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Der Fakir ohne Arme

Walther Kabel: Der Fakir ohne Arme - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleDer Fakir ohne Arme
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid55c6c156
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4. Kapitel. In der Garage

Standen im Schatten einer Geröllhalde, zwischen stachligen Papor-Sträuchern, deren köstlich duftende Blüten sich nur nachts öffnen, umgeben von einem Dornengehege wie gut gehütete zarte Jungfrauen ...

Zehn Schritt vor uns die Wildnis des Parkes ... Uralte Baumriesen, die im Nachtwinde knarrend hin und her schwangen ... Um uns her Raunen und Wispern von tausend feinen Stimmchen der Gräser und Blätter ...

Und ein Chaos von Gerüchen, von all den tropischen Pflanzen, die hier so ungestört gediehen und ihre Farbenpracht selbst nachts offenbarten ...

Leuchtkäfer am Rande des Parkes – kleine fliegende Laternchen, zuweilen in ganzen Wolken aus dem dichten Unterholz emporschießend – ein kleines Feuerwerk ...

»Achtung ...!!« raunte Harald mir zu ... »Näher an das Geröll heran ...!!«

Und da sah auch ich in einer Lücke der Bäume eine wandernde Lichtbahn – den Leuchtkegel einer Taschenlampe ...

Zwei Gestalten dahinter – zwei Männer ...

Näher und näher ... Bekannte Gestalten – die beiden Matrosen vom Hafenkai ...!!

Arglos schritten sie vorüber ... Der, der die Taschenlampe trug, hatte in der Rechten einen Knüttel – gegen die Kobras ... Der andere aber hielt ein Blasrohr wie ein Gewehr über der Schulter ...

Vielleicht wären wir ihnen nicht gefolgt, wenn sie nicht das Blasrohr bei sich gehabt hätten ... Das – gab den Ausschlag ...

Ein weiter Weg wurde es ... Bis zu den Villen der Ostabhänge der Malabar Hills ...

Ein doppelt schwieriger Weg, da wir uns hüten mußten, den beiden allzu nahe zu rücken ...

Dann eine Terrasse mit Parkanlagen ... Ein Gitterzaun ... Ein Landhaus in ganz anderem Stil als die sonstigen Bauten ringsum – mehr blockhausähnlich, dunkel lackiert die runden Stämme der Wände ...

Woran erinnerte mich nur dieses große Blockhaus, das doch trotz allem den Villencharakter gewahrt hatte?!

Ich fand keine Zeit zu längerem Nachdenken ...

Die beiden unechten Matrosen waren bereits über den Zaun hinweg ...

Aber – sie hielten sich mehr rechts, wo die Stallgebäude lagen ... Plötzlich schlug ein Hund an ... Es mußte ein sehr großes Tier sein ... – Dann wurde es wieder still ...

Die beiden waren verschwunden ...

Harald half mir ... Ich überkletterte den Zaun ... Er folgte ... Wir dann dicht am Zaune entlang – bis zu einer Stelle, wo wir den zementierten Vorplatz einer Doppelgarage überblicken konnten ...

Und – sahen noch gerade die beiden Gentlemen mit den kühnen Gesichtern aus der einen Garagentür schlüpfen, sahen sie die andere vorsichtig öffnen ... Sie traten ein, blieben etwa vier Minuten und erschienen wieder, drückten die Tür zu und schlüpften nach dem Zaune hin ... Keine sechs Meter neben uns stiegen sie über das Gitter und eilten davon – denselben Weg offenbar zurück ...

Harald, der neben mir hinter einem großen Müllkasten kniete, flüsterte:

»Merkwürdig!! Weshalb mögen sie nur das Blasrohr mitgehabt haben?!«

»Vielleicht ... der Hund ...?!«

»Getötet?! – Ausgeschlossen – ausgeschlossen! So schnell wirkt kein Gift ... – Nein – immerhin, suchen wir den Hund ... dort drüben schlug er an ... Wir werden ihn schon finden ...«

Und – Wir fanden ihn ...

Bewußtlos nur – halb schon wieder bei Besinnung ... Eine dänische Dogge, ein Prachttier ... Dort, wo der Hund am Rande eines Gartenweges lag, ein aufdringlicher Geruch nach Chloroform ...

Harald beugte sich über den Kopf des Tieres ...

»Nun ist es klar: sie haben ihn mit Chloroform angespritzt ...! Was wir für ein Blasrohr hielten, war eine Spritze, eine aus einem Blasrohr hergestellte lange Spritze, aus der die beiden Gentlemen den Hund mit Chloroform einsprengten ... – Vielseitige Herrschaften, weiß Gott!! – Nun in die Garagen, mein Alter ... Aber Vorsicht ... Der Boden hier ist verdammt gefährlich ... Die Villa im Stil der russischen Bauernhäuser läßt es als gewiß erscheinen, daß hier ein Russe wohnt, vielleicht gar der russische Generalkonsul, der hier in Bombay amtiert ... – Also: Augen und Ohren auf, Max Schraut!«

An mir sollte es nicht liegen ... Ich strengte meine Sinne über Gebühr an ... Ich stand Posten, während Harald das Innere der ersten Garage untersuchte ... Was er dort eigentlich wollte, wußte ich nicht ...

Nichts geschah ...

So kam die zweite Garage heran ...

Ich wieder hinter der nur angelehnten Tür ...

Hinausspähend in die nächtliche Dämmerung, der bereits der erste bleiche Schimmer des neuen Tages etwas Gespenstisch-Fahles gab ...

Drüben die Villa ...

Und – von dort her urplötzlich fünf, sechs windschnelle Gestalten ... Männer, klein, affenflink ...

Noch vier ... Jetzt zehn im ganzen ... Zehn, die viel zu eilig nahten, als daß wir noch hätten flüchten können ...

Ich drücke die Tür ins Schloß ...

Harst schon neben mir ...

»Was gibt's?«

»Zehn Leute – – Chinesen – in Dienertracht – von der Villa her ...«

Im gleichen Moment wird die Tür aufgerissen ...

Laternenschein trifft uns ...

Ehe wir noch zurückspringen können, hängen die gelben Kerle an unserem Halse wie eine Meute von Hunden ...

Harst ruft:

»Wir ergeben uns ...!! Wir sind die Falschen!!«

Seine paar Brocken Russisch hat er zusammengesucht ... Es war die höchste Zeit ...

Mich hatten sie bereits niedergerissen ... Einer der kleinen gelben Teufel hatte schon mit einem krummen Tscherkessendolch ausgeholt ...

Wir wären hier stumm gemacht worden für alle Zeit, wenn Harst nicht als Nachsatz gebrüllt hätte:

»Ich bin der Detektiv Harald Harst, ein Deutscher ...!«

Und da – aus dem Rudel die Stimme eines Europäers, aber ein schriller Befehl in chinesischer Sprache ...

Die Gelben ließen von uns ab ... Umstanden uns wie sprungbereite Bulldoggen ...

Ein breitschultriger Herr trat vor uns hin. Ich war schnell aufgestanden ...

Der Mann hielt einen Browning schußbereit ... Seine Augen bohrten sich prüfend in Harsts gefärbtes Gesicht ein ...

»Näher die Laternen!« rief er ... Und zu Harald:

»Wenn Sie Mr. Harst sind, – was suchen Sie hier?!«

»Ich bin Harald Harst ... Sprechen Sie deutsch?«

»Ja ...«

»Dann also: meinem Deutsch hören Sie wohl an, daß ich kein Russe bin ... – Mit wem habe ich die Ehre?« »Konsulatssekretär Dolgurow ...«

»Gut, Herr Dolgurow, dem Generalkonsul werde ich Rede und Antwort stehen ... Ihnen nicht. Dazu sind die Dinge zu wichtig, die ich mit Ihrem Chef zu besprechen habe ...«

Dolgurow verneigte sich.

»Ganz wie Sie wünschen, Herr Harst ... Der Generalkonsul dürfte sich inzwischen angekleidet haben ... Aber – eine Frage gestatten Sie mir wohl: Sind Sie im Auftrage anderer hier?«

»Nein ... aus eigenem Antrieb. – Bitte – lassen Sie Ihren Chef hierher holen ... Nur hier kann ich ihm das zeigen, was ihm wichtig sein dürfte ...«

Der Generalkonsul brauchte nicht geholt zu werden ...

Er war von selbst gekommen, hatte Haralds letzte Sätze mit angehört und schickte nun die Chinesen hinaus ...

»Bleibt vor der Tür!!« befahl er ...

Und zu uns:

»Mein Name ist Urtschoff ...« – durchaus höflich, fast liebenswürdig – durchaus Mann von Welt ...

Dolgurow hatte jetzt das elektrische Licht in der Garage eingeschaltet ...

Ich sah mir Urtschoff genauer an ...

War ein hagerer Herr, bartlos, das schwarze Kopfhaar glatt zurückgestrichen – ein Fanatikergesicht, blaß – Augen wie glühende Kohlen ...

Aber Diplomat, sehr beherrscht ... Ein gezähmtes Raubtier ... Ich traute seiner Freundlichkeit nicht ... –

Harst hatte unsere Namen genannt und hinzugefügt: »Sie hatten Ihre Diener offenbar schon bereitgehalten, Herr Urtschoff. Rechneten Sie mit ungebetenen Gästen?«

Der Generalkonsul krauste ein wenig die hohe Stirn ...

»Nein, Herr Harst ...!«

»Verzeihen Sie, das ist wohl kaum der Wahrheit entsprechend, Herr Urtschoff. Wenn Sie von mir die Wahrheit erfahren wollen, müssen auch Sie bei der Wahrheit bleiben ...«

»Weshalb vermuten Sie, daß ich fremde Eindringlinge erwartete?« erwiderte Urtschoff kühl ...

»Weil zu dieser Stunde kaum die gesamte Dienerschaft eines Hauses wach und fix und fertig angezogen sein dürfte, dazu noch Ihr Vertrauter, Herr Dolgurow ...«

Der Generalkonsul war offensichtlich mit seiner Diplomatie nun in einer bösen Sackgasse ... Ein Diplomat ohne Lügen ist eben wie ein Schuh ohne Sohlen: ein Unding!!

»Es ... ist ein Zufall,« erklärte er ohne jede Ueberzeugungstreue – ein kläglicher Versuch, sich erneut herauszulügen ...

»Auf dieser Grundlage werden wir uns kaum einigen,« meinte Harald da ... »Die einzig mögliche Grundlage wäre ... Hudson ...«

Hudson – die Milliardärsjacht ...!! – Die Anspielung wirkte ...

Herr Urtschoff fuhr leicht zusammen ... Dolgurow aber, weniger geistesgegenwärtig, rief:

»Was Teufel. – Sie wissen Bescheid, Herr Harst?!«

Harald nickte. »Scheint so, meine Herren ... Ich weiß jedenfalls eine ganze Menge ... – Nochmals, Herr Urtschoff: wollen wir nicht ...«

Der Generalkonsul unterbrach ihn ...

»Es stimmt, so kommen wir nicht weiter, Herr Harst. Also gut, wir waren auf ungebetene Gäste gleichsam vorbereitet ...«

»Die ... es auf Ihre Person abgesehen hatten, Herr Urtschoff ...«

»Ja – wie ich annehmen muß ...«

»Aus politischen Gründen?«

»Hm – ist diese Frage nötig, Herr Harst?«

»Unbedingt ... – Also doch nicht Politik, Herr Urtschoff ... Das setzt mich etwas in Erstaunen ... Immerhin: die Jacht Hudson ist beteiligt ... Mehr brauche ich wohl nicht anzudeuten ... Und jetzt bitte ich um die reine Wahrheit, Herr Urtschoff ... Andernfalls ... sind Sie morgen ein toter Mann, und das so gewiß, wie wir hier jetzt lebend neben diesem Ihrem Auto stehen ...«

Der Generalkonsul lächelte überlegen ...

»Meine Vorsichtsmaßregeln schützen mich, Herr Harst ...«

»Ein Irrtum ... Ich warne Sie! Sie sind verloren, wenn Sie nicht auf mich hören ... So gewiß verloren, daß selbst ein Regiment Truppen den Tod nicht von Ihnen fernhalten könnte ...«

Urtschoff lächelte weiter ...

»Ich habe achtzehn Diener ... Dieses geschlossene Auto ist gepanzert ... Ich benutze es nur zur Fahrt bis zum Konsulatsgebäude im Geschäftsviertel ... Mit Bomben werden meine Gegner niemals operieren, nur mit Schußwaffen ... im äußersten Notfalle ... Ich bin auch kein Feigling, Herr Harst ... Meine Chinesen sind treu und wachsam und schlau ...«

»Diese drei Eigenschaften bezweifle ich, Herr Urtschoff ... Die Treue ist bei den Gelben lediglich Geldsache ... Die Wachsamkeit ist mit der Schlauheit eng verwandt, bei Ihren Leuten aber nur spärlich vorhanden, da diese nicht einmal wissen, daß vor uns schon zwei Leute hier eingedrungen waren, zwei, die den Hund mit einer Chloroformspritze erledigten und dann die Garagen hier besuchten ...«

Der Generalkonsul rief: »Dann haben die Schufte ... je eine Höllenmaschine mit einem Uhrwerk in die Autos gestellt ...! Wir werden ...«

»... nichts finden,« fiel Harst ihm ins Wort. »So bestimmt nichts finden, daß es Zeitvergeudung wäre, danach zu suchen ... Trotzdem: suchen Sie!«

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