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Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine

Julius Stinde: Der Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDer Familie Buchholz dritter Theil. Frau Wilhelmine
publisherVerlag von Freund & Jeckel
year1886
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correctorJosef Muehlgassner
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Winterabende.

Der genaueste Zeitmesser für den Winter ist das Petroleum, je mehr man davon gebraucht, um so länger sind die Abende und um so schwieriger ist es, sie so zu verkürzen, daß Jeder sie genußreich findet.

Ist man den ganzen lieben Tag zusammen, gestern ebenso und vorgestern und morgen und übermorgen auch, was soll man sich da schließlich viel Neues erzählen, zumal wenn man fremde Ohren im Hause hat. Sagt man Dieses oder Jenes, wer weiß, wie es wieder hinterbracht wird? Dabei braucht keine boshafte Absicht vorhanden sein, durchaus nicht, aber die harmloseste Harmlosigkeit wird verdorben, so wie sie auf boshafte Zungen geräth, und an dieser Sorte ist leider kein Mangel. Beinahe möchte man Onkel Fritz beistimmen, der mit den neueren Professoren dafür ist, daß der Mensch vom Schimpansen abstammt, weil die menschliche Kreatur ebenso voll Bosheit sitzt, wie die Affen, wenn es nur nicht räthselhaft wäre, wer uns denn wohl gefüttert hat, als wir noch im Käfig herumsprangen? Also müssen doch Menschen dagewesen sein!

Unser Familienverkehr war mittlerweile etwas eingeschränkt worden. Allein lassen kann man Stützen nicht, weil keine Weisheit den Unfug vorauszusehen vermag, den sie vorläufig vertuscht haben, wenn man zurückkehrt, und in einer Gesellschaft liebliche Konversation führen kann ich nicht, wenn man alle Augenblicke denken muß: ›welches Schubfach sie jetzt wohl untersuchen‹ – ›ob sie wohl heimlich ausgerückt sind‹ – ›ob die Lampe wohl vom Tisch fällt‹ – ›ob ich das Haus wohl als Feuermeer wieder finde, oder wenigstens mit der Dampfspritze davor, – wie ist es da möglich, sich mit vollem Interesse der Streitfrage hinzugeben, ob ein Sänger in der Oper einen Ton zu hoch oder zu niedrig genommen hat, oder ob die Kirschen in diesem Jahr billiger und größer oder im vorigen kleiner aber süßer gewesen sind?

Mit meinen Stützen machte ich deshalb nur sehr vereinzelte Besuche, theils um erst zu sehen, ob man auch anstößt, wenn man sie einführt, theils um ihnen Verlegenheiten zu ersparen. Nimmt man junge Mädchen von einer nicht ganz völligen gesellschaftlichen Stellung mit aus, werden sie ja sehr freundlich ausgenommen und bewillkommt, aber es wird ihnen doch auch zu verstehen gegeben, ein andermal bleiben Sie lieber weg, denn wir kennen sie nicht, wissen nicht, wer Sie sind und haben Ihnen persönlich gegenüber gar keine Verpflichtung. Sehen wir Sie bei uns, geschieht das nur der Buchholzen zu Gefallen, oder wie die Dame gerade heißt, die mit der neuen Stütze frisch vom Bahnhof in die Familien zieht.

Erst nach und nach gelingt es dem Mädchen, sich selbst Anerkennung und Freundschaft zu erwerben, daß man sich um sie kümmert, sie mag, und schließlich schätzen lernt, wenn sie nämlich danach ist.

Richtig thut man daher, sie erst ablagern zu lassen und dann dahin zu führen, wo man meint, daß sie nicht nur hingehören, sondern auch mit ihren Fertigkeiten eine kleine Rolle spielen.

Wir blieben durchschnittlich des Abends bei uns, nur damit die Theater auch leben konnten, gingen wir manchmal der Abwechselung wegen hinein, meistens als Familie mit Anschluß oder besuchten die Reichshallen und Konkordia, wo man sein Geld für Gliederverrenkungen hinlegt, oder sonst im bürgerlichen Leben Unmögliches, was sie Spezialitäten nennen, die theils plaisir, theils Angst einjagen.

Die dressirten Seehunde machten mir dagegen Spaß, obgleich ich nicht begreife, warum sie Cigarren rauchen lernen? Andererseits finde ich es sehr zweckmäßig, daß man ihnen das Retten von Wasserleichen beibringt, wie sie mit einem Knaben thaten, der in dem Bassin Ertrinken spielte, wodurch sie den Nordpolfahrern nützlich werden können. Onkel Fritz, der mit war, meinte freilich, es wäre ganz gleich, ob eine offene Durchfahrt am Pol entdeckt würde, da sie doch immer zugefroren sei, aber trotzdem haben dressirte Seehunde etwas Wissenschaftliches und die paar Groschen sind nicht weggeworfen.

Auch die Clowns, welche den Lacherfolg erfunden haben, sind Geld werth. Wenn man meint, er steht, dann fällt er, und wenn er sitzt, steht er auf dem Kopf.

Es ist überhaupt erstaunlich, wie Leute ihr Leben daran setzen, um zu leben. – »Dankt Eurem Schöpfer,« sagte ich zu Betti und den Stützen, »daß ihr nicht auf Stuhllehnen balanciren braucht, wenn sie mich auf das schwebende Trapez kriegten, wie unten läge ich wohl.«

So ward nicht blos die Schaulust befriedigt, sondern auch der Geist erhoben, der in Spezialitätentheatern nur mager wegkommt.

Da aber die Geistesrichtung den Charakter bildet, kam es hauptsächlich auf seine häusliche Pflege an, wozu Gespenstergeschichten jedoch ungeeignet waren, weil Idiß dann nicht allein schlafen wollte. Allerdings sind sie kurz vor Mitternacht erzählt am schönsten. Statt dessen entschlossen wir uns zum Vorlesen.

Betti meinte die Zeitung, da erführe man gleich das Neueste.

»Sag lieber das Schrecklichste,« rief ich. Alles, was Menschen Gräßliches begehen, steht sofort in der Zeitung. Wenn ein Missethäter hingerichtet wird, obgleich nur wenige Zuschauer eingelassen werden, berichten nicht die Blätter, wie er bleich wurde, wie sie ihn fesselten, wie sie ihn hinwarfen, wie sie zuhackten, wie er spattelte und wie das Blut in den Sand sieperte und wie erbrechend dabei zu stehen war? Warum denn kriegt man es gedruckt Morgens nüchtern, wenn es den Theilnehmern schlecht bekommt, daß sie noch wochenlang kein Rostbeef mögen?

Und wo Einer Einen todtschlägt, er wird in die Zeitung gewickelt; wo Einer betrügt, durchgeht, stiehlt, sich und Andere vergiftet, die Zeitungen nehmen sich seiner liebreich an, sogar aus früheren Jahrhunderten, wenn Flauheit in Verbrechen eintritt. Sobald Einer für einige Tage berühmt werden will, verrichtet er irgend etwas Fluchwürdiges, und die Zeitungen thun ihm den Gefallen, geradeso wie die Pennbrüder: wenn sie kein Obdach finden, schlagen sie Schaufenster ein und das geheizte Gewahrsam öffnet sich ihnen huldvoll.

Manche, die sich vergangen haben und ihre Buße erlitten, wünschen vielleicht weniger bekannt zu werden – wer weiß auch, welche Noth, welche Uebereilung den Menschen trieb –, aber es nützt ihnen nichts, sie werden vor das große Publikum geschleppt, ihr Schandflecken wird so recht breit gerieben, überall hin, wo er sonst nicht kündbar war, damit es mehr Thränen kostet, ihn auszuwischen und mehr Reue ihn wegzurubbeln, aber nun ist er zu groß und er bleibt.

Der Schandpfahl ist abgeschafft, es war auch kein tolerantes Geräth, aber giebt es nicht Zeitungen, die das Prangerstellen mit ungeschwächten Kräften fortsetzen?

Sie thun es. – – Und wir?

Hand aufs Herz ... wir finden es amüsant. Eine Zeitung, die solche Gräsigkeiten ausschließt, ist langweilig.

Und was heißt eigentlich amüsant? – ›Belustigend‹ heißt es. – Sind wir nicht sehr hochgebildet, daß Mord, Todtschlag und schmutziges Laster uns belustigt?

Einige nennen es ›interessant‹, aber es ist dasselbe wie amüsant, denn wo das Vergnügen zu kurz kommt, ist es auch nicht interessant und Niemand geht hin.

Die geistige Ueberwachung der Stützen, machte es daher zur Pflicht, sie vor dem allzu Blutrünstigsten zu bewahren, denn entweder das Gelesene hat einen Einfluß oder es ist wirkungslos, und kann auf Eisenbahnfahrpläne und Preiskurante beschränkt werden.

Für das abendlich Literarische suchten Betti und ich vorher Angemessenes zurecht und wenn Eine von den Stützen eine Ermahnung nothwendig hatte, ward irgend eine Geschichte gelesen, worin dasjenige vorkam, was sie verbrochen hatte, das heißt, wenn solche grade da war. Als Ida neulich beim Plätten meine Morgenmütze gänzlich versengert hatte, schenkte ich sie ihr. Abends lasen wir vom Hamburger Brand, weil der noch am besten paßte und aus Vorsicht mit Feuer, heißem Eisen und dergleichen hingewiesen werden konnte.

Für Frieda fand sich letztens in ›Schorers Familienblatt‹ eine Erzählung, wie für sie geschrieben, da sie im Stande ist über ein Kostüm ihren Verlobten zu vergessen und ein tieferer Sinn darin lag, den sie sich zuziehen durfte.

Als wir gegessen hatten und mein armer Karl in seinen knellerigen Bezirksverein mußte – bessere Ziehgarrn könnten sie auf Wahlkosten gerne bestellen, denn er kommt manchmal mit einem Dunstkreis nach Hause, daß man meint, sie hätten das ganze Tabaksmonopol aufgequalmt – setzten wir uns mit Handarbeit um den großen runden Tisch (noch ein altes Erbstück) und ich gab Ida das Blatt, worin die Geschichte von den ›weißen Kleidern‹ stand. Nachdem Ida ihrer Nase Luft verschafft hatte, wobei sie halb unter den Tisch kroch, um ihren Perpel von Taschentuch zu verbergen, da sie erst drei und ein halbes gesäumt hat, fing sie an:

»Es war ihr zehnter Geburtstag ...«

»Wer hatte den Geburtstag?« unterbrach Frieda.

»Nur Geduld, das werden wir wohl noch erfahren. Nur weiter Ida, aber mit mehr Tonfall.«

»Es war ihr zehnter Geburtstag,« las Ida, »und ein Sonntag dazu, daher ein doppelter Festtag. Die Mutter hatte in den letzten Tagen allerlei Heimlichkeiten gehabt und war des Abends noch spät aufgeblieben, wenn sich der Vater schon längst zur Ruhe begeben hatte. Die Kleine aber bemerkte wohl, daß etwas vorging, denn das Licht der Lampe fiel durch die etwas geöffnete Kammerthür gerade auf ihr Bettchen und weckte sie mehr als einmal aus Schlaf und Traum. Dann dachte sie wohl darüber nach, was der helle Schein zu bedeuten habe, aber sie getraute sich nicht, laut zu fragen, und schlief wieder ein, um weiter zu träumen von ihren Puppen, von den Spielsachen, von den Schularbeiten und dem Strickzeug, das ihr gar wenig Freude bereitete.

Am Geburtstagmorgen bekam sie jedoch zu wissen, weshalb die Mutter so oft aufgesessen. Da wurde ihr das Geheimniß in Gestalt eines weißen Kleides überreicht: garnirt mit Spitzen – wenn auch nur baumwollenen, weil große Ausgaben nicht gemacht werden durften – und mit einer Schärpe von rothseidenem Bande. Neu war das Band auch nicht, die Mutter hatte es früher getragen, aber wofür sind die chemischen Wäschereien da?

Es war eine wahre Pracht, das weiße Kleid; schöner konnte es keine Prinzessin haben, wenigstens nicht moderner, wie die Mutter meinte, die sich das Schnittmuster von einer Bekannten geborgt hatte, welche in einem ersten Garderobengeschäft in der Friedrichstraße konditionirte und wohl wußte, was nobel sei und was nicht. »Und was wird das Kind für Staat machen, wenn wir heute Nachmittag zusammen ausgehen!« rief die Mutter aus, der das auf den kleinen Kreis beschränkte Familienlob für ihrer Hände Arbeit nicht bedeutend genug erschien. »Unser Kind kann sich vor Leuten sehen lassen und zumal in dem neuen Kleide. Unterwegs kaufen wir einen neuen Hut, der dazu paßt, mit dem alten kann sie so wie so nicht mehr gehen. Ich hab' schon einen im Ladenfenster gesehen, der gar nicht ein mal theuer ist!«

»Ich denke, es ist genug an dem Kleide,« antwortete der Vater ruhig. »Du weißt, Frau, daß wir uns sehr nach der Decke strecken müssen, mein Gehalt ist nur klein. – Und dann möchte ich nicht, daß das Mädchen eitel würde. Das wäre das schlechteste Geschenk zu ihrem Geburtstage und möchte uns Allen auf die Dauer nicht gut bekommen.«

»Aber Mann, soll das Kind denn wie eine Vogelscheuche aussehen? Ich bitte Dich: ein neues Kleid und ein alter Hut, die vertragen sich ja gar nicht mit einander. Sollen die Leute unterwegs fragen, was das für eine Vogelscheuche ist, die da mit dem neuen weißen Kleide und dem abgetakelten Hut? – Nein, lieber zieht Mathilde das Kleid gar nicht an, als daß sie zum Gespötte der Menschen wird, lieber will ich die Nächte umsonst aufgesessen und mich abgearbeitet haben, lieber gehen wir heute gar nicht aus, worauf ich mich so sehr gefreut habe, lieber ...« Hier waren der Frau die zur Schilderung ihres Kummers nöthigen Steigerungen ausgegangen, und deshalb stellte sich das Argument der Argumente ein: lautes weinen. Das Kind weinte mit, ohne zu wissen warum, und der Hut wurde bewilligt. Mit der Feststimmung aber war es vorbei.

Das Mittagessen wurde still eingenommen, ohne fröhliches Geplauder, wie sonst wohl bei ähnlichen Gelegenheiten, und nach dem Essen gingen Mutter und Kind an die Toilette, denn man wollte etwas von dem Nachmittag haben. Der Vater las während dieser Zeit in dem Blatte, das er mit den Nachbarsleuten zusammen hielt, aber es war ihm nicht Ernst mit dem Lesen, denn mehr als einmal blickte er von der Zeitung auf und sah vor sich hin, wie in eine weite, weite Ferne, als suchte er hineinzuschauen in die Zukunft.

Da öffnete sich die Kammerthür und sein Kind trat heraus, angethan mit dem weißen Kleide und der rothen Schärpe, in Glückseligkeit strahlend. Die Augen glänzten so hell und klar, wie Kinderaugen nur glänzen können, die Wangen glühten in freudiger Erregung und die blonden Locken umrahmten das fröhliche Leben goldig schimmernd, wie ein Frühlingssonnenstrahl, der die Blüthenknospen wach küßt. Der Vater stand auf und wollte sein Kind in die Arme schließen und entzückt an sein Herz drücken, das aber wehrte ihm und sprach: »Papa, Du zerknitterst mein neues Kleid.«

»Hast Du mich denn nicht mehr lieb?« rief der Vater.

»Gewiß!« antwortete das Rind, »morgen und alle Tage, nur heute nicht. Ich muß sehr auf mein neues Kleid Acht geben!«

Der Vater sagte kein Wort, sondern ging in die Kammer, um seiner Frau ernste Vorwürfe über den verkehrten Weg zu machen, auf den sie das Kind führe, über die Thorheit, dem Kinde den Putz höher erscheinen zu lassen, als die natürlichen Regungen des Gefühls. Die Frau entgegnete ruhig, das Kind müsse anfangen, etwas auf sich zu halten, es sei alt genug dazu davon verstände er als Mann nicht das Geringste. – Das Kind hatte während dieser Unterredung – da es doch einmal allein war – einen Stuhl mitten in das Zimmer geschoben und sich darauf gestellt und betrachtete im Spiegel voller Entzücken sein neues, weißes Kleid mit der rothen Schärpe aus dem chemisch gewaschenen, seidenen Bande.

Als die Familie am Abend spät wieder nach Hause zurückkehrte, war die Mißstimmung so gut wie verschwunden. Manches Auge hatte mit Wohlgefallen auf dem allerliebsten Mädchen geweilt und ihm freundlich zugelächelt; dem Zauber, den eine frisch aufblühende Menschenrose um sich verbreitet, kann sich ein empfänglicher Sinn nicht entziehen, er ist es, der die Phantasie den Himmel mit Engeln in der Gestalt lieblicher Rinder bevölkern ließ, wie sie die Dichter im Gesänge schildern und die Maler auf der Leinwand darstellen, und dieser selbe Zauber war es, der auf der Promenade im Thiergarten die Blicke der vorübergehenden hin und wieder auf das Kind in dem weißen Kleide lenkte.

Das schmeichelte der Mutter Eitelkeit; sie machte den Mann aufmerksam auf das Aufsehen, welches das Mädchen erregte, und stieß ihn jedesmal mit dem Ellbogen in die Seite, sobald Jemand der Kleinen Beachtung schenkte, und diese kleinen Merkzeichen verdrängten allgemach den Groll über das Vorhergegangene. Dem Kinde rief sie von Zeit zu Zeit in mütterlicher Sorge zu: »Mathilde, halte Dich gerade, die Leute sehen auf Dich!« Und Mathilde that, wie die Mutter befahl.

An diesem Abend war es, als hätte der Schlaf das Bettchen vergessen, welches er sonst so gut zu finden wußte. Die Kleine lag noch lange wachend und träumte, ohne die Augen zu schließen, von schimmernden seidenen Kleidern, die sie gesehen, von Hüten mit Blumen und Federn darauf, von goldenem Schmuck und blitzenden Steinen. Wenn sie doch auch solche Sachen haben könnte! Ebenso schön und noch schöner, wie die Damen, die vorüberfuhren und die sie in dem hellerleuchteten Garten lachend und scherzend auf- und abwandeln sah. Was für Augen die Leute dann wohl machen würden? An ihre Puppen und Spielsachen dachte sie nicht ... die waren von heute an abgesetzt. –

*

»Ist die Geschichte schon aus?« sagte Frieda.

»Es kommt noch ein ebenso langes Ende,« entgegnete Ida, »hier sind nur drei Sterne zum Luftholen.« – »Die bedeuten eine Pause, oder daß eine längere Zeit dazwischen liegt«, belehrte ich die Jugend, welche im Literarischen nicht so die Erfahrung hat. »Wenn ein Schriftsteller das Nachdenken der Leser erregen will, dann lenkt er seine Blicke auf solche Sterne, wie ja der gestirnte Himmel hauptsächlich zum Nachdenken geschaffen worden ist. Nun wollen wir auch unsere Gedanken austauschen? Wie zum Beispiel gefällt Ihnen das Kind, Ida?«

»Welches Kind?«

»Nun das, von dem Sie eben gelesen haben?«

Ida ward verlegen. – »Aha, die gute Wirkung macht sich geltend, die Geschichte hilft wie etwas Apothekeriges,« dachte ich und hielt es daher für angebracht, sie in ihrem Urtheile zu ermuthigen. »Sprechen Sie nur unbeirrt, Ansichten sind zollfrei.« – »Ich ... ich« stotterte sie, »ich ... wenn ich vorlese, weiß ich eigentlich nie recht, was ich eigentlich lese ...

Betti lächelte vor sich hin und stickte weiter, ohne aufzusehen.

»Wie denkst Du Frieda?« suchte ich diese ins Gespräch zu bringen.

»Ich begreife nicht, wie man über ein Waschkleid so viel Geseires machen kann,« entgegnete Frieda. »Und damit noch nach Kroll's gehen, finde ich einfach schofel.«

»Es steht kein Wort von Kroll in der Geschichte.«

»Wo sollten sie sonst wohl gewesen sein?«

»Wir wollen fortfahren. Betti, nimm Du das Blatt, Fräulein Schulz wird zuhören. Ich würde selbst am liebsten lesen, aber Ihr wißt ja: mein Oden. Jedoch mit Aus- und Nachdruck, Betti.

Betti las weiter:

»Eine Reihe von Jahren ist verflossen. Die Kinderschuhe wanderten schon längst zum Trödler, aus dem weißen Kleid wurden zuletzt Wischlappen, die, wenn es ihnen gut erging, ihre Auferstehung in einer Papiermühle feierten. Das Kind aber war zur schönen Jungfrau herangeblüht, die Knospe hatte gehalten, was sie einst versprach.

Der Vater wußte, welch' ein gefährliches Geschenk des Schicksals die Schönheit ist, wenn nicht Rang und Reichthum sie fest umhegen, und er wachte daher mit Argusaugen über der Tochter Thun und Lassen zum größten Leidwesen der Mutter, die so gern mit ihrem Kinde geglänzt hätte.

Man machte der Tochter Anerbietungen, als Comtoirdame in elegante Etablissements einzutreten und bot geldliche Gegenleistungen, die wohl dazu angethan waren, die tägliche Sorge von der Familie fernzuhalten, jene Sorge um rechtes Auskommen, die mit den Jahren ebenso zunahm, wie die Ansprüche an das Leben größer mit dem Heranwachsen des Kindes wurden. Man konnte sich doch nicht von Allem zurückziehen, sich nicht in der Häuslichkeit vergraben, man war sich selbst und der Tochter schuldig, dieses und jenes Vergnügen mitzumachen, und ärmlich durfte man keinenfalls erscheinen. Was würden die Leute davon denken? Und all' und jeder Umgang war auch nicht nützlich, wenn man auf eine gute Partie für das Mädchen nicht Verzicht leisten wollte.

So häuften sich die Sorgen, und je mehr diese heimisch wurden, um so weniger ließ die Zufriedenheit sich sehen, die zuletzt nur dann und wann eine kurze Visite machte, da sie früher doch zur Familie gehörte.

Es fehlte der Tochter nicht an Verehrern, aber neben der Schönheit stand die Armuth, und die wollten sie alle ungern zur Brautführerin haben bis auf Einen, den sie nicht schreckte, weil er sie selbst aus nächster Nähe kannte. Ein glänzendes Loos vermochte er dem schönen Mädchen nicht zu bieten, aber an Liebe für sie war er reich, unermeßlich reich. Er war zu wenig Philosoph, um den Begriff des Glückes auch nur andeutungsweise formen zu können, aber er fühlte tief in seinem Innern, daß auf der Welt etwas Großes, Herrliches, unaussprechlich Schönes vorhanden sein müsse, über das er sich nie ganz klar werden konnte, das er aber am bestimmtesten ahnte, ja es beinahe zu erfassen wähnte, so oft seine Gedanken sich mit dem schönen Mädchen beschäftigen, so oft er in ihrer Nähe weilte.

Er hatte ihr noch nie gesagt, wie lieb er sie habe, daß er für sie die schwersten Mühen ertragen, für sie seine Kräfte auf das Aeußerste anstrengen würde, denn seiner Hände Arbeit war ihm Alles gewesen bis dahin. Das war, was er ihr anbieten konnte außer seiner Liebe, nur fehlten ihm die Worte, so zu reden, wie er es ehrlich meinte.

Mathilde hätte nicht die Fühlung eines Weibes gehabt, wenn ihr die Liebe entgangen wäre, welche in dem Herzen des jungen Mannes für sie glühte, sie spürte wohl den erwärmenden Hauch dieser Gluth, sie sah sie aus seinen Augen hervorleuchten und fühlte den Widerschein auf ihren eigenen Wangen brennen, es war ihr, als ströme ein wundersames Leben von ihm aus, das ihr Herz rascher schlagen machte, und dennoch that sie, als wäre er ihr gleichgültig, wie alle Anderen. Er war ja nicht, wie die Leute es nennen, eine gute Partie. Ja, wenn sie Noth und Elend mit ihm hätte theilen wollen, dann würde sie ihm gesagt haben, daß sie ihm gut sei, wie keinem zweiten Menschen auf der Erde, aber sie hatte einmal wachend geträumt von Sammt und Seide, von bunten Steinen und schimmernden Schmuck, und in diesen Traum hatte sie sich fest hineingelebt, als gehörte er der Wirklichkeit an, dem vermochte sie nicht zu entsagen. Darum wehrte sie den Bewerbungen des jungen Mannes und achtete der Wirklichkeit nicht, sondern malte in der Phantasie die Zukunft mit den hellsten Farben aus.

Es fehlte aber ihrer Palette eine Farbe – die der Liebe.

Ihre Wünsche sollten in Erfüllung gehen, dafür sorgte die Mutter. Die wußte, daß ihre Tochter schön sei, sehr schön, die kannte Fälle, welche klar darthaten, daß Jugend und Schönheit mehr denn einmal ihr Glück gemacht hatten. Und ebenso gut wie dies schon bei Anderen geschehen war, konnte sich auch ein reicher Mann in ihre Tochter vergaffen, dann war ihnen Allen geholfen.

Vor allen Dingen mußten die Theater besucht werden, damit ihre Tochter gesehen werde; in einfachen bürgerlichen Kreisen war das Glück nicht zu finden, die Erfahrung hatte sie gemacht. Es wurde Zeit, denn schon waren die zwanzig Jahre da. Man schränkte sich im Hause ein, manche kleine Annehmlichkeit des Lebens wurde dahingegeben, der Tisch konnte noch sparsamer eingerichtet werden, als bisher, der Vater mußte sich fügen: er hatte stets zwei Stimmen gegen sich.

Nur dann wagten die Frauen kein Wort zu entgegnen, wenn er ihnen drohte: »Kommt meine Tochter eines Tages als Verworfene nach Hause, so sind wir geschieden.«

Das war der eine Grund, weshalb Mathilde für ebenso kalt wie schön galt. Man erzählte sich, daß nur eine Heirath ihren Sinn erweichen könne, und wußte lustige Geschichten, die selbst sogenannten Unwiderstehlichen passirt waren, welche versucht hatten, die Gunst der Spröden zu erwerben und höhnisch abgewiesen worden waren. Der zweite Grund aber war der junge Mann, von dem Mathilde wußte, daß er sie in Wahrheit liebte. Hätte Einer von den vielen, die sich zu ihr drängten, nur halb ihm geglichen, so würde sie seinen Versprechungen Glauben geschenkt haben.

Als endlich Einer kam, der sie zur Frau begehrte, schauderte sie innerlich zusammen, aber sie vermochte nicht »Nein« zu sagen, denn er warb um sie mit blinkendem Golde, mit Schmuck und Perlen, mit Allem, was ihr heißestes Wünschen so lange vergebens ersehnte.

Es war das ein Mann, dem ein wüstes Leben deutliche Spuren ins Antlitz geschrieben hatte, dessen Lippen nur im Hohn lächelten, dessen Blicke sie erröthen machten, wenn sie begehrlich auf ihr ruhten. Sie wußte nicht, daß die gute Gesellschaft ihn mied, wie einen Aussätzigen, daß er es nicht hätte wagen dürfen, sich um die Hand einer Tochter aus einem Hause zu bemühen, das auf guten Ruf hielt, sie kannte weder seine Vergangenheit noch sein jetziges Leben. Sie wußte nicht, daß er eine hohe Wette eingegangen war, daß es ihm doch gelingen werde, sie zu besitzen, und gab ihr Jawort, ihm mit Leib und Seele anzugehören, vor dem ihr heimlich graute.

So wurde das Ziel erreicht und so ging der Traum in Erfüllung, den sie einst als Kind geträumt hatte.

Es war wiederum ein weißes Kleid, das sie am Hochzeitstage schmückte, ein Kleid aus schwerer weißer Seide. Diamanten glänzten an ihrem Halse, Myrthen und die Blüthen der Orange dufteten in dem goldlockigen Haar. Wie war sie so schön und wie wenig glich ihr der Mann zur Seite, dessen Liebkosungen sie erdulden mußte, dessen Berührung sie sich nicht entziehen konnte, denn sie war die Seine, war von ihm erkauft für bunten Flitter.

Und wieder stand sie vor einem Spiegel, wie damals an ihrem zehnten Geburtstage, wiederum im weißen Kleide. Sie gedachte jenes Tages und wünschte, daß er nie gewesen wäre. Wie hatte sie damals die geputzten Damen beneidet, welche in dem tageshell erleuchteten Garten auf und niederwandelten; jetzt war sie glänzender gekleidet, als sie Alle, aber sie war eines Mannes Weib geworden ohne Liebe, ohne einen Hauch von Liebe. Das Glück hatte sie von sich gewiesen, da es ihr entgegengetragen wurde; sie wäre glücklich geworden mit dem Manne, der ihr nicht sagen konnte, wie lieb er sie hatte, und darum fielen schwere heiße Thränen auf das weiße Kleid, nun, da es zu spät war für alle Zeit.

*

»Nun, Frieda,« fragte ich wißbegierig, »was ist Deine Meinung?«

»Wenn man die Leute doch nicht kennt, was geht Einen die ganze Geschichte an?« sagte sie theilnamlos.

Ich sah Betti an, Betti sah mich an. Es war, als wenn wir Beide dasselbe sagen wollten:

Armer Max.

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