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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
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Freund Max.

Wenn es mir bisher auch schleierhaft war, woher die Denker die Zeit nehmen, um auf Schwerverständliches zu kommen, so weiß ich dies jetzt so genau, als wenn ich mein Lebtag nichts anderes als dasselbe gethan hätte: sie benutzen hierzu die schlaflosen Nächte, was in einer einzigen zusammengebracht werden kann, das geht auf keine Kuhhaut, und wenn es nicht die Bergfeldten gewesen wäre, die einmal, wo es natürlich total unschicklich war, sich äußerte: »Denken macht dumm,« würde ich fast geneigt sein, beizustimmen, denn der Kopf ist Einem nach einer solchen durchdachten Nacht wie mit Unbegreiflichem angefüllt. Aber die Bergfeldten kann lange reden, eh' mir ein Wort gefällt.

Wem war ich denn für diese Schlaflosigkeit anders meinen Dank schuldig, als ihr? Hat sie einen Magen wie eine Feuertiene, braucht sie doch nicht glauben, daß auch anderen Leuten ihr selbst angesetzter Likör bekömmlich ist, und nur um Aufsehen zu vermeiden, schickte ich nicht zum Doktor. Wenn der sofort erkannt hätte, daß ich mit unwissendem Schierling oder was sie sonst verwechselt hat, vergiftet worden war, dann mußte er Anzeige machen und das Gericht hätte sie mitsammt der Bouteille beim Wickel gekriegt. Solche Härte wollte ich jedoch nicht, denn was sollte in der Zwischenzeit aus dem alten Bergfeldt werden, wenn ihr drei Wochen oder mindestens vierzehn Tage aufgebrummt wurden? Weniger wäre knickerig gewesen.

Was sollte aus dem alten Mann mit den zerbrechlichen Knochen werden?

Und wenn er stürbe, was sollte aus ihr, der Bergfeldten, werden? Mit den möblirten Herren hält sie auf die Dauer doch keinen Frieden. Dann fällt sie Augusten zur Last.

Diese schätze ich mehr und mehr. Was Herr Weigelt an Energischkeit fallit ist, besitzt sie in dem Bewußtsein, wo die Pumpe stehen soll. Davon haben denn nachher Alle gut, der Mann, die Kinder, der alte Bergfeldt und die Mutter, obgleich die das Schicksal immer wieder gegen den Strich kämmt und Ungedeihen hervorruft.

Woher kamen denn die Wallungen und das Herzklopfen, und die Schwierigkeit, Oden zu holen, als von ihrem Kaffee mit Surrogat, vor dem gewarnt wird, weil Torf mang ist? Der Doktor sagt, es sei Anlage zu Asthma vorhanden, wenn ich mich einmal keuchend überrannt habe, aber da ist er, wie so mancher Arzt, auf dem Holzpfade ... Das kommt nur von der Bergfeldt'schen Verpflegung.

Einige von den Damen ließen sich sogar mehrfachen Rachenputzer einreden; entweder wurden sie abgehärtet geboren oder sie haben ihn allmälig so untergekriegt, daß er ihnen nichts mehr thut.

Du allmächtiger Himmel, wenn mein Mann eine Frau bekommen hätte, wie die Beckmannen oder die Schülern. Wie entsetzlich! wie sie ihm wohl das Leben ansäuerten, immer gleich eklig geworden, ohne eine Ahnung für seine Güte, die Bouillon nicht zu genießen, versalzenes Wasser mit Fettflecken darauf, das Gemüse ohne Saft und Kraft, immer mit Hammeltalg, was er nicht riechen kann; wie er wohl aushalten müßte und seufzte, nur erst davon zu sein, daß der Mann ohne Nase bald käme und ihm den hölzernen Schlafrock anzöge und sie ihn wegtrügen aus allem Elend.

Dieser Gedanke ergriff mich mit Kummer und Beängstigung, daß ich mir nicht zu helfen wußte. Am liebsten hätte ich laut aufgeweint, aber durfte ich das? Schlief mein Karl nicht so prachtvoll, als wenn das leibhafte gute Gewissen sich ins Bett gelegt hätte?

Und wie er schnarchte! Es war kein simpler Knast, den er vorhatte, sondern ein rechter faseriger mit Absätzen. Sonst pflegte ich zu rufen: »Karl! – Karl, laß das Schnarchen sein. Andere Leute haben auch bezahlt. – Hörst Du nicht, Karl? Es ist unmöglich, ein Auge zuzuthun. – Karl, soll ich ernstlich böse werden?« – Dann verpustete er sich meistens so lange, bis ich selbst in Schlaf geschlüpft war, oder wenn er etwas totaler aufwachte, leugnete er, wodurch beiderseitige Munterkeit mit Austausch von Vorwürfen eintrat.

Nein, ich konnte nicht so sein, wie die Stahlen oder die Krausen, deren Männern nachgerade etwas fehlt, wenn sie nicht in fortwährender Furcht geknechtet werden; ich lag duldsam und hoffte, daß er sich jeden Augenblick kanten würde und das Holzzerkleinerungsgeschäft aufgeben.

Aber umsonst. Er war müde, daß ein Auge das andere nicht sah.

So hatte ich die schönste Muße zum Denken, und an wen anders als an die Bergfeldten?

Vor ihrer Verheirathung verstand sie ihre unliebsamen Seiten hinter einer Larve von herzgut Aussehen zu verbergen, aber als sie durch die Trauung an die Hausstandsregierung gelangte, vervollkommnete sie sich in Unleidlichkeit. Da verhunzte sie dem Manne das Leben.

Was er anfing, war ihr nicht recht, und hatte er gethan, wie sie ihm vorgnedderte, war es erst recht nicht recht. Auf ihn verwendete sie die wenigste Mühe und bei dem achtlosen Zurückstellen ward der Rest seiner Jugend schimmelig.

Was half ihm die Arbeit außer der Zeit, sie kamen doch nicht vorwärts. Das Gehalt langte nie, und wenn er meinte, ein Loch zugestopft zu haben, hatte sie ein neues aufgerissen, ausdauernd im Borgen, und im Verleppern, wie man so sagt, permanent. Dazu die täglichen nichtigen Unfriedfertigkeiten, die fraßen ihn morsch und als sein Stolz, sein Emil, ihrer aller Hoffnung, so plötzlich endete, war der Liter voll. Da fing der Alte an, den gestrigen Tag zu suchen und konnte ihn nicht finden. Zuerst merkten sie es auf dem Büreau mit dem Schreiben, weil er, wo er große Buchstaben machen sollte, kleine hinsetzte und keine Vermahnung ihn davon abbrachte und er beim Sprechen einige Worte nicht besann, oder wenn schon, dann waren es verkehrte. Anfangs haben sie es sehr spaßig gefunden, aber als der Doktor erklärte, daß dies Zeichen von unheilbarer Krankheit wären, da haben sie nicht mehr gelacht.

Auguste hatte gleich Schlimmes geahnt und der Mutter ihre Besorgniß nicht vorenthalten, aber die hatte gemeint, es würde sich schon wieder geben, der Alte müsse nur strammer genommen werden. Das hat sie denn auch gethan. Jetzt ist er willenlos und traurig zu sehen, und war doch einst jung und lebensfrisch wie mein Karl.

Die beiden waren gute Kameraden, geradeso wie Herr Felix und Herr Max es jetzt sind.

Mein Karl machte in diesem Moment eine Vesperpause beim Sägen, aber völlig zwecklos, denn bei dem Gedanken an Max durchlief es mich wie mit fliegender Hitze. War nicht die Frieda das zum Erschrecken getroffene Ebenbild von der Bergfeldten im Jugendzustande? O, nein. Noch schlimmer: sie überhäuft ihn ja schon als Braut mit Widerwärtigkeit.

Ich sehe eine Distanz weiter als vom Montag zum Dienstag, und was ich sehe, ist dito ein Leben voller Enttäuschung, voll innerem Kummer, Verdruß und Bitterkeit, bis auch er zuletzt genug hat und wünscht, das Jammerthal nehme ein Ende.

Die Beiden müssen wieder auseinander.

Aber wenn ich ihm sage: »Sie haben nicht den richtigen Anschluß in dem Fahrplan Ihres Lebens« und er trennt sich mit ihr, was wird dann aus dem Mädchen?

Es ist ja möglich, daß sie ihn auf ihre Art liebt, wie sie es nicht besser versteht, und dann bin ich schuld an ihrem Unglück.

Ein junger Mann findet schon Gelegenheit zu einer frischen Braut, aber eine Verlobtgewesene ist übel daran, die kann unschuldig sein wie eine Himmelslilie, in ihren Bekanntenkreisen wird doch gemuthmaßt, und je annehmbarer sich ein Freier meldet, um so verleumderischer klatschen sie und tragen sie zwischen, und tuscheln, und hetzen sie und petzen sie, bis er sich zurückzieht, woher er kam, und Niemand nimmt den Makel von ihr. Das Herz mag ihr zerkrümmen, es steht ja Keiner, in das Kopfkissen kann sie beißen und schreien, es hört ja Keiner, und werden sie es dennoch gewahr, dann will es Niemand gewesen sein.

Mein armer Max, ich kann dir nicht helfen, ich kann nicht. Ich kann nicht. Das Mädchen hat auch Anrechte an Glück und Zukunft.

Aber ist es mit ihm nicht wie mit dem Knaben, der über einen gefrorenen Fluß will, wo in der Mitte das Wasser noch als schmale Rinne glitzert und das Eis sich erst eben angesetzt hat, ganz dünne und spröde wie Glas. Nun kommt er vom Ufer angegangen, da hält das Eis und lustig glitschend und trippelnd eilt er vorwärts, immer näher der Mitte zu. Die Leute auf der Brücke rufen und winken. was wollen sie, das Eis ist ja fest? Er geht weiter, da er das offene Wasser nicht sieht, frohsicher weiter. Da, ein einziger lauter Schrei von denen auf der Brücke. Eine Eisscholle hat sich abgelöst und treibt im Wasser, wie das Eis durchbrach, wer weiß das? Zeder schloß die Augen, der hilflos zusehen mußte.

Am Morgen war ich gerädert, wer jemals mit einem zerdachten Gehirn recht spät aufstand, der kann sich einen Begriff machen. Aber nur schwach.

In dieser Stimmung kam Herr Felix Schmidt mit einem Brief vom Kontor, der dort abgegeben war, obgleich er meine Adresse in vollster Leserlichkeit trug und an der oberen Seite bereits eingerissen war, weshalb Herr Schmidt um Entschuldigung durch Geschäftseifer bat.

»Herr Schmidt,« sagte ich scherzend, aber mit tadelndem Grundton, »das Briefgeheimniß ist eine sehr heilige Sache, ich glaube, ich könnte unangenehm werden, wenn Jemand meine Korrespondenzen durchschnökerte, um seine Neugier zu belustigen. Eben deswegen schreibe ich nur rar, weil ich nicht mag, daß Leute meine Briefe achtlos herumtreiben lassen und die Donna's sie Morgens früh beim Stubenscheuern lesen.«

Er bereute, unachtsam gewesen zu sein und versprach, von nun an die Aufschrift sorgsamer zu beobachten. Mein Schwiegersohn, der Doktor, würde in diesem Falle gefragt haben, was das Gehabe und Gethue solle, als wenn an meinen Briefen nichts gelegen wäre oder ähnlich. Aber Herr Felix erlaubt sich Derartiges nicht, weil ich seinen früheren Lebenslauf kenne und er wohl fürchten mag, daß ihm Vorwürfe blühen, wenn er aufmuckt. Es fällt mir ja nie ein, darüber zu sprechen, denn was vergeben ist, das ist auch vergessen, aber es ist ein sehr wohlthuendes Gefühl für eine Schwiegermutter, den Mann ihrer Tochter gewissermaßen an einer unsichtbaren Strippe zu halten.

Jedoch anhören mußte er, daß Max sich unklug verlobt habe, wozu noch tausend Zeit genug gewesen wäre – Er entgegnete, daß ihm Maxens Schicksal unendlich nahe ginge, nun aber nichts mehr zu ändern sei. Max habe dem Mädchen die Ehe versprochen und werde es heirathen. Sein Wort hielte er.

»Sie sind sein Freund, können Sie denn nicht rathen und helfen?« fragte ich.

»Max geht eher zu Grunde, als daß er unehrenhaft handelte. Er ist treu wie Gold, ich habe es erfahren, und so ehrlich wie treu; daher unsere innige Freundschaft, als wären wir leibliche Brüder. Lieber wird er das Aeußerste ertragen, als in Scham erröthen, das Vertrauen eines Mädchens getäuscht zu haben.«

»Hätten Sie einen heilsameren Einfluß auf Ihren Freund ausgeübt, es würde nicht geschadet haben. Doch das bleibt unter uns.«

Die Prise konnte er aufschnupfen.

Felix empfahl sich wortkarg. Als er fort war, öffnete ich den Brief.

Der fing merkwürdig an: »Sie haben nie von mir gehört, aber ich von Ihnen. Wissen Sie, daß nur Ihre gepriesene Humanität mich es wagen läßt, diese Zeilen an Sie zu richten? Nur Sie allein unter Hunderttausenden sind die Einzige.« – »Was soll denn das?« fragte ich und sah nach der Unterschrift. »Therese Schulz geborene Western,« las ich. Her war das Schreiben aus Zehlendorf.

Beim Weiterlesen entdeckte ich nach und nach, daß sie eine Tochter Edith hatte, die sie behufs weiterer Ausbildung unter meine Obhut zu stellen wünschte, gegen Kosthonorar und ewige Dankbarkeit. Dabei schmierte sie mir Lobeserhebungen auf die Backe, daß ich wirklich verlegen wurde. Der Brief schloß: »Nicht wahr, Sie erfüllen meine Bitte? Meine Edith in diesem ausgezeichneten Hause zu wissen, von Ihrer Klugheit geleitet, von Ihnen in die gebildeten Kreise der Residenz geführt, macht zur glücklichsten Sterblichen, Ihre Sie über Alles hochschätzende u. s. w.« Schluß.

Ich war einigermaßen verblüfft, nachdem ich die vier Seiten Handschrift hinter mir hatte. »Wirklich großartig,« rief ich, »wo ich mich zur Ruhe setzen will, muthet mir eine wildfremde Frau zu, ich soll ihre Range in eine hauswirthschaftliche Verbesserungskur nehmen. Das fehlte gerade noch. O nein!«

Ich kannte weder die Mutter, noch die Tochter Edith. Wenn die gerade so eine wäre, wie die Frieda ...

Mit einem Male sprang ich auf. Da lag es hell vor mir wie der Tag. Wie war es nur möglich, daß ich nicht schon längst darauf kam? Wie kann man so dumm sein und sorgt sich und quält sich und findet das Einfachste nicht?

Nun wußte ich, was ich wollte. »Du nimmst die Frieda zu dir und ziehst sie nahe an dein Herz. Milde und Nachgiebigkeit träufelst du auf sie, die lösen den Rost von den Riegeln ihres Gemüthes, daß es sich öffnet und Freundlichkeit einziehen kann.«

So sprach ich zu mir selbst und wurde seelenfroh, »Wilhelmine,« scherzte ich ganz allein mit mir, »Wilhelmine, auf deine alten Tage noch so unternehmungslustig?« Du bist wohl nicht recht gescheut. Weißt Du, was du dir aufsackst?« – Aber die Bedenken gewannen keine Macht. Ich hörte die Worte wieder und immer wieder: »Er ist treu wie Gold und so ehrlich wie treu.« Nun konnte ich helfen und rathen, daß seine Treue und Ehrlichkeit nicht zu Schanden würde, nun vermochte ich an seinem Glücke zu arbeiten, daß es nur so krachte, jedoch mit dem Unterschied, daß nicht er in Behandlung genommen würde, sondern sie.

Und am Ende, wenn ich sie mir genauer bedachte, war sie gar nicht so unübel.

Wie glücklich machte mich dieser Brief. Die p. p. Schulzen hatte ihn zwar geschrieben und der Postmensch ihn gebracht, aber ich lasse mir nicht nehmen: er kam von der Vorsehung und wenn die Krausen auch noch so dreidoppelt aufgeklärt ist.

Ich ließ Herrn Max sofort durch einen Dienstmann dringend citiren, in solcher Fahrt befand ich mich, und dazu die Aufregung und Angst: »wenn sie nun aber ablehnt? Dann ist's aus im Dom.«

Es dauerte nicht lange, da kam er heran. Ich nöthigte ihn in die gute Stube und als er saß, redete ich ihn ohne weitere Umschweife ernst an: »wir haben hier an demselben Orte schon einmal sehr wichtige Dinge unter vier Augen verhandelt, damals galt es ihren Freund Felix – Schwamm darüber – heute sind Sie an der Reihe.«

»Ich wüßte nicht, daß ...« stotterte er.

»Nur ruhig Blut und warm angezogen. Erstens muß ich Ihnen sagen, daß mir noch kein größerer Leichtsinn vorgekommen ist als Sie« – »Ich bin majorenn,« begehrte er auf. – »Leider Gottes«, erwiderte ich »Sie können thun und lassen, was Sie wollen, ohne Jemand Rechenschaft zu geben, Sie sind Ihr eigener Herr. Und zweitens muß ich Ihnen sagen, daß Sie mich kannten: warum kamen Sie nicht zu mir und vertrauten mir, daß Sie sich verloben wollten? Ich hätte Ihnen gut gerathen.«

»Gut gerathen?« fragte er. »Ich verstehe Sie nicht.«

»Nur keine Verstellung, Sie wissen, was ich meine. Sagen Sie mir daher aufrichtig, glauben Sie, daß Sie glücklich mit Ihrer Frieda werden?«

Er schwieg eine Weile. »Ich hoffe es,« sprach er dann leise und beklommen.

»Wir Alle wünschen das Nämliche,« fuhr ich eindringlich fort, »wir Alle, die Sie kennen und liebgewonnen haben, wir machen Ihnen keinen Vorwurf, daß Sie sich verlobten, im Gegentheil, jeder junge Mann sollte Ihnen so bald wie möglich folgen, aber warum warteten Sie nicht ein Weileken, vielleicht hätten wir etwas passenderes gefunden?«

Er schüttelte das Haupt langsam und abweisend und schlug darauf seine schönen offenen Augen so gut und wahrhaftig zu mir auf, daß ich merkwürdig bewegt ward. »Ich liebe meine Braut,« sagte er und seine Züge belebten sich freudig.

»Und sie?« fragte ich gespannt.

»Sie liebt mich wieder!«

»Aber nur sehr dünne, nehmen Sie mir's weiter nicht übel,« überstürzte ich mich; allein wer konnte dafür? Wenn die Pistole geladen ist, fliegt sie los. Das ist einmal so Naturgesetz.

»Sei dem, wie ihm wolle,« entgegnete er mit starker Selbstbeherrschung und biß seinen Schnurrbart, »sie ist meine Braut.«

Er stand auf und sagte, indem er sich stramm und frostig verbeugte: »Im Uebrigen darf ich mich wohl empfehlen? ich glaube kaum, daß Sie mir noch mehr mitzutheilen haben.«

Er wollte richtig gehen.

Ohne viel Grübeleien war mir klar, daß jede Wurst zwei Enden hat und ich diesmal das verkehrte gepackt hatte.

»Zürnen Sie mir?« fragte ich ihn und legte meine Hand sanft auf seine Schulter. »Habe ich falsch gesehen, so soll mich das freuen, aber es wollte mir scheinen, als wenn Ihre Braut Ihnen öfters selber mißfallen hätte.«

»Wir stimmen in manchen Dingen nicht ganz überein,« gab er zögernd zur Antwort, »es mag das wohl an den Verhältnissen liegen, in denen sie aufwuchs. Ihr fehlt es an den Formen des Umgangs, das gebe ich zu, aber trotzdem ist sie hübsch; sie kann sogar bildschön aussehen. Finden Sie das nicht auch?«

Hätte er mir seine verliebte Brille geliehen, durch die er die Welt betrachtet, würde ich vielleicht gesagt haben, die medizinische Venus sei ein reiner Waisenknabe dagegen, aber da dies keineswegs der Fall war, spendete ich nur ein Nicken des Kopfes, das er so hoch ins Anerkennende übersetzen konnte, wie ihm gut dünkte.

Hierdurch ermuthigt, fuhr er fort: »Sie ist vielleicht etwas verwöhnt. Als die Mutter starb, war sie noch ein Kind und der Vater ließ sie in Allem gewähren. Die Verwandten schmeichelten ihr, besonders einige ältliche Nichten, die darauf spekulirten, Frieda's Stiefmutter zu werden. Das hat sie wohl ein wenig eigensinnig gemacht Aber das Trotzköpfchen gefiel mir gar zu gut; je kälter und widerspenstiger sie sich gegen mich benahm, um so eifriger bemühte ich mich um sie.«

»Das heißt, Sie wurden auch eigensinnig und mußten das Mädchen partout haben, war es so oder nicht?« – »Es war so.«

»Wie kann man sich aus gegenseitiger Abneigung verloben? So ein Unfug.«

Er lächelte. »Mir liebten uns. Als ich sie ganz ernst fragte, ob sie die Meine werden wolle, da war der kleine Krieg zu Ende, den wir bis dahin führten. Sie gestand mir, daß auch sie mich vom ersten Augenblick an gern gehabt habe, daß ihr Vater und die Verwandten ihr zuredeten, daß sie sich aber nicht befehlen ließe, von keinem Menschen auf der Welt. Und das gefiel mir noch mehr.«

»Darin kann ich ihr nicht ganz Unrecht geben, zusammengeredete Partieen haben keinen Halt.«

»Wie mich das glücklich machte,« sprach er lebhaft weiter. »Ich hatte Niemand, der mich um meiner selbst willen liebte, außer Felix, meinen Freund, aber der war fort und ich war einsam und allein in dem großen Berlin.« – »Sie vergaßen die Buchholz,« rief ich. – »Felix mied Ihr Haus und ich mußte auch fern bleiben, bis gute Nachrichten zu überbringen waren.« – »Dafür sollen Sie auch noch heute und stets bedankt sein,« fiel ich ihm in die Rede. »Sie waren des Freundes Anwalt und Ihnen folgte das Glück meiner Betti auf dem Fuße nach. Ich verstehe wohl, wie es kam, daß Sie sich verlassen fühlten und ein Menschenkind suchten, das Sie lieben konnten. Niemand kann leben ohne Liebe, Niemand. Also Sie waren in dem sogenannten siebenten Himmel?«

»Ich war es.«

»Und nun?«

Er holte tief Athem. »Es ist ein kalter Reif auf die Hoffnungen gefallen, die mein Herz erfüllten und es fröhlich schlagen machten. Sie wollen vertrauen, Frau Buchholz ... Darf ich mich frei aussprechen?«

»Nur ungenirt,« ermunterte ich ihn.

»Werden Sie auch nicht zürnen, wenn ich ... Sie anklage?«

»Mich? Nee doch!«

»Ja,« antwortete er und wurde sehr bleich. »Mir gefiel keine besser als Frieda, ich war stolz auf sie, ich fand sie reizend; so wie sie war, erschien sie mir vollkommen. Der kleinen Schwächen achtete ich nicht, ich wollte sie gar nicht anders haben. Da erlaubten Sie, daß ich meine Braut Ihnen zuführen durfte; wie freute ich mich auf den Augenblick, daß Sie meine Wahl billigen, Frieda willkommen heißen, sie lieb gewinnen würden. Gleich bei der ersten Begegnung gewahrte ich jedoch, daß sie Ihnen nicht zusagte, ich fühlte wie Ihre Abneigung wuchs, anstatt zu schwinden. Das beunruhigte mich, von nun an begann ich meine Braut aufmerksamer zu beobachten und sah, daß sie in dem Kreise der Familie Buchholz durch ihr Benehmen, durch ihr ganzes Wesen von den Anderen abstach. Ihr Eigenwille berührte peinlich, die Mängel ihrer Erziehung wurden auffällig und je mehr auch sie inne ward, daß sie nicht zu denen paßte, deren Wohlwollen mir ein unschätzbares Gut ist, um so mehr verschloß sich Frieda. Sie fühlte sich verletzt.«

»Ich wüßte nicht, daß ich ihr auch nur mit einem Wort zu nahe getreten wäre.«

»Und doch ging von Ihnen die eisige Kälte aus. Die stumme Zurücksetzung, die unausgesprochenen Vorwürfe, die gezwungene Höflichkeit, die sind es gewesen, die sind jener Reif, der sich auf unser aufkeimendes Glück legte. Wir wurden wegen unserer Liebe mißachtet. Sie haben uns unaussprechlich weh gethan, Frau Buchholz. Können Sie es Frieda verargen, wenn sie einsilbiger und abweisender geworden ist als zuvor?«

Ich schwieg. Man läßt allerdings seine Nebenmenschen mitunter fühlen, daß sie Einem unausstehlich sind, aber wer denkt gleich Böses dabei? Ob mein Karl dem jungen Manne wohl recht geben würde, wenn er seine Beschuldigungen hörte?

»Aber Sie waren es nicht allein,« sprach Max weiter, »die mir meine Wahl vorwarfen. Er, mein Herzensbruder, mein Freund, Felix, der anfangs zufrieden war, hatte später Worte des Bedauerns für mich, sogar Worte des Tadels. Wer hat ihn dazu veranlaßt? Wer?«

Ich machte eine abwehrende Bewegung.

»Nach einer Pause, ich fühlte wie schwer es ihm ward, sagte er: »Ich habe mich schon darauf gefaßt gemacht, meinen Freund zu verlieren, obwohl ich glaubte, nur der Tod würde uns trennen, ich werde auch Sie nicht wieder mit der Gegenwart meiner Braut belästigen. Ich kehre mit Frieda zurück in die alte Einsamkeit.«

»Nein,« rief ich, »das sollen Sie nicht. Erfahren Sie doch erst, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ. Ueber die Frieda wollte ich mit Ihnen sprechen. Ich habe gesehen, daß ihr gar Manches fehlt, aber das läßt sich nachholen. Zu mir in das Haus will ich sie nehmen, ich will sie halten, mit Güte, mit Strenge, je nachdem es verlangt wird. Sie ist ja ein so ansehnliches hübsches Mädchen und es müßte schnurrig zugehen, wenn sie nicht noch ganz reizend würde.«

»Das wollten Sie?« rief er aus. »Wie schön, wie herrlich. Sie hat ja nie einen rechten Anhalt gehabt. Sie ...«

»Nun?« fragte ich.

»Ich fürchte, Frieda wird nicht darauf eingehen.«

»Das wäre noch schöner; so viel Macht werden Sie doch hoffentlich haben, daß sie einsieht, was vernünftig ist?«

»Wenn sie merkt, daß über sie verfügt worden ist, weigert sie sich. Außerdem hat sie zu Ihnen keine große Neigung.«

»Das findet sich beim Ausfegen.«

Ich sann nach, es half nicht; es mußte wieder ein Stremel gedacht werden.

»So geht es,« sagte ich dann. »Wenn Betti verheirathet ist, brauche ich Hülfe; ich habe so wie so die Absicht, ein junges Mädchen ins Haus zu nehmen – hier ist der Brief, worin die Verhandlungen angeknüpft werden – und da sind mir zweie lieber, als eine. Frieda thut mir einen Gefallen – sagen Sie ihr das –, einen großen Gefallen, wenn sie kommt. Stellen Sie ihr vor, daß sie Hausstand lernen muß, wenn sie einen Funken Liebe im Busen trägt.«

»Ich kann Ihre Güte nicht annehmen,« sagte er, »wir können es Beide nicht.«

»Mein lieber junger Freund,« entgegnete ich, »denken Sie, eine Mutter spräche zu Ihnen, und so wiederhole ich: bringen Sie Ihre Braut, daß ich sie lehre, soweit es in meinen Kräften steht. Gott wird seinen Segen dazu geben.«

»Eine Mutter,« sprach er leise vor sich hin, »die meine habe ich nie gekannt.«

»Adoptiren Sie mich,« rief ich, »dann ist Alles in Ordnung, und bot ihm die Hand. Er aber ergriff sie und führte sie an seine Lippen und heiße Tropfen fielen darauf.

»So,« sagte ich, »Söhne müssen auch gehorsam sein. Gehen Sie und gewinnen Sie Frieda für mich.«

Ich blieb allein und sing wieder zu denken an. Aber Alles, was ich mir zurecht dachte, lief auf ein und dasselbe hinaus: Was wird dein Karl sagen? wie bringst du es ihm gelinde bei, damit er nicht vom Stengel fällt? Deine Wette hast du verloren.

Aber was ist eine Reise schließlich?

Gräßliche Strapazen.

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