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Der Fakir ohne Arme

Walther Kabel: Der Fakir ohne Arme - Kapitel 10
Quellenangabe
authorWalther Kabel
titleDer Fakir ohne Arme
publisherVerlag moderner Lektüre G. m. b. H.
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180323
projectid55c6c156
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4. Kapitel. Schminke

Mich hinderten diese drei Wächter kaum. Das Licht der Bogenlampe wurde durch die Bäume abgesperrt, und hier im Pensionsgarten hatte ich nichts zu fürchten.

Die Strickleiter glitt abwärts. Das eine Ende des Bindfadens war unten an der Strickleiter befestigt, das andere wurde durch eine kleine, am Balkongitter festgebundene Rolle gezogen und ebenfalls nach unten geworfen.

Ich kletterte flink hinab, hißte die Strickleiter mit Hilfe des Bindfadens empor und schlang diesen so um einen Strauch, daß er nicht bemerkt werden konnte.

Bereits um drei Viertel zwölf kauerte ich an der Ostecke des Gartenzaunes hinter ein paar kleinen Taspisbüschen. Sie dufteten so intensiv, daß ich sehr bald leichte Kopfschmerzen bekam ... Und doch gab es kein anderes Versteck in der Nähe.

Ich wartete ... und wartete, daß Harald sich mit dem von ihm befreiten Gefangenen hier einfinden würde ...

Oh – es kam ganz anders ...

Gewiß – kurz nach Mitternacht schwang sich eine Gestalt über den Zaun ... – ein indischer Kuli – mein Harald  ... Aber allein. Nur mit einem großen und offenbar sehr schweren Sack auf dem Rücken.

Lautlos war Harst aufgetaucht ... Lautlos trat er in den Schatten der Büsche neben mich ...

»Geglückt, mein Alter ...« – und er atmete hastig und keuchend!

»Wo ist der Gefangene?«

»Frei ... – Aber – fort von hier ... Noch sind wir nicht in Sicherheit ...«

Er deutete nach Norden ... Schritt voran ... Sehr eilig ...

Da ... geschah's ... Da geschah das, was nicht im Programm dieser Nacht vorgesehen war ...

Ich bekam als erster von hinten einen Schlag über den Schädel ... Für einen vierbeinigen Ochsen hätte die Dosis genügt ... Für mich genügte sie mehrfach ... Ich kippte aus den Pantoffeln, wie die volkstümliche Redensart lautet – fiel nach vorne über und sah noch gerade, daß ein Kerl neben mir vorbeischoß und etwas wie eine Keule auch auf Haralds Schädel niedersausen ließ ... Dann war's mit dem Denken, Hören, Sehen und Fühlen vorläufig vorüber ... Sogar gänzlich ...

Das Erwachen folgte unter sehr alltäglichen Umständen.

Harald rüttelte mich, quetschte mir den säuerlichen Saft des indischen Wildapfels in den Mund und brachte mich sehr bald vollends zu mir. Ich setzte mich aufrecht, glotzte noch etwas blöde in die Runde ...

Da waren Taspis-Büsche ... Da war zehn Schritt entfernt ein Gartenzaun ... Und der Morgen zog gerade herauf, übergoß alles mit fahlem Licht.

Harald kniete neben mir ...

»Mein Alter, – hier, kaue diesen Apfel ... Du mußt schneller wieder Deine fünf Sinne beieinander haben ... Wir sind schändlich hereingefallen ... Man hat uns beraubt ...«

Mir war noch sehr wirr im Schädel ...

»Beraubt?! Was ... was ist geraubt worden?«

»Leiser ...!! Du brüllst, als ob wir hier in der Wüste Sahara säßen ... – Was geraubt ist?! Nun – der Gefangene natürlich ... Wer sonst ...?! Man hat uns hier niedergeschlagen und einfach liegen lassen ... – Das heißt: ich bin schon seit zwei Stunden wach, mein Alter ... Bin auch schon oben im Pensionat in unseren Zimmern gewesen und habe einiges geholt, was wir brauchen können – zum Beispiel unsere zweite Garnitur Pistolen ... Die erste Garnitur hat der Attentäter uns weggenommen ...«

»Und – wer war das?«

»Das wollen wir jetzt feststellen ... – So – hopla, da stehst Du ja auf den Beinen ... Und nun wollen wir der Fährte des Attentäters zu folgen versuchen ... Obwohl das hier ein sehr schwieriges Stück Arbeit werden wird ...

Wir schlüpften davon ...

Gelangten an den Rand des Wäldchens ... – Man merkte hier, daß es die Kehrseite einer Villenstraße war. Da lagen ganze Haufen leerer Konservenbüchsen, ausrangierte Emailleeimer, Scherben und anderes ...

So trottete ich denn zwischen diesen Müllhaufen hinter Harald her, als ein sehr überflüssiges und wertloses Anhängsel von ihm ...

Es war inzwischen heller geworden ...

Plötzlich blieb Harst stehen ... Zur Abwechslung lag hier mal ein Berg Bauschutt ... Und in dem weißen Kalkmehl am Fuße dieses Hügels war etwas von einer Fährte zu erkennen: verschwommene Umrisse nur, immerhin eine Spur. – Der Mensch, der hier in das Kalkmehl getreten war, mußte sehr große Füße gehabt haben, – das sah auch ich!

Harst nickte zufrieden ...

»Das wäre der Anfang ...!«

Und ich, mit einiger Ironie: »Weshalb suchst Du nach Spuren?! Es ist doch natürlich einer der Chinesen Urtschoffs gewesen, der uns erledigte und dann ...«

»Stopp, Alterchen ...! An Dir muß der Kerl doch vorbeigehuscht sein, als er Dir den Klapps versetzt hatte und mich nun vornehmen wollte ... Vielleicht hast Du mit Deinem bereits schwindenden Bewußtsein doch noch irgend einen Eindruck von dem Menschen erhascht ...«

Ich sann angestrengt nach ...

»Allerdings ...« meinte ich. »Der Kerl war sehr groß und dürr und – hm – nein, es war kein Chinese, bestimmt nicht ... Es war ein Europäer ...«

»Merkwürdig!« murmelte der Freund da. »Sollte etwa hier eine Schurkerei übelster Art ...« – und verstummte, winkte mir ...

Die Kalkspur zog sich über eine kleine grüne Fläche nach einem Gebüsch zu weiter ...

Wir drangen in die Sträucher ein ... Hier in dieser Lichtung hatten Kinder gespielt, hatten sich eine primitive Bank errichtet und daneben ein Hüttchen ...

Harald musterte die Bank ...

Das Sitzbrett war offenbar dem Berge Bauschutt entnommen und weiß von Kalkstaub ...

Harst hob die Rechte, spreizte den Zeigefinger ab ...

»Was siehst Du dort?« fragte er ...

Auf dem Sitzbrett war nichts als ein Stückchen Goldpapier und ein brauner Strich zu bemerken ...

»Nichts ...!« erwiderte ich ... »Nichts sehe ich ...!«

»Und das Stückchen Goldpapier?«

»Hm – bedeutet das etwas?«

»Allerdings ... Schau es Dir mal genauer an ...«

Ich tat's ... Und wußte sofort: es war Goldpapier von einem Schminkstift, die ja unten sehr häufig mit Goldpapier umhüllt sind. – Ein wenig braune Schminke haftete noch an dem Papier. Mithin rührte der braune Strich ebenfalls von Schminke her ...

Und da kam mir eine Art Erleuchtung ...

»Der Attentäter hat sich hier verkleidet,« meinte ich ...

»Ganz bestimmt hat er das getan, mein Alter. Doch diese Weisheit nützt uns nicht viel. Ich möchte Dir nun erklären, daß der Attentäter keiner von Urtschoffs Leuten gewesen ist ... Niemand ahnt dort bisher, daß ich den Gefangenen entführt hatte, daß der Gefangene nicht mehr in dem Kranichhause steckt ...«

»Ja – unter dem Baumstumpf steckte er,« nickte ich stolz ...

»Pardon – ein kleiner Irrtum, Alterchen ... Oben im Baumstumpf!«

»Mein Gott, dann muß der Kerker ja entsetzlich gewesen sein ...«

»Das stimmt ... Und unsauber ...«

»Wie bist Du denn in das Vogelhaus hineingelangt ...?«

»Nun, zunächst habe ich mit einem Gummischlauch von oben die Kraniche durch Chloroform betäubt ...«

»Unglaublich ...!«

»Dann die Hunde durch Fleischstücke, die Morphium enthielten, zum Einschlafen gebracht. Dann mit einer Drahtscheere ein Loch in die Gitterdecke des Käfigs geschnitten, an einem Tau hinab, den Gefangenen befreit, wieder nach oben, nachdem ich das Kranichnest wieder leidlich geordnet hatte ...«

»Das Nest?!«

»Ja – unter dem Nest war der Gefangene verborgen ... Ich behaupte, daß Urtschoff noch nicht ahnt, daß sein Kranichhaus nun wertlos ... Er hatte die Geschichte verdammt schlau angefangen – verdammt schlau! Wenn er nicht jetzt übervorsichtig gewesen wäre und wenn nicht diese Vorsichtsmaßregeln uns auf den Käfig aufmerksam gemacht hätten ...« – und ... brach jäh ab, trat an den nächsten Baum heran ...

Dort hing noch das verknotete Ende einer Schnur ... etwa in Schulterhöhe ... Und vor dem Baume im Grase war zu erkennen, daß der Attentäter sich scheinbar hier mehrmals um sich selbst gedreht und sich so auf den Baum zu bewegt hatte – Harald erklärte mir die besondere Eigentümlichkeit dieser Spuren ... Und das tat er mit einer gewissen Freudigkeit, fügte hinzu:

»Du wirst noch sehr erstaunt sein, wenn Du die volle Wahrheit erfährst ... Jetzt wollen wir schleunigst einmal Toilette machen ... Das ist bei Dir nicht mehr nötig ... Aber bei mir ...«

Und er öffnete das Bündel ...

Ich half ihm ... Er legte einen weißen Leinenanzug an, nachdem er den bräunlichen Hautfarbstoff mit Spiritus abgerieben hatte ... Wurde wieder Gentleman, und so wandelten wir beide zum nächsten Postamt, das dicht neben unserem Pensionat lag ...

Harald telephonierte ... An Frau Wera nach dem Esplanade ... Bekam sehr bald Anschluß ... ich stand in der Telephonzelle neben ihm ...

»Hallo – hier Doktor Woringer ... Guten Morgen, gnädige Frau ... Etwas Neues? – So – – nichts Neues?! Das ist seltsam ... Hat der Fakir nichts gemeldet? – So ... nichts? – Danke ... Erwarten Sie uns im Hotel und schweigen Sie, gnädige Frau ... Sollte der Fakir erscheinen, so halten Sie ihn unter einem Vorwand fest ...«

Dann wandte Harald sich mir zu ...

»So, nun kommt die Entscheidung ... Los denn – zum Djeibar-Park ...!«

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