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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
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Ein Damenkaffee.

Für einreihige Gesellschaften, ich meine solche, wo nur eine Sorte Menschen, entweder nur Damen, oder nur Herren zusammenkommen, habe ich schon seit Jahren nicht mehr geschwärmt. Denn warum? Sie laufen doch stets auf dasselbe hinaus und wie bald hat man sich ausgesprochen, wenn es keinen Streit geben soll, was jedoch ziemlich unabänderlich ist, wenn die Bergfeldten sich in dem nämlichen Kreise befindet, oder eine dazu passende wie die Beckmann. Erst fragen sie, wie ich Karpfen in Bier koche, und wenn ich es ihnen ausführlich vordeklamirt habe, beschwert die Eine oder die Andere sich das nächste Mal, ihr Mann zöge sie doch vor, wie sie sonst immer auf den Tisch kämen und die Kinder hätten sie auch nicht gemocht. Solche unartige Göhren!

Und woran lag es?

Daß sie natürlich bei den Lorbeerblättern und Pfefferkörnern doppelt hingehorcht und mit fahrlässigem Erinnerungsvermögen nachher doppelte Hände voll nahm. Sagt man nun, daß sie viel zu stark gewürzt haben müsse, dann behauptet sie, nicht ein Spierken mehr, als angegeben, worauf ich sie überführe, was sie wiederum abstreitet und so folgt Gegenbeweis auf Gegenbeweis bis zur schönsten Veruneinigung. Wer hierin Weltkenntniß hat, stimmt mir bei und wer Vernunft aus dem Leben saugt, wie die Biene den Honig selbst aus solchen Blumen, wo eigentlich keiner darin ist, der giebt es zuletzt auf, andere Leute zu überzeugen.

Eine besondere Festvorfreude konnte daher die Kaffeeeinladung nicht verursachen, welche die Bergfeldten mir angethan hatte, und gerne würde ich verzichtet haben, wenn nicht mein Karl nachgeholfen hätte, »Wilhelmine,« stellte er mir vor, »durch Deine Ablehnung verletzest Du sie vielleicht mehr als Du denkst. Es ist ja leider wahr, daß Bergfeldts zurückgekommen sind, seit sie sich mit der Dürftigkeit von Pension behelfen müssen, nachdem seine Vorgesetzten den Alten als ein ausgeleiertes Rad der Büreaumaschine erkannten, dem keine Reparatur ferneren Nutzen abzwingt. Willst Du ihnen die gedrückte Lage durch Geringschätzung noch fühlbarer machen? Wird sie Dein Ausbleiben nicht als einen absichtlichen Bruch auslegen müssen, durch den Du zu verstehen geben willst: Ihr seid mir nicht gut genug, nun da ihr weniger zu leben habt als früher?«

»Karl,« unterbrach ich ihn, »was die Bergfeldten auslegt, stimmt doch nie mit der Natur überein, also kann mir das Mus wie Miene sein.«

»Wenn sie aber diesmal das Rechte träfe und sagte: Buchholz hat gute Geschäfte gemacht und darüber ist seine Frau hochmüthig geworden ... für so dumm hätte ich sie nicht gehalten.«

»Karl!!!« –

Er strich mit seiner Hand über meine Stirn, als wollte er behutsam etwas Staubiges wegwischen, und sah mir freundlich in die Augen. »Hochmuth und Dummheit wachsen auf einem Holz,« sprach er. – »Die Leute kenne ich, auf die das paßt,« entgegnete ich. »Woran sind Bergfeldts denn anders zu Grunde gegangen, als an Hochmuth? Und der Ast, aus dem diese Frucht grünt, das ist sie, die Frau. Der war kein Fabrikschornstein zu hoch, sie wollte oben hinaus. Sah sie uns noch an, als sie glaubte, durch ihren Emil Millionärs-Schwiegermutter zu werden? Nein. Waren wir zu der Hochzeit geladen? Nein. Kam sie mit einem Schritt zu uns, so lange die Großspurigkeit noch kein Ende mit Schrecken genommen hatte? Nein. – »Aber als Du in Bedrängniß wegen der Gerichtsverhandlung warst, besuchte sie Dich in alter Treuherzigkeit.« –

»Karl, ist das treuherzig, wenn Eine sich feste zu Dir setzt und Dich mit Galgen und Rad ängstigt, wo ich noch dazu voller Unschuld war, und Alles nur Niedertracht von der Köchin?« –

»Sie meinte es aber gut.«

»Deshalb bin ich auch in aller Ordentlichkeit wieder zu ihr gegangen, aber ihre Dickthuerei unterstütze ich durch mein Eintreffen nicht. Sie hat ja so wie so kaum Platz. Die Vorderzimmer sind vermiethet, und das Berliner Zimmer, wo sie und der Alte herummurksen, ist selbst für eine kleinere Mehrzahl kein gesellschaftsfähiger Aufenthaltsort. Wo also will sie das Kaffeegelage feiern?«

»Ich sehe schon, Du bist eigensinnig,« sagte mein Karl ärgerlich, »thu' deshalb ganz wie Dir beliebt, aber bedenke, daß Du auch Augusten betrübst, die mit so rührender Liebe für ihre Eltern sorgt, wie sie nur vermag.«

Ich besann mich ein Weilchen und gab dann nach: »Gut, um Augustes willen stürze ich mich in die Zichorienbrühe, aber geblieben wird höchstens ein Stündecken, wie überhaupt die feinere Lebensart im früheren Aufbruch besteht.« – »Das halte wie Du willst,« sagte mein Karl, »hauptsächlich kommt es darauf an, daß Du ihnen die kleine Freude nicht verdirbst, deren Leben so freudenarm geworden ist.« – »Bin ich daran schuld? O, nein, sondern sie ...«

Mein Mann schnitt mir das Wort mit der Thür ab und war schon draußen, ehe ich seinem Gedächtniß für vergangene Zeiten aufhelfen konnte. –

Wenn man mit der Stadtbahn für zehn Pfennige vom Alexanderplatz nach dem Bahnhof Friedrichstraße fährt, gelangt man mit einer einzigen Schwenkung um die Ecke direkt in die Dorotheenstraße, wo Bergfeldts sich vier Treppen hoch angesiedelt haben, weil dort eine gute Vermiethungsgegend ist, obgleich die jungen Leute oft wechseln und mit ihrem Kofferchen eben so leicht ausziehen, wie ein. Mir sagte die Bergfeldten, es wäre schon manchmal wieder ein Neuer drin, ehe sie noch die Tabaksasche vom letzten aufgeschauert hätte; manchmal stände es allerdings auch leer, und dann müßte sie versuchen, bei dem nächsten etwas mehr herauszuschlagen, denn das Leben sei kurz und voller Schulden.

Anstatt nun zu knappsen, muß sie ausgerechnet einen Kaffee geben, so daß man das Bewußtsein hat, mit jedem Schluck an der Vergrößerung des Familiendefizits zu arbeiten, wodurch die beabsichtigte Heiterkeit auf lächelndes Anbieten und Nöthigen und ebenso lächelndes Danken und Ablehnen ausfällt und man seinen Schöpfer inbrünstig lobt, wenn das gegenseitige Anheucheln ein Ende hat. Aber mein Mann wollte es so und ich fügte mich. Es ist den Männern ja auch einerlei, ob wir Frauen dulden oder nicht, dazu fehlen ihnen die zarteren Organe.

Mit ziemlicher Unlust und von früherem Benehmen her wohl gerechtfertigten Befürchtungen kam ich an, wogegen die Bergfeldten mich mit einer Liebreichigkeit empfing, die sie sich eigens für diesen Tag angewöhnt zu haben schien, indem sie mich mit einer zärtlichen Umärmelung begrüßte, die sogar in einen Bewillkommnungskuß ausgeartet wäre, wenn ich weniger kräftige Unterarme zur Abwehr von all zu dichte heran gehabt hätte.

Als Garderobe hatte sie das Berliner Zimmer hergegeben, mit den Betten als Kleiderständer, während die Gesellschaft in der guten Stube stattfand, wo sie ihre besten Sachen hat und die mit Kabinet vermiethet wird. »Nun,« dachte ich, »wenn sie gerade frei ist, kann sie ja benutzt werden,« und trat ein.

Die übrige eingeladene Damenzahl war bereits vorhanden und die Sitzgelegenheit bis auf die eine, für mich aufgehobene Sophaecke in Anspruch genommen. Man begrüßte sich und ward vorgestellt. Die meisten waren mir geläufig, wie die Krausen, die Beckmannen, die Helbichen; dagegen lernte ich Frau Schülern und Frau Stahlen erst frisch kennen. Die Stahlen saß in der anderen Sophaecke und war die Hauswirthin, so daß die und ich gewissermaßen die Honoratiorenplätze ausfüllten, was die Krausen in den verkehrten Hals gekriegt hatte, denn erstens zog sie sehr übelnehmische Falten mit ihrer sonst mehrstens lächelnden Besuchs-Visage, zweitens wiederholte sie mehrere Male, ohne daß Jemand es zu wissen verlangte: »Nein, ich sitze ungerne im Sopha, diese Ehre überlasse ich dem ehrwürdigen Alter mit Vergnügen.«

Als wenn sie sich etwas aus ihre Jugendlichkeit einbilden könnte, weil doch ihrem langgewordenen Aussehen nach es nicht unmöglich ist, daß Schliemann ihren Taufschein schon bei Troja ausgegraben hat, dicht neben Priamussens, die dritte Thür links. Wenn Eine mir so kommt, komm' ich ihr auch so!

Sie berückwärtsigend wandte ich mich an die Stahlen, ob sie schon neuen Kohlrabi gehabt hätte? – »Der ist mir noch zu theuer,« jammerte sie, »die Mandel sechzig Pfennig mit Mann, vier Kindern und Mädchen kann ich nicht spendiren.« – »Wir geben in der Markthalle Alexanderplatz nur vier Gute.« – »Bei uns in der Dorotheenstraße ist alles ein Ende theurer,« stöhnte sie, »obgleich doch das Meiste jetzt bei den schlechten Zeiten billiger sein müßte. Die Steuern und Abgaben werden mit jedem Jahre größer, uns Hauswirthen rechnen sie den geringsten Groschen nach und wenn die Miethe nicht richtig eingeht, ist man aufgeschmissen.« – »Sind Sie zufrieden mit Ihren Miethern?« fragte ich nach, um von ihr zu erfahren, wie es mit Bergfeldts genau stände, denn Leute, welche etwas zu kriegen haben, sind ohne Mitleid offen.

Zu meiner Verwunderung klagte sie nicht, sondern verkündete mit großer Genugthuung, daß die Bergfeldten stets schon vor Neunen Morgens das Geld herangebracht habe. Deshalb sähe sie auch mit ihr in Gelegenheit und gestatte ihr musikalische Chambregarnisten, ohne zu steiern, die sie sonst in ihrem Hause nicht litte, weil doch die, welche übten, die Anderen vertrieben und wenn sie Alle zusammen darauf losradauten, müßte sie selbst sich am Ende eine Wohnung in den Stadtbahnbögen suchen. Zu viel Tonkunst mache ihr Kopfgicht. »In unseren jüngeren Jahren spielte man ja auch,« sagte sie, »aber heut zu Tage schlagen sie doller drauf los.«

»Das kommt gewiß vom Turnen,« bemerkte die Beckmann, da werden sie forsch nach.«

»Mit der Violine darf mir Keiner ins Haus,« fuhr die Stahlen fort, »das hört sich an, als wenn sie Einem die Knochen ansägen, die können nach Weißensee gehen und den Kuhlpadden was vorkratzen. Und was nun Sänger vorstellen wollen, die sich schon des Morgens früh die Kehle mit einem Triller ausgurgeln, die werden gestentzt.«

Die Mittheilung über Bergfeldts pekuniäre Lebensstellung beruhigte mich einigermaßen und wirkte günstig auf den Kaffee ein, den sie jetzt präsentirte, der jedoch besser gewesen wäre, wenn sie ihn nicht so viersträhnig gemacht hätte, daß ich, für meine Person wenigstens, heißes Wasser zum Zugießen ausbitten mußte.

Im Uebrigen hatte sie die guten Tassen genommen, die noch aus alten Zeiten stammen und sich in der Vergoldung erstaunlich gehalten haben; die Kanne hat sie früher einmal zerbufft, weshalb das Einschenken in der Küche besorgt wurde und sie gleich so mit den vollen Tassen auf dem Tablett hereinkam. Außer Napfkuchen gab es noch Sandtorte und Krausgebackenes und Aprikoseneingemachtes auf kleinen Glastellern, die ich jedoch sogleich als Augusten angehörig erkannte.

»Wo ist denn Frau Weigelt?« fragte ich. – »Meine Tochter kommt gleich,« antwortete die Bergfeldten rasch, »sobald sie die Küche besorgt hat.« – Jetzt wußte ich genug. Auguste, die sich sonst von ihrer Mutter hinten und vorn aufpassen ließ und jedes nachkramen, als sie noch in den widerwärtigen Schlaaksjahren war, nahm ihr nunmehr die Arbeit in hingebender Bereitwilligkeit mit Kaffeetrichtern und Tassenwaschen ab, wobei sie den alten Bergfeldt bei sich in der Küche herum kranewanken hatte. Denn anderswohin konnte sie ihn nicht verstochen haben, weil man ihn im Berlinerzimmer, wo wir ablegten, hinter dem Bettschirm nicht entdeckte.

Während ich noch erwog, wie traurig es doch mit dem Alten zuginge und man schwerlich die Rede auf ihn bringen dürfte, um die mittlerweile sehr gesprächig gewordenen Stimmung nicht zu verderben, fragte die Krausen ganz laut: »Sagen Sie mal, Frau Bergfeldt, ist es denn wahr, was die Leute sich erzählen, daß Ihr Mann nach der Charitee muß, nach dem dritten Hof, wo die Unheilbaren sind?«

Der Engel, der jetzt plötzlich durch das Zimmer flog, war nicht von schlechten Eltern. Die Helbichen sah aus, als wäre ein Hagelstein unmittelbar neben ihr niedergefahren, und mir blieb die Hand, worin ich den Theelöffel mit Eingemachtem hielt, geradeaus vor Schreck stehen, wie bei dem versteinerten Bild von Sais. Die Stahlen richtete sich lothrecht vor Aerger in die Höhe und sagte mit einem strafenden Blick auf die Krausen: »Aber nein, so was!« – Frau Schülern fragte darauf: »Wat macht denn der olle Mann?« und die Beckmannen hatte den Schluckauf gekriegt, worauf der Engel sich langsam verzog und die Unterhaltung wieder in Fluß kam, wenn auch nur tropfenweise.

Weil die Bergfeldten nicht gleich wußte, wie sie der Krausen dienen sollte, übernahm ich das Amt der Vergeltung und sagte: »Sie irren sich sehr unangebrachtermaßen, meine Beste, Herr Bergfeldt hat sich sehr herausgemacht seit dem letzten Winter, weshalb Sie das Unheilbare wohl lieber zurücknehmen. Die Vorsehung waltet oft wunderbar, die kann ihn binnen Kurzen: wieder gesund und rüstig herstellen.« – »Vorsehung ist blos Redensart,« entgegnete sie, indem ihr Mann doch Lehrer ist und bis über die Ohren aufgeklärt, wovon denn ein Abglanz auf sie fällt. – »So?« fragte ich, aber dies »so« war mit zwei großen Buchstaben geschrieben, »wenn die Vorsehung vor einigen Jahren nicht die Vernunft gehabt hätte, beim Tegeler See aufzupassen, was dann wohl geworden wäre? Jedoch hat man den Takt und spricht nicht darüber.« – »He!« stieß die Krausen kurz und schnippisch hervor, aber sie hatte Mühe, die dürren Lippen von den aufeinandergepreßten Zähnen wegzulächeln. »He! Es ist kein Wort daran wahr,« und mich wie eine zornknirschende Viper anfunkelnd, setzte sie mit mißglückter Spöttigkeit hinzu: »Die Buchholzen wird immer sonderbarer. Seit Jahren phantasirt sie etwas mir ganz Unverständliches, das in Tegel passirt sein soll, und weil sie kein Glück damit hat, nimmt sie nun die Vorsehung zu Hilfe, wer glaubt bei dem jetzigen Fortschritt noch an die Vorsehung, wo wir die neue Dampfpferdebahn haben, das Telephon und die elektrische Beleuchtung in der Leipzigerstraße?«

Bevor ich auf ihre Schwade ein wohlgemünztes Trumpf-As schleudern konnte, ergriff die Beckmannen das Wort und strengte sich an: »Ich bin auch gegen ... was nämlich die eine Vorsehung anbetrifft ... weil mir Eine doch wohl nicht abstreiten will, was ich selbst erlebt habe ...« – wir Alle schwiegen und streckten die Köpfe aufmerksam nach der Beckmannen ihrer Richtung, um keine Silbe von dem Erlebten zu verlieren, das ja immer das Interessanteste ist, wenn es auch größtentheils zusammengelogene Erfindungen sind, und zwar mußte man diesmal um so genauer zuhorchen, weil der Schluckauf ihr fortwährend Kommas in die Rede hineinversetzte.

Mittlerweile war die Helbichen wieder zu sich gekommen und begehrte gegen die Krausen und die Beckmannen auf. »Ich habe auch Vorsehung erlebt,« rief sie ganz tapfer, »ebenso gut wie Andere, und ich sage, es giebt ja eine.« – vor lauter Aufregung trat ihr das Wasser in die Augen und ihr kleiner quabbeliger Körper flog vor innerer Entrüstung. – »Huck,« stieß die Beckmannen auf, »beeifern Sie sich man nicht, was ich Ihnen jetzt erzähle, hat sich ... wörtlich zugetragen, wie wir nämlich vor zwei Jahren ..., es können auch dreie sind ..., an'n Sonntag nach Steglitz herauswollten, kam ungeahnte Abhaltung zwischen ..., ich weiß nicht mehr, ob wir Besuch kriegten oder ob wir auf'n Plutz bei Bekannte gebeten wurden ... genug eingal ...«

»Sie sollten doch etwas gegen den Schlucker thun,« unterbrach ich sie, da ihr ewiges Gehuckse abscheulich anzuhören war. »Drei kleine Brotkrümelchen langsam gegessen, oder ein scharfes Messer anfixiren, bewährt sich ausgezeichnet.« – »Er ist schon so gut wie weg,« erwiderte sie, »huck!«

Die Schülern, welche eine intime Freundin von der Beckmannen ist (auch nichts Feines, sondern richtig ick und det und Oogen, Fleesch und Beene), stand unvorbereitet auf und indem sie die Beckmannen mit einem heftigen Griff hinterrücks bei den Schultern packte, rief sie mit gräßlicher Stimme: »Et brennt!!«

Die Beckmannen nun in die Höhe geflogen und laut aufgeschrien, und wir sämmtlich ebenfalls aufgefahren und nicht übel losgekrischen, Eine blasser vor jählingser Ueberraschung als die Andere. Auch Auguste, die bis jetzt noch hinter der Bildfläche geblieben war, stürzte angstvoll herbei und fragte: »Mein Gott, was giebt es?« – »Nischt!« antwortete die Schülern, »die Beckmannen hat blos en bisken den Schluckauf und da hab ick ihr 'ne Kleinigkeit »erschrocken. Is er nu alle?« – »Wie weggepustet,« sagte die Beckmannen. »Ein gediegener Schreck hilft immer.«

Allmälig erholten wir uns wieder und vermochten über das vorgefallene lächelnd zu urtheilen. Auguste, welche einsah, daß wir der Stärkung bedurften, holte einen Bittern aus dem Spinde, den die Bergfeldten selbst ansetzt und der gut für den Magen sein soll, aber nachdem ich ihn gekostet, kam ich doch zu dem Resultat: Lieber eine Stunde Kolik, als davon mehr. Es schien Brennspiritus zu sein, mit giftigem Zeugs vom Materialisten destillirt. Und das verträgt sie!

»Wie war es eigentlich noch mit der Vorsehung?« fragte die Stahlen, als eine Sprechpause eintrat. »Das sollen Sie zu wissen kriegen,« begann die Beckmannen wieder, »eins nach dem anderen, wie es mir passirte.« – Auguste flüsterte der Mutter einige Worte zu, die darauf einen Blick nach der Uhr warf und mit dem Kopfe schüttelte, woraus mir klar ward, daß etwas unterkietig sein mußte. Hätte ich gewußt, was, dann würde ich zum Aufbruch gemahnt haben, aber da die Bergfeldten sich nicht äußerte, ließ ich die Beckmannen weiter schwabbeln, weil man doch gerne erfährt, wie die Vorsehung sich benommen hat.

»Wir kamen nämlich nicht nach Stegllitz und das war ja auch schöne; nämlich am anderen Tage lasen wir in unserer Zeitung, daß viele Menschen mit der Eisenbahn überfahren waren und mancher seinen Tod gefunden hatte. Wenn wir dabei gewesen wären, wir wären ganz sicher als dodige Leichen zu Hause gekommen.«

»Sehen Sie wohl,« rief ich triumphirend. »wer anders hat Sie beschützt und bewahrt, als die Vorsehung?«

»Das sagte ich gerade so,« entgegnete die Beckmannen, »und war meine feste Ueberzeugung. Aber denken Sie sich blos an, drei Tage später falle ich mit dem vollen Ascheimer rücklings die Kellertreppe runter und setze mir die rechte Schulter aus. wo war denn die Vorsehung nun? Vierzehn Tage hab' ich mit gelegen und kann den Arm beim Frisiren immer noch nicht hoch heben.«

»Sie hätten Spicköl und Johannisöl nehmen müssen, jedes fürn Groschen,« sagte die Stahlen, »das hat einer Bekannten von mir ausgezeichnet gethan, die es mir sehr empfahl.« – »Auch gegen ausgesetzte Schulter?« – »Nein, sie hatte es mehr im Bein, mehr rheumatisch, ich glaube, sie nannte es Hiskias, aber geholfen hat das Mittel schon Vielen, einfach mit einem wollenen Lappen eingerieben und Watte schön warm darüber gebunden.« – »Ich bitte Sie,« wandte ich ein, »Verrenkungen und Quetschungen dürfen doch nicht warm gehalten werden, im Gegentheil kühl mit Eis oder Bleiwasser.« – »Das weiß ich nicht,« erwiderte die Stahlen, »aber das ist gewiß, Spicköl und Johannisöl, jedes für'n Groschen, hilft.« – »wir brauchen immer Mierenschpirtus,« bemerkte die Helbichen, »der schmeidigt den Körper und treibt das Blut aus den Adern.« – »Universalpflaster vertheilt auch und zieht auf,« sagte die Schülern. »Die Beckmannen hätte Doktor und Apotheke sparen können, wenn sie mir gefolgt wäre. Bei uns war ein kleines Mädchen in der Nachbarschaft mit 'n schrecklich schlimmen Finger und weil der Doktor gesagt hatte, er wollte schneiden, litten die Eltern nicht, daß sie hinging, wer mag sich auch zum Krüppel kuriren lassen? So kam sie denn zufällig zu mir und wie ich nun den Finger zu sehen kriege, schwören die Knochen schon heraus, Herrjeh, Kind, sage ich, warum habt ihr nicht gleich Universalpflaster aufgelegt? Na, ich gab ihr welches und es hätte ganz wahrhaftig geholfen, wenn der Doktor nicht mit Gewalt den halben Finger dennoch abgenommen hätte. Seit zehn Jahren habe ich das Pflaster im Hause und nie keinen Arzt nöthig gehabt. Die verstehen ja doch das wenigste.«

Mich verdroß die Ueberhebung dieser Frau über den medizinischen Stand, dem mein Schwiegersohn angehört und wovon er leben muß, weshalb ich mir die Frage erlaubte: »Nehmen Sie das Pflaster denn auch ein, wenn Ihnen was fehlt?« – »Es zieht alle Ungesundigkeit nach außen,« antwortete sie unbeirrt. »Bei uns war eine Frau in der Nachbarschaft, die hatte schon vier Doktors gebraucht ...« – »Die Geschichte kenne ich,« rief die Stahlen, »wenn mich die Damen einen Augenblick entschuldigen möchten: ich will nur einmal nachsehen, ob mein Mädchen bei der Arbeit ist oder ob sie aus dem Fenster kukt. Sowie man den Rücken gewendet hat, thun sie nichts, aber Lohn verlangen sie, um bankerott zu werden.«

Kaum war sie aus Hörweite, als es nun über sie losging. »Bei der möchte ich auch nicht Mädchen sein,« sagte die Beckmannen, »alle vierzehn Tage hat sie 'n neues.« – »Auf den ganzen Vermiethungskontors ist sie verrufen.« – »Das Mädchen hat nicht mal Zeit, für sich zu nähen.« – »Und das Essen! Das Wasser, wo sie die Töppe mit ausspült, giebt sie ihr statts Fett.« »Wenn Eine von Schelte satt werden könnte, wäre ihr Mädchen schon lange gemästet.« – »Die müssen Sie in Wuth sehen, na, ich sage, das grüne Feuer fliegt ihr aus den Augen.« – »Ist sie gegen ihren Mann denn anders?« – Aber erst seit das Haus auf ihren Namen geschrieben wurde. – »Und wie sie sich mit ihrer Tochter hat; sie sagt, die könnte sich mit Grafen und Baronen unterhalten.« – »Photographen meint sie wohl.« – »An der Tochter ist gar nichts dran.« – »Entzweiige Hemden, aber mit Kauten besetzt.« – »Wer die kennt, der nimmt sie nicht.« – O du meine Güte, was wußten die Damen alles von der Stahlen.

Es lag in meiner anfänglichen Absicht, mich unmittelbar nach der Stahlen mit einem vornehmen Aufbruch zu empfehlen, jedoch als ich merkte, wie über die Abwesenden hergefallen ward, beschloß ich unentwegt bis zu allerletzt zu bleiben, um nicht auch mein Theil nachzukriegen. Lieber eine Verletzung der gesellschaftlichen Feinheit, als so verhackstückt werden. Ueberdies ging die Uhr auch erst auf Fünfen. Ich wollte aber doch, ich wäre gegangen. Auguste betheiligte sich nicht an dem Gespräch, das sie sichtlich verdroß. Ganz laut fragte ich daher: »Wie geht es zu Hause, Auguste, was machen die Kinderchens, warum hast Du sie nicht mitgebracht?« – »Sie sind hinten,« antwortete sie zögernd. »Und zeigst sie uns nicht einmal? Hole sie doch her, Auguste.« – »Ich fürchte sie fassen Sachen an, dies Zimmer ist vermiethet.« – »Aber der Herr kommt nicht vor Zehnen,« sagte die Alte leise, »wir sind ungestört.«

Auguste ließ sich erweichen und brachte die Kinder, mit deren Erscheinen das Geklatsche über die Stahlen glücklich abriß. Der Franz ist ein prächtiger Junge, folgsam und bescheiden, die zweite, die kleine Käthe, ein niedliches Mädchen, das dritte hingegen ist nur so ein Atom von Kind, schwächlich und ausgezehrt, als wenn es jetzt schon Sorgen hätte, wie die Großen. Die Kleinen erhielten Gebäck und Süßes, ein bischen Solches mit Sowas. Ich kann auch nicht gut nein sagen, wenn ich verlangende Kinderaugen sehe und ihnen das Herzchen groß wird. Wo hingegen Unartigkeit, Ueberfressung und Gestrampel sich einstellen, da komme ich mit dem Stocke, das heißt bildlich. Man braucht nicht gleich züchtigen, wenn man nur nicht nachgiebt.

Da das Jüngste nach Augustens Aussage sich so sehr an Musike freut und ein neues Pianino in dem Zimmer stand, wurde vorgeschlagen, ein paar Töne zu klimpern, aber keine von uns hatte soviel Virtuosität, bis die Stahlen wiederkam, die von ihrer Jugend her noch einen Gewitterwalzer konnte und sich über den Klavizimbel hermachte: erst mit der linken Hand im Baß gerumpelt, um den Donner hervorzubringen, und dann oben auf dem anderen Ende ganz hoch und fein: dam, dam, dam dideri, dideri dam da; sehr niedlich.

Das Kind bekam ordentlich rothe Bäckchen vor Vergnügen und die Stahlen ward sehr gelobt, als wenn während ihrer Entfernung nur Angenehmes über sie gehechelt worden wäre. Dies schmeichelte sie und da sie kein anderes Stück mehr zusammenbrachte und die Bergfeldten sie aufs neue mit dem Magenbittern abstumpfte, wiederholte sie denselbigen Walzer bis zur Bewußtlosigkeit und fand, daß das Instrument einen selten schönen Anschlag hätte.

Wir übrigen Damen geriethen wieder in eifrige Konversation, die Kleinen fühlten sich auch schon heimischer und fingen an, ziemlich lebhaft herumzurabatzen und mit auf dem Klavier zu tappen; nur Auguste wurde von Minute zu Minute unruhiger. – »Kind, was hast Du?« fragte ich sie unter der Hand. »Es muß doch schon später sein als zehn Minuten vor Fünf,« sagte sie angstvoll. – Ich warf einen eingehenden Blick auf die Stutzuhr oben auf dem Konsol und richtig, die Glasglocke war kaputt und der Sprung mit einem Streifen Gummipapier, den die Bergfeldten sich gewiß bei einer Sechserkarte von dem Postschweden zugeben ließ, verklebt. Gerade hinter dem Streifen waren die Zeiger auf zehn Minuten vor Fünf stehen geblieben. Uhren verkleistern und nicht aufziehen, das ist ja so Bergfeldtsch, wie sie es immer war.

»Die Kunstuhr steht,« sagte ich ruhig, als verstände sich das von selbst. – »Wie spät ist es denn schon?« Ich sah nach meinem Zeitmesser: »halbachten.« – Auguste schrak zusammen. »Schon?« rief sie und ging zur Mutter, der sie wieder etwas zuflüsterte und zwar dringlicher als vorher. »I wo!« sagte die Bergfeldten laut, sonst wäre er schon hier.«

Bevor ich jedoch begriff, worum es sich eigentlich handelte, kam die Erläuterung. Bei dem Kinderlärm, der Unterhaltung und dem Gewitterwalzer hatte niemand vernommen, daß jemand die Flurthür aufgeschlossen hatte, der Herr nämlich, an den die Bergfeldten das Zimmer vermiethet hatte, in welchem wir tagten, und wie dieser Herr nun plötzlich die Thür aufriß und stehen blieb, als wäre er verkehrt gegangen war die Bestürzung auf beiden Seiten gleich.

»Entschuldigen Sie, wenn ich so frei bin, von meinem Zimmer Besitz zu nehmen,« sagte der Herr bissig. – wir waren ganz starr. – »Hoffentlich haben die Damen nichts dagegen, wenn ich allein zu sein wünsche?« Dabei verbeugte er sich mit völlig kühler Liebenswürdigkeit und beutete mit der Hand dahin, wo der Zimmermann das Loch gelassen hatte. – »Nu aber raus,« zischelte die Beckmannen, was jetzt erfolgte, war eine Massenhinauskomplimentirung. Die Bergfeldten wollte gegenanbelfern, als wenn sie lange im Recht wäre, aber der Herr sagte blos: »Bitte!«

Wir mußten als Ueberwundene an ihm vorbeitrollen, was mit einem sehr demüthigenden Gefühle verbunden war. Jede nahm etwas mit, Tassen, Tablett, Glasteller, Kuchen. Auguste zog die Kinder hinaus und im Handumdrehen war das Lokal geräumt.

Die Stahlen meinte, sie habe nie eine Mergelgrube aus ihrem Herzen gemacht, aber sie müsse gestehen, ein so ungehobelter Patron sei ihr noch im ganzen Leben nicht begegnet, als wir uns in dem Berliner Zimmer eingerichtet hatten. Die Schülern fand ihn impertinent. Die Beckmannen sagte: »warum kam der Kerl so früh retour? Das war sehr unpassend von ihm.« – Die Krausen sagte, der junge Mann wäre ein Flegel. Das kam aber, weil sie den Likör getragen und er sie mokant angesehen hatte.

Während so über ihn abgestimmt wurde, schellte er. Wir schraken zusammen und waren bumsstill.

»Was mag er wollen?« fragte die Bergfeldten, »ich gehe nicht hinein.«

Da klopfte es an. – »Herein!« Höflich beorderte der Herr: »Möchten Sie die Güte haben, die Klaviatur meines Instrumentes mit einem feuchten Tuche abzuwischen, sie ist so klebrig, daß ich nicht darauf spielen kann.« – Auguste folgte ihm.

»Hat man je solche Gemeinheit erlebt?« rief die Stahlen. »Da ist man nun Hauswirthin und muß sich Rohheiten gefallen lassen.« – »Dem würd' ich es schon mal wieder besorgen,« stachelte die Beckmann.

Als Auguste zurückkam, sagte sie: »Mama, wenn Du den Herrn darum gebeten hättest, würde er Dir das Zimmer gerne für den Nachmittag zur Verfügung gestellt haben, jetzt ist er über Deine Eigenmächtigkeit erzürnt und will zum Ersten ziehen. Und Du weißt wie schlecht es sich zum Sommer vermiethet.«

»Meinetwegen kann er gleich gehen,« antwortete die Alte. – »So einen bekommen Sie alle Tage, zehn für einen,« unterstützte die Stahlen sie. – »Er zahlt pünktlich jeden Ersten,« wandte Auguste ein, »Mama hat genug bei unsicheren Herren zugesetzt.«

»Ich würde mit ihm reden,« warf ich hin. – »Das thue ich auch jetzt gleich,« rief Auguste und muthig ging sie hinüber.

Dies gefiel mir bewunderungswürdig an ihr. was wäre die ganze Familie ohne Augusten?

Nach einer Weile kam Auguste zurück. »Er bleibt wohnen,« sprach sie, »aber er erwartet von Mama das Versprechen, drüben keine Gesellschaften wieder zu geben.« – Die Bergfeldten murrte irgend etwas Brummiges, schien aber doch zufrieden. –

Ich hatte völlig genug. Die Helbichen ging mit mir und wir sprachen unterwegs über das Vorgefallene; auch sie erkannte Augustens Tüchtigkeit an. »Das Leben erzieht manchen Menschen,« sagte sie, »wenn sie in ihrer Jugend nichts annehmen wollen.« – »Vielen fehlt es leider an der richtigen Anleitung,« entgegnete ich.

Wir schieden; ich fuhr mit der Stadtbahn zurück und war froh, als ich die Landsbergerstraße zufassen hatte.

»Nun, wie war es?« fragte mein Mann.

»Karl, wie immer bei Bergfeldts. Zu einem Damenkaffee uzt die mich nicht wieder hin es ist dort nicht unser Niveau.«

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