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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
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Zurück aus der Pension.

Die Frau Polizeileutnanten hatte mir zwar schon öfters im Verborgenen angedeutet, daß sich ein Umschwung vollziehen würde, sobald ihre Tochter aus der Pension in der Schweiz zurückgekehrt sei, aber was sie eigentlich im Sinne hatte, damit kam sie erst ein paar Tage vor der richtigen Ankunft zum Spruch, weil sie sich wohl dachte, wenn man Jemand vor den Kopf stoßen will, es dusemang nacheinander angenehmer ist, als auf einmal heftig.

»Sehen Sie, liebe Frau Buchholzen,« sagte sie, »ich fürchte, ich bin genöthigt, um meiner Mila willen unsern bisherigen Umgang etwas genauer anzusehen, denn was nützt die feinste Conduite, wenn das Kind sich das Gewöhnliche wieder annimmt? Bedenkt man blos die immensen Kosten, allein die Nebenausgaben für die Extraprivatstunden und das gesellschaftliche Exterieur, so will man doch auch, daß die enormen Depensen nicht umsonst gebracht worden sind.«

»Da hätten Sie das Geld nur gleich in die Spree werfen können,« erwiderte ich, »dann hörten Sie es wenigstens plumpsen.«

»O nein,« entgegnete sie ziemlich spitznäsig, »da täuschen Sie sich bei meiner Mila radikal, weg ist bei der nichts! Sie bringt eine großartige Tournüre mit, jedoch wer weiß, ob sie fest genug sitzt?« – »Ich würde ein starkes Hilfsband annähen, denn der Blam, wenn sie in Gleitung geräth.« – »Wer, Mila?« – »Nein, die Lawine, die sie sich untergedonnert hat.« – »Ach so ..., ich bitte Sie; es ist wohl nicht comme il faute, solche Secrete zu erwähnen.« – »Aber man trägt sie doch.« – »Das erfordert der Anstand, was ich hingegen meine, das Allervollkommenste, was Mila sich erworben hat, geht am Ende verloren, wenn ihr Verkehr kein Verständniß dafür hat. was nützt ihr die perfekteste Pariser Prononciation, wenn sie auf steinigen Boden fällt?«

»Lassen Sie sie fallen,« wollte ich sie beruhigen, »wir Beide sind auch ohne durch die Welt gekommen. Und namentlich jetzt, wo die Hälften Speisekarten deutsch geschrieben werden, ist es so gut wie vergebens. Dafür hätten Sie nichts ausgeben brauchen.«

»Ueber diesen Punkt werden wir wohl schwerlich jemals conform,« sagte die Polizeileutnanten und richtete sich großartig gerade auf, »über Distinktion hat Jeder seine eigenen Ansichten. Ich werde schon dafür sorgen, daß sie in Routine bleibt und nicht verbauert.«

»Verbauern ist wohl ein bischen hart,« wagte ich einzuwenden. – »Durchaus nicht. Neulich war ich in Gesellschaft, und als die jüngeren Leute nachher tanzten, mußten zwei Mann das Spinde halten, sonst wäre uns die Büste vom belvederischen Apoll auf den Kopf gefallen.« – »Daran wird der Architekt schuld sein; sie fundamentaliren heutzutage ja Alles so dünn und schwankend.« – »Wer sich Grazie aneignet, tanzt auf einem Seile, ohne daß etwas herunterfällt, aber die kann man nur von Franzosen lernen. Bei denen ist Alles schick.«

»Ich glaube recht gern, daß den Französinnen das französische ganz gut steht,« erwiderte ich, »aber ob ihre Art von Manieren Andere kleidet, das ist ein Fragezeichen. Onkel Fritz meint auch, es wäre kein Plan, sich als Gorilla der Franzosen etwas einzubilden.« – »Naturellement,« rief sie, der weiß Alles besser! Aber er wird konsternirt sein. Allerdings erwarte ich von ihm, daß er sich in seinen Äußerungen beschränkt, wie ich überhaupt von unseren Bekannten hoffe, daß sie die Regards theilen, welche ich meiner Tochter schuldig bin.«

Ihre Anzüglichkeit war mir ohne Telephon verständlich, aber ich hielt es für richtig, den Aerger wieder niederzuschlucken, der hochkam, und ließ sie vorläufig auf eine Antwort lauern.

Damals, als es galt, ihre Mila aus dem Garn des Herrn Kleines zu retten, war ich ihr gut genug und wenn sie sonst etwas hat, kommt sie bei mir Erfahrungen borgen, die man auch gern giebt, weil man sie hat, und nun mit einem Male ist das Plunder gewesen. Denn was war der langen Brühe kurzer Sinn? ›Buchholzens, Ihr seid uns nicht kultivirt genug, weil wir eine in der Pension ausgebildete Tochter haben:‹

Früher hätte es ganz bestimmt ein Aufgebot gegeben, allein wenn man älter wird, überlegt man das Unangebrachte und bedenkt die Folgen. Erzürnen ist leichter als Wiedervertragen und wo ein Loch in die Freundschaft riß, merkt man nachher doch immer den Flicken.

Sie that gleich daraus wieder sehr andringend und bestand darauf, daß wir an der Assamblee theilnähmen, die sie bei Mila's Wiederkehr geben würde, und betonte ausdrücklich: »Ihr Herr Bruder darf nicht fehlen, es wäre mir lieb, wenn er sich selbst überzeugte, wie ungerecht er in seinem Urtheil ist. Savoir vivre erhält man doch nur durch französische Edukation.« – Sie wird es wohl wissen, dachte ich und sagte denn auch zu.

Meinem Manne verhehlte ich die Unterredung mit der Frau Polizeileutnanten, theils um Mißverständnissen vorzubeugen, die es jedenfalls gesetzt hätte, theils weil ich überzeugt war, diese Sorte Hoffährigkeit würde sich schon geben. Onkel Fritz dagegen bestellte ich, daß er vorsichtiger auf sich achten müsse, wenn er ferner Gnade finden wolle, aber er lachte und sagte: »Wilhelmine, wenn sie sich nur keinen Fettflecken macht.«

Auffällig war mir jedoch, daß Mila mitten im Termin wieder kam und ein halbes Vierteljahr vorausbezahlte Bildung schießen ließ. Es konnte ja aber auch sein, daß sie bereits komplett ausgelernt hatte, und fragen mochte ich nicht, denn wenn Jemand die Wahrheit nicht sagen will, dann sägt er etwas Andres, worauf man ebenso klug ist wie vorher. Es kam jedoch später bengalische Beleuchtung in diese Dunkelheit. –

Sehr vortheilhaft war, daß ich nichts Neues anschaffen brauchte, obgleich wohl Extra-Anstrengungen erwartet wurden. So hoch stehen sie doch wohl nicht, daß mein braunes Moiré'nes nicht gelangt hätte. –

Der große Tag erschien. Mila war am Abend vorher angekommen und die feierliche Vorführung konnte stattfinden.

Gebeten war zu um Achten. Mein Karl leistete eine Droschke, da es seit einiger Zeit regnete, daß die Steine anfingen weich zu werden. Seitdem die Wissenschaft sich auf das Klima geworfen hat, ist es selten trocken, wenn man es gebraucht, aber so geht es mit Allem, worin die Gelehrten ihre Hände haben: sie sind zu unpraktisch. Onkel Fritz hatte gleich gesagt, daß er bei schlechtem Wetter seine Frau nicht mitnehmen würde, und erschien nachher denn auch solo allein.

Als wir nun eintraten, sah ich denn sofort, daß die Frau Polizeileutnanten mir in der Toilette klüfteweit über war. Sie kam uns in moosgrünem Plüsch entgegengeschimmert, Goldkäferschuhe an und die Haare von einem fachmännischen Friseur konstruirt. Ein Panorama macht es ihr nicht verbaffender nach.

In solchen Momenten kann die Beanstaunung nur stumm sein, weshalb ich auch keinen Ton redete, obgleich sie brennend lüstern schien, daß ich mit außerordentlichen Empfindungen über ihren Staat herausplatzte. Ich that jedoch den ganzen Abend, als wenn mir das Kleid schon bekannt wäre, was ihr sichtlich mißfiel, aber wo es vornehm zugehen soll, spricht man nicht von dem Aeußern.

Als ich nun Mila in alter gewohnter Weise begrüßen wollte, machte diese mir eine Verbeugung mit einem Schritt zurück und tiefer Neigung des Oberkörpers nach vorn über, daß ich unwillkürlich ausrief: »Herrjeh Mila!« Darauf kam sie zu sich und gab mir die Hand. »Sie sind gewiß froh, wieder in der Heimath zu sein?« – »Ach,« erwiderte sie, »ich werde mich schwer akklimatisiren. Chere Mamman muß manches modificiren, wenn es mir konveniren soll. Um ein Uhr das Dejeuner und um sechs das Diner ist mir zur Usance, wie sagt man noch gleich ... zur zweiten Natur geworden. Cher Papa wird sich gewiß accommodiren, wenn er auch sagt, es ginge nicht.« – »Früher gefiel es Ihnen doch, wie es überall Gebrauch bei uns ist.« – »O mon Dieu,« rief sie, »da hatte ich die Welt noch nicht gesehen. Aber erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Freundin aus der Pension präsentire, die einige Wochen bleibt, damit ich Gelegenheit zur Konversation habe.«

Sie hippelte von dannen und brachte ein junges Mädchen mit sich das ebenso wie Mila in rosa Popeline ging, ebensolche hochhackige Rosaschuhe trug und ganz niedlich aussah bis auf die Augen, worauf sie etwas schüchtern war. Wie sie eigentlich hieß, das ward mir nicht kund, da Mila nun mit dem echten Pariser Aveck loslegte, wobei die Andere ihr sehr zungenfertig half.

Während mich das Gerappel wegen seiner Unverständlichkeit in ziemliche Verlegenheit setzte, ging die Frau Polizeileutnanten förmlich in Verklärung auf, jedoch bin ich im Zweifel, ob sie gründlich folgen konnte, denn sie horchte mit verdächtiger Aufmerksamkeit hinter jedem Wort her, und ihr Beifallsgrienen litt an auffallender Unsicherheit.

Zum Entweichen aus dieser Peinlichkeit waren noch mehrere Gäste vorräthig, die man kennen lernen mußte, und mit den Worten: »Sie können es ja sehr schön, Mila« trennte ich mich von den beiden Rosafreundinnen mit dem französischen Sprechanismus, um erstmal in Bausch und Bogen vorgestellt zu werden.

Manche von den Gesichtern waren mir gänzlich fremd, aber da es sich nicht schickte zu fragen, was es für Geister seien, nahm ich Platz und trank eine Tasse Thee, die von einem weißbehandschuhten Lohndiener gereicht wurde, »viel höher kann man nicht hinaus als mit einem Lohndiener,« dachte ich und orientirte mich allmälig in meiner Nachbarschaft.

Die Dame neben mir auf dem Sopha machte allerdings einen etwas aufgefärbten Eindruck. Sie war aber durchaus nicht blöde, sondern forderte mich gleich auf, einem Verein für das Hundeasyl beizutreten, dem auch sie angehörte. »Verehrte Frau Lehmann,« wehrte ich ab, »erst kommen bei mir die Menschen und dann die Thiere.« – »Wir nehmen die kleinste Gabe,« setzte sie mir weiter zu, »jedenfalls darf ich Ihnen ein halbes Dutzend Entrees zu unserem nächsten Unterhaltungsabend mit Tanzkränzchen senden, dessen Reinertrag für das Asyl bestimmt ist.« –

»Nein,« sagte ich, »für Hunde tanze ich nicht. Damit Sie jedoch nicht glauben, ich sei knauserig, will ich Ihnen einen Beitrag schicken und meinen Mann auch dazu stempeln.« Sie gab mir daraus ihre Visitenkarte, woraus ich denn ersah, daß sie gar nicht Lehmann hieß, wie ich gehört zu haben vermeinte, sondern sich Lemoin schrieb. »Sie haben sich wohl nach der neuesten Orthographie umkatern lassen?« fragte ich scherzend. – »Wir sind von der Kolonie,« sagte sie.

Ihr Mann sei französischer Sprachlehrer, erklärte sie weiter und solle Mila'n nachhelfen, denn unter uns gesagt, fehle es ihr noch unverantwortlich in der Grammatik und das wäre doch die Hauptsache. Ob ich nicht ein paar Schülerinnen wüßte, sie könnten gerade welche brauchen, die Zeiten seien schlecht. Sie könnte sich wegen des Vereines dem Hausstand nicht widmen, wie sie wohl möchte, aber wenn sie sich keine Mühe gäbe, geschähe gar nichts für die armen Thiere; in den letzten Tagen hätte sie ein grausames Droschkengeld verfahren, um Schauspieler für die Vorträge an dem Unterhaltungsabend zu gewinnen und ihr Mann habe im Gasthaus speisen müssen. Einige Stunden mehr würden ihnen sehr unter die Arme greifen. – Das glaubte ich ihr aufs Wort.

Nun kam Onkel Fritz. Mila versuchte mit ihrem Tanzmeisterknix einen großen Eindruck zu bewerkstelligen, aber der Zauber verfing nicht bei ihm, weil er schon zu viel Ballet gesehen hat. Er sagte etwas Verbindliches über ihr Aussehen, worin er auch recht hatte und that sonst, als wäre sie von einem Abstecher nach Rixdorf zurückgekommen.

Die Herren vertieften sich nach der Begrüßung in ein politisches Gespräch, und wenn sie das erst angefangen haben sind sie ja wie in einem unentdeckten Welttheil: vollständig unzugänglich und nicht zu bekehren, warum wird es nicht verboten, da wir doch den kleinen Belagerungszustand haben?

Um die Unterhaltung der Damen zu beleben zeigte die Polizeileutnanten uns einen prachtvollen Blumenstrauß, der am Morgen für Mila gesandt worden war. Sie hätten lange gesonnen, von wem er wohl herrühre und seien schließlich auf Amanda Kulecke verfallen, die noch erwartet werde. Wir rühmten Amanda einstimmig wegen dieser Aufmerksamkeit, wie sie ja überhaupt ein prächtiges Mädchen ist, wenn auch ein bischen groß und sehr geradezu.

Mila eilte öfter auf den Flur, um zu sehen, ob sie noch nicht käme, bis die Mutter ihr sagte, sie möchte doch ruhig sitzen bleiben. Das Getripple und grazienhafte Hinaus- und Hereingeschwebe war auch unausstehlich, zumal sie sich dabei hatte, als wollte sie sagen: seht doch blos, wie unmenschlich gentil ich mich bewege.

Nach meinem Geschmack war sie viel zu machig, immer alles ete peteete mit zwei Fingern angefaßt und die übrigen in die Höhe gespreizt, als sollten sie davonfliegen. Entweder war sie schon zu lange in der Bildungsanstalt gewesen oder sie hatten sie zu früh herausgelassen.

Da erschien Amanda. Mila auf sie zugeeilt und umarmt, daß diese herzliche Wiedersehensfreude wohlthuend wirkte. »Ich muß dir nothwendig etwas sagen,« sprach Mila und versuchte sie fortzuziehen, aber Amanda entgegnete: »Das hat wohl noch Zeit, Kind, ich muß mich erst bei Deiner Mama wegen meines späten Kommens entschuldigen.« –

»Sie haben einen weiten Weg bis zu uns,« kam die Polizeileutnanten ihr entgegen. »Aber Sie sind arivirt und das ist die Hauptsache. Mila hat sich bereits sehr nach Ihnen gesehnt, um Ihnen für die prachtvollen Blumen zu danken.«

»Blumen?« fragte Amanda erstaunt. »Was für Blumen?«

»Nun, dieses magnifique Boukett,« sagte die Polizeileutnanten und wies auf den kostbaren Strauß.

»Unsinn,« lachte Amanda, »solche Ueppigkeiten erlauben mir meine Mittel nicht.«

Mila zwinkerte ihr während dessen immer mit den Augen zu und rief: »Du verstellst Dich, gesteh' es nur, sie sind von Dir.«

»Nee,« wiederholte Amanda, »keine Idee!« – »Doch, doch!« beharrte Mila.

Man war allgemein aufmerksam auf diesen Wettstreit geworden und der Herr Polizeileutnant, der näher getreten war, sagte sehr nachdrücklich: »Wir glaubten, die Blumen kämen von Ihnen, Fräulein Kulecke.«

»Das war eine optische Täuschung,« erwiderte Amanda.

»Hast Du keine Ahnung, von wem sie sein mögen?« fragte der Vater Mila strenge und sah sie forschend an. Diese ward rosaröther als ihr Kleid und fing an französisch zu reden. »Mit mir kannst Du deutsch sprechen.« – Mila zuckte die Achseln und schwieg.

Mein persönlicher Verdacht fiel sofort auf Jemand, der es fertig bringt, sich mit Bouketts und ähnlichen Galanterien in Familien einzunisten, aber ich behielt diesen Lichtblitz für mich. Der Polizeileutnant war so verstimmt, daß es gut schien, kein Aufheben weiter zu machen, vielleicht war er ebenfalls meiner Ansicht, allein ich machte es trotz verschiedener Anspielungen wie die Sphinx, welche ohne eine Miene zu verziehen Sand auf die wichtigsten Fragen streut.

Da Amanda gekommen war, konnte jetzt zu Tisch gegangen werden. Die Platzsetzung hatten sie derart getroffen, daß Alles, was sich mit Französisch auskannte, zusammenkam, während der andere Flügel sich keinen Zwang anthun brauchte und gemeines Deutsch reden durfte.

Onkel Fritz brachte die Unterhaltung bald in Fluß und erzählte, daß man für nur fünfzig Mark jetzt Großgrundbesitzer in Afrika werden könnte; er hätte riesige Lust, sich zu betheiligen, wie die Anderen darüber dächten?

Die Asylfrau meinte, es gäbe näherliegende Aufgaben bei uns zu lösen. Bevor das Hunde-Heim nicht ins Leben gerufen sei, habe sie keinerlei Interesse für Kolonialbestrebungen.

Onkel Fritz erklärte dagegen, daß er für seine Person von den Kolonien viel erwarte, er hätte neulichst erst eine große Kiste mit billigen Bronze-Landsknechten nach der Südsee geschickt, jeder mit einem Banner, worauf stände »Genöthigt wird nicht,« da man sie wegen Massenproduktion hier nicht mehr los würde ... – »Das heißt doch die Menschenfresserei überflüssig unterstützen,« rief Amanda Kulecke aufgebracht. – »Nicht doch,« entgegnete Onkel Fritz, »die Landsknechte machen den Wilden größeres Vergnügen als uns, da sie bereits die Destillationen kunstgewerblich verfeinern. Es wird auch höchste Zeit, daß die Kameruner durch unser Mittelalter beglückt werden.

Hierzu hatten wir Zander mit zerlassener Butter und Salzkartoffeln, letztere schon etwas zu lange gestanden. Als die Teller gewechselt wurden, erhob sich Herr Lemoin und brachte einen französischen Toast aus. Dies war vermuthlich der Glanzpunkt, weshalb sie ihn trotz seiner Malproperteh zugezogen hatten. Mila blickte ihm satzweise Beifall zu und die Mutter that auch, als ob sie es beurtheilen könnte, nur mit dem Unterschied, wenn Mila rechts nickte, nickte sie links. Das Französische ist gewiß sehr benutzbar, wenn man sich Geheimnisse auf Postkarten mittheilt, welche die Dienstboten nicht entziffern sollen, oder zu Schularbeiten, für Tischreden eignet es sich dagegen nur mangelhaft. Ich verstand nichts davon, aber weil es sein Geschäft ist, nahm ich es ihm nicht weiter übel. Der Mann will ja auch leben. Dann gab es Rehrücken und Pute, ziemlich von Geschmack, aber doch, wie man gleich herausprobirte, vom Restaurateur, und die Saucen gingen wie gewöhnlich falsch herum. Der Polizeileutnant, der dies merkte, sagte deshalb zu Mila, die ihm schräg a vis saß: »Gib mir mal die Putensauce«, worauf die denn, um sich lieb Kind zu machen, rasch aufsprang und den Napf mit den Worten ›voila Papa‹ herüberlangte. In der Hast aber war ihr wohl die Graziösität mit den Fingern im Wege und klacks lag der Voila auf dem Tisch in den Reineclauden, die noch erst gereicht werden sollten.

»Da hat mehr Platz, wenn's gut gepackt wird,« rief Onkel Fritz, um den Vorfall mit einem harmlosen Witz zu tödten, aber er hatte sich versehen, das war hier nicht angebracht, denn Mila ruckelte vom Tisch aus, warf ihren Stuhl in Wuth um und eilte ins andere Zimmer, von allgemeinem Nachsehen begleitet.

Ihre Freundin blieb angstvoll sitzen und sah ganz schief vor sich hin. Sie spricht nur so gebrochen deutsch, das Niemand aus den Scherben klug werden kann und hatte nicht verstanden, was eigentlich geschehen war, weshalb sie sich mit Unglücklichaussehen behelfen mußte. Es war uns Allen ja auch nicht angenehm, obgleich die Frau Polizeileutnant sich äußerlich nichts ankommen ließ, aber ich bemerkte unbestreitbar, wie sie sich innerlich verdroß und wie sie sich anstrengte, gleichgültig zu erscheinen, warum wurde sie denn sonst abwechselnd weiß und roth und kaute auf der Unterlippe? Wenn der Mensch sich selbst anbeißt, ist er einfach wüthend.

Mila blieb fort. Amanda suchte sie zu besänftigen, aber ohne Erfolg. »Ich weiß nicht, was ich ihr gethan habe?« beklagte Amanda sich, als sie wiederkam. »Mila schalt mich eine treulose Verrätherin und stieß mit dem Absatz nach mir. Das hätte ich nicht von ihr erwartet.« – Diese Mittheilung war keineswegs zur Erhöhung der Völkerfröhlichkeit geeignet.

Der Lohndiener hatte mittlerweile eine frische Serviette über das Malheur gedeckt und eine Apfeltorte hingesetzt, die freilich ganz gut auszusehen schien, aber doch klietschig war. Na, ich aß, um Niemand zu beleidigen, indeß loben konnte ich nicht.

Als die Tafel aufgehoben war, gingen die Herren ins Rauchzimmer und wir Damen blieben unter uns.

Die Polizeileutnanten hatte sich entfernt, wahrscheinlich um Mila einen Text zu lesen, wozu sie weiter keine Kanzel brauchte. Meine Ansicht ist die, daß Mila keine genügende Grundlage besaß, als sie fort kam. Ihr Charakter war vernachlässigt worden und nun blieb die Erziehung nicht recht hacken.

Amanda setzte sich zu mir und vermochte sich gar nicht über Mila's Benehmen zu beruhigen. »Nennen Sie das wohlerzogen?« fragte Amanda. – »O, nein. Der wahrhaft Gebildete macht keine Geräusche. Er schmettert weder Stühle um, noch bufft er.« – »Aber wie konnte sie sich so vergessen?« – »Es war wegen der Blumen,« flüsterte ich ihr zu. – »Wieso?« – »Mila wollte, Sie sollten sagen, das Boukett sei von Ihnen. Haben Sie denn das Geplinkere nicht bemerkt?« – »wie kann ich wissen, was sie vorhatte?« – »Sie haben solche Fisimatenten nicht gelernt und das schadet nicht. Vielleicht ist es besser, die Mutter erfährt gleich, wie die Uhr geht, als wenn es zu spät ist. Soviel sage ich jedoch, sie kann mir dreist Zucker anbieten, auf den Kriegspfad gehe ich nicht wieder mit. Aufopferung ist bei den Leuten nicht anwandt.« – »wie meinen Sie das?« – »Nichts, Amanda, ich dachte nur an etwas.« –

Die Herren hatten ausgeraucht, der Kaffee war genommen und dem Heimweg stand nichts entgegen. Die Polizeileutnanten war bedeutend einsichtsvoller als vorher, denn sie sagte mir im Vertrauen: »Es wird viel zu bessern geben. Mila hat mancherlei mitgebracht, was mir nicht gefällt.« – »Sie wird schon wieder in Tritt kommen,« spendete ich Trost. – »Und Sie vergessen uns doch nicht?«

Da es sternenklar geworden war, schloß Amanda sich uns bis zur nächsten Droschkenstation an und fuhr dann ab nach der Bülowstraße. Eine doppelte Nachttour, und obendrein angestrampelt werden, finde ich nicht hübsch.

Mein Karl theilte mir nun mit, daß der Polizeileutnant schon herausbringen werde, von wem das Boukett sei und wenn er in allen Blumenläden zur Rekognoszirung nachfragen lassen müsse. – »Hat er vielleicht schon Verdacht auf Jemand?« – »Er muthmaßt Herrn Kleines, denn Mila mußte die Pension außer der Zeit verlassen, weil sie nach wie vor mit ihm briefwechselte. Auch war er auf Dienstreisen in der Schweiz gewesen und hatte sie besucht. Um sie unter Aufsicht zu haben, nimmt der Vater Mila in seine unmittelbare Nähe, und trotzdem kann er sie nicht behüten.

»Also deswegen! Was nützt überhaupt das ferne Wegschicken? Die Post ist zu findig. Man müßte sie schon ganz verbieten.« – »Das wäre allerdings durchgreifend.« – »Herr Kleines ist aber doch unverantwortlich,« rief ich aus. – »Mir gefällt er,« widersprach Onkel Fritz. »Ohne sein Blumenangebinde wäre der Krach zu Mila's Nachtheil wohl noch eine Zeit lang ausgeblieben. Nun hat sich herausgestellt, daß sie blos ein bischen galvanisch übergebildet ist. Wenn sie bös wird, geht die Politur herunter.« – »Die Landsbergerstraße sticht noch drin,« entgegnete ich, »sie wird sich schon wieder machen. Gute Nacht, Fritz, wird sind zu Hause. Grüße Erika und sage ihr, wenn das Wetter sich morgen gut anließe, erwartete ich sie nachmittags oder ich spreche bei Euch vor, das ist ebenso richtig. Fritz, sei froh, daß Deine Frau nicht in eine Pension brauchte.«

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