Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stinde >

Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
printrun
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180913
projectidc54d1ca8
Schließen

Navigation:

Heimath.

Das Erste, was ich auf dem Bahnhofe erblickte, war mein lieber, lieber Karl. Es ist doch nichts ohne hin. Wie war mir in dem Ankunftsgedränge an seinem Arme so wohl. Er fand mich ein über das andere Mal wettergeröthet und gesund aussehend. »Ich bin es auch. Und Du.« – »Ich bin froh, daß wir Dich wieder haben.« – Auguste, Kinder und Mann holten die Kleine ab. Sie war zu verwundert über das frische abgehärtete Wesen, welches vor der Strand- und Sandkur eben in den Gräten zusammenhing. Herr Weigelt wollte etwas quasseln, aber wir gingen rasch ab und zwar die paar Schritte zu Fuß nach unserem Hause.

Von außen war es das alte, drinnen aber hatte es sich verändert und aus Furcht vor zu Neuem ward es mir schwer einzutreten. Aber wie man die Bilder seiner Vorstellung meistens verzeichnet, so auch diesmal.

Freilich war Manches verlegt und kleiner, aber dafür um so behaglicher und die früheren Möbel waren es auch, nur Zuvielgewordenes hatten sie abgeschafft, als mußte. Es war ein warmes Nest, darin alt zu werden.

Bettis Seite hatte eine renaissancene Einrichtung, aber ein Museum war nicht daraus geworden, weil, wenn man hustet, die Nipps und Pipps sich nur noch kaputer von den Borden fallen. Betti war so froh, mich auf Alles aufmerksam zu machen und Felix hielt sie dabei umfaßt und sah mit zu. So kam ich in der ersten halben Stunde nicht zur Ruhe. Als ich mich nun ausgelobt hatte, fragte ich: »Wo ist Frieda?« – Es trat Verlegenheit ein. – »Sie ist bei Fritz,« antwortete mein Karl zögernd. »Wir wollten Dir nicht schreiben, aber nun ist die Gefahr vorbei.« – »Welche Gefahr?« – »Wir fürchteten schon, Erika zu verlieren.« – »Erika?« – »Jetzt ist sie durch und glückliche Mutter. Morgen sollst Du sie sehen und ihr Töchterchen.« – »Und Fritz?« – »Er weicht nicht von Frau und Kind. Frieda hält bei ihm Haus.« – »Das kann sie ja nicht.« – »Doch,« sagte Betti, »sie wollte und weil es sein mußte, konnte sie es.« »Gleich gehe ich hin, hier hält mich Niemand.«

Und so that ich. – Ganz leise öffnete Frieda mir. Sie hat ein wenig Taube gegessen,« flüsterte sie, »Herr Dr. Paber ist heute sehr mit ihr zufrieden. Wie schön, daß Sie da sind. Sie fragte oft nach Ihnen.«

Dann kam Fritz. Wie überwacht er war. Der bitterste Ernst des Lebens hatte seine Stirn berührt, ich sah die Spuren. – »Mein armer Junge.« – »Nicht arm, jetzt doppelt reich, mein Weib geht nicht davon. O Schwester, welche Tage.« – »Darf ich sie sehen, beide?« – Fritz ging hinein und nach einer Weile winkte er mir. Es war Dämmerlicht im Zimmer und Erika in ihrem Bette bleich, ach wie bleich. Aber der Blick war frei, sie schaute wieder vorwärts in das Leben. »Ich stand schon vor dem dunklen Thor,« sprach sie. »Da rief mich eine Stimme, mein Fritz rief und ich kehrte zurück« – »Nicht solche Gedanken; wir wollen uns recht bald herausmachen, da sitzt mehr Sinn drin, nicht wahr?« – Nun sah ich das Töchterchen. Es war kräftig und wohlgebildet und schlummerte lieblich. Dies war genug für das erste Mal, aber überzeugen mußte ich mich, sonst wäre ich vor Argwohn draufgegangen. –

So hatte ich alle Hände voll. Unser Hausstand war neu und Erika nahm mich in ach wie gerne gewährten Anspruch. Auf Frieda war Verlaß und so hatten wir den Trost, daß Erika nach einigen Wochen schon kurze Zeit in dem Zimmergarten verweilen durfte. Sie wäre vielleicht rascher genesen, aber auf der Berliner Etage erholt sich schwerer, wer in halbwege ländlichen Luftbedingungen jung wurde.

Auf Onkel Fritz war die lebenskräftige Zunahme seiner Frau von sichtlichem Einfluß, die Erinnerungsqual der schlimmen Stunden nahm ab, wo die Vergänglichkeit ihren schrecklichen Mahnruf durch das Haus geschrieen und er mit furchtbarer Gewalt empfand, daß aller Muth und alle Kraft doch nur ohnmächtiges Ringen ist, wenn des Schicksals Hand sich nach unseren Lieben ausstreckt. »Aber,« so sagte er, »nun ist Erika zum zweiten Male in das Leben getreten und Berlin ihre Heimath! – »Sie wird mit der Zeit sich in die Residenz finden,« entgegnete ich.«

Sehr angebrachtermaßen war das Töchterchen Wilhelmine genannt worden, obgleich die Krausen gemeint hatte, man hätte sie nach dem Großvater nennen müssen, aber das würde ich Erika doch verdacht haben. Die Krausen hat bereits Nachricht von ihrem Eduard erhalten, er müsse arbeiten wie ein Tagelöhner, aber er sei unverzagt und mit Leib und Seele Seemann. Mit einem Neger, der auf demselben Schiffe und von gleichem Alter wäre, habe er Freundschaft für das ganze Leben geschlossen, es sei wahrscheinlich ein gefangener Königssohn. – »Natürlich,« hatte Onkel Fritz erwidert, »und dabei so echt in der Wolle, daß er nicht abfärbt.« – Sie muß doch Alles berühmter haben als Andere und sollte sie es sich auch nur einbilden. –

Nach und nach konnte ich mich dem Eigenen hingebender widmen, aber doch mehr wie unterwegs, denn als ungestört, da zunächst die absichtlich stark links gelegte Bergfeldten heranstrauchelte und ein Anliegen hatte, nämlich Billette für Leuenfelsens Trauerspiel, welches sie nirgends geben wollten, und das nun in einem Stullentheater unter Beihilfe von einigen ebenfalsigen jungen Dichtern zur Aufführung gelangte. »Blos der Neid würfe ihm Knüppel zwischen die Beine,« sagte sie, »aber Alle, die zu dem Poetenbund ›Neudeutschland‹ gehörten, hätten sich zusammengeschmissen um der Welt zu zeigen, daß die bisherigen Dichter Schafsköpfe gewesen seien. Sie müssen Leuenfelsens Gedichte hören,« sprach sie, »mein seliger Mann kriegte das fliegende Zittern dabei, so schön.« – »Die werden ihm wohl den letzten Dampf angethan haben.« – »Ach nee, der Doktor hat ihn nicht gleich richtig erkannt. Er ist falsch behandelt worden.« – »Von Ihnen, ja,« verdolmetschte ich ihr die Wahrheit, »wo Sie sogar mit Briefkouverten meucheln.« Dies hatte sie noch in Gegenrechnung.

Weil sie jedoch Leuenfelsen auf das Stück unverantwortlich gepumpt hat, nahm ich ihretwegen sechs Billets zur »Völkerschlacht.« Ihre Tochter zieht mit Familie zu ihr und wird das Vermiethen weiter betreiben und so hoffen sie sich durchzuschlagen. Auguste wird schon Wohlgefallen hineinbringen.

Die Billette erwiesen sich als sehr gelegen, dann anstatt mir Ruhe zu lassen, waren Kliebischs nach Berlin gekommen und da ich sie vor Jahren eingeladen, besuchten sie uns. Die Kliebischen hat tüchtig ausgelegt, in Pommern muß es nahrhaft sein mit Spickgans und was sie sonst groß ziehen. Freilich gehörte ihre Schönheit bereits der Geschichte an und eben deshalb wollte sie ihre Speiseanstalt bei einem Zahndoktor neu möbliren lassen. Ihr Mann hingegen war wegen großer Sorgen hergereist, weil doch auf der Naturforscherversammlung in einer wissenschaftlichen Rede geredet worden war, die Landwirthschaft könne sich nun gänzlich begraben lassen, da nächstens alle Produkte, wie Mehl, Fleisch, Milch und Brot mittelst Chemie hergestellt werden würden, sämmtlich aus Luft und Wasser, mit etwas Mineralreich mang. »Dann bin ich ruinirt,« sagte Kliebisch. – »Hat man das wirklich verkündet?« fragte mein Mann. – »Es stand in allen Blättern, das goldene Zeitalter bräche herein und jede Nahrungssorge würde beseitigt sein!« – »Es war wohl nur Hirngespinst?« – »Bewahre, Virchow saß dabei und hat nicht dagegen gesprochen, der ja sonst jeden Fehler im Reichstag aufdeckt, das muß schon so richtig sein, wenn ich nun in Berlin solche Maschine kaufen könnte, wäre ich schön heraus, Luft und Wasser und Sand haben wir bei uns ausgezeichnet zu den künstlichen Nahrungsmitteln.« – »Wenn sie nur bekömmlich sind?« warf ich ein. – »Und es fragt sich, wie hoch die Herstellungskosten sich belaufen?« sagte mein Mann. – »Danach will ich mich eben erkundigen.«

Die Kliebischen war total Ackerbauerin geworden und verstand mehr von Kartoffeln als früher von Noten. Zur Musik hat sie wegen Milchwirtschaft keine Muße und auch ihre Kinder lernen nicht, da es an Begabung fehlt. »Statt dessen haben wir das Geld für die Stunden genommen,« sagte sie, »und die Knaben in die Militärversicherungsanstalt eingekauft, die zahlt eine hübsche Summe aus, wenn sie dienen müssen. Kommt die Landwirthschaft durch die neue Lufterfindung noch mehr herunter, wird das eine große Beihülfe sein. Hinnerich ist recht in Unruhe und bereut sehr, sich bis jetzt nicht genug mit der Wissenschaft eingelassen zu haben.« Auch Herrn Kliebischs Bruder war mit, ebenfalls Landmann; ein Wittwer und groß und stattlich. Als er mir guten Tag sagte, meinte ich wirklich für einen Groschen Kleinholz in die Hand zu kriegen. Er sagte: und wenn sämmtliche Professoren an der Maschine drehten, es sollte ihnen schwer fallen, ein fettes Mastkalb fertig zu bringen. Ein sehr vernünftiger Mann.

Kliebischs mußten mit nach Leuenfelsens Stück »die Völkerschlacht«, wozu sich nicht nur alle Leuenfels-Bergfeldtischen Bekannte eingefunden hatten, sondern noch einiges Publikum mehr. Auch Amanda war unterstützungsbereit gewesen, ebenso der Doktor mit Emmi. Wir bildeten eine gehörige Clique und die Bergfeldten saß neben mir und sagte, das Stück würde Tausende einbringen, weil das Geistliche mit einer Guitarre über das Materische siegte. – Sie muß es ja wissen. Der erste Akt war ausgezeichnet. Sie spielten in Thierfellen, um die wilde Vorzeit darzustellen und dann verwandelte die Bühne, und mit Gesang und Lautenspiel befand man sich in gesitteten Gegenden der Menschheit. Sie sangen und sagten ein Leuenfelsisches Gedicht nach dem andern auf. – »Ist es nicht bildschön?« fragte die Bergfeldten. – »Mir gefällt es«, sagte ich. – Als der Vorhang fiel, wurde applaudirt und Leuenfels erschien, bedeutend in die Brust geworfen. Wir waren ja auch sehr viele Freunde und dann die Kliebischs mit den großen Händen!

Nun kam der zweite Akt. Der war beinahe ebenso wie der erste, weil die Wilden auf Raub auszogen und richtig nach denen mit den Barbierflügeln hinkamen. Die Grobheiten, die sie sich sagten! Au! Das Publikum rief ›Da Capo‹ – ›noch einmal‹ und wie der Eine nun seine Laute nahm und haute den Anführer der Wilden mit der alten Githit auf die Hörner, daß die Splitter flogen und er todt hinstürzte, war der Lärm schon nicht mehr schön. Ein Theil zischte, ein Theil klatschte und trampelte und Welche pfiffen, weshalb Mehrere den Schauplatz aufgaben. Wir blieben jedoch, um noch das wehende Todtenhemd zu sehen. Es flatterte aber nicht an der Fahnenstange wie es sollte und machte keinen großen Eindruck. Leise fragte die Bergfeldten mich: »Ob ich wohl meine Miethe kriege?« – Dies wußte ich nicht.

Der Verabredung gemäß, gingen wir nach dem Stück in den Rathskeller, wo Leuenfels gefeiert werden sollte. Er schimpfte mächtig. »Sein Stück wäre zu titanenhaft für die blöde Menge, der echte Poesie verschlossen sei. Er aber wäre ein Volldichter trotz Toben und Pfeifen seiner Feinde.« – »Sie haben sich für Ihr ganzes Leben mit unsterblichem Ruhm bedeckt,« sagte ich. – »Gewiß,« entgegnete er. »Es thut wohl, zu erfahren, daß noch Urtheilskraft da ist. Wir dichten weiter.« Der Doktor sagte halblaut, er sollte lieber Souffleur beim Affentheater werden.

Doch Drama versteht Er nicht so. Hingegen hatte Er Kliebisch belehrt, daß die Kunstnahrung nur erst theoretisch sei, gewissermaßen als amüsante Seite der Wissenschaft, denn richtig wäre es, aber gehen ginge es nicht. Da stieß Kliebisch einen fürchterlichen Fluch auf das Theoretische aus und bestellte Freudenwein. Mein Karl gab einige Flaschen dagegen aus, aber Kliebisch wieder feinere Sorten, und versprach dem Doktor einen Schinken in den Haushalt.

Die Gelegenheit, sich auch mit einer Pulle zu revanchiren, beachtete der Doktor weiter nicht. Amanda unterhielt sich handfest fröhlich mit Herrn Kliebisch Bruder, während Leuenfels ausschließlich von seinem Stück sprach und sich mächtig mit sich selbst begeisterte, bis der Kassenbote vom Theater kam.

»Her mit dem Ehrensold,« rief Leuenfels großmäulig, »es wird der Dichter mit fürstlichem Geschenke nicht kargen.« – »Der bringt die Miethe,« sagte die Bergfeldten. – »Ist dies die Abrechnung?« fragte Leuenfels, als er den Zettel gelesen, den Jener ihm reichte. »Was soll das? Was ist das?« – »Die Billette zum Selbstvertrieb und Ihr Antheil von heut Abend gehen gerade auf, bleiben noch sechs Mark für die Laute.« – »Wieso?« – »Sie verlangten eine echte Laute zum Todtschlagen, die kostet alt sechs Mark.« – »Ich soll noch zubezahlen?«, – »Sechs Mark.« – »Die können von den nächsten Tantiemen abgezogen werden.« – »Die Völkerschlacht ist abgesetzt, sie wurde zu schlimm angeblasen.« – Mein Karl lieh Leuenfels das Geld und der zog kleinlaut mit der Bergfeldten ab. Es scheint doch, als wenn Trauerpiele so ihre Eier haben. Nun, Auguste weiß uns zu finden.

Als wir zu Hause angelangten, erwarteten Betti und Felix uns. Es war Nachricht von Max eingetroffen. – »Und?« fragte ich. – »Er will nicht glauben, was ich ihm schrieb,« sagte Felix, »daß Frieda eine Andere geworden.« – »Wenn er sie nur sähe.« – »Ganz meine Meinung,« sagte Felix. – »Erlauben Sie, meine.« – »Mama, Felix hat schon ausgedacht, daß er übermorgen, wenn Max gekommen ist, mit ihm ins Residenztheater geht in eine Loge, wo ihn Niemand so leicht sieht, und Ihr und Kliebischs nehmt Frieda ebenfalls dahin.« – »Ich habe vorläufig Theater genug.« – »Mama, Friedrich Haase spielt den Königslieutenant, seine berühmteste Rolle, und so elegant wie Direktor Anno seine Bühne hat, das müssen Kliebischs doch sehen. Frieda geht unbefangen mit.« – »Kinder, aber meine Nerven!« – »Die hast Du auf Sylt gelassen.« – »Denn man zu.«

Der Abend wird mir unvergeßlich bleiben. In dem ersten Zwischenakt machte mir die Kliebischen die Anzeige, daß ihr Schwager sich um Amanda Kulecke bewerben würde, was ich davon hielte? Sie gefiele ihm unmaßen. – Ich sah ihn mir genau an. Etwas glich er Onkel Fritz, nur war er derber. »Versuchen Sie Ihr Heil,« rieth ich. Das wunderbare Spiel des großen Künstlers nahm hierauf meine Aufmerksamkeit gefangen, daß ich weder an Amanda, noch an Frieda dachte. Er mußte bei offener Scene heraus und die Leute riefen entzückte Bravos. Da mit einem Male fährt Frieda zusammen. »Seine Stimme!« schreit sie und aufgestanden und sich umgeschaut. Und wie sie Max erblickt, sinkt sie bewußtlos auf mich.

Mit Zuvorkommenheit halfen die nächsten Herren mir, Frieda hinauszugeleiten, der Logenschließer holte Wasser, sie zu beleben, und nun er damit kam, stand er erstaunt zu sehen, wie ein junger Mann vor dem jungen Mädchen kniete, das weinend seinen Hals umschlang, während da drinnen die Leute dem Schauspiel zusahen, hatten wir unser Drama auf dem Corridor. Aber es nahm einen erfreulichen Verlauf und wenn es auch ohne hier- und daige Kabbelei später nicht abgehen wird, so ist es doch meine Ueberzeugung, daß Max auf mehr Glück rechnen kann, als Viele andere. Ich kenne die Frieda jetzt. Sie wird immer mehr einsehen daß die Zufriedenheit der höchste Erwerb ist, das Glück, welches Alle suchen und die wenigsten finden, weil es ihnen zu unscheinbar ist.

Bevor der Akt endete, befanden wir uns in einer Droschke auf dem Heimwege. Dann ließ ich die Beiden allein, weil es doch sehr stört, wenn Zweie sich aussprechen wollen und der Dritte kann nicht wegfinden. –

Die Kliebischen kam eines Tages wie verjüngt an und konnte frei lächeln, ohne wie bisher den Mund mit der Hand zu schirmen und ihr Heinerich fand seine frühere Zärtlichkeit wieder. Hatte er sich seiner Zeit in ihre Schmelzperlen verliebt, war es ihre Pflicht für Erneuerung zu sorgen, denn wie oft schwindet die Liebe mit den äußeren Reizen.

Noch vor der Abreise Kliebischs war Amanda Braut. Sie besuchte uns mit ihrem Athleten und nannte ihn ihren Flügelmann. – »Er soll es furchtbar gut haben,« vertraute sie mir. Und das wird er auch. –

Als der erste Schnee fiel, nahte wieder die Zeit, an den Tag der Gaben zu denken, von Jahr zu Jahr waren ihrer mehr geworden, die an meinem Herzen hängen, aber die Liebe darin ward nicht weniger, o nein, sie nahm zu, je mehr sie vertheilt wurde. Es muß doch wahr sein, daß sie unerschöpflich ist.

Für Fritz und Franz fand ich das alte Puppentheater geeignet, das auf dem Boden doch nur verkam; es zurechtzukleben und auszubessern, war für mich und meinen Karl eine unterhaltende Abendbeschäftigung. Trotz der Fabrik hatte er weniger Arbeit, denn Felix nahm ihm das Meiste ab. An ihm haben wir einen wahren Schatz.

Und so saßen wir und pappten die Könige und Königinnen, Ritter, Grafen, Bauern und Bettler und machten neue Drähte an den Figuren fest.

»Es ist merkwürdig,« sagte ich, »mit dem besten Willen kann ich nicht ohne Thätigkeit sein.« – »Und doch,« entgegnete mein Karl, »wollte Jemand ... Namen nenne ich nicht ... sich ganz in Ruhe zurückziehen.« – »Karl, man hat manchmal Ansichten, aber man rennt damit gegen. Wie kann Großmama Buchholz wohl Ruhestand verlangen, wo blieben die Kinder, die Enkel? Ach, Karl, ich kann Onkel Fritzens kleine Wilhelmine nicht sehen ohne den Gedanken: so hilflos war ich auch einst, wie dies süße Wesen, das ganz meinen Namen trägt. Wird auch sie heranwachsen wie ich, ebenso mit geflochtenen Zöpfen und Aermelschürze, wird auch ihr so reicher Segen, wie mir auf Erden ward, findet sie dereinst ein treues Herz, wie Dich? Das erleben wir wohl nicht mehr.« –

»Der Tag geht zu Rüste,« sprach mein Karl, »der große Sonntag des Friedens am Ende unseres Jahrhunderts. Sanft verglüht sein Abendroth, aber was wird der Morgen bringen?« –

»Karl, weißt Du, einmal muß der Mensch verlassen, was er liebt, aber die Zurückbleibenden lenkt eine starke Hand durch das Unbeständige der Heimath zu. Wenn wir lenken wollen, haben wir den richtigen Draht nicht. Gerade wenn man meinte, es recht schlau angefangen zu haben, sah man hinterher das Mißgegriffene ein, und wenn es so kam, wie es sollte, geschah es ohne unser Zuthun. Blick' nur zurück auf unser Leben, wie war es sonnig durch Dich, Du Herzensmann, durch Dich, den er mir gab, unser Vater im Himmel.«

Wir schwiegen Beide. Die Zeit zog leise vorüber und unsere Gedanken folgten ihr.

 << Kapitel 18 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.