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Der Fakir ohne Arme

Walther Kabel: Der Fakir ohne Arme - Kapitel 9
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleDer Fakir ohne Arme
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid55c6c156
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3. Kapitel. Mein Gatte auf dem Ast

Diese schwarzen indischen Kraniche habe ich in Freiheit schon zu Hunderten gesehen, aber nie geahnt, daß es so komische Vögel sind – die reinen Spaßmacher ...

Man hat ihnen die Flügel so weit gestutzt, daß sie nur bis zu ihrem ruppigen, struppigen Riesennest emporflattern können ...

Mit den Fischen spielen sie förmlich Ball, bevor sie sie verschlingen ... Die Scheu vor dem bissigen Hunde haben sie überwunden und stehen am Gitter und betrachten ihn, wenden den Hals hin und her und stoßen ihre eigentümlichen Schreie aus ... –

Ich schaue zu und denke nach ... Das so prächtig und großartig klingende Fremdwort für diese Art Geistesübung heißt »Kombinieren« ...

Ohne Zweifel hat Urtschoff allen Grund, das Kranichhaus scharf bewachen zu lassen ... Seine zahlreiche Dienerschaft genügt ihm hierzu nicht ... Nein, zwei Hunde sollen rechtzeitig melden, wenn sich jemand dem Vogelhaus nähert.

Also: dieses enthält irgend etwas, das nicht entdeckt werden soll ...

Irgend etwas ...

Und sinnend schaue ich hinüber ...

Ueberlege – – kombiniere ...

Dann ... kommt mir die Erleuchtung ... Harald hat gesagt, daß ich beinahe die Wahrheit getroffen hätte – beinahe ... das noch lebende und gefangene Mitglied der Familie Orligow kann vielleicht dort unter dem Zementboden des Kranichhauses stecken ... Es kann da eine gemauerte unterirdische Zelle geben ... kann ... Der dicke Baumstumpf mit seinen Astresten zum Beispiel ist in den Zementboden nur eingelassen und mindestens ein Meter dick ... In diesem Stumpf mag die Tür zu der Treppe der Zelle verborgen sein ...

So grübele ich ...

Und immer mehr bestärkt sich in mir die Ueberzeugung, daß es so und nicht anders sein muß ...

Mit Ungeduld erwarte ich daher Haralds Heimkehr ...

Aber mein Herr Gemahl, der Doktor Woringer, Privatgelehrter, läßt sich Zeit ...

Es wird acht Uhr ... Halb neun ... Die Dämmerung kommt ... Schon dreimal ist einer der indischen Diener des Fremdenheims fragen gekommen, ob er das Abendessen servieren dürfe ...

Mir wird sehr, sehr bang zu Mute, denn bis zum Esplanade sind's keine zehn Minuten, wenn man zu Fuß geht ...

Ich darf mich nicht aus dem Sessel erheben ... Ich leide ja an den Nachwehen einer schweren Malaria ... Desto peinvoller ist dieses Warten ...

Um mich abzulenken, beobachte ich Urtschoffs Grundstück  ... Die Dämmerung hüllt bereits alles in ungewisses Licht ... Ich sehe den Generalkonsul vor dem Kranichhaus stehen und den neuen Hund streicheln ... Wie schnell er doch den bissigen Hund an sich gewöhnt hat ... Er kann kein schlechter Mensch sein ... Unmöglich ...! Ein Hund hat ein sehr feines Verständnis und Empfinden für menschliche Charakterveranlagung, weiß genau, wer es mit ihm gut meint ...

Ja – überhaupt: dieser Urtschoff ist keine unsympathische Persönlichkeit. Im Gegenteil, auch Harald hat sich über ihn recht günstig geäußert ... recht günstig ...

Und doch: der Mann kämpft um sein Geheimnis mit einer überaus zähen Energie ...! Der Mann hält einen Menschen hier eingesperrt – vielleicht in einem finsteren Loche – unter entsetzlichen Begleitumständen: Gestank, Ungeziefer – anderes noch!

Ich blicke durch das immer schwächer werdende Tageslicht den Generalkonsul an ...

Er steht jetzt dicht am Gitter des Kranichhauses ... Der neue Hund reibt schmeichelnd den Kopf an seinem Schenkel ...

Er steht und starrt auf den Baumstumpf, auf das vom Unrat der großen Vögel weiße Nest ...

Beide Kraniche haben sich bereits zur Nachtruhe nach dort oben zurückgezogen ...

Beide stehen auf einem Bein, den Kopf unter den einen Fittich gedrückt ... Wie Statuen ...

Und Urtschoff – gleichfalls Statue, die Finger in die Maschen des stärken Drahtgitters gekrallt ...

Statue ...

Oh – ich möchte wohl wissen, woran dieser Mann jetzt denkt ... Weshalb er immer auf den Baumstumpf stiert ...

Vielleicht, weil ihm jetzt die Angst im Nacken hockt, daß man den Gefangenen doch entdecken könnte ... Vielleicht, weil er weiß, daß Harst hinter seinem Geheimnis ... Und dies Bewußtsein, Harald Harst auf den Fersen zu haben, hat schon manchen zur Verzweiflung getrieben, der noch für Gewissensangst zugänglich war ...

Und – so sieht Urtschoff aus ... Wie einer, bei dem sich das Gewissen meldet ...

Es wird immer dunkler ...

Vor der Blockhausvilla flammt die große Bogenlampe auf ... Ihr Schein fällt durch die Baumzweige, trifft den einsamen Mann am Vogelhausgitter ...

Der neue Hund hat sich zu seinen Füßen niedergelassen ...

Irgendwo schlägt eine Turmuhr ...

Ich zähle mit: neun Uhr abends ...!

Da – geschieht etwas Seltsames ...

Von der Gartenpforte her ein besonderer Pfiff ...

Urtschoffs Kopf fährt herum ...

Sein Vertrauter Dolgurow läuft von der Villa her die Allee hinab, ruft dem Generalkonsul etwas zu ...

Schade, daß ich nicht russisch verstehe ... Ich habe die vier Worte ziemlich deutlich vernommen ...

Eine merkwürdige Unruhe überkommt mich ...

Ich sehe, daß die Bogenlampe wieder erlischt ...

Erhebe mich, ducke mich ...

Rasch hinein ins Zimmer ...

Rasch das eine Fernglas aus dem Koffer geholt ...

Zurück in den Stuhl ...

Und das Glas eingestellt ...

Gerade noch zur rechten Zeit ...

Vier Chinesen schleppen einen großen Koffer in die Villa ... – vier der schlitzäugigen Diener ...

Hinterdrein gehen Urtschoff und Dolgurow, eifrig miteinander flüsternd, der Generalkonsul offenbar sehr erregt ...

Und alle betreten über die Veranda das Haus ...

Ich lasse das Fernglas sinken ...

Meine Unruhe wuchs ...

Der Koffer war recht schwer gewesen. Das hatte ich deutlich gemerkt, als die vier Diener ihn trugen ...

Was – was mochte der Koffer enthalten haben?!

Und – wo blieb Harst?! Wo nur?!

Hatte man ihn etwa irgendwie in einen Hinterhalt gelockt?! Hatte man ihn etwa in dem Koffer in Urtschoffs Haus geschafft?! – Ich wurde diesen Verdacht nicht los ... Ich wollte noch bis zehn Uhr warten. Wenn Harald bis dahin nicht zurückgekehrt war, dann wollte ich mich bis an mein Bett tragen lassen und der Pensionsinhaberin erklären, daß mein Mann eine wissenschaftliche Besprechung mit einigen Gelehrten im Hotel Esplanade habe ... Ich würde daher allein im Bett essen ... –

Es wurde zehn Uhr ...

Das war die Entscheidung ...

Ich hatte die Schnur mit dem elektrischen Klingelkontakt im Schoße ...

Wollte gerade läuten ...

Da – ein Krächzen – – nochmals, nochmals ... Der mißtönende Schrei einer indischen Nebelkrähe ... Aber diese Krähe war anderer Art ...

Ich atmete erleichtert auf ...

Es war Harald – – Harald, der irgendwo im Garten Urtschoffs stecken mußte ...

Ich nahm wieder das Fernglas zur Hand ... Ich suchte ... Aber ich zitterte gleichzeitig, daß der neue Hund, der offenbar viel wachsamer war als der ältere, ihn wittern könnte ...

Zum Glück war die Bogenlampe vor dem Hause noch nicht wieder eingeschaltet worden ... Der neue Hund hatte sich in die Hütte zurückgezogen ...

Ich fand Harald nicht ... Ich konnte überhaupt nicht begreifen, wie Harald in den Garten gelangt war ... Ob er denn noch die Verkleidung des Doktor Woringer trug ...?!

Da – nochmals das Krächzen ... Es schien aus den Baumkronen zu kommen ...

Ich richtete das Glas auf den mächtigen Baum, unter dessen breit ausladenden Aesten das Kranichhaus stand ... Und – jetzt erkannte ich undeutlich eine Gestalt – so verschwommen, daß schon Phantasie dazu gehörte, in der bereits recht tiefen Dunkelheit die Umrisse zu unterscheiden.

Harst lag offenbar lang auf dem stärksten Seitenast, der das Kranichhaus überragte ...

Lag über dem Kranichhaus ...

Und da ahnte ich, was er beabsichtigte ...

Wie er's freilich fertigbringen würde, in das Vogelhaus einzudringen und wie er die Kraniche ohne Lärm von dem Nest vertreiben wollte, war mir unklar ...

Dann bemerkte ich etwas noch Seltsameres ...

Der eine Kranich schlug plötzlich schwer mit den Flügeln und sank dann auf dem Nest zusammen ... Dem anderen erging es ebenso ...

Das Dach des Kranichhauses, muß ich hier noch erwähnen, bestand ebenfalls nur aus Drahtgeflecht. Da durch eine Baumlücke von schräg oben noch Licht in das Kranichhaus hineingefallen war, hatte ich die Vögel noch recht gut beobachten können, sah jetzt auch, daß von Haralds Platz auf dem Aste etwas wie eine dicke Schnur bis zum Nest herabhing ...

Diese Schnur wurde jetzt eingezogen ...

Und dann – – flammte auch schon die Bogenlampe am Hausgiebel wieder auf ...

Ihr grelles Licht reichte aber nur bis zur Mitte des Vogelhauses. Der Baumstumpf, das Nest und der übrige Raum blieben im Dunkeln – auch oben die Aeste, auf deren stärkstem Harald ruhte ... –

Während ich noch ängstlich mit den Blicken nachprüfte, ob Harst auch nicht entdeckt werden könnte, hörte ich jemand den Wohnsalon betreten ... Ich verbarg schnell das Fernglas ...

Es war einer der Diener, der mir einen versiegelten Brief überbrachte ...

»Tragen Sie mich ins Zimmer,« befahl ich ... »Machen Sie Licht, schließen Sie die Balkontür und bringen Sie mir das Abendessen ... Mein Mann hat eine wissenschaftliche Konferenz im Hotel Esplanade und scheint dort zu speisen ...«

Der Diener, übrigens ein christlicher Inder, gehorchte schweigend, trug mich samt dem Rohrsessel ins Zimmer und entfernte sich.

Ich betrachtete die Aufschrift des Briefes. Haralds Handschrift, wenn auch verstellt ... Der Umschlag viermal versiegelt ...

Nun würde ich endlich Gewißheit erhalten, ob Harald tatsächlich Absichten auf den Baumstumpf hatte, das heißt, ob er den Gefangenen befreien wollte ...

Ich schnitt den Umschlag auf ... Es war ein graublaues, sehr festes Kuvert. Der Bogen darin nur ein Fetzen von einer Zeitung ... Am Rande stand mit Bleistift:

»Strickleiter, Balkon, Bindfaden, Garten – Er, Ostecke, Mitternacht ...«

Das war alles. Das war ein leicht verständlicher Depeschenstil, bei dem nur die verbindenden Worte fehlten – also:

»Nimm die Strickleiter, befestige sie am Balkon, ziehe sie mit Hilfe eines Bindfadens, nachdem Du hinabgeklettert bist, wieder nach oben, begib Dich nach Urtschoffs Garten an die Ostecke des Zaunes, um Mitternacht

Der Befehl war klar und verständlich. Die Ausführung nicht weiter schwierig ... – Ich aß zu Abend. Die Pensionatinhaberin kam und erkundigte sich sehr teilnehmend nach meinem Befinden ... Es hat sein Gutes, wenn man einmal Schauspieler gewesen ist und wenn man nachher als Detektiv so und so oft schon in derselben Damen-Aufmachung tätig gewesen. Ich wußte, daß niemand in mir einen verkleideten Mann vermutete ... fühlte mich als ältliche Frau Doktor durchaus sicher ... Bis zehn Uhr leistete die Inhaberin des Pensionats, eine sehr liebenswürdige Witwe, mir Gesellschaft ...

Um elf Uhr war im Hause völlige Ruhe ... Ich schloß die Türen ab, und in einer Viertelstunde war ich ein blondbärtiger Europäer geworden:

Die seidene leichte Strickleiter legte ich bereit, ebenso den starken Bindfaden. Dann – Licht aus – auf den Balkon ...

Aha – Herr Urtschoff ließ die Bogenlampe jetzt über Nacht brennen ... Und auf den Stufen der Verandatreppe saßen drei der Schlitzaugen ...

Herr Urtschoff war um sein Kranichhaus doch verdammt besorgt ...!!

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