Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stinde >

Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
printrun
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180913
projectidc54d1ca8
Schließen

Navigation:

Ruhestand.

Wer ein Vorhaben erreichen will, muß nicht nur den richtigen Augenblick erwählen, sondern auch feste zufassen, das weiß selbst eine vernunftlose Mausefalle, denn Entflohenes kehrt nicht wieder. Wie viel mehr hat daher der überlegende Mensch den Zeitpunkt zu erwägen, wenn es ihm daran liegt, etwas durchzusetzen und muthmaßliche Widerstände auf ihr Nichts zurückzuführen?

Zum Glück kenne ich das Seelenleben meines Mannes einigermaßen, wenn es auch nicht ganz frei von Schlupfwinkeln ist, und warte die günstige Gelegenheit ab, ihm die beabsichtigten Wünsche zur Genehmigung vorzulegen. Natürlich darf er noch nicht im Kontor gewesen sein, wo der brieflich angelangte Verdruß sein ganzes Interesse in Anspruch nimmt, und ebensowenig darf eine ungeruhsame Nacht vorhergegangen sein. Als Wetterglas probirte ich in den vielen Jahren das Frühstück aus. Nimmt er z. B. große Schlucke von dem siedendheißen Kaffee, ohne sich zu verbrühen, läßt man ihn am besten ganz so wie er ist, weil er vor lauter Hast und Eile doch nicht standhält, nippt er aber blos und schmiert sich noch ein halbes Brötchen und noch ein viertelchen und zuletzt noch ein kleines Stückschen, dann kann man ihm die Tasse mit Zärtlichkeit vollgießen und er bleibt und hört ruhig zu.

Nachdem unsere Betti mit Herrn Felix Schmidt verlobt war, fühlte ich heraus, daß mein Karl sich mit Heimlichkeiten trug, die sich natürlich auf das Geschäft bezogen, da er sie nicht laut werden ließ. So hielt er es von je her. Nie hat er mir die Sorgen aufzuverheben gegeben, wenn Handel und Wandel stockten und die Wollwaaren sich anstauten oder ähnliche Konjunkturen. Nein, erst wenn Alles wieder klippeklar lag, erfuhr ich, wie wir stehen, aber immer einen Posttag später. Darum mißhelligte ich ihn auch diesmal nicht mit Fragen, denn mein Karl gehört nicht zu den Unternehmungslustigen, die Alles daran wagen, um ein Jahr lang Gummiräder zu fahren und den Rest ihres Bestehens auf Pantinen laufen.

Trug er sich jedoch mit verborgenen Absichten, warum sollte ich nicht die meinen haben? Emmi war mit einem Manne versorgt und Betti dicht davor, ich konnte also die Hände in den Schooß legen und ruhig zusehen, wie es weiter ging. Wozu brauchte ich mich ferner abmarachen und durch das Leben plagen? Die jungen Leute waren groß genug ihre eigenen Dummheiten zu begehen und selbständig dazu, ohne Beihülfe klug zu werden. Manche Eltern geben ihren Kindern ja keine andere Erziehung mit als zwei kräftige Arme und die dazu gehörige Unkultivirtheit, meine aber haben von Allem gehabt, sowohl in Lernwissenschaften als in Benehmen, Bildung und Hausstand. Demgemäß sagte ich zu mir: »Wilhelmine, für Dich wäre ein beschauliches Altentheil das Angemessenste. Du hast das Deinige gethan und darfst mit Fug und Recht Anspruch auf einen gemächlichen Ruhestand erheben.«

Hierunter malte ich mir jedoch keine gänzlich einsiedlerische Lebensweise mit nur Carotten und sonstigem Wurzelwerk des Waldes aus, sondern gedachte blos an einen Rückzug von Allem, was mich nichts anging, wodurch mancher Aerger und Verdruß vermieden werden kann, weil Zwist und Widerwärtigkeit doch nur daraus entstehen, daß das Gute, was man verüben will, nicht begriffen wird. Hingegen für Schandthaten ist sofort verständnißinnige Intelligenz vorhanden.

Als meine Ideen schon anfingen überreif zu werden, war es endlich Zeit, sie an meinen Mann zu bringen und den richtigen Augenblick zu erwischen. »Karl,« sagte ich, »hast Du Dir eigentlich schon überlegt, wie wir es mit unserer silbernen Hochzeit halten wollen?« – »Bis jetzt noch nicht,« antwortete er, »aber fidel soll sie werden, das steht baumfest wie eine alte Pappel.« – »Du wolltest sinnig vergnügt sagen, nicht wahr, mein Karl? Du weißt doch, daß mir das Rauschende und Lärmende schlecht bekommt.« – »Wer rauscht und lärmt denn gleich?« fragte er. – »Es bleibt nicht aus. Vor Tisch suchen sie allerdings ihre Forsche in weltmännischer Benehmigung und reden wie mit Filzsohlen, aber wenn sie den Fisch erst hinter sich haben und keine Gräten mehr fürchten brauchen, dann lassen sie den Stimmbändern freien Lauf, und je röther sie sich mit dem Getränk anwärmen, um so mehr tosen sie, bis der eine sein Organ noch mehr anstrengen muß, als sein Nachbar schon thut, blos damit er verstanden wird, und so Sämmtliche in gegenseitiger Steigerung, daß man meint, die Harthörigen hätten Quartal. Solche Akustik fällt mir auf die Nerven.«

»Wilhelmine,« sagte mein Mann ruhig lächelnd, »Deine Nerven sind wie neu.« – »Karl, ich habe welche.« – »Die werden bis dahin wohl wieder gut sein. Ungefeiert darf der Tag nicht hingehen, an dem Du vor fünfundzwanzig Jahren mein liebes Weib wurdest; das bin ich Dir schuldig und Du mir.«

»Wir könnten ja ein kleines Reiseken unternehmen,« warf ich oberflächlich hin und schenkte seine Tasse aufs Neue voll, um ihn zu bannen. – »Also Ausfahrnerven hast Du nicht?« – »Karl, die Angelegenheit ist zu ernst, um mit kaltem Spott abgethan zu werden. Reisen stärkt, das ist eine allgemeine Thatsache.«

»Und wohin hast Du Dir ausgesonnen, daß wir gehen sollten?« – »Wenn man die Landkarte nimmt, ist die Schweiz eigentlich kaum eine Entfernung.«

Mein Karl antwortete nicht gleich, sondern zog einen rechten großen Schluck aus der Tasse. »Aha,« merkte ich, »hier thürmen sich Hindernisse hoch« und fuhr deshalb unmittelbar fort: »Die Polizeileutnanten war in der Schweiz, wie sie ihre Mila nach der Pension brachte, und thut, als wenn der Rigi ihretwegen aufgehäuft worden wäre, und wen Du überhaupt sprichst, der prahlt mit seiner Schweizerreise. Assessor Lehmanns grasten die Schweiz auf ihrer Hochzeitsreise ab, selbst Herr Pfeiffer ist mit den seltensten Bergen Du und Du. Kannst Du es auf die Dauer aushalten, wenn sie Dich mit so einer geringschätzenden Mitleidigkeit fragen: ›Was, Sie waren noch nicht in der Schweiz?‹ – ›Wirklich nicht? – Das ist ja unbegreiflich? – ›Die muß man doch gesehen haben, allein schon Andermatt‹ und wie die Stellen im Teil alle heißen. Dem mag ich nicht mehr ausgesetzt sein. Und wir können es, mein Karl. Die silberne Hochzeitsfeier würde mehr ins Geld reißen, als ein kleiner Abstecher nach den ewigen Höhenzügen mit dem unverfälschten Gletschereis. Sei doch vernünftig.«

Mein Karl hatte sich mittlerweile erhoben und seine Morgencigarre angestochen, worauf er wieder Platz auf dem Sopha nahm. Er war also eingehend veranlagt, was ziemlichen Hoffnungsschimmer erweckte.

Nachdem er einige aromatische Züge gethan, begann er in sehr auseinandersetzendem Tone: »Ich gebe Dir in mancher Beziehung recht, Wilhelmine, und würde gegen Dein Reiseprojekt nichts einzuwenden haben, wenn es mit den geschäftlichen Dispositionen vereinbar wäre.« – »Nanu?« – »Laß mich ausreden, Kind.« – »Wo ich mich kaum rühre?« – »In der letzten Zeit ist die Konkurrenz eine andere geworden als früher. Nicht die Güte der Waare giebt mehr den Ausschlag, sondern die Billigkeit und das Publikum begünstigt dies Unterbieten im Preise durch seine Unkenntniß.« – »Natürlich ist der ganze Kram Bowel,« rief ich dazwischen, »und hält nicht für die Hälfte.«

»Ganz recht, der Käufer betrügt sich selbst. Gutes Material und gediegene Arbeit sind nicht umsonst zu haben, die standen allezeit im Preise und werden es auch in Zukunft. Aber dem herrschenden Zuge muß man folgen.« – »Karl, Du wirst doch keinen beständigen Ausverkauf mit Ramschwaare arrangiren?« – »Nein, aber gewisse Artikel selbst fabriziren und damit jede gesunde Konkurrenz bestehen. Betti's Verlobter ist eine ausgezeichnete Kraft; seine Kenntnisse in der Fabrikation und seine Jugend werden sich mit meiner Geschäftserfahrung und meinem Alter zu neuer ersprießlicher Thätigkeit vereinen.« – »Daran zweifele ich durchaus nicht, mein Karl, wo Du dabei bist, geht die Mühle immer rechts herum, wenn Du nun eine so verläßliche Hülfe bekommst, kannst Du Dich ja prachtvoll losreißen und mit um so größerer Gemüthsruhe reisen.«

»An Reisen ist gar nicht zu denken, wir bauen.«

»Bauen?« wiederholte ich entsetzt.

»Jawohl, mit Ziegelsteinen und Kalch.«

»Daß Ihr keinen Chokoladenkreme dazu nehmt, kann ich mir lebhaft vorstellen,« rief ich aufgebracht. »Ein angenehmer Kompagnon, ein vortrefflicher Schwiegersohn, der Dich zu solchen Thorheiten verleitet. Bauen! Ich bitte Dich, bauen! Mauere nur lieber gleich Frau und Tochter mit in den Grund ein, damit sie nicht mit sichtlichen Augen erleben, wie Alles drunter und drüber geht und doch nichts Gescheutes herauskommt. O, Karl, warum hast Du mir davon nicht eher etwas gesagt? Nun ist es Gott sei Dank natürlich schon zu spät und nichts mehr zu ändern.«

»Wilhelmine! Daß ich Dir gegen meine Gewohnheit diesmal überhaupt Mittheilung von meinen Plänen mache, geschieht, um Dich von der Unmöglichkeit Deines Reiseprojektes zu überzeugen.« – »Die sehe ich durchaus noch nicht ein.« – »Nur Geduld, Du wirst schon. In unserer Branche liegt bei einigen Artikeln in der Neuheit des Musters das Geschäft. Wer ein gut einschlagendes Muster zuerst auf den Markt bringt, schöpft die Sahne ab, wer damit ankommt, wenn der Hauptbedarf gedeckt ist, muß sich mit weniger begnügen, und wer schließlich erst eine Ahnung von dem Muster erhält, wenn es bereits imitirt und gemein gemacht worden ist, um dem gräulichsten Schund eine verkäufliche Außenseite zu verleihen, der steht ganz hinten, wo das Rennen vorbei ist. Fabriziren wir nun gewisse Dinge selbst, so haben wir nicht nur den Gewinn des Fabrikanten, sondern als alleinige Besitzer des Musters erzielen wir auch den möglichsten Nutzen, bevor die Nachahmer sich desselben bemächtigen und das Geschäft durch ähnliche, minderwerthige oder geradezu für die Prellerei angefertigte Waare auf den Hund bringen.«

»Karl,« fragte ich erstaunt, »wenn Du Dir Etwas erfindest, darf es doch kein Anderer nachmachen?«

»Er darf es nicht, aber er thut es.«

»Giebt es dagegen keine Verbote?«

»Wir haben Patentgesetze und Musterschutz, die als Sicherheitszäune den Einbruch auf geistigem und industriellem Gebiete verhindern sollen, aber sie wehren nur theilweise ab. wer betrügen und gaunern will, erspäht Löcher in den Bestimmungen, wo ehrliche Leute die unangreifbarste Deckung wähnen. Ein solcher Betrüger ahmt das Muster nicht sklavisch nach – dann wäre er baldigst gegriffen –, sondern wiederholt es mit einigen selbstverständlichen unwesentlichen Verschiebungen, er reproduzirt es, wie man sagt, auf dem Wege der Anempfindung, und dagegen giebt es keine gesetzlichen Mittel.«

»Warum erfindet er sich selbst nichts?« fragte ich unwillig. – »Weil er zu talentlos ist und Annektiren weniger beschwerlich fällt, als Neues auszusinnen und das Risiko des ersten Angebots zu tragen.« – »Karl, schämt er sich denn nicht?« – »Nein, er ist obendrein frech, um dem Publikum zu imponiren. Ueberdies will jeder Mensch leben, der Eine so und der Andere so.«

»Es ist wahr,« bestätigte ich, »Keiner giebt dem Andern Hundertmarkscheine, aber deshalb braucht er doch nicht gleich rauben.«

»Raub nennt man das nicht, sondern Wettbewerb. Aus gleichem Grunde versehen deutsche Fabrikanten gar häufig ihre beste Waare mit französischen und englischen Etiketten, weil der deutsche Käufer eine › haute nouveauté‹ für preiswürdiger hält als eine ›Neuheit‹ und so wird der alte Aberglaube, daß alle ausländischen Erzeugnisse die unseren überträfen, künstlich erhalten. Zum Dank dafür schicken Engländer miserable Artikel, mit deutschem Fabrikstempel versehen, dahin, wo sie Konkurrenz fürchten, wodurch sie unsere Industrie ebenso langsam und sicher in Verruf bringen, wie wir der ihrigen durch Fremdmannssucht zu einem Ansehen verholfen haben, den sie genau betrachtet nicht überall verdient.«

»Das sind ja Zustände, Karl.«

»Eben deshalb heißt es Frontmachen. Sperrt beim Kaufen die Augen auf und seht nach der Güte und nicht nach der Etikette der Waare. Dann nimmt der Schwindel ein Ende. Uns zwingt die Konkurrenz zum Bauen. Leistet die Fabrik, was wir von ihr erwarten, dann reise ich mit Dir, wohin Du willst, Minchen, auf den Blocksberg oder wo es sonst hübsch ist.«

»Karl, ein Grabmonument hat mehr Zartsinn als Du, das würde solche Lokale nicht in den Mund nehmen. Hast Du denn bedacht, wieviel Unruhe und Staub das Bauen bringt? Ganz gewiß nicht, sonst sagtest Du jetzt noch, daß Du es lieber sein ließest.«

»Das an unseren Hof grenzende Grundstück ist schon erworben und die Baulichkeiten darauf können bequem zu unseren Zwecken hergerichtet werden. Der Baumeister Krause hat die Risse bereits in Angriff genommen.« – »Das ist ein Trost,« rief ich, »denn zu dem habe ich vertrauen, der hat Sinn für das praktische und Solide. Wenn sie dem damals den Babylonischen Thurm gegeben hätten, dann hielte er heute noch.« – »Du sollst sehen, Minchen, daß selbst Dir der Bau Spaß machen wird.« – »Höchstens wenn er wieder einstürzt. Ach, ich hatte es mir so wohlthuend ausphantasirt, mich ganz der Ruhe zu widmen.« – »Wem?« fragte mein Mann legte die Hand hinter das Ohr. – »Der Ruhe. Mir däucht doch, ich sprach deutlich genug.« – »Wilhelmine, Du und Ruhe! Seit wann denn?« – »Karl, wenn Du eigens sitzen geblieben bist, um mich zu kränken, dann sage es lieber gleich gerade heraus, als hinterm Berge halten und lothweise martern. Das finde ich nicht edel.« – »Die Ueberraschung war zu groß,« entschuldigte er sich, »ich konnte es nicht gleich fassen. Erkläre mir aber blos das Eine, Wilhelmine: wie willst Du es anfangen, ruhig zuzusehen, wenn etwas schief geht, ohne zu rathen, ruhig die Hände in den Schooß zu legen, ohne zu helfen wo Noth ist?«

»Ich will mich um nichts mehr kümmern, was mich nichts angeht,« war meine Antwort, »ich will mir die Finger nicht mehr für Andere verbrennen. ›Was Deines Amtes nicht ist, das blase nicht‹, wird von nun an meine Lebensregel, und wenn Du mich überhaupt verstehen willst, weißt Du jetzt ganz genau, wie ich es meine. Aber Du bist auch Einer, der erst durch ein Brett sehen kann, wenn ein Loch drin ist.«

»Ich habe Dich vollkommen begriffen,« erwiderte mein Karl gelassen, »und kann Dein Programm nur billigen.« – »Karl, Programm, was ist das wieder für ein Ausdruck?« – »Sagen wir also Festordnung, wenn Du Feiertag machen willst. Möge der Himmel Dir Kraft und Standhaftigkeit dazu geben.« – »Karl, mich zum Besten haben, finde ich höchst unmoralisch. Und nun erst recht. Du sollst sehen, daß ich es durchsetze. Für unsere nächsten Angehörigen werde ich nach wie vor auf dem Posten sein, das ist meine Pflicht, selbstverständlich mit Vermeidung jeder überflüssigen Einmischung, für Fremde und Dahingehörige bin ich jedoch unter keiner Bedingung vorhanden. Merke es Dir, Karl, für die ist Wilhelmine Buchholz für alle Zeit eine wesenlose Lücke.« – »Wenn es mir gestattet wäre, einigen Zweifel zu hegen ...« – »Das ist Dir nicht gestattet.«

»Deine Ruhe fängt gut an, über ein Nichts wirst Du gleich Feuer und Fett.« – »Ein Nichts, Karl? Ein Nichts? Ich will nach der Schweiz und Du willst bauen, ist das etwa nichts?« – »Ich meinte, Dir sei es um Ruhe zu thun.« – »Weshalb schlage ich die Reise anders vor, als hier dem Silberhochzeittrubel zu entweichen?« – »Als wenn Du Ruhe auf der Reise fändest. Wo bleibt die Logik?« – Glaubst Du, ich wäre wankelmüthig wie ein Chamäleon, das seine Gesinnung alle fünf Minuten wechselt? O nein, ich halte, was ich mir vorgenommen.« – »Wetten, daß nicht?« – »Doch« – »Kein halbes Jahr.« – In meinen innersten Gefühlen verletzt, war ich schon bereit, eine mindestens zweischneidige Bemerkung zurückschleudern, als eine gewissermaßen wie aus den Wolken fallende Schlauheit mich daran hinderte. »Gut,« rief ich, »wetten wir. Gewinne ich, reisen wir nach der Schweiz.« – »Topp,« lachte mein Karl und hielt die Hand zum Einschlagen hin, »aber was setzest Du dagegen, im Falle Du verlörest?« – »Ich und verlieren, denkt' nicht dran!« – »Nenne Deinen Einsatz, Minchen.« – »Wenn ich verliere, will ich Dir in allen Dingen recht geben, was es auch sei.« – »Und nicht widersprechen, wenn ich baue?« – »Es gilt.«

Ich schlug ein. – »Abgemacht,« rief mein Karl. – »Was ist abgemacht? Ich verpflichte mich zu gar nichts.« – »Hast Du jetzt schon Lust, den Kontrakt zu brechen?« – »Karl, ich verbitte mir jede Anzüglichkeit ...« – Mein Mann stand auf, da es nach und nach höchste Zeit fürs Kontor geworden war. »Von Dir allein hängt die Reise ab,« sprach er. »Hast Du in einem halben Jahr Dir Fernstehende weder mit Gewalt glücklich noch unglücklich gemacht, bin ich mit der Schweizerreise hereingefallen, verwirkst Du aber Dein Wort, dann wird hiergeblieben und gebaut.« – »Karl, ich schwöre Dir ...« – »Wilhelmine, bedenke, daß Konsequenz und Störrigkeit zwei sehr verschiedene Dinge sind.«

»Du sollst schon merken, wie konsequent ich sein kann,« rief ich ihm nach. Als wenn die Männer die Beharrlichkeit in Generalpacht bekommen hätten? Im Gegentheil, wenn es sich um wirkliche Energie handelt, wendet man sich an uns Frauen. Das steht in jeder Weltgeschichte, so oft man darin blättert.

Als ich nun alleine war, besann ich mich noch auf Mancherlei, was ich meinem Karl hätte sagen können, daß nämlich zu große Vertrauensseligkeit noch niemals gut gethan hat und er Frau, Kinder und Enkel gewissenlos auf die Pläne setzt, die ein junger Mann ihm unterbreitet, der, wenn er auch etliches Vermögen besitzt, deshalb doch unbesonnen genug sein kann, unser bischen Kies zu verpulvern. Buchholzens Thaler stiegen auch; die sind nicht von Blei. Kann er auf eine Solidität ohne Knacks zurückblicken? Aber wozu alte Sachen aufrühren, denn erführe Betti, daß der Mann den sie mit ganzer Gewalt liebt, in dem sie den Herrlichsten von Allen erblickt, nahe daran war, sich mit einer Unwürdigen zu verplempern: es könnte ein grausiges Malheur geben. Sie ist dazu im Stande. Darum muß man schweigen, wie die Bibel auf dem Altar.

Nun hatte ich allerdings der Polizeileutnanten gesprächsweise fest versichert, daß ich und mein Karl ganz bestimmt nach der Schweiz reisen würden, und die Uebrigen wußten es auch, obgleich sie mehr darüber geredet hat, als ich. Ebenso mußte die Bergfeldten davon gehört haben, weil sie mir neulich sagte: Herjeh Buchholzen, ich meinte, sie säßen auf'n Montblank und kommen leibhaftig in der Dorotheenstraße angewalzt. Und die Krausen, die ganz spitz bemerkte, von einer Reise dürfte man erst sprechen, wenn sie glücklich beendigt wäre, es käme so leicht etwas dazwischen. Wenn die dahinter käme, daß die Reise ein von meinem Mann verweigertes Traumbild mit Voreiligkeit war, freut sie sich zu Tode, weil sie auf jede Gelegenheit für Sottisen und Marlicen spannt, die unsereins herunterschlucken muß, weil diesmal doch am Ende ein Körnchen Wahres zu Grunde liegen könnte. Solche alte Gipskatze.

Vielleicht gelingt es mir, Doktor Wrenzchen zu veranlassen, daß er meinem Manne die Baupuschel ausredet. Bauen kostet Geld, viel Geld und da der Doktor ziemlich erbsüchtig ist, wird er schon Bedenken gegen die Verwendung der Kapitalien zum Demoliren unverhohlen äußern. Als Vater von Zwillingen muß er sorgen, daß das Bischen Erbschaft nicht verzoddelt wird und außerdem ist es wünschenswerth, daß Einer Widerpart gegen Herrn Felix und meinen Karl bildet, denn wenn die drei Mannsleute fest zusammenhalten legen sie mich in den Skat. Meine Ruhe will ich allerdings, aber oben auf den Boden, neben das gelbe Pferd lasse ich mich nicht hinstellen. Habe ich den Doktor auf meiner Seite, kann Herr Felix sich nicht auflehnen, denn so wie er Miene macht, geb' ich ihm mit dem Tulpenstengel zu verstehen, daß ich was weiß, worauf er zahm wird. Ist dies erreicht, dann können wir meinen Mann mit Leichtigkeit überstimmen: der Bau geht in die Brüche und wir gehen in die Schweiz.

Erfreulicher und aussichtsvoller wäre es gewesen, wenn mein Karl gleich ja gesagt hätte, anstatt die Bitte abzuschlagen, zu zögern und mit einer dummen Wette die Feindseligkeiten zu eröffnen, wenn Keiner verlieren will, muß es ja Krieg geben. Die Schweiz ist unvermeidlich, schon allein des Gespräches wegen. Ich will in dem erfrischenden Schatten der Berge sitzen und Alpenluft athmen, statt daheim über Sandhaufen und Klamotten klettern und den Staub von durchbrochenen Wänden schlucken. Muß ich allerlei Intriguen ins Leben rufen, um zum Ziele zu gelangen, so ist mein Karl schuld, wenn mein Charakter Flecken und Beulen kriegt, aber im klebrigen werde ich mich schwer hüten die Wette zu verlieren.

Als wenn die Männer immer recht hätten? Doch höchstens ab und an.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.