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Der Fakir ohne Arme

Walther Kabel: Der Fakir ohne Arme - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleDer Fakir ohne Arme
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid55c6c156
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3. Kapitel. Ein Irrtum in der Person

Wir kehrten ins Haus zurück. Harald rief den Koch auf die Veranda. Der machte den intelligentesten Eindruck.

Ahmed hieß er. Der Zuname tut nichts zur Sache.

Harst hat seine besondere Art mit Farbigen umzugehen. Hier, wo wir Holländer spielten – und die Niederländer haben noch stets infolge ihrer ganzen Charakter-Veranlagung die Eingeborenen ihrer Kolonien friedlich für sich zu gewinnen gewußt, die Atchinesen ausgenommen – konnte er seine Methoden unbeschadet unseres Aussehens als Europäer abermals anwenden.

»Setz Dich, Ahmed ...« Und er wies auf den dritten Korbsessel ...

Ahmed verneigte sich. »Das gebührt mir nicht, Sahib ... – Was befiehlst Du?«

»Nichts. Ich bitte Dich nur die Wahrheit zu sprechen ... – Was ist in diesem Bungalow unlängst vorgegangen? Selim Darba wollte nicht recht mit der Sprache herausrücken, weil er fürchtete, wir könnten sofort wieder ausziehen ... Wir sind jedoch keine alten Weiber. Also sprich ganz offen ...«

Ahmed machte eine hilflose Handbewegung, schüttelte den Kopf ...

»Sahib, ich und die beiden Diener, wir sind erst vorgestern hier in Bombay eingetroffen ... Wir waren bis dahin in Goa bei einem Portugiesen in Stellung. Wir wissen nichts, wirklich gar nichts ... Es ist die Wahrheit ...«

Harald nahm die Zigarette aus dem Munde ...

»Mein guter Ahmed, Du gestattest: Du lügst! Du hast von Selim Verhaltungsmaßregeln bekommen ... – Wenn Du in Goa gewesen bist, so beschreibe mir einmal das Zollhaus am Hafen ...«

Der gute Ahmed ließ den Kopf auf die Brust sinken ...

Harald aber zog eine Zehnpfundnote aus der Brieftasche ...

»Da, Ahmed, das teile mit den beiden Dienern ... Zehn Pfund sind für Euch ein kleines Vermögen ...«

Der Koch wand sich, als ob er Leibgrimmen hätte ...

Dann ... griff er nach der Banknote ... Stieß hervor:

»Sahib, in diesem Bungalow sind drei Männer verschwunden, drei Europäer und ein junges Mädchen ... Vor drei Wochen ... Sie haben hier nur fünf Tage gewohnt ... Eines Morgens fanden wir – denn Ramsur, Bahla und ich waren gleichfalls diesen Europäern durch Selim zugeteilt worden – dort im Wohnsalon alles mit Blut bespritzt und eine wilde Unordnung ... Die Koffer der Europäer waren erbrochen und alles daraus gestohlen, die Europäer selbst verschwunden ... – Die Polizei kam und stellte fest, daß das Blut nichts als Ziegenblut war und daß die Leute offenbar nur so getan hatten, als seien sie ermordet und beraubt worden. Die Polizei hat sich nicht weiter um die Angelegenheit bemüht, Sahib ...« –

Ich war im ersten Moment enttäuscht ... Andererseits aber auch beruhigt.

Harald schien der Sache jedoch weit mehr Gewicht beizulegen ...

»Wie hießen die Leute?« fragte er, indem er eifrig qualmte und sich halb in blaugraue Wolken hüllte ...

»Verzeih, Sahib ... Die Namen waren sehr schwer ... Ich habe sie vergessen ... Es waren Russen ...«

Oh – da fuhr ich doch zusammen ...

Russen – –!! Und ich dachte an Frau Orlington, den Oberkellner-Fürsten und die beiden Gentlemen mit den kühnen Gesichtern ...

Auch Harald beugte sich vor ...

»Bestimmt Russen, Ahmed?«

»Ja, Sahib ... Musiker ... Sie spielten hier im Hotel Esplanade ... Es waren Künstler ... Die Polizei nimmt an, daß sie wegen zu geringer Bezahlung kontraktbrüchig geworden sind ... Sie wollten ihre Abreise bemänteln ...«

»So ... so ... – Hat die Polizei ermittelt, wohin sie gereist sind?«

»Ja ... Auf einem Frachtdampfer, der nach Madras bestimmt war, waren heimlich vier Kabinenplätze belegt worden ...«

»Und die Russen haben diesen Dampfer auch wirklich benutzt?«

»Man nimmt es an, Sahib ...«

»So ... so ... – nimmt es an ...! – Waren die vier miteinander verwandt?«

»Ja ... Es war ein Vater mit zwei Söhnen und Tochter ... – Oh – jetzt fällt mir auch der Vatername ein: Ursichow, – – Künstlerkapelle Ursichow – so war's ...!«

»Dann – gute Nacht, Ahmed ... Der Selim ist ein Narr, daß er uns dies verschweigen wollte ...! Ziegenblut – – natürlich sind die vier ausgerückt! Ihre Instrumente waren wohl ebenfalls verschwunden?«

»Es ist so, Sahib ...«

Ahmed bücklingte und zog sich zurück.

Ich blickte Harald an ...

Um die elektrische Lampe über dem Tische schwärmten große Nachtfalter ...

Nachtfalter mit dicken Köpfen ... Wenn sie gegen die Glühbirne flogen, gab es einen leise klingenden Ton ...

Harst beobachtete diesen Flattertanz ums Licht ...

»Alles drängt dem Lichte zu,« meinte er. »Und wenn Jahrzehnte verflossen: jedes Verbrechen kommt einmal an den Tag. Die Fälle, in denen eine Untat unentdeckt bleibt, sind äußerst selten ...«

Ich wußte, daß er auf die vier Russen anspielte ...

»Du glaubst also doch, daß sie ermordet worden sind?« fragte ich mit gedämpfter Stimme ...

»Nein!«

Ich war mehr als überrascht ...

»Was glaubst Du denn, Harald?!«

»Das werde ich Dir vielleicht zwei Stunden später sagen können ...« nickte er und erhob sich. Und – ganz leise: »Jetzt gehen wir zum Schein schlafen ... In Wahrheit – neue Maskerade ... Dann der Fakir ohne Arme ...!«

Er schaltete das Licht aus ...

Und – im selben Moment ein anderer klingender Ton ...

So, als ob ein Nachtfalter mit besonders hartem Kopf gegen die Birne der Lampe geflogen war ...

Harst – aus dem Dunkel heraus:

»Gerade zur rechten Zeit ...! Das galt mir ... – Bücke Dich, mein Alter ... Krieche im Schutz der Verandabrüstung zur Treppe ... Und – passe dort auf ... Es war keine Riesenmotte, sondern ein Blasrohrpfeil ... Ich hätte ihn ins Gesicht bekommen, wenn ich nicht im Aufstehen gegen die Lampenglocke gestoßen haben würde ... Sie pendelte ...«

Daß ich unter diesen Umstanden zunächst völlig vergaß, meinen Oberkörper in Sicherheit zu bringen, ist wohl verständlich ...

Ich war tatsächlich wie gelähmt. Wenn man aus einem Gefühl vollkommener Sicherheit in solcher Weise aufgeschreckt wird, wenn man bisher auch nicht im geringsten geahnt hat, daß jemand irgendwie Attentatspläne schmiedet, wenn man auch nicht im entferntesten ahnt, wer dieser oder diese Attentäter sein könnten, dann braucht man Zeit, sich in den jähen Umschwung der Dinge hineinzufinden ...

Haralds Stimme da – ärgerlich, warnend:

»Willst Du Dich morgen vielleicht als tote Leiche wiedersehen!«

Und – da duckte ich mich schleunigst ... Haralds billiger Kalauer war verdammt ernst gemeint ...

Duckte mich und kroch wie befohlen zur Treppe ... Draußen im Garten lugte der tief stehende Mond durch die Bäume und warf nur hier und dort helle Flecke auf den Boden – auf den Kies der Wege und den Rasenplatz ... Alles andere lag im Schatten der heißen Tropennacht ...

Meine Augen suchten und fanden nichts ... Es war ja mit Sicherheit anzunehmen, daß der Blasrohrschütze nach dem einen Schuß das Weite gesucht hatte ...

Zehn Minuten vergingen ...

Von Harst sah und hörte ich nichts ...

Nochmals zehn Minuten ...

Ich schaute auf das grüngelb schimmernde Zifferblatt meiner Uhr ... Die schwarzen Zeiger standen auf ein halb eins ...

Ich wurde besorgt ...

Da – kam eine schlanke Gestalt von der Gartenpforte her die kleine Allee entlang ...

Harald ...!! – Und mitten auf dem Rasenplatz machte er halt ... Winkte ...

Ich zu ihm ...

Er, einen anderthalb Meter langen Stock in der Hand schwenkend:

»Du kannst ihn Dir ansehen, mein Alter ... Es ist der ... armlose Fakir ...«

Meine Ueberraschung war jetzt vielleicht noch stärker als vorhin ...

»Wir gehen am besten um den Bungalow herum, wie ich es vorhin tat,« fügte er hinzu ... »Entschuldige schon, daß ich Dich ein wenig beschwindelte ... Ich wollte den Kerl täuschen ... Er sollte glauben, ich vermutete den Schützen im Garten ... Ich wußte genau, daß der Pfeil aus dem Hause gekommen – durch das offene Fenster ... Der Pfeil fuhr an meinem Hinterkopf und an meinem Ohr vorüber –- von rückwärts ... Durch das Fenster des Schlafzimmers stieg ich ein ... Und erwischte den Burschen auch wirklich ... Damit, daß einer von uns ihn dort im Hinterzimmer suchen würde, rechnete er nicht ...«

Er zog mich mit sich fort ...

»Hier ist das Blasrohr ... Für alle Fälle habe ich es mitgenommen ... Uebrigens ein tadelloses Blasrohr ...«

Ich kam jetzt etwas zu Atem ...

»Du hast den Fakir also gefesselt?« fragte ich zögernd ...

»Ja – und so sicher, daß er unmöglich entschlüpfen kann ... Auf einen Stuhl habe ich ihn festgebunden ...« Wir waren an der Rückseite des Bungalows angelangt. Die Hintertür hatte Harald nur eingeklinkt. Im Flur schaltete er jetzt das Licht ein ... Die erste Tür links führte in das Hinterzimmer, das als Bibliothek eingerichtet war ...

Diese Tür stand weit offen ...

Harald stutzte ...

Mit drei schnellen Schritten war er im Zimmer ...

Licht flammte auf ...

In der Mitte ein Rohrstuhl ... Um ihn herum auf dem Bastteppich Stücke einer festen Gardinenschnur ...

Harst bückt sich, nimmt vom Sitz des Stuhles einen Zettel auf ...

Ich stelle mich hinter ihn, lese die mit verstellter Schrift geschriebenen Bleistiftzeilen:

»Entschuldigen Sie, Mr. Harst ... Es war ein Irrtum in der Person.«

Nichts weiter als dies ...

Und – dies von dem entflohenen Fakir ...!! Woher wußte der Mann, daß der blondbärtige Holländer der deutsche Detektiv Harald Harst war?! Woher?!

Auch Harald schüttelt den Kopf ...

»Mir unverständlich ...!« meint er ... »Vollkommen unverständlich ...!« Und er hebt die Stücke der Gardinenschnur empor ...

»Zerschnitten – mit einem Messer ... Der Fakir kann nur durch eine zweite Person befreit worden sein ... Und diese zweite Person war ein Europäer. Der schrieb den Zettel ... Es ist eine Männerhandschrift ... – Hattest Du etwa geglaubt, der Fakir sei der Schreiber gewesen, mein Alter?! Dann müßte der Mann Fußkünstler sein ...! Ohne Arme – – Fußkünstler ... Außerdem der Inhalt des Zettels: das Englisch stammt von keinem Inder! – All das ist auch gleichgültig ... Die Hauptsache: Wem galt der Giftpfeil?! Wen glaubte der Blasrohrschütze vor sich zu haben?! Ich denke, wir fragen ihn persönlich danach. Er dürfte kaum ahnen, daß wir seine Baumwohnung im Djeibar-Parke kennen ... schon kennen! Daß wir sie ermitteln, daß wir ihn ins Gebet nehmen wollen, weiß er natürlich. Harst und Schraut lassen solche Vorgänge nicht unaufgeklärt. Aber in dieser Nacht wird er sich noch sicher wähnen ... Also – gehen wir zum Schein zu Bett. Unser Programm bleibt dasselbe ...«

Und er schritt auf die Veranda hinaus ...

Ich ahnte, den Blasrohrpfeil wollte er holen. Der lag auch auf dem Tisch in Haralds aufgeklapptem Zigarettenetui ...

Ein Pfeil – unten ein Büschel bunter Seidenfäden, oben eine haarscharfe Stahlspitze ...

»Merkwürdig!« meinte Harald. »Siehst Du etwas von Gift?! Ich nicht ...«

Und er nahm sein Taschenmesser und kratzte über die Stahlspitze hin – wollte etwas abschaben, was nicht vorhanden: eingetrocknetes Gift!

Schabte nur winzige Stahlteilchen auf das Blatt Papier, das ich darunter hielt ...

»Merkwürdig ...!! – Dann also – zu Bett ...!«

Es war jetzt ein Uhr ...

Bis halb zwei blieb es in unserem gemeinsamen Schlafzimmer dunkel. Dann erhoben wir uns, verhängten die beiden Fenster auf das sorgfältigste mit Decken und verwandelten uns in zwei ärmliche indische Kulis.

Harald schrieb noch für alle Fälle einen Zettel, den er auf den Schreibtisch legte:

»Ahmed, wir haben einen Ausflug unternommen und kehren vielleicht erst morgen zurück.«

Sollten wir nun irgendwie verhindert werden, noch in dieser Nacht unseren Bungalow wieder aufzusuchen, so würden Ahmed, der Koch, und die Diener sich nicht weiter beunruhigen.

Gegen zwei Uhr verließen wir den Bungalow durch eins der Fenster, die auf die Terrasse hinausgingen ... Kriechend erreichten wir die Büsche, und bereits eine Viertelstunde später standen wir an der eingestürzten Mauer der Rückfront des Djeibar-Parkes ...

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