeug mitbringen, wodurch sie ihre ganze Gesundheit zusetzen?« – »Ich verstehe Sie nicht,« entgegnete er und wollte meine Entrüstung weggrinsen. – »Sie begreifen überhaupt nicht, wenn Sie Unheil anrichten und kommen sich obendrein noch höllisch klug vor, sobald sie solche Kunststücke ausgeübt haben, wie mit den Murmeln.« – »Erlauben Sie, die Kinder können ja noch gar nicht zählen.« – »wieso? was wollen Sie damit behaupten?« – »Nun, Zwei in Elf geht doch nicht.« – »wollen Sie mich foppen?« – »O bitte. Ich hatte ja nur elf Murmeln, und um die Symmetrie nicht zu stören, sagte ich zu Franz: hier sind sechs, und ebenso zu Fritz.« – »Und Fritz bekam nur fünfen?« – »Stimmt! Ich taschenspielerte ein wenig.« – »Gott sei Lob,« brach ich aus, »und wir glaubten, er hätte den einen verschluckt.« – »Wer?« fragte mein Mann, »Fritz?« – »Nein, Franz.« – »Es hieß doch eben Fritz ...« – »Macht mich nur nicht mit den Zwillingen irriger, als ich schon seit heut Mittag bin. Karl, wir konnten zuletzt gar nicht mehr durchfinden. Und Sie, Herr Kleines, schwimmen Sie schleunigst zum Doktor ab, damit meine Tochter aus ihrer Sorge erlöst wird. Ihrethalben haben die armen Seelen so was Scharfes eingekriegt.« – »Aber doch nur Fritz,« sagte mein Mann. – »Karl, wie kannst Du so daher reden, Franz hatte ja die Kugel gegessen.« – »Nun mit einem Male Franz.« – »Nein, keiner von Beiden.« – »Ja, wozu brauchten sie denn Scharfes einnehmen?«

Mir versagte die Sprache, das Gehirn war wie ein Knäul von dieser Fragerei. Ich setzte mich und wedelte mir Luft mit dem Taschentuche zu. Mein einziges Lebenszeichen war pusten.

Herr Kleines zeigte sich von seiner angenehmsten Seite, und das war diesmal die unsichtbare; er mochte auch wohl einsehen, daß ein Friedensbote nie früh genug eintrifft.

Betti machte mir eine Tasse Thee, und ein Stüllecken, für das sich Bedarf einstellte, that das Uebrige, die Nerven wieder zu besänftigen, daß ich allmälig in den Stand kam, die Ereignisse zu berichten. Sie waren Alle froh, daß es nur blinder Lärm gewesen war, und jetzt in der Ruhe empfand auch ich erst mit voller Deutlichkeit, wie sehr Einem die beiden Kleinen ans Herz gewachsen sind, während ich bei Emmi die Angelegenheit scheinbar leicht nehmen mußte, um ihrer Verzagtheit Widerpart zu leisten. Nein, lieber noch ein paar Zwillinge, als nur einen missen, und wenn Großmama Buchholz bis zum Umfallen wurzeln soll.«

»So,« sagte ich, »wenn wir noch einige Male herumspielen, wird das auf den Schrecken gut thun. Ich sage Euch, solche Kur ist nicht leicht mit Einem durchzumachen, und nun erst mit Zweien. Aber zum Doktor habe ich Vertrauen, er weiß, was er verschreibt.«

Mein Mann meldete ein Eckern Solo aus der Hand, aber da ich zwei Mätzchen hatte und fünf Trümpfe dagegen, mußte er verlieren. Das war nach den Leiden des Tages der erste heitere Lichtblick.

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