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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Unter uns.

Wenn man seine Töchter verheirathet hat, dann ist man sie los; an dieser ewigen Wahrheit läßt sich nicht rütteln noch rippeln, denn sie stimmt mit dem überein, was mir geschehen ist, obgleich meine Aelteste sich noch auf dem Wege zum Traualtar befindet.

Ich sagte schon vor einigen Wochen zu meinem Karl: »Wie wird es mit dem diesjährigen Weihnachten?« – »Wie meinst Du das, Wilhelmine?« – »Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wo er gefeiert werden soll,« gab ich zur Antwort und sah meinen Karl dabei an, als begriffe ich ihn nicht. Er setzte hierauf seine Ueberlegungskraft pflichtgemäß in Thätigkeit, aber er brauchte doch ein ziemliches Ende Zeit, bis ihm der nöthige Edison aufging und er zu dem Resultat kam: »Es wird schwer zu machen sein, Wilhelmine.« –

Es war ja klar, daß Emmi und der Doktor bei sich zu Hause den Zwillingen aufbauen wollten und keinen Sinn für die Landsbergerstraße haben würden. Ob wir auch Onkel Fritz mit Bestimmtheit bei uns sehen würden, darüber stand dito noch nichts Gewisses im Protokoll der Zukunft, da er unberechenbar ist, wenn es gilt, sich den vernünftigen Anordnungen anderer Leute zu fügen.

Ida verbrachte die Festwoche in Zehlendorf bei ihren Eltern und nahm Frieda mit sich. Wenn auch Frieda und Ida sich nicht besonders zärtlich standen, so nahm Frieda die Einladung dennoch mit Dank an, wahrscheinlich um nicht sagen zu müssen, daß sie wohl ein Vaterhaus habe, aber keinen Vater darin, mit dem sie feiern könne, daß sie kein Wohlgefallen auf Erden zu seiner jetzigen Frau hege, die nie die Schwelle hatte betreten dürfen, über welche einst ihre Mutter hinausgetragen wurde. Es muß hart sein, an dem Weihnachtsabend das Herz des Vaters fliehen zu müssen, weil er es unwürdig vergab.

Betti dagegen und Felix waren sicher, aber man kann doch kein Familienfest feiern, wenn die Hälfte Familie ausbleibt?

Als mein Karl immer noch nachsann, fragte ich spitzfindig: »Ist das Alles, was Du in der Abendschule gelernt hast?« worauf er nun mit einer ganz neuen Idee angeländert kam, indem er sich dahin äußerte, wir könnten alle bei Doktors gehen und unser Haus zuschließen.

»Karl,« sagte ich, »so lange ich lebe, wird hier im Hause aufgebaut und sollte ich ganz allein vor dem Tannenbaum sitzen und die Honigkuchen mit meinen Thränen netzen über die Undankbarkeit der Welt.« – »Wilhelmine, Du übertreibst.« – »Seit wann? Das wäre mir neu.« – »Du bist gereizt ohne Ursache.« – »Ohne Ursache?« fragte ich scharf nach, »willst Du, daß die Töchter uns ganz entfremdet werden? Kann ich die Kinder nicht mehr am Weihnachtsabend bei mir sehen, soll ich an diesem Abend als Fremdling bei den Schwiegersöhnen geduldet werden, dann schlagt mich nur lieber gleich todt und laßt mich verbrennen, so sehr ich sonst dagegen bin, und streut meine unglückliche Asche in alle vier Winkel. Was nütze ich dann noch auf der Welt?« – »Wilhelmine, wer zu viel sagt, der sagt gar nichts.« – »So?« – »Ich bitte Dich, bringe mich nicht auf.« – »Laß Betti nur erst verheirathet sein, dann können wir am Weihnachtsabend auf der Straße liegen.« – Ich hatte ja längst darauf verzichtet, Oberleitung über meine Kinder zu haben. Gab ich die Töchter nicht den Männern, welche sie liebten und entsagte damit den heiligsten Rechten? Hatte ich mich nicht darin gefunden, daß das größere Theil ihrer Liebe nun einem mir fremdstehenden Manne gegeben wurde, und für mich nur der kleinere Rest blieb, so ein bischen Gewohnheitsliebe? Hatte ich dies Opfer gebracht oder nicht? – Ich hatte es.

Nun aber kam der Prüfstein – der Weihnachtsabend. Hätten sie nicht Alle sagen müssen: »Mama, nur bei Dir können wir ihn verbringen, bei Dir ist unsere Heimath, unsere Liebe zu Dir ist die alte?« Und Onkel Fritz, hätte er nicht ebenfalls sagen müssen: »Wilhelmine, ich kann von jeher nicht anders denken – mit Ausnahme vom Feldzug – als daß ich diesen seligen Abend mit Dir verlebte?« Aber was für fahrplanlose Antworten gab er, als ich ihn anging, mit der Erika bei uns zu sein. – »Ich weiß nicht, ob es sich machen läßt,« sagte er, »Erika hat versprochen, Weihnachten nach Lingen zu rutschen.« – »Und natürlich Du mit?« rief ich. – »Wahrscheinlich,« erwiderte er, »Du weißt doch: getheilter Schmerz ist doppelte Freude.«

»Das ist der Segen, wenn man eine Auswärtige nimmt,« dachte ich bei mir. »Wo er so sehr gegen ihre Verwandtschaft ist, kann er doch nicht darauf rechnen, daß die Volksbelustigung auf beiden Seiten eine vergnügte ist. Aber Mancher ißt in den Flitterwochen die angebranntesten Nahrungsmittel herunter und beeidigt, es schmecke ihm paradiesisch, bis er zuletzt genug von der Tischkarte hat und sich vorher im Wirthshaus mit etwas Genießbarem ansättigt, woraus natürlich nur Spektakel entsteht. Deshalb läßt Onkel Fritz sich diesmal vielleicht nach Lingen hinschmeicheln, wogegen er im nächsten Jahr entschieden für Obst dankt, womit ich die Großmutter gemeint haben will, denn die ist in meinen Augen eine richtige Giftmorchel mit Massenerkrankung.

Dies konnte selbst Onkel Fritz nicht leugnen, denn so oft er in der ersten Zeit seiner Verheirathung ein bischen spät aus dem Gesangverein »Keuchhusten« nach Hause kam, setzte die Erika ihm Mittags darauf jedesmal Besingssuppe oder Apfelbrühe mit Zwieback und ähnliche Labberigkeiten vor, gegen die Onkel Fritz tief eingewurzelte Verachtung hegt.

Schließlich und zuletzt riß ihm die Geduld und er fragte, wie sie dazu käme, ihn ausgerechnet jedesmal mit Fruchtsuppen zu plagen, wenn er seine Freunde aufgesucht hätte? Ob sie ihn zum Besten haben wollte? – Hierüber war sie sehr bestürzt geworden und hatte dann gesagt, sie verstände ihn gar nicht. Die Großmutter hätte ihr ans Herz gelegt, für Männer, die unpräzise nach Hause kämen, wäre am nächsten Mittag dünne, süße Suppe das Beste; Heilsameres gäbe es nichts auf der Welt.

»Eine liebe, alte Frau, die Großmutter,« hatte Onkel Fritz hierauf geantwortet, und als Erika dahinter kam, daß die Krankennahrung nichts als baare verkappte Arglist war, hat sie ihn vieltausendmal um Verzeihung gebeten, worauf er bereitwilligst einging. Denn sobald sie ihn mit den großen blauen Augen anfleht, kann er ihr nichts abschlagen. Woran das liegt, das ist für meinen Scharfsinn geradezu unverdaulich, wäre es nicht ungebildet, würde ich glauben, sie hätte ihn behext. Aber womit und wie kann man das?

Wenn er nun also doch nach Lingen wollte, so geschieht das nur, weil die Erika ihren blauen Augenzauber zu Hilfe genommen hat, oder weil er mit der Großmutter einen Ton zu reden beabsichtigt. Das letztere könnte allenfalls das Reisegeld werth sein.

Da mein Karl ohne Erfindungsgabe blieb, sagte ich: »Wenn die Angehörigen nicht kommen wollen, so lade ich Fremde ein. Herr Max ist leider auf Reisen, aber Herr Kleines kommt gewiß gern.« – »Willst Du Herrn Pfeiffer nicht ebenfalls bitten?« – »Thu ich auch.« – »Wollen die Andern unter sich bleiben, so zeige ich ihnen, daß wir auch unter uns sein können.« – Damit war die Sache vorläufig erledigt.

Meine Einladungen wurden angenommen, und ich bekam meinen Willen durchgesetzt. –

Und so rückte der vierundzwanzigste Dezember heran. Es war munkliges Wetter an diesem Tage, das mit meiner Stimmung sehr zusammentraf, denn auch mir war nicht festlich zu Muthe, da ich mir nicht verhehlen konnte, es sei doch wohl am vernünftigsten gewesen, die gemeinsame Feier bei Doktors zu verlegen; aber wie hätte es ausgesehen, wenn man die Einladungen wieder abwiegelte?

Als es dämmerte, hielt es mich nicht länger, ich mußte dabei sein, wie Emmi bescheerte.

Franz und Fritz, die beiden Zwillinge waren zu süß, – ›zum Einmachen‹ wie Amanda immer sagt – und wenn sie auch noch kein hohes Verständniß hatten, so merkten sie doch, daß dieser Abend ein außergewöhnlicher sei, namentlich Fritz, der überhaupt mehr von der Buchholzischen Art an sich hat und veranlagtere Geisteskräfte. Er sah den Tannbaum so nachdenklich und gefühlvoll an, wie es kaum von seinem Alter zu verlangen war, während Franz größere Neigung zu den Spielsachen und besonders zu den Eßwaaren empfand. Alles, was sie bekamen, war doppelt da und das nahm sich sehr niedlich aus: die kleinen Schuhe, die Strümpfchen, die Sonntagskleiderchen und Hütchen, ganz reizend und praktisch, und zum Spielen meist nur Unzerbrechliches. Großmama Buchholz weihte zwei Spartöpfe, stilvoll lackirt mit dem entsprechenden Namen darauf. Daß sie beim Schütteln klapperten, dafür hatte mein Karl gesorgt und dies machte dem Doktor ausnehmendes Vergnügen. Er sagte, der civilisirte Mensch könnte nicht früh genug anfangen zurückzulegen.

Wir mußten jedoch aufbrechen, um den Pflichten nachzukommen, die wir uns auferlegt hatten. Unterwegs sagte mein Karl: »Es war so hübsch dort. Bereust Du jetzt Deine Eigenwilligkeit? Könnt ihr Frauen denn nie dahinter kommen, daß ihr nicht immer recht habt?«

»Man sieht es sehr gut ein,« erwiderte ich, diese Verunglimpfung unseres ganzen Geschlechts abweisend, »aber ...«

»Aber?«

»Man will es nicht immer einsehen. Uebrigens bitte ich Dich, sprich nicht über Dir fernliegende Gegenstände.«

Betti und Felix erwarteten uns, als wir wieder zu Hause anlangten. – Wir plauderten noch ein Weilchen und als nachher Herr Kleines und Herr Pfeiffer erschienen waren, ward der Baum angezündet. – Als er brannte schwieg ein Jeder und feierliche Stille erfüllte das Gemach. Es waren ja auch keine jubelnden Kinder da und die Erwachsenen die den Baum umstanden, mochten sich wohl wieder in jene Zeit zurücksehnen, deren Freuden rein sind wie des Himmels Licht. Und Sehnsucht ist stumm.

Erst die gegenseitigen Geschenke riefen die Unterhaltung wieder zurück. Die beiden Herren drückten ihren Dank aus, den heiligen Abend in einer Familie begehen zu können, wobei Herr Pfeiffer gar nicht tiefer mit der Stimme reichen konnte, und auch Herr Kleines ließ es an gesittetem Wesen nicht mangeln. Sein hungriges Aussehen mahnte mich jedoch daran, daß es Zeit sei, zu Tisch zu gehen. Gerade als ich die Aufforderung hierzu loslassen wollte, kam unerwarteter Besuch, nämlich Onkel Fritz und Erika.

»Nanu?« rief ich. »Ihr seid nicht in Lingen?«

»Wie Du siehst, nein,« entgegnete Onkel Fritz. »Sind wir Dir aber ungelegen, so sag' es nur, dann kehren wir um, zünden unser Bäumlein wieder an und bleiben unter uns.« – »Ih, wo denn doch. Das ist ja prächtig. Eine schönere Ueberraschung hättest Du gar nicht austifteln können. Bedenke doch, was wäre mir ein Weihnachten ohne Dich?«

Ich nahm ihn bei Seite: »Hat Deine Frau sich denn leicht darin gefunden, daß sie nicht zu den Ihrigen gekommen ist?« – »Ausgezeichnet,« antwortete er. – »Sah sie es ohne Weiteres ein?« – »Sofort.« – »Wie war das möglich?« – »Ich ließ ihr das Reisen von Dr. Wrenzchen als ungesund verbieten.«

Ich blickte ihn fragend an. Er nickte mir lächelnd zu. »Fritz,« rief ich, »Du bist erst so kurze Zeit verheirathet und benimmst Dich bereits erstaunenswerth als Ehemann, wo hast Du das her?«

»Das sind Gaben,« antwortete er. »Außerdem habe ich Dich und Deinen Karl zum Muster genommen.«

Ich wollte ihm diesen kleinen Ausfall wieder vergelten, aber die Thür ging und in demselben Moment traten der Doktor und Emmi herein, begleitet von Dr. Paber. Dies überwältigte mich so, daß ich kein Wort hervorbringen konnte. Nun waren sie alle da, alle miteinander. Die Liebe hatte sie hergeführt ... ich hatte mir nur eingeredet, daß sie im Erlöschen begriffen sei, daß die neue Heimath die alte vergessen machte und uns, die wir zurückgeblieben waren.

Als ich mich wieder besonnen hatte, sagte ich: »Kinder, es ist ja herrlich, daß ihr versammelt seid, aber ob ich mit den Karpfen lange, das ist eine andere Frage? Wenn die Fischhandlungen zu sind, müssen wir die Zwischenräume mit Stullen ausfüllen.

Herr Kleines stängelte mit einigen komischen Sätzen an mich heran und sagte: »Nichts leichter als das. Wieviel?« – Ich schätzte ab: »Der Doktor schlägt eine gute Klinge, Onkel Fritz läßt sich auch nicht lange nöthigen, Dr. Paber darf nicht zu kurz kommen ... 'n Pfunder sechse bis achte.« Kaum hatte ich gesagt, wieviel wir wohl noch brauchten, als Herr Kleines rief: »Ich schaffe sie« und zur Thür hinauseilte. An ein Zurückhalten war nicht zu denken. Er die Treppe hinuntergeschossen wie ein gut geölter Blitz, daß ich ihm kaum noch nachrufen konnte: »Aber ja Rogener.«

Reumüthige Sünder sind diensteifrig, um sich wieder beliebt zu machen. Trotzdem wird er nur zu größeren Gesellschaften zugezogen, in kleineren beträgt er sich zu intim.

Nach einer Weile kam Herr Kleines mit den Karpfen, er war mit einer Droschke erster Güte in die Stadt gefahren und hatte richtig noch einen offenen Fischhändler erwischt. Natürlich hatten sie ihm milcherne angeschmiert. Aber so geht es den Herren beim Einkaufen immer; nur wollen sie es nicht einsehen.

Das machte aber nichts, denn es war genug Rogen bei dem ersten Antheil, auf den ich mich Anfangs eingerichtet hatte, so daß die Herren genügend bekommen konnten; wir Damen leisteten bis auf ein Pröbchen Verzicht.

Selten sah ich eine solche Eßfreude wie an diesem Abend, denn es war mittlerweile sehr spät geworden; zum Glück kamen wir reichlich aus. Und warum sollte es ihnen nicht schmecken? Alle, die wir fröhlicher Dinge waren, gehörten zusammen: verwandt und befreundet waren wir ja unter uns und die Kerzen des Weihnachtsbaumes hatten mild gestrahlt, wie Friedensbotschaft aus den Tagen, als wir Alle noch nicht wußten was Trennung heißt.

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