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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Im »Zoologischen«.

Früher, als die Wissenschaft noch in den Buden auf den Jahrmärkten gezeigt wurde, mußte der civilisirte Mensch mancherlei Bequemlichkeiten entbehren, wenn er sich über die wilden Thiere belehren lassen wollte, die freilich meistens nur auf einige Affen ausfielen, oder wenn es hoch kam, auf einen Wüstenkönig im Käfig auslief, wobei sie Einem die Wüste durch Einstreuen von Sagespänen vorzugaukeln versuchten, auf die der Kenner jedoch nicht hereinfiel. Jetzt dagegen setzt man sich auf die Stadtbahn und fährt nach dem Zoologischen, wo alles miteinander vereinigt ist: Kenntnisse, Natur, Unterricht und Restauration. Und dazu die Konzerte am Dienstag, bei deren Klängen das Publikum auf und nieder wallt, wozu die Damen im Frühsommer die Toiletten anziehen, die sie nachher in den Bädern tragen wollen. Wer nicht nach Heringsdorf geht, kann im Zoologischen Garten sich einen Vorgeschmack von dem kolorirten Gesammtgemälde machen, wie es sich am Strande der Ostsee darstellen wird.

Dieser Umstand war es jedoch nicht, der uns diesmal hinausführte, sondern uns trieb die Absicht, dort einen Familiennachmittag abzuhalten und zwar: mein Karl und ich, Dr. Wrenzchen und Emmi, die gern einmal wieder einen längeren Abschnitt freier Luft genießen wollte, Felix und Betti und Herr Max mit seiner Braut Frieda, die sich uns anzuschließen gedachten.

Herr Max und Braut hatten Visite gemacht und waren auch bereits gebeten gewesen. Ob sie die Richtige für ihn ist, das kann ich noch nicht sagen, denn sie redet nur wenig und benimmt sich ziemlich linkisch. Es sollte mir aber leid thun, wenn er sich vergriffen hätte, da er ein so netter Mensch ist, und eine Frau verdient, die in jeder Beziehung ein passendes Seitenstück zu ihm bilden muß, weil es wohl kaum etwas Bedrückenderes für den Mann giebt, als wenn seine Frau ihm als lebenslängliche Ehestandsscharade am Arme hängt und jeder, der sie sieht, nicht begreifen kann, wie der Mann zu der Frau gekommen ist? Dem Vermögen verzeiht man ja heutzutage Alles, aber sie soll so gut wie gar nichts haben.

Doch ich will nicht diejenige sein, die ihr Splitter in die Augen sticht, denn sie hat am Ende ihre schätzenswerthen Eigenschaften inkognito. Auch waren wir nicht zum Konzert gegangen, um über unsere Nebenmenschen zu spektakeln, sondern das Gebotene mit Milde und Güte zu genießen.

Und selbst wenn sie mir das größte Bedenken einflößte: ... ich lasse meine Hände aus dem Spiele, denn erstens ist sie mir fremd und zweitens viel zu untergeordnet, daß ich ihretwegen eine Reise einzubüßen auch nur die geringste Lust verspürte. Herr Max hatte seine ungetrübte Sehkraft, als er vermählungssüchtig war, weshalb machte er sie zu?

Als wir ankamen, stellte sich unseren Blicken bereits ein bedeutender Zulauf von feinerer Gesellschaft dar, so daß wenig Aussicht auf einen Tisch für vier Paare in guter Lage vorhanden schien, aber Dr. Wrenzchen akkordirte gleich mit dem Kellner Nummero 93, der uns eine ausgezeichnete Ansiedelung reservirte, und nachdem diese Obliegenheit gefingert worden, konnten wir uns der allgemeinen Promenade anfügen, welche sich vom Musikpavillon, an dem Restaurationsgebäude vorbei, bis nach den Geiern erstreckt. Auf der anderen Seite hat man den See mit der großen Fontaine und dem Wassergeflügel darauf, welches sich malerisch gruppirt.

Die Lustwandelnden gehen, mit galanterievollen Gesprächen beschäftigt, in zwei breiten Zügen an einander vorüber, und die, welche sich kennen, grüßen sich mit liebreizendem Erfreutsein, diejenigen dagegen, welche sich nicht kennen, betrachten die wechselseitige Kostümirung, und wenn Eine nicht so aussieht, wie sie aussehen sollte, fühlt die Andere sich sehr erhaben, obgleich sie nicht wissen kann, von wem sie wiederum im Allerneuesten übertroffen wird. Mode ist nicht allein kostspielig, sondern auch unergründlich.

Betti hatte ein unbeschreibliches Vergnügen daran, sich mit ihrem Bräutigam unter so vielen Leuten zeigen zu können, und das auch mit vollem Recht, denn hinter ihnen schlendernd konnte ich wohl bemerken, einen wie vortheilhaften Eindruck die beiden machten, und wie manche für sich dachte: ›Ach, wäre der junge bildhübsche Mann mein, wie stolz würde ich sein, wie würde mir das Herz schlagen.‹

Felix sah tatsächlich sehr einnehmend aus. wohlgestaltet, wie er ist, saß ihm der neue Tuchrock wie angegossen und auch die Silbergrauen waren von tadellosem Schnitt, dazu weiße Weste und einen Cylinder von spiegelnder Schwärze, kaum zweimal auf. Betti, einfach in erbsengelbem Satin mit kleinem rothbraunen Muster und spitzem Hut von derselben Farbe, mit ebenfalls rothbraunem Plüsch und gelben Feldblumen garnirt, erschien nicht minder geschmackvoll. Allerdings ist der Stolz eine Schwachheit, aber ich konnte doch nicht umhin, meinem Manne zuzulispeln: »Karl, sind sie nicht Zierrathen des menschlichen Geschlechts? Du kannst den ganzen Erdkreis absuchen und stößt nicht auf ihresgleichen.«

Auf den Doktor und Emmi durften wir ebenfalls mit einigem Stolz blicken, wenn wir bedachten, wie viele, die schon mit dem Finger nach der Ewigkeit hinzeigen konnten, durch seine Rezepte der bürgerlichen Existenz wiedergegeben worden sind. Als Studirter und mit seinem Doktortitel ist er ja von vornherein ein ganzer Korb voll mehr als Felix, namentlich wenn man sich überlegt, wie mühevoll es gelingt, bis zum Kommerzienrath hindurchzudringen, womit sie auch erst herausrücken, wenn sie sicher sind, daß er mit Gewichtigkeit getragen wird.

Nachdem wir eine Portion Musik gehört und hinreichend Umschau unter der Menschheit gehalten hatten, machte ich den Vorschlag, auch den zoologischen Thieren ein halbes Stündchen zu widmen. »Lieber Schwiegersohn,« sagte ich deshalb vernehmlich, weil verschiedene nichtssagende Physiognomien uns mit einiger Keckheit beobachteten, »Sie wissen als Doktor doch, auf welchen Namen die Thiers hören, ich glaube, es wäre sehr interessant, wenn Sie uns erklärten, welchen Nutzen sie haben und in welcher Weise sie belehrend einwirken.« Er war hierzu auch gleich geneigt und so gingen wir denn von Gehege zu Gehege und stellten Naturbetrachtungen an.

Der gewöhnliche Europäer hat im Allgemeinen nur schwache Begriffe von den Thieren und wozu sie sich eignen. Manche gestalten sich nach ihrem Tode zu Pelzen und Muffen oder rufen Industrien ins Leben, wie der Handschuh-Hund, und viele sind überhaupt nur zum Ausstopfen geschaffen. Mich hat es immer sehr erheitert, wenn Leute im Zoologischen thun, als hätten sie mindestens Universität genossen, aber sich sträflich blamiren, wenn die Schilder an den Gittern verkehrt hängen, und sie die Naturgeschichte ebenso regulär verwechseln, wie andere Normalmenschen. Dann wissen sie nicht, ob der Kasuar wirklich der Kasuar ist oder etwas Aehnliches aus der nämlichen Gegend und sind total drunter durch, wenn Mehreres zusammengesperrt ist, daß sie nicht aus dem Bekanntesten klug werden, wie z. B. Ohreule. In der Achtung seiner Angehörigen steigt Niemand, der erst mit Kennerschaft prahlt und nachher die haarigsten Irrthümer von sich giebt.

Allerdings schielte der Doktor mehrstentheils auch erst nach den Täfelchen mit den Thiernamen, aber doch wohl nur, um zu sehen, ob sie ihre Richtigkeit hatten, denn was er weiß, das weiß er.

Im Raubthierhaus sahen wir die jungen Tiger, welche von einer Hündin als Amme großgezogen wurden. Der Doktor sagte, sie sei eigens aus dem Spreewald verschrieben, und erst, als ich dies anmaßend von der Tigerin fand, lachte er, woran ich merkte, daß er uns zum besten hatte. Ich ersuchte ihn, solche Späße zu unterlassen, da sie die Wissenschaft herabsetzten. Er aber sagte wie gewöhnlich: »Das ist ja nur äußerlich, liebe Schwiegermama!«

Selbstverständlich dankte ich für Fortsetzung der ins Lächerbare ausartenden Beobachtungen und wir verließen das Raubthierhaus, mein Karl und ich voran, dann Felix und Betti, darauf Herr Max und Braut und zum Schluß der Doktor mit Emmi, die mir zum Verdruß miteinander kicherten und sich irgend Jemand aus unserer Mitte zur Zielscheibe ihrer Heiterkeit ersehen hatten. Dies konnte ich jedoch nicht leiden, weil Heimlichkeit mit Gegriene sehr etwas Verächtliches ist, und wollte in gerechtfertigter Mißstimmung meinem Doktorschwiegersohne, eine allerdings an seine Frau adressirte Zurechtweisung in das Gehör spediren, woran mich jedoch Jemand in kakligen Sommerstoff Gekleideter hinderte, indem er seinen Strohhut lüpfte und uns begrüßte. Es war Herr Kleines in höchst eigener Person. Diese Unverfrorenheit riß mir die Schale des Zornes aus der Hand, welche für den Doktor bis an den Rand gefüllt worden war. Herr Kleines that, als sei nie etwas zwischen uns vorgefallen, und mein Erstaunen darüber benutzte er, uns anzureden und mich speziell nach meinem Befinden zu fragen. Ich wollte ihn in der ersten Aufwallung schon um seine entferntere Gegenwart ersuchen, allein ich besann mich, daß wir ihn im Winter vielleicht zur Aushilfe beim Skat gebrauchen könnten. Da die Töchter außerdem in festen Händen sind, so kann er in unseren vier Pfählen keinen Schaden mehr anrichten.

Ich drohte ihm deshalb blos mit dem Finger und sagte: »Sie sind mir der Rechte!« – »Wie so?« fragte er, als wüßte er von nichts. – »Ihrentwegen mußte Polizeileutnants Mila nach der Schweiz in eine Pension geschickt werden,« warf ich ihm vor. – »Es soll mich freuen, wenn ich dazu die Ursache gewesen bin,« erwiderte er kühnlich, »denn sie bedurfte sehr der Nachhülfe, was andere junge Damen – er machte eine schräge Neigung dahin, wo Emmi und Betti standen – niemals nöthig gehabt haben.«

Hierin konnte ich ihm nicht ganz unrecht geben und gestattete ihm, sich zu uns zu gesellen. – »Bekamen Sie gar keine Furcht, als Sie mich jetzt plötzlich wiedersahen?« fragte ich ihn. – »Nein,« entgegnete er. »Als sie soeben mit den lieben Ihrigen aus dem Raubthierhaus traten, mußte ich nämlich an die Arche Noäh denken.« – »Warum das?« – »Wegen Sem, Ham und Japhet,« sagte er verschmitzt. – Nun ging mir mit einem Male eine Gasfabrik auf. »Das soll doch wohl nicht so viel heißen, daß Sie mich für die Mutter Noah ästimiren?« ließ ich ihn anlaufen, er aber spielte den Ernsthaften und sagte entrüstet: »Entschuldigen Sie, ich glaubte, Sie verständen Scherz.«

Ich schwieg und warf einen Blick auf unsere Gesellschaft, die durch ihr paarweises Auftreten allerdings Aufmerksamkeit erregen konnte, obgleich ich mich gerade über unsere Vollzähligkeit gefreut hatte. Jetzt war durch die Aeußerung des Herrn Kleines die Besorgniß erweckt, daß vielleicht andere ebenso hämisch über uns gedacht hätten wie er, während wir nichtsahnend promenirten.

So kann durch ein einziges, schonungslos hingeworfenes Wort die heiterste Unbefangenheit in das keineswegs erhebende Gefühl unbewußter Blamirtheit verwandelt werden und daher sann ich darauf, wie wir unter Vermeidung des doppelten Gänsemarsches an unseren reservirten Tisch gelangen könnten. Wie so oft in meinem Leben half hier wieder das Geschick nach, ohne jedoch, daß ich ihm dafür zu besonderem Danke verpflichtet wäre, denn selbst die Erinnerung daran ist kein sogenannter Genuß.

Die Kinder wollten nämlich noch gern zu den Bären, die zur Kurzweil von Jung und Alt ungemein komisch veranlagt sind und gefüttert werden dürfen, wir daher Alle oben auf den Zwinger hinauf, von wo man einen zoologischen Tiefblick hat, und ihnen Brocken hinabwerfen kann, die sie fangen, wobei sie sich sehr drollig benehmen. Es war ziemlich voll, aber wir drängten uns heran und standen dicht an der Brüstung, das Schauspiel zu beaugenscheinigen.

Herr Felix hatte Bretzeln gekauft und Betti belustigte sich damit, den Bären kleine Stücke zuzutheilen, die sie in das Wasserbassin warf, aus dem die unbeholfenen Geschöpfe die Brosamen mit ihren Pratzen herauslangten. Wie nun diese harmlose Unterhaltung im besten Gange ist, will denn die Frieda auch etwas sehen und versucht, sich zwischen Felix und Betti zu quetschen. Felix sieht sich natürlich um, wer sich da einkeilt, wobei sie ihn mit einem von ihren ungebacherten Ellbogen stößt und sein schöner neuer Cylinder in den Zwinger kegelt. Nun dies Gaudium von dem Publikum. Ich schreie: »der Hut, der neue Hut!« worauf ein nochmaliger Freudenausbruch erfolgt.

Der größte von den Bären zoddelt indessen auf den Hut los, beschnuppert ihn und haut dann mit der Tatze darauf, daß der Cylinder im Nu zusammengeknautscht ist, wie eine Ziehharmonika. Das Publikum, soweit es nicht zu unserer Familie gehörte, amüsirte sich kostbar, weil nun der Bär den Hut nahm, eine Pote hineinstach und ihn darauf ansah, was er wohl weiter damit anfangen könnte, wobei er ordentlich vernünftig niedersaß. Alle warteten gespannt. Da rief plötzlich eine Stimme ganz laut: »Nu bügelt er'n uf« und das gerade in dem Moment, wo das Ungethüm den Hut nochmal antrieb und mit seinen niederträchtigen Krallen so zu sagen in mehrere Drittheile spaltete. – Dies Gelächter höhnischer Schadenfreude, das hierauf erfolgte! Es gellt mir noch in den Ohren, und die verletzenden Bemerkungen einer pöbelhaften Menge dazu! Ich danke ergebenst. Der Feez nahm eher kein Ende, als bis das Unthier den nagelneuen, statiösen Bibi in schändliche kleine Finzel zerzaust hatte. Herr Felix konnte dem Opferfeste in bloßen Haaren zusehen und sich geniren, wobei Betti ihm half. Ihr stand das Weinen dicht hinter den Augen.

Wer aber hatte den nichtswürdigen Ruf gethan, der die Hohnlust der Versammlung entfesselte? Kein anderer selbstverständlich als Herr Kleines, der ja nie überlegt, was er thut.

Diesmal mochte er doch wohl einsehen, daß seine Benehmigung eine rasche Sühne erforderte, wenn er es nicht für alle Immerlichkeit mit uns verderben wollte, weshalb er sogleich enteilte, um von einem Kellner leihweise eine Kopfbedeckung zu erwerben. Herr Max entschuldigte sich im Namen seiner Braut und bot Felix seinen Hut an, aber da Frieda ein widerwilliges Gesicht zog, obgleich sie die Attentäterin gewesen war, lehnte Felix ab. – Die Pute!

Ueberhaupt dies Mädchen. Sonst im Allgemeinen wird Eine bei längerem Zusammensein, wenn man sie auch nicht mag, immerhin erträglich und man verhärtet sich gegen sie, diese ist jedoch nur zum Abgewöhnen. Das Gesicht ist nicht häßlich und die Farbe gesund, obgleich der Teint zu den verschwindensten Hochzeitsgaben gehört. Ihr Wuchs geht ziemlich ins Breite, aber das sagt ja Manchem zu. Doch das bischen Schönheit und Taille vergeht, während das Gemüth bleibt, und sobald das nichts taugt, ist es kein Wunder, wenn die Ehe in Mißvergnügen ausartet und der Mann sich überall am wohlsten fühlt, nur nicht bei ihr.

Herr Kleines kam nach einer Weile angeprescht und hatte denn auch richtig einen Hut aufgegabelt, aber wie stets und allemal, unbrauchbar. Als Felix diese Dohle aufsetzte, die irgendwo einen Orkan oder sonst eine Neujahrsnacht mitgemacht haben mußte, sah er schmachvoll aus. Die sämmtliche Feinheit war vernichtet; in solcher Verschimpfirung konnte er sich nicht vor Menschen sehen lassen. Betti war wüthend, aber sie verbiß ihren Aerger, um sich vor Maxens Braut keine Schwäche anmerken zu lassen.

Ewig und drei Tage bei den gemeinschädlichen Bären herumstehen, war kein Amüsement, die ja auch in der Natur ganz überflüssig sind, wo sie nur zur Belebung des Dickichts dienen. Hätte die Schöpfung nicht etwas Gesitteteres statt der wilden Thiere nehmen können?

Die Abendbrotzeit rückte heran und so beschlossen wir, aufzubrechen, obgleich es gerne hätte dunkler sein können, zumal mein Karl bereits Appetit verspürte. Herr Felix wollte suchen, unseren Tisch auf unbemerkten Schleichwegen zu erreichen, und zwar lieber mit ohne Hut, als in dem Kellner-Helm, den ich fast geneigt bin, für einen Schabernack zu halten. Ich theilte uns Uebrigen nun in vier Rückzugstruppen, um die Symmetrie aus der Arche aufzuheben, aber Betti bestand darauf, bei Felix zu bleiben. Ich sagte zu meinem Karl: »Erträgt sie so willig schon als Braut eine plötzlich auf den Weg geschneite Unannehmlichkeit, wird sie später im Leben ihrem Manne feste zur Seite stehen, wenn ihn ein Unglück treffen sollte, was Gott verhüte.« – »Die Rechten haben sich gefunden,« antwortete mein Karl, »und das ist gut.« Ich wollte hierauf wegen Max und seiner Flamme meine Meinung äußern, aber ich verstummte, um meinen Schwur nicht zu brechen und die Reise in die Schweiz nicht zu verlieren.

Nach einiger Zeit fanden wir uns bei unserem Tische zusammen, und gerade als das Orchester die Ankunft von Lohengrinen blies, kamen Felix und Betti. Sie hatte ihm gerathen, den alten Hut so an der Seite zu halten, als hätte er ihn wegen der Hitze abgenommen, was ganz kleidsam ging. Das Publikum hatte nichts gemerkt und die Beiden waren seelenvergnügt über Betti's Einfall. »Ich bekomme eine kluge Frau,« bemerkte Herr Schmidt artig. – »Ganz wie die Mutter,« sagte der Doktor. – »Und Betti bekommt keinen Spitzenhändler,« gab ich ihm seine Stichelei zurück.

Jeder suchte sich darauf nach seinem Chacun auf der Speisekarte aus. Ich entschied mich für Schlei in Dill, und als ich fragte: »Nicht wahr, Herr Felix, Sie nehmen auch Schlei?« wählte er das Nämliche. Der Doktor bestellte sich einen Brathecht, womöglich einen, der mit dem Kopf über den Schüsselrand wegsieht, und wollte Felix ebenfalls dazu bekehren, aber es gelang ihm nicht, den Geist der Rebellion zu schüren. Mein Mann las sich auf der Speisekarte in eine immer größere Unschlüssigkeit, bis ich ihn endlich fragte: »Nun, was dachtest Du Dir, mein Karl? Huhn mit Gurkensalat und einen rechten durchen Harzer hinterher, nicht wahr?« Das hatte er sich auch wirklich gedacht.

Wir Anderen hatten schon längst abgegessen, als Herrn Max Braut immer noch auf ihrem Teller herumpiekte, wie wenn's ihr nicht gut genug wäre und dabei so unmanierlich hingelaatscht und keinen Ton geredet. Herr Max sprach auch nichts, aber das hatte seinen Grund; er schämte sich über die Erkorene seines Herzens und Gram und Verdruß zernagten ihm die Worte auf der Zunge. Frieda aber ließ es kühl. Ich fürchte, es nimmt kein fröhliches Ende.

Da wir vorhatten, bei dem zauberischen Mondschein einen kleinen Umweg durch den Thiergarten zu machen, brachen wir mittlerweile auf. Als Herr Max sich erhob, bemerkte ich, daß ein Entschluß in ihm gereift sei. Er zitterte nämlich erregt und die Stimme klang angetrocknet, wie er mit gewaltsamer Ruhe sprach: »Felix, gieb mir den alten Hut und nimm dafür den meinigen.« – »Ich bitt' mir aus, daß Du Dich nicht zum Skandal machst!« keifte seine Braut. – Er rief blos »Frieda!« aber es lag was drin. Sie denn auch den Mund gehalten. – »Vielen Dank, mein Junge,« antwortete Felix, »mache Dir meinetwegen keine Verlegenheiten. Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das Land und den Thiergarten dazu.«

Als wir nun auf den schattigen Seitenwegen karawanten und in dem Mondlicht schwelgten, das Wege und Gebüsche wie mit weißem Kalch betupfte, sagte ich zu meinem Manne: »Wie kann er seine Talente so mißverstehen und sich mit so Einer verloben?«

Mein Karl schwieg.

»Es wird ein Trauerspiel mit ihm,« begann ich nach einer Weile wieder, »das Beste wäre, man schlüge sie gleich todt.« – »Wen?« fragte mein Karl. – »Die Frieda,« gab ich gereizt zur Antwort, »wen sonst wohl?« – »Bist Du besorgt um Herrn Max' Zukunft?« – »Ja, das bin ich.« – »Mir sehr lieb zu hören,« entgegnete mein Karl, »da wird meiner Berechnung nach aus Deiner Reise wohl nichts werden.«

Von nun an schwieg ich.

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