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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 13
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authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
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Ballmutter.

Wenn ich Erika besuche, empfängt sie mich stets mit einer so lieben Anmuth, daß mir gleich mollig und behaglich wird, und nun, da die Einrichtung vervollständigt ist und die letzten Stücke nach ihrem Gefallen angeschafft wurden, sieht ihr Heim ihr ähnlich.

Wie hübsch hat sie es mit den Blumentischen und einer großen Fächerpalme, die zusammen eine Laube im Zimmer bilden. Darin stehen bequeme Sesselchen und ein kleiner schrägbeiniger Bauerntisch, daß man meint, es sei eine Puppenecke. Aber wir Erwachsenen lassen uns unter den breiten Blättern nieder und kommen uns zwangloser vor.

Sie pflegt die Gewächse selbst, die ihr dankbar entgegengrünen.

Und wie reizend sieht sie aus in ihrem Garten, wie sie die Ecke nennen. Sie trägt stets helle Farben, obgleich sie blond ist, aber es ist, als wenn ihr zarter Teint die feinen Stoffe in den Schatten stellte, welche, wie Onkel Fritz sagt, eben gut genug für sie sind. Wäre er ein Krösus oder sonst ein großartiger Banquier, ich glaube, er würde sich beschweren, daß er nichts Theureres haben könnte, als überhaupt hergestellt wird. Ihr ist es dagegen immer zu viel.

Schmuck liebt sie nicht. Ein Band, eine Schleife, eine Blume genügt ihr zum Putz; sie versteht es, diese einfachen Dinge reizend geschmackvoll anzulegen, wenn auch ganz anders als Mode ist. Geht sie jedoch ebenso modern aus, wie die sonstige Menschheit, um kein Aufsehen durch Abweichung von der allgemeinen Ueblichkeit zu erregen, dann macht sie nur einen verschwindenden Eindruck und auch ihr Benehmen wird ängstlich und gezwungen. Onkel Fritz nennt sie daher »sein Edelweiß«, das sich ja am lieblichsten in der unberührten Einsamkeit entfaltet.

Freilich wird für Berlin mehr Robustigkeit verlangt, mehr Gewiegtheit und Forsche, aber die hat Onkel Fritz hinreichend für Beide.

Von mir hält Erika viel. Das merke ich schon blos allein daran, wie sie mir den Kaffee eingießt, so mit Achtsamkeit, nicht zu wenig und nicht übergeschwappt, sondern wie er sich am einladendsten ausnimmt. Und das ist eine althergebrachte Naturwahrheit: wie es angeboten wird, so schmeckt es.

Wenn man ihr ganzes Wesen nimmt, ihr Sprechen und Urtheilen, dann kommt man hinter das Bewußtsein, daß sie kaum eine Ahnung von dem hat, was wir so stellenweise unter Haß verstehen. Sie zieht sich zurück wie eine Schnecke, der auf die Fühlhörner getreten wurde, man empfindet, daß sie verstummend leiden kann, aber Jemand zeigen, was eine Harke ist, dazu fehlt ihr die Begeisterung.

Wer auch möchte ihr etwas thun?

Und wer ihr etwas thäte ... ei weih Onkel Fritz. Als wir neulich in dem Palmengarten saßen, Erika und ich nämlich, und plauderten, kam Onkel Fritz ziemlich unerwartet, denn es war in der Geschäftszeit, und zwar mit einem großen Briefcouvert, das er wie im Triumpf hoch hielt.

»Hast Du Lust,« rief er, »dann machen wir den Ball der vereinigten Gesangklubbs mit. Hier ist die Einladung. Es wird famos. Guten Tag, theurer Wilhelm. Wie geht es in der Strafkolonie? Lebt mein Schwager noch?«

Er setzte sich zu uns und legte die goldgedruckten Einladungskarten auf das Bauerntischchen. »Nanu, was habt Ihr denn zu oelgötzen?«

»Auf impertinente Fragen antwortet der Gebildete nicht,« entgegnete ich strenge.

»Und Du freust Dich nicht, Erika?« wandte er sich an seine Frau.

Jetzt erst folgte ich seinen Blicken, die bestürzt auf Erika ruhten. Sie schwieg, aber ihre Züge drückten Aengstlichkeit aus und Schrecken; so seltsam hatte ich sie nie gesehen.

»Ist Dir nicht wohl?« fragte er besorgt und war mit einem Sesselruck dicht bei ihr; er zog ihr Haupt an seine Brust und küßte ihre Stirn. »Erika!«

Sie lächelte wieder. Es war ein wehmüthiges, schmerzliches Lächeln, mit dem sie aus der Erstarrung zu sich kam, aber auch das wurde freundlicher und allmälig verschwand die letzte Trübung von ihrem Antlitz.

»Vergieb,« flüsterte sie, »es war nur eine Erinnerung, die mich erfaßte.«

»Eine Ballerinnerung?«

Sie nickte zustimmend.

»Herren sind auf Bällen mitunter grenzenlos,« gab ich Onkel Fritz den Schlüssel zu näherem Verständniß.

»Ich war noch nie auf einem Ball,« sagte Erika.

»Wie können Sie dann erinnern ...?«

»Ich glaubte, ich hätte es vergessen,« fuhr Erika fort, »aber eben als Fritz hereintrat und fragte, ob ich Lust hätte, einen Ball mitzumachen, da war mir, als sei es erst eben gewesen.«

»Was denn?«

Sie blickte Fritz um Erlaubniß an.

»Was war es?« fragte der nun gut und ruhig. »Vor meiner Schwester habe ich keine Geheimnisse, die war von klein auf mein Beichtstuhl.«

»Na ja,« erwiderte ich, »er hatte auch alle Augenblick etwas angestiftet. Mit der Haue, die an ihm vorbeigegangen ist, könnte eine anständige Mittelklasse auskommen. Aber Berliner Jungs sind einmal nicht anders; zum Glück werden die döllsten hernach ...

»Die besten,« unterbrach Onkel Fritz.

»Das wollen wir nicht so schroff hinstellen.«

Erika lächelte. »Er ist der Beste,« sprach sie.

»Man muß es ihn nur nicht wissen lassen, sonst wird er üppig. Sie wollten von Ihrem Ball erzählen, »war das Kleid vielleicht noch bei der Schneiderin?«

»O nein. Sogar die neuen Schuhe mit kleinen Rosetten darauf waren schon vierzehn Tage vor dem Abend da. Es war ein Kinderball, auf den ich durfte. Mein Vater hatte mir es versprochen. Gerade so wie Fritz fragte er, ob ich Lust hätte und kaum vermochte ich vor Frohlocken zu bejahen. Ein solches Vergnügen war mir noch nie geworden ... nie vorher. Die Großmutter hielt immer dafür, Lustbarkeiten verdürben die Seele und ich sei zu unartig ...«

»Du unartig?« brach Fritz aus.

»Gewiß,« antwortete Erika treuherzig. »Hätte ich sonst wohl Schläge verdient?«

»Du?« fuhr Enkel Fritz auf, »Dich haben sie ... Da soll doch ein Donnerwetter ...« – Er schlug mit der geballten Faust auf das Tischchen, daß es krachte, »Weiter,« sagte er grollend, »weiter. Also Du solltest zu Ball?«

»Ich durfte. Acht Tage vorher schlief ich kaum mehr. Denke Dir, wie eitel ich war. Heimlich zog ich die neuen Schuhe an und die blaue Schleife band ich um. wie fürchtete ich mich, sie zu zerknittern, aber ich konnte nicht anders. Und der Ball selbst, den stellte ich mir vor wie einen Abendhimmel mit Sonnenstrahlen und Rosenwolken. Mein Herz fing an zu klopfen, wenn ich nur an ihn dachte.«

»Mein süßes Weib,« sagte Onkel Fritz und küßte sie.

»Als der Balltag kam, als es dunkelte, hieß es: Kleide Dich an, Erika, es ist Zeit. Das Mädchen half mir. ›Du wirst keinen Tanz sitzen bleiben,‹ sagte das Mädchen, ›Du bist ganz gewiß die niedlichste.‹ – Wie kommt es doch wohl, daß ich dies Alles so bis aufs Wort behalten habe? Ich öffnete die Kammerthür und ging zur Treppe. Aber wie merkwürdig war es, drunten im Wohnzimmer brannte noch kein Licht. ›Darf ich schon kommen?‹ rief ich. Sie sollten mich im Ballstaat bewundern, der Vater, die Großmutter, die kleinen Geschwister. Niemand antwortete. Noch einmal rief ich: ›Darf ich kommen!‹ Da ...« – Erika hielt inne und wieder beschwerte die Traurigkeit von vorhin ihre Lider und lagerte sich trüber Schatten über ihre Züge.

»Und da ...?«

»Erst glaubte ich, es wäre Täuschung und starrte horchend in den dunklen Hausraum, aber deutlich vernahm ich noch einmal des Vaters Stimme: ›Ziehe Dich nur wieder aus, Erika, Du gehst nicht.‹ Und wie ich immer noch wähnte, es könnte nicht sein, rief die Großmutter: ›Frühzeitig muß der Mensch entsagen lernen. Sei achtsam mit den Schuhen, sie sind nur geliehen.‹ O wie deutlich, wie deutlich!«

Onkel Fritz hatte die Lippen auf einander gepreßt. Es keuchte in ihm, war mir selbst doch, als wüchsen mir die Nägel an den Fingern. Erika sah, wie es ihn aufbrachte und setzte besänftigend hinzu: »Es sollte eine Prüfung sein, ich war nicht immer demüthig. Sie wollten mein Bestes, Du darfst Ihnen nicht zürnen, Fritz.«

Ich war unwillkürlich weiter abgerückt, da ich nicht anders vermuthete, als daß der kleine Tisch nun wohl seinen Rest empfangen würde. Es geschah jedoch keine Kraftleistung, wie Fritz in der Rage an sich haben kann, sondern er sah Erika mit einem Blick unaussprechlicher Liebe an. »Du Himmels-Gemüth, mein Weib,« war Alles, was er sagte.

Und dann umschlang er sie und umfaßte ihr blondes Haupt mit schützenden Händen.

Mir war unbegreiflich, daß der Vater sich zu einer solchen Grausamkeit von Erziehung hergeben konnte, aber die Alte wird ihn wohl von früh an ebenso eingeschüchtert haben, wie sie es mit Erika trieb. Sie hat das Bischen Vermögen zusammenrackern helfen und ließ ihren Sohn in eigensinniger Strenge nie selbständig werden, daß er sein Lebelang ein Trompeter blieb. Das erzählte Fritz mir, als er noch auf Freiersfüßen ging.

Jetzt verstehe ich den Zauber auch, der ihn so fest an Erika bindet: so hold wie ihr Angesicht ist auch ihre Seele. – Da die andern Beiden nicht sprachen, hielt ich es für meine Pflicht, die Pause auszufüllen. »Eine liebe Sorte von Alterthum,« sagte ich.

»Wer?«

»Nun, die Großmutter.«

Onkel Fritz stand auf. Er schien nicht über das eben Gehörte hinweg zu können und suchte seine Erregung durch Auf- und Abmarschiren mit in den geballten Händen zu verwürgen, was vernunftgemäßer ist, als seinen Zorn an Möbeln üben, weil es mehr schont. Mein Karl ist nie vehement an wehrlosen Gegenständen.

Nach und nach ward Fritz ruhiger. »Nehmen wir die Einladung an?« fragte er. – »Ich würde gerne einmal einen Ball sehen,« erwiederte Erika. – »Sollst Du auch. Und Rosetten sollst Du auf den Schuhen haben und eine blaue Schleife dazu. Und Du, Wilhelmine, gehst mit.«

»Wo denkst Du hin?«

»Lüfte Deine Stützen mal aus, sonst kommen Motten hinein. Junge Mädchen müssen geschwenkt werden. Dir selbst als Aebtissin vom Ganzen thut eine Auffrischung gut, oder meinst Du, die ollen Nonnen hätten nicht auch gescherbelt? Kniehoch, sag' ich Dir.«

»Fritz, thu mir die Liebe und verschone mich mit Deiner Bildersprache, die hat für mich im Geringsten gar keinen Kunstwerth. Erst muß mein Karl doch wollen ...«

»Ist schon gut. Also das wäre abgemacht.«

»Woso?«

»Wenn Du willst, will Dein Karl doch auch. Oder meinst Du nein? Wrenzchen schließt sich an, den übernehme ich. Es wird gesungen, das hört er zu gerne. Denk' Dir, Erika, drei Gesangsbrüderschaften entriren das Fest, ›Ernst und Scherz‹ an der Spitze, und unser ›Keuchhusten‹ ist mit mang. Da laufen ganze Oratorien vom Stapel und sonst noch allerlei Klimbim. Freu Dich doch, Erika. Es sind prachtvolle Stimmen darunter, besonders Baritöner. Weib, freu Dich!

Erika lächelte. »Es wäre zu hübsch, wenn Sie sich meiner annähmen, Frau Buchholz,« sagte sie.

»Bin ich denn nicht da?« rief Onkel Fritz.

»Du wirst doch Deine Freunde nicht um meinetwillen vernachlässigen?«

»Da hast Du wieder recht, wie das Kind klug ist,« schmunzelte Onkel Fritz, »und erst zum zweiten Mal in Berlin.«

»An dem Ort liegt es nicht, sondern an der von Hause außen Intelligenz,« verbesserte ich seine dumme Rederei. Er beleidigt die Erika ja. Was kann die dafür, daß sie nicht auf dem Pariser Platz geboren wurde? Aber mein verehrter Herr Bruder und Rücksichten! Für seinen Bedarf braucht es keine geben, ihm sind sie Pomade, wie Fausthandschuhe im August. Gottlob kennt man ihn nicht anders, sonst müßte man sich um seinetwegen am Ende noch die Verwunderungsmütze aufsetzen.

Imwähren des Auf- und Abgehens hatte er eine neue Idee gefaßt. »Erika,« sagte er »hast Du irgendwo eine Rohrpostkarte zu liegen, dann citiren wir den Doktor sofort.« – »Das laß lieber nach,« warnte ich, »sonst schreibt er Dir den Besuch an.« – »Schad't nicht, wenn er genau ist.« – »Fritz, Geld alleine macht nicht glücklich.« – »Stimmt. Man muß auch welches haben.« –

Erika hatte in ihrem Schreibsekretär nach einer Rohrpostkarte gesucht, aber es fand sich keine, wie immer, wenn man sie eilig hat und ging hinaus, eine holen lassen.

Als sie verschwunden war, sagte ich: Fritz, nein, diese Großmutter. Die ist gewiß eine von früher unverbrannt gebliebene Hexe. Kann sich da kein königliches Amtsgericht zwischen legen?

»Laß den alten Satan laufen. Wenn ich es mir recht bedenke, ist sie der eigentliche Grund, daß Erika mein Weib wurde.«

»Ein solches Abschreckmittel?«

»Als ich sah, wie die Alte ihrer Familie das Leben verdarb, stand bei mir der Entschluß fest, wenigstens Erika aus ihren Fängen zu retten.« – »Und da nahmst Du Dir Dein Riekchen.«

»Nicht den Namen, bitte; Erika mag ihn nicht.« – »Das Abgekürzte ist Euch wohl nicht erhaben genug.« – »Die Großmutter rief sie so.« – »Na ja, dann ...« – »Wenn die Alte ihr etwas thun wollte, rief sie mit so sanfter Stimme wie möglich ›Riekchen, Riekchen‹ bis die Kleine nahe genug heran war und sie ihr in die Goldlocken fahren konnte und tüchtig ziepen.« – »Ich hätte ihr in die mageren Knecksel gebissen.« – »Ja Du. Leider wurde Dir nie solcher Genuß geboten. Anfangs nannte ich Erika im Scherze Riekchen, aber sie bat mich, es zu lassen und sagte auch warum.« – »Fritz, ich fürchte, die Alte hat sie auch gekniffen und nicht minder gegen die Tischkanten gestuckt. Laß die blos mal wieder nach Berlin kommen, mit der fahre ich ab, daß ihr die Ohren noch klingen, wenn sie im Sarge liegt. Natürlich muß Erika auf das Fest, ich hoffe mich für meinen Mann verbürgen zu können.«

Onkel Fritz theilte seiner Frau mit, daß ich sie beballmuttern wolle. »Mit Wonne,« sagte ich, »und wenn Mama Buchholz es für gut hält, einige Tänze überzuschlagen, wird meine kluge verständige Schwägerin nicht murren. Es giebt so Gründe.«

»Wilhelm, Du bist eine Perle,« rief Onkel Fritz und versetzte mir einen Vertrauenshieb mit der Hand, daß mir das Schulterblatt dröhnte. – »Au! Und Du bist ein Grobian.« – »Merkwürdig,« lachte er, »wenn ich haue thut es dem Andern immer weher als mir.« – »Verballer Dich lieber an Deinen Tischen,« schalt ich. »Uebrigens wie viel Billete besorgst Du?« – »Ich nehme gleich ein Dutzend, der Reinlichkeit wegen.« – »Zum halben Preis?« – »Mal sehen, obgleich manche Komitees für den Jammer zahlreicher Familienväter kein Herz haben.« – »Es wäre doch recht hübsch wenn man eine Kleinigkeit sparte; die Zeiten sind ja so miserabel.« – »Sind sie auch; in der Friedrichstraße ist erst gestern wieder ein Pferd gefallen.«

Wenn Onkel Fritz anfängt zu ulken, ist es gerathen, sich zu verabschieden. Das that ich denn und ging.

Mit meinem Manne war der Kampf um die Einwilligung kaum der Rede werth. »Welche Kosten würde die große Reise nach der Schweiz verursacht haben, oder nach dem Salzkammergut, das Tagewerke weiter liegt,« setzte ich ihm auseinander, »und nun da ich freiwillig ... Karl, warum hustest Du? ... ich betone frei – wil – lig ... Verzicht geleistet habe, kommen die Ausgaben für den Ball fast gar nicht in Betracht. Außerdem haben wir Dutzendbillets und machen auf diese Weise immerhin einen kleinen Profit.« – »Den muß man mitnehmen,« pflichtete mein Karl als guter Geschäftsmann bei und als ich ihm sagte, daß unsere gesammte Familie, wie sie gebacken ist, sich dort treffen würde, kam er noch mehr entgegen, indem er anordnete, sein Kadrilljenschwenker müsse benzint und gebügelt werden.

Giebt es einen zweiten Gatten, der rücksichtsvoller ist, blos um ihn mit meinem Bruder zu vergleichen?

Betti war hingerissen, als sie hörte, daß wir zu Ball wollten und jegliche Einwendung bereits im Keime beseitigt sei. »Ich tanze nur mit Felix,« rief sie. – »Das würde sehr interessirt aussehen, entgegnete ich. – »Was liegt mir daran?« »Wenn nicht Dir, so doch mir. Ich bin die Ballmutter!«

Nun galt es wegen Frieda und Ida Rath zu schaffen. Staat war vorhanden und da Max von seiner letzten Reise gerade zurückgekehrt war hatte Frieda ihren Tänzer. Woher aber einen Ballherrn für das Unglückwurm Ida nehmen? Wir kamen überein, daß die drei Herren dafür sorgen müßten denn Herrn Dr. Paber konnten wir sie nicht zumuthen, und Kleines, sowie Herr Pfeiffer waren ausgeschlossen. Ein Ball ist doch nicht dazu da, unbewachte junge Mädchen den Löwen vorzuwerfen. Das war höchstens bei den Antiken Sitte.

Etwas Licht kam in diese Frage, als Felix am Abend versprach, einen soliden Herrn für Ida zu liefern.

Die Stützen kaufte ich mir in folgender Manier: »Meine Damen, wenn Sie sich jetzt vierzehn Tage lang musterhaft betragen, dürfen Sie zur Belohnung einen Ball in Arnims Hotel mitmachen. Geben Sie aber entgegengesetzte Veranlassung, so wird nichts draus. Ich werde selbst in Ihrem Spinde und in Ihrer Kommode nachsehen, Ida, und hoffe Alles in wohlthuendster Ordnung vorzufinden. Schlumpliesen bleiben zu Hause. Einen Eindruck machte diese Vermahnung vorläufig nicht, sie flitzten davon wie die Spatzen.

Max war wieder da. Er fand Frieda zu ihrem Vortheil verändert und war dessen froh. Hatte er sie jedoch, wie ich wochenlang um sich gehabt? Nein. Es ist ein Glück, daß Bräute nicht immer wissen was ihre Bräutigame aufstellen und fest glauben, er denkt in einer Tour an sie oder schwärmt ununterbrochen ihre Photographie im Cigarrenetui an; ebenso gut ist es, daß es sich umgekehrt gerade so verhält, sonst würde das Traugeschäft wohl weniger schwunghaft gehen. Hätte Max gewußt, daß Frieda ihn im Grunde ihres Herzens nur als einen Versorgungsfreund betrachtete, ihn würden die paar Manieren die sie angenommen und die wenigen Unmanieren, die sie abgelegt hatte, nicht getäuscht haben.

Sie war nach wie vor weder kalt noch warm, und das erste Wiedersehen nach ziemlich langer Trennung verlief ungefähr so, als wenn er auch noch einige Zeit hätte unterwegs sein können. Er dagegen war von ihrer Hübschigkeit aufs Neue eingefangen und ihr zugethaner, denn zuvor. –

Die Zurüstungen wurden eifrig in die Hand genommen. Es war sich für einfach Weiß entschieden worden, aber jedes Kleid anders garnirt und die geschmackvollsten Schnitte aus der ›Modenwelt‹ herausgesucht. Die Stützen betrugen sich ziemlich nach Wunsch; es herrschte einigermaßener Waffenstillstand und Jede hielt ihr Kostüm für das entzückendste und viel schöner als die anderen.

Und doch schlich Zwietracht in die Harmonie der Ballschneiderei.

Wer Max nicht für einen wohlgestalteten Menschen hält, der müßte erst mal nach der Augenklinik, und Ida schien auch dieser Ansicht zu sein, wo Herr Max war, da scharwenzelte sie auch herum und so katzig und sammetartig kam sie ihm entgegen, daß ich schon dicht daran war, ihr Verhaltungsmaßregeln einzuprägen. Diesmal besorgte jedoch Frieda es ihr.

Ein lobenswerthes Geschick richtete es ein, daß mein Mann abwesend war, als das Scharmützel entbrannte.

Den Anfang, wie ein Wort das andere gegeben, hatte ich versäumt, erst der laute Redeaustausch im Nebenzimmer veranlaßte mich, einzuschreiten.

»Frieda! Ida! Welch ein Zetermordio!« rief ich. Was in aller Welt giebt es denn nun schon wieder?«

»Sie sagt ...« schrie Ida. – »Sie sagt ...« rief Frieda dagegen. – »Sie hat gesagt ...« – »Nein, sie hat gesagt ...« »Kein Wort von wahr!« – »Fräulein Schulz fing an.« – »Das ist gelogen.«

»Ida,« befahl ich, »Sie schweigen, wenn schon ein Karnickel zugegen ist, dann fällt der Verdacht auf Sie. Frieda, wie war es?«

»Den ganzen Nachmittag hat sie in einem während gestichelt ...« – »Einbildung,« fiel Ida ihr in den Vortrag.

»Fräulein Schulz, entweder Sie bemühen sich auf ihr Zimmer oder Sie schließen den Schnabel, woher kam der Zank, Frieda?«

»Ich lasse mir nicht gefallen, daß so eine naseweise Person hinter meinem Bräutigam herläuft ...« – »So?« fragte Ida impertinent. »Ich kann mich nicht vor ihm retten, daß Sie's nur wissen. Was soll er an Ihnen auch noch lange finden?«

»Wenigstens keine Grieben,« fuhr Frieda sie an. »Lustig macht er sich über Sie. Das ist Alles.«

Ida stieß ein höhnisches »Peh« heraus. »Haben Sie sonst weiter keine Schmerzen? Mir hat er drei Tänze zugesagt und in der Damenwahl wartet er auf mich.« – »Gelogen,« rief Frieda. – »So?« – »Ja.«

»Ida, ist das wahr?« fragte ich sehr ernst.

»Einig sind wir,« entgegnete sie, »aber er wird es schwerlich eingestehen, da Fräulein Frieda so unmenschlich rasaunt.« – »Wer rasaunt?« – »Sie! Wer sonst? Das haben Sie ja eben gehört.«

»Fräulein Schulz, wenn Sie Intriguen anzetteln, kann ich für meine Person Sie nicht mitnehmen. Mit einem Worte, Ihr Betragen ist nicht ballfähig. Sie bleiben zu Hause und gehen rechtzeitig zu Bett.«

Nun fing sie an zu barmen. Sie bat mich um Verzeihung und gelobte Besserung in allen Dingen.

Sehr nett fand ich es von Frieda, daß sie nicht nachtragen wollte, wenn Ida ihr heiliges Ehrenwort gäbe, kein einziges Mal mit Max zu tanzen. Ida versprach dies felsenfest und der Stützenkrawall war beigelegt. Die Parteien wurden getrennt, indem ich Frieda zu mir nahm.

»Meine Liebe,« sagte ich, »vermeidet doch solche Aufrühre. Wenn Jemand dabei zu Grunde geht, bin ich es.«

»Ich hielt an mich, so lange ich vermochte. Aber meinen Bräutigam soll sie ungeschoren lassen.«

»Aha,« dachte ich, »so gleichgültig, wie ich meine, ist ihr Herr Max dennoch nicht. Das darf als gutes Zeichen gedeutet werden, als ein sehr gutes sogar. Blos daß ich dabei so grausam herhalten muß, das ist nicht gut.

»Frieda,« sagte ich dann laut, »reiche mir einmal die Ballerjahntropfen – etwas stählen sie, wenn auch nicht haltbar – nach jedem Aerger giemen die Luftwege, wenn wir übrigens den Ball hinter uns haben, ersuche ich Frau Schulz, ihre Ida wiederanzunehmen. Ich sehe nicht ein, warum ich die Wahlstatt bedecken soll, während ihr die weite Welt offen steht.«

Diesen Entschluß bestärkte Ida noch mehr und das durch ihre Nichtsnutzigkeit an dem Ballabendtage selbst. Güte fruchtete bei der grade soviel, wie jungen Hunden lesen lehren.

Betti war mit ihrem Anzug noch etwas im Rückstand, da sie sich erst spät für eine Aenderung entschied, die ich ihr nicht verdachte, weil sie den Stützen nicht nachstehen wollte. Während Betti mit der Schneiderin arbeitete, vertrauten wir Frieda und Ida das Mittagessen an, zu dem wir auch Herrn Max gebeten hatten. Frieda sollte gleichzeitig Gelegenheit nehmen, ihrem Verlobten eine Kochprobe abzulegen, denn was wahr ist, bleibt Thatsache, sie war unter Betti's Anleitung schon anerkennenswerth vorgeschritten. Im Uebrigen konnte ich einen Blick mit in die Küche werfen und ein Rinderbraten ist nicht so schwer. Wild und dergleichen allerdings erfordert mehr Erfahrung, schon beim Einkauf, und Geflügelfühlen ist geradezu eine Begabung.

Die Fleischbrühe setzte Doris auf, die Sternnudeln gab Ida daran und ähnlichermaßen waren das Gemüse, die Kartoffeln und das Kompot vertheilt, welches in gedünstetem Backobst bestand. »Verabsäumen Sie ja den Deckel nicht,« paukte ich Ida ein, »damit die Pflaumen recht aufplustern. So ißt mein Mann sie am liebsten.«

Warum aber ließ ich das Essen nicht einsichtsvoller aus einem Speisehaus holen, portionsweise in weißen Porzellansatten, alle übereinandergestellt und mit einem Lederriemen verbunden? Weil man nie klug wird und man sich nicht vorstellte, daß junge Mädchen, die am Abend auf einen Ball sollen, schon Morgens nur noch halbwege sind. Jedoch es hat wohl so sein sollen.

Wie ich mich in die Küche verfüge, sind die Stützen denn auch schon in Thätigkeit. Aber wie!

Alles, was auf dem Herd stand, kochte, nicht blos im Gallopp, nein es war schon mehr Karriere. Der Maschine fehlten die Räder, sonst wäre sie eine rechtschaffene Lokomotive gewesen.

»Meine Damen,« rief ich, »Sie üben sich wohl in Brandstiftung?« – »Sie haben selbst gesagt, der Braten müßte in tüchtige erste Hitze,« vertheidigte sich Frieda.

»Versteht sich. Aber Sie haben den Ofen ja glühend, als sollten die drei feurigen Männer ein Konzert darin geben. Doris, warum schritten Sie nicht ein? Was kostet das an Kohlen!«

»Fräulein Frieda sagte, Madame hätt' et so befohlen,« entgegnete Doris. »Ick jeh nich an'n Herd ran, wo die Fräuleins det Oberkommando führen.« – »Aber Doris!« – »Nee, ick duh't nich. wenn wat versaut is, hat't de Köchin jedahn, und wenn wat jut jlitscht, werden de Fräuleins hochjeehrt. Mir jefällt et hier schonst mehrere vierzehn Dage nich mehr und verheirah't sinn wir jottlob ooch nich.«

Nur noch ein Wort von meiner Seite und Doris setzte mir den Schubstuhl vor die Thüre. Dies war an einem Tage wie heute zu vermeiden. Sonst jedoch raus.

Doris mit Nichtbeachtung strafend, unterwies ich Frieda das Feuer dämpfen und die Bratröhre soweit verkühlen lassen, daß man das Fleisch mit gutem Gewissen hineinschieben konnte, und hieß sie die Pfanne bringen. »Aber Frieda, was hast Du für unvernünftige Butter genommen,« mußte ich bei dem Anblick des Klumpens ausrufen, den sie zum Braten bestimmt hatte. »Es ist freilich wahr, gute Butter verdirbt nichts, aber sie schmiert auch den Weg zum Nichtauskommen und hat leicht einen metallischen Beigeschmack.« – »Das habe ich noch nie bemerkt,« sagte Frieda. – »Madame denkt an de Jroschens,« rief Doris dazwischen. – »Doris, Sie sind nicht gefragt worden.« – »Ach wat, Butter wird jesagt und mir meent man; kenn ick doch!«

»Die lernt auch nächstens fliegen,« beschloß ich still für mich und verließ die Gegend.

Was war das nun wieder mit Doris offenbarer Meuterei? Will sie fort, warum kommt sie nicht in sich geziemender Ordentlichkeit? wer hat sie rebellisch gemacht? Morgen wird sie ins Verhör genommen. Heute ist Ball.

Da Betti ihre Schneiderei nicht im Stich lassen konnte – sie hatte sogar Noth, rechtzeitig fertig zu werden – blühte mir das Vergnügen, auf die Mittagbereitung zu achten, und wie es mir an der Zeit dünkt, Unheil zu verhüten, machte ich mich nach der Küche auf, wo Fröhlichkeit und Heiterkeit zu herrschen schienen, als ich mich näherte. Ich also leise die Thüre geöffnet, um zu sehen, worüber man sich amüsirt.

Es war Ida.

Sollte man es für möglich halten? Das gottlose Geschöpf hat meine versengte Morgenhaube aufgesetzt, meinen älteren Seelenwärmer umgebunden und spielt den anderen Beiden Komödie vor.

»Mit vielem hält man Haus, mit wenig kommt man auch aus, meine Damen,« sagt sie, »das beherzigen Sie.« – Und ziererich hin- und hergegangen, als wenn ich es sein sollte, aber natürlich keine Spur von Aehnlichkeit und gekröchelt, wie mit Asthma behaftet, und mit dem Mund gegrinst und getänzelt und geschwänzelt, die Arme vom Leibe, als wenn sie flattern wollte, schon mehr ganz verrückt. »Die Doris«, hanswurstete sie mit einer feinen, piepigen Stimme weiter, »die Doris« – wo ich in meinem Leben nicht hoch und schreiig spreche – »glaubt wohl, die Butter kostet kein Geld, die Brathechte schwimmen ja in Fett. Das reißt ja in die Milliarden. Mein Mann giebt gar nicht um Fett, das bekommt meinem Karl nicht. So wie ich sie backe, ißt er sie am liebsten. Nicht wahr, mein Karl?«

Doris und Frieda lachten, daß ihnen die Thränen aus den Augen liefen und je mehr sich kullerten, um so unkluger trieb es Ida.

Da gewahrte Doris mich plötzlich, wie ich ungeahnt als Erzengel von der Stehloge zuschaute.

»Herr Je! de Olle!« kreischte sie auf und das wie der Wind in die Speisekammer und die Thüre hinter sich zugeschlagen.

Frieda war sehr verlegen geworden und schlich beschämt an den Küchentisch, wo sie sich zwecklos zu thun machte; Ida riß rasch Haube und Seelenwärmer herunter, die sie hinter ihrem Rücken zu verbergen suchte.

»Wie steht es mit dem Essen?« fragte ich eisig ruhig.

Das hatte ich nicht verdient. Mich so zu kränken! Mich mag sie verfratzen, meinetwegen. Aber meinen Karl ...? Da hört es auf.

»Alles wie Sie sagten,« erwiderte Frieda scheu.

»Gut.«

Und Doris aufzuhetzen! Als wenn ich in ihrer Abwesenheit über sie schandirte? O nein, meinen Dienstmädchen habe ich die Wahrheit immer noch direkt eingetrichtert. Nun war ja klar, warum Doris vorhin raisonirte. Ida hatte verleumderisch zwischengetragen. Daher die dicke Freundschaft zwischen den Beiden.

»Sorgen Sie, daß rechtzeitig angerichtet wird, Frieda.«

»Jawohl.«

Ohne Ida auch nur angesehen zu haben, entfernte ich mich. Sie sollte fühlen, was es heißt, für anständige Menschen Luft sein.

Betti kam fragen, weil das Kleid bei den Aermeln Falten warf. Da sie das vorgefallene erfuhr, verlangte sie, daß an Frau Schulz geschrieben würde und Ida sich zu ihren Eltern versammeln möge. – »Gänzlich aus Gesichtsweite,« sagte ich.

Da klopfte es an. – »Herein.« – Ida erschien.

»Was wünschen Sie.«

»Ach, Frau Buchholz, ich habe wirklich nichts Böses dabei gedacht.« – »Wobei?« – »Von vorhin, meine ich.« – »Von vorhin? –« »Als ich ... als ...« –

»Es ist gut, daß Sie da sind Fräulein Schulz. Ich wollte Sie fragen, ob Sie etwas an Ihre Mutter zu bestellen haben. Ich schreibe vielleicht heute noch ... oder mit mehr Ruhe morgen.« – »Nein, ... nicht daß ich wüßte.«

»Sie können gehen, Fräulein Schulz, oder wollten Sie mir mittheilen, daß Sie es vorziehen, den Ball nicht mitzumachen?« – »Das können Sie doch nicht verlangen?« – »Besser wäre es; Jedermann sieht ja gleich, daß Sie genascht haben,« sagte Betti. – »Ich rühre nichts an,« entgegnete Ida. – »Wer's glaubt? – »Bei Gott nicht,« betheuerte Ida. – »Ihre Lippen verrathen Sie.«

Um das braune Ichthyol zu verdecken, das sie sich aufgeschmiert hatte, zog Ida eiligst das Taschentuch, aber zugleich riß sie verschiedene Kleinigkeiten mit heraus: Backpflaumen, Stückenzucker und getrocknete Birnen flogen in die Stube.

»Was sagen Sie nun?« rief Betti.

»Das muß mir Jemand heimlich hineingesteckt haben.«

»Anders ist es gar nicht möglich,« sagte ich. »wie wäre es, wenn Sie sich jetzt empföhlen? Wollen Sie auf Ihrem Zimmer essen, kann Doris Ihnen decken.« – Sie verzog sich rückwärts.

Das Mittagbrot war entsetzlich; vom Braten konnte ich eben für meinen Mann und Herrn Max einige genießbare Bissen aus der Mitte schneiden und das gedünstete Backobst war eine zu aufgeweichter Braunkohle verdorbene Masse. – »Die sind wohl aus einer vorsündfluthlichen Volksküche?« fragte mein Karl, indem er sie liegen ließ.

»An einem Balltage ist das Mittagessen niemals schön; man hat zu viel wichtigeres vor,« erläuterte ich den Herren das Schandfutter.

»Wo ist Fräulein Schulz?«

»Wahrscheinlich mit Ihrer Toilette für heut Abend beschäftigt.«

»Ich glaube sie schreibt,« sagte Frieda.

»Das Klügste was sie thun kann,« dachte ich. »Wenn sie ihrer Mutter mittheilt, daß sie lästig geworden ist, bin ich einer Aufgabe enthoben, die nur unangenehmer wird, je mehr man daran dreht.« –

Als wir später daran gingen, uns in die Reihe zu machen sagte Betti: »Ich verstehe Dich nicht mehr Mama; wie konntest Du so ruhig bei Fräulein Schulzens Ungebühr bleiben? Ich wäre anders mit ihr abgeschrammt.«

»Betti, erstens wollte ich mich nicht mit ihr erniedrigen und zweitens faßte ich den unwankelbaren Entschluß, übermorgen wird sie nach Zehlendorf gewimmelt. Das Aergste habe ich mit ihr erlebt, schlimmer kann es nicht kommen und diese Ueberzeugung verlieh mir Fassung und Stärke. Danke der Vorsehung, daß Deine Mutter nicht als Mörderin oder Derartiges vor Dir sitzt, Ida hatte es darauf angelegt. Aber wer die Gerichtspflege einmal durchgemacht hat, prüft seine Handlungen bevor er sich in Unkosten stürzt. –

Um meinem Mann nicht Ursache zu Bemerkungen zu geben, trieb ich tüchtig nach und als gefahren werden sollte, waren wir auch zwei Droschkenvoll fertig. –

Der Ball hatte schon begonnen, wenn auch die Letzten noch auf sich warten ließen. Es ist ja ein zu überwältigender Effekt, wenn man durch die geöffneten Flügelthüren in den glänzenden Saal rauscht und die bereits Existirenden ihre Blicke auf die Eintretenden richten und sich zuflüstern: ›Wer sind Die?‹ – ›O, das sind Die und Die.‹ – ›So, Die sind es?‹ und die Toilette anstaunen und das Ungezwungene, wie man das so kann, allein blos die Haltung der Hände, als wären die Glaceehandschuhe angeboren und Einem dabei wird wie in der Schaukel, wo es auch so bis an die Fußspitzen herabrieselt.

Betti und Frieda rechneten zunächst auf ihre Verlobten als Tänzer und den Doktor, sowie auf Herrn Dr. Paber, der sich meinem Schwiegersohn angeschlossen hatte, und die kurz vor uns angelangt waren. Herr Dr. Paber gehört zu denjenigen, die das alte gute Sprichwort ›leben und leben lassen‹ in Ehren halten und einsehen, daß ledige Herren die empfangene Familienkost auf Bällen abbüßen müssen.

Wir gruppirten uns als zusammenhängende Wandkolonne, der sich auch noch die Assessorin Lehmann anhängte, die wiederum einige Bekanntinnen zur Verlängerung der Zwiebelreihe aufforderte.

Meine Drei gingen in Weiß, nur daß Jede einen abweichenden Schnitt und verschiedene Schärpe hatte. Frieda sah sehr gut aus, vielleicht herausfordernder, als einer Verlobten ziemt. Betti hatte etwas überaus Anmuthiges, die Garnirung gebauscht und allerliebst mit feinen grünen Zweigen besetzt, was sich so recht bräutlich ausnahm. Ida mit ihrem Mullkleid und breiter knallrother Schleife war schon mehr eine Portion Schlagsahne mit Johannisbeergelee; unmöglich konnte man den Herren die Tortur anthun, mit ihr zu tanzen, zumal auserwählt hübsche Damen den Saal dekorirten.

Herr Felix hatte es jedoch übernommen, ihr einen Ballherrn zu verschaffen; wie er heißt, erinnere ich nicht mehr, aber es war eine Art abgebrochener Riese, hinten leicht gerundet, lebhaft von Augen, kühn in Positur, wenn auch mit einwärtsigen Beinen und bedeutend von sich überzogen. Für Ida war der Knirrfix lange frisch.

Es füllte sich nach und nach und getanzt wurde flott, als endlich Onkel Fritz mit Erika sichtbar ward.

Sie erregten Aufsehen. Und wodurch? Durch Erika's ungezierte Einfachheit. Das Kleid war ganz schlicht gemacht, aber aus einem feinsten kremefarbenen Cachmir, wie früher mehr Mode war und nur ein hellblaßblaues Sammtband am Hals und ein gleiches im blonden Haar diente als Schmuck. Man hätte diese Toilette kindlich nennen können, aber der jungen Frau verlieh sie einen so jungfräulichen Zauber, daß ihr Anblick geradezu Verehrung hervorrief. Und wie ihre großen blauen Augen verwundert in das schimmernde Gewoge blickten, wie sie sich befangen an der Seite ihres stattlichen Mannes hielt, dessen Antlitz im Uebermuth der Glückseligkeit strahlte, das war unbeschreiblich. Betti eilte auf sie zu und sagte: »Du bist die Schönste von Allen.«

Erika schlug die Augen nieder und ward roth.

Was diesen Ball auszeichnete, waren in den Tanzpausen die herrlichen Vorträge der Sänger, und zwar keine Klagelieder, sondern lustige Märsche und Walzer, woran namentlich wir älteren Damen einen Ohrenschmaus hatten.

Außerdem führten sie noch eine Scene mit Gesang auf – »Das Volkslied« – die zwischen dem Tanzen und Erquicken mit Eß- und Trinkbarem eine herrliche Abwechslung bot.

Auf ein Zeichen ward der Saal frei gemacht und unter den Klängen eines drolligen Marsches kamen Zwerge und Waldmänner hereingetrappelt, die ein auf Rädern ruhendes Gestell zogen und schoben, das, mit flimmernder Gaze verhüllt, sich wie ein Schneeberg anließ. Als dieser mitten im Saal stand, legten und hockten die Wichtelmännchen sich um den Berg herum und thaten, als wenn sie Winterschlaf hielten, wobei die Musik immer leiser und einwiegender wurde.

Mit einem Male ertönte Waldhornruf und durch die Thür schritten Bauernbursche mit ihren Schätzen in den verschiedensten Trachten, immer zu vier Paaren gleich gekleidet, als Tiroler, Schwaben, Vierländer, Friesen, Appenzeller, und was Landleute sonst anziehen.

Diese alle tanzten nun mehrere menuettartige Touren und schienen den Berg nicht zu beachten und die Gnomen, welche ihn umlagerten.

Da erklang ein Harfenakkord und gleich darauf noch einer. Das Orchester schwieg, die Tänzer hielten inne und lauschten und die Heinzelmänner rührten sich, wieder tönte die Harfe, nun von einer lieblichen Melodie sanft umsummt, die weiße Hülle glitt langsam von dem Aufbau herab und sichtbar ward ein reizendes junges Mädchen in graublauem Röckchen und braunem Mieder, vor der Brust und in den Haaren Feldblumen, in den Händen ein Saitenspiel. Das war das Volkslied.

Ihm zu Füßen, in Tannengrün geordnet, saßen der Ritter und Goldschmidts Töchterlein, der Jägersmann mit seiner Armbrust, Brüderlein und Schwesterlein, der Eremit, der tapfere Landsknecht und die Maid am Spinnrocken. Auf einem grünen Ast schnäbelten sich ein Turteltaubenpaar und auch ein Reh sah aus den Zweigen hervor. Alles, wovon das Volkslied erzählt, war zu einem lebenden Bilde vereinigt, das sich langsam drehte, damit Jeder sehen konnte. Und hierzu sangen die Herren eine Zusammenstellung der schönsten alten Volksweisen, die nach und nach in eine Tanzmelodie übergingen. Noch einmal schwangen die Kostümirten sich im Reigen und dann verließen sie den Saal, wie sie gekommen waren.

Nur eine Stimme herrschte über die reizende Aufführung, die Fritzens Freund, der Dr. Theodor Mann, erfunden hatte. Wenn er gesehen hätte, wie Erika nicht wußte, was sie sagen sollte, er wäre reichlich belohnt gewesen. Er mußte jedoch den Tacktirstock schwingen.

Der Ball wurde daraus mit ausgeruhten Kräften fortgesetzt.

Mir war nicht tanzerig nach den Tageserlebnissen zu Muthe, aber Onkel Fritz ließ nicht ab, obgleich ich Schwarz angelegt hatte. Er ist ein brillanter Tänzer, fest und gediegen und dabei leicht und elastisch. Ich bat ihn, wenn es anginge, Ida einige Tanzherren zu rekommandiren, denn sie saß schon mehrere Male, woraus er sagte: »Sofort.«

Beim nächsten Rheinländer kamen gleich Viere, die sich auf Fritz beriefen, sich vorstellten und um die Ehre baten, das Fräulein engagiren zu dürfen, von diesem Moment an war sie die begehrteste Balldame. Daß dies mit Unfug zuging, war sicher, und daß Onkel Fritz ihn angezettelt, war noch sicherer.

Frieda, die nicht dasselbe Glück hatte, ward sichtlich maulsch und benahm sich gegen Max, der allerdings den Fehler beging, sie einen Tanz ganz und gar zu vernachlässigen, wieder ebenso, belferig wie früher, zumal Ida falsch genug war, trotz ihres Versprechens, in der ›Damenwahl‹ auf Max loszustürzen und er richtig mit ihr loswalzte.

Frieda setzte ihn darob zu Rede. Er antwortete eindringlich. Sie ward immer heftiger und – ich weiß nicht ob ich recht sah – aber sie hatte die Hand erhoben und er verfärbte sich leichenblaß. Sich kurz umdrehend ließ er sie stehen. Vorgefallen war etwas.

Frieda wollte nun nach Hause. – »Wenn wir Alle gehen,« gab ich ihr Bescheid. Für Morgen standen schon wieder die gräßlichen Aufstände in Sicht: Frieda und Ida, Frieda und Max, Max und ich, ich und Frieda und Max, Ida und ich, ich und Doris. Und zuletzt ich und mein Karl, der mir beistehn mußte denn allein fühlte ich mich dem Kommenden nicht gepanzert.

Das war jedoch noch nicht der Rest. Im Gegentheil, Emmi kam auch. – »Wo ist Franz?« – »Emmi, warum so erregt.« – »Ich frage, wo ist Franz?« – »Ich hab ihn nicht in der Tasche.« – »Er ist heimlich gegangen.« – »Wohl zu einem Patienten.« – »Mama, jeden Abend um elf verschwindet er seit einiger Zeit.« – »Kind, er ist Arzt.« – »Das sagt er auch, aber die Assessorin Lehmann weiß es besser.« – »Was weiß Die?« – »Er hintergeht mich.« – »Unsinn.« – »Die Lehmann kennt die Welt, sie traut ihrem Manne auch nicht.« – »Lehmann ist doch nicht Dein Mann, was geht Dich Lehmann an?« – »Mama, daß Franz mich hier auf dem Balle verlassen kann ist Beweis genug. Ich fahre jetzt mit Lehmanns, wenn Du Franz siehst sage ihm er wisse wohl warum. Morgen komme ich zu Dir. Vielleicht gleich mit den Kindern.« – »Emmi!« – »Hast Du selbst nicht auch von Anfang an Verdachte gegen ihn gehegt? – »Aber ich bitte Dich ... – »Das kannst Du nicht läugnen, Mama, o, Du durchschautest ihn.

Die Lehmann winkte ihr und beide gingen dem Ausgange zu.

Das sollte nun ein Ballvergnügen sein. Alle waren im vollsten Ergötzen. Licht, Musik, Lust und Leben, wohin man sah, blos ich allein saß auf eitel Sorgen und Kümmernissen.

Da legte sich eine leichte Hand auf die meine. »Warum so nachdenklich?« fragte Erika. – »Ich bin müde.« – »Dann wollen wir gehen.« – »Amüsiren Sie sich denn nicht?« – »Ich hätte nie gedacht, daß ein Ball so entzückend sei.« – »Es ist Ihr erster, aber werden Sie Ballmutter, dann denken Sie anders. Haben Sie viel getanzt?« – »Nur einigemale mit Fritz.«

»So ist's recht, er hält sicher und tanzt sinnig, wenn es sein muß. Auf meine Luft nahm er auch Bedacht. Da kommt er.«

Onkel Fritz war mit dem Aufbruch einverstanden. Er holte meinen Karl aus den Nebenräumen, wo er einen kleinen Whist mit einigen älteren Herren gespielt hatte. Frieda, der die Wuth- und Aergerthränen in den Augen standen, strebte fort, nur Ida wollte bleiben. »Ich mache solches Furore,« sagte sie, »ich bin noch fünfmal engagirt.«

Das war ungelogen, denn ihre Tanzkarte war mit Namen bedeckt.

»Fritz« fragte ich leise, »was hast Du angestellt, um dieses Abscheu ... das ist sie für mich ... nahezu in eine Ballkönigin zu verwandeln?«

»Ein kleines Börsenmanöver Wilhelm. Ich verbreitete, sie sei eine Waise mit achtzigtausend disponiblen Thalern, und da Viele ihre Schwiegereltern am liebsten kalt genießen stieg sie sofort im Kours. Paree, daß viele Herren Morgen ihren Besuch machen?«

»Das fehlte noch! – Aber Kinder laßt uns gehen! Ich bin wirklich angegriffen, denn Ballmutter ist nicht blos für den eigentlichen Abend eine Aufreibung, ach nein, das Schwerste hat sie vorher auszustehen ... und manchmal auch nachher. – Fritz, mummel Erika gut ein, daß sie sich nichts wegholt.«

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