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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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7. Kinder und Kannibalen

Ein junger aufgeregter Leser, der Freud liest, wie wir alle einmal sexuelle Bilder angestarrt haben, kann sich in diesen Beispielen leicht wiederfinden. Jedenfalls kann er darin mit begierigen Augen neue Reize für seine geschlechtliche Brunst finden, er kann lächeln und sich sagen: Der Mann hat gar nicht so unrecht!

Wie aber, wenn sich die Analyse von sexuell erregten oder leicht erregbaren Männern oder Frauen in ihrer Reife und Fülle jetzt den Kindern zuwendet, um sich an den Unverdorbenen zu vergreifen?

Es gibt keine Unverdorbenen! schallt es laut zurück. Laßt uns endlich »das Märchen vom Paradiese der Kinder« vergessen! In Wahrheit sind die Kinder keine ungeflügelten Engel, sondern kleine bockbeinige Teufel, die überhaupt nichts anderes kennen als den Sexus. Verdorben sind nur die Erwachsenen, weil diese zu Gesetz und Religion verurteilten Menschen sich beständig zwingen müssen, ihre Urtriebe zu unterdrücken. Aus diesen Verdrängungen, die die Kultur seit Jahrtausenden den Menschen abzwingt, erklärt sich ja grade das ganze Unglück auf Erden! Nur beim Kinde und seinem Vorbilde, dem Urmenschen, finden wir noch den allmächtigen Trieb am Werke, den großen Pan, der uns dem Tiere gleichstellt, den Sexus. Jean Jacques renversé!

Aber auch hier verdüstert das Leiden, die Furcht, der Haß die frühesten Stadien des menschlichen Lebens.

Freud hat die Büchse der Pandora geöffnet: gleich werden wir Schlangen und Ottern, Haß und Rache aus der Seele des Kindes aufsteigen sehen! Auch hier sind es nicht etwa die Kranken: es sind alle Kinderseelen ohne Ausnahme, wie Freud nicht müde wird zu betonen. Hier rauschen die echten Quellen aller späteren Leiden, und wenn sich im Leben nachher die Neurosen entwickeln, so stammen sie sämtlich aus der normalen, also unvermeidbaren Verdrängung der Triebe des Kindes. Diese Leidensgeschichte der Menschheit beginnt mit dem zweiten Lebensjahre.

Auch hier hat Freud seinen Krebsgang vom Kranken zum Gesunden nach rückwärts gemacht: er stellt es selber dar. Erst die Lügen der Hysteriker führten ihn auf die infantile Sexualität: »Wenn die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Szenen zurückführen, so ist eben die neue Tatsache die, daß sie solche Szenen phantasieren. Man empfängt keinen anderen Eindruck, als daß solche Kindererlebnisse irgendwie notwendig verlangt werden und zum eisernen Bestand der Neurosen gehören.« Die Lügen der Hysteriker werden also für Freud die Beweise für die sexuelle Natur aller Neurosen. Wer lügt, will etwas verbergen, und zwar »etwas Ähnliches«: also verbergen die Hysteriker noch schlimmere Kindererlebnisse, »und nun kam hinter diesen Phantasien das Sexualleben des Kindes in seinem ganzen Umfang zum Vorschein!« Und er schließt: » Das Kind ist das Hauptobjekt der psychoanalytischen Forschung geworden, es tritt an die Stelle der Neurotiker, mit denen die Arbeit begann.«

Auf dieser phantastischen Grundlage baut Freud das Hauptstück seiner Lehre auf. Die perverse Lust, vom Vater geschlagen zu werden, die Eltern im Bette zu belauschen, der Wunsch, sich ebenso zu benehmen, ferner die eigenen Exkremente zu lieben: das alles wird jetzt bei normalen Kindern gesucht, zuerst in allen Kindern, später in allen Urmenschen und der neue Doktor Faust merkt gar nicht, wie ihn sein Homunkulus im Glase verspottet. Er ist begeistert wie Wagner, und fügt die größenwahnsinnigen Worte hinzu: »Ich müßte mich eigentlich schämen, diese Entdeckung gemacht zu haben … Um so sonderbarer, daß man sich bisher so viel Mühe gemacht hat, sie zu übersehen.«

Bevor wir nun das Labyrinth betreten, rate ich jedem, der in meiner Begleitung dem Meister folgen will, sich vorzusehen, sich gegen Ohnmacht und Verwirrungen zu sichern.

Viele werden mit kalter wissenschaftlicher Zustimmung in diesen Beispielen lesen. Denn Freud hat sie nicht bloß drucken und von seinen Schülern vermehren lassen, er hat sie auch vor Damen und Herren der Wiener Gesellschaft und später in Amerika vorgetragen.

Die Sexualität des Kindes, aufgebaut auf einer komplizierten Folge verschiedener Erregungen und Motive, entwickelt sich vor allem in drei Stufen, die alle mit antikisierenden Namen geschmückt sind: Zuerst die »autoerotische, prä-ödipale« Stufe mit einer zuerst oralen, dann einer »sadistisch-analen Komponente«. Erst später, nach einer gewissen Pause zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahre, wird in der dritten Stufe »der Primat der Genitalien« erreicht, wobei »die Kastrationsangst« und der »Penisneid« in die Erscheinung treten.

»Je mehr ein unvermeidlicher Psycholog und Seelen-Errater sich den ausgesuchteren Fällen und Menschen zukehrt, um so größer wird die Gefahr, am Mitleiden zu ersticken: er hat Stärke und Heiterkeit nötig, mehr als ein anderer Mensch.« (Nietzsche.)

Schon vor der ersten Stufe, sozusagen unter dem Nullpunkt, nämlich vor der Geburt, beginnt die Sexualität. Mit dieser schönen Entdeckung haben seine Schüler den Meister ergänzt und die »intra-uterinen Unlustgefühle« für das spätere Seelenleben mancher Menschen verantwortlich gemacht. Ein anderer Schüler Freuds, dem das nicht genug war, erklärte mit der diesen Forschern eigenen Diktatur das Leben im Uterus für so angenehm, daß das Leben später in der Luft nichts sei als ein unbewußter Wunsch, dorthin zurückzukehren.

Kein Wunder, daß wir, in die Welt gestoßen, sofort unsere sexuellen Triebe aktiv betätigen, nämlich beim Saugen! Die vom Säugling erhaschte Brust »erzielt in ihm eine sexuelle Lust«. Daher kommen so viele spätere Verdrängungen von Zwischenfällen beim Saugen: »Viel mehr Patienten«, schreibt Freud, »die beim Essen Schwierigkeiten haben oder die erbrechen, waren in der Jugend schlechte Sauger.« Daran haben die leidenden Damen bei ihren Geständnissen sich freilich nicht recht erinnern können. Frau Klein, bekannte Schülerin Freuds, ist aber doch in die Psychologie des Säuglings eingedrungen: »Die Brust der Mutter … wird das Kennzeichen von Gut und Böse. Was man eine gute Brust nennen kann, wird der Typus für das Gute durch das Leben hindurch … Das Innere des mütterlichen Körpers wird dem Kinde zum Objekt. In seiner Vorstellung greift das Kind diesen Körper an, raubt sich alles, was da ist, und die analytische Erfahrung hat bewiesen, daß diese Tendenzen zusammengehen mit Phantasien unbedingt kannibalischer Natur.«

Man glaubt vielleicht, dies ließe sich nicht beweisen? Sollte Freud, der sich so lange mit den Gefühlen des Säuglings beschäftigt hat, vielleicht aus eigener Erinnerung –? Das wäre doch zuviel gefordert. Sollten ihm seine Patienten Reminiszenzen aus ihren ersten Lebenstagen –? Kaum anzunehmen.

Erinnern wir uns aber, daß die Juristen den Beweis der Schuld meist dem Ankläger zuschreiben, nur selten dem Angeklagten den Beweis seiner Unschuld. Freud hat den Beweis in einem einzigen seiner stolzen Sätze erbracht: Seine »direkten Beobachtungen an Kindern haben bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße die Kindersexualität bestätigt.« Ja, er weiß noch mehr: »Das Kind verschmerzt niemals den Verlust der Mutterbrust.«

Warum kann sich der Leser dieses Gefühls nicht erinnern? Er weiß nicht einmal genau, wie lange er von der Mutter selbst gestillt worden ist. Mangel an Selbstbeobachtung, Vergeßlichkeit? Freud weiß es besser: »Dasselbe Kind, das mit Gier die Milch der Mutterbrust gesogen hat, pflegt einige Jahre später einen starken Widerwillen gegen Milchgenuß zu äußern … Die Haut auf der Milch ist vielleicht die Erinnerung an die einst so heiß geliebte Mutterbrust: Daher der Abscheu der Kinder vor der Haut der Milch.« – »Daß einige Kinder Blut und rohes Fleisch nicht sehen können«, schreibt Freud, »vor Eiern und Makkaroni erbrechen müssen, und die Furcht vor Schlangen, welche der Menschheit natürlich ist, alles dies hat eine definitiv sexuelle Bedeutung.«

An die Mutterbrust schließt sich »einfach und zwanglos«, wie Freud zu sagen liebt, das »Euter der Kuh an, und zwar als Erreger von &›Erinnerungen an das erste Lustgefühl des Kindes‹«. Da es aber eine andere Stellung hat und einem männlichen Gliede ähnlich ist, so entsteht daraus » die Basis für perversen Mundkoitus«.

Man ist ungläubig? Man erklärt, in der Kindheit die Milch geliebt zu haben, man trinke sie heute noch gern und schiebe die Haut mit dem Löffel weg, ohne ferne Vorstellungen der Mutterbrust? Vielleicht gehört man sogar zu jenen Anormalen, die in spätern Jahren, wenn sie ihre Mutter küßten, sich niemals an ihre Brust zurückgeträumt haben? Vielleicht hat man niemals einen Mann oder eine Frau getroffen, die sich mit den eigenen Säuglingstagen beschäftigten? Vielleicht hat man keine Furcht vor Schlangen und hat sie weder mit Makkaroni noch mit den Geschlechtsteilen zusammenbringen können?

Das kommt alles von Mangel an Analyse. Man besuche einen Analytiker, und er wird es uns spielend beibringen! Man glaubt nicht, wie gefährlich die geringste Neugier aus den Kinder Jahren für ein ganzes Leben werden kann – nur schade, daß man die Warnung zu spät erfährt!

Wieder ein Beispiel: Ein Mann von Vierundzwanzig gestand Freud, er erinnere sich, wie er mit seiner Tante im Garten Buchstaben lernte und sich den Unterschied von »m« und »n« nicht merken konnte. »Ein Strich mehr«, sagte die Tante. Sie ahnte nichts – da war es schon um das Kind geschehn! Dies wurde nämlich die symbolische Vertretung für eine andere Wißbegierde des Knaben: nach dem Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen. Freud: »Er wäre gewiß einverstanden gewesen, wenn grade diese Tante seine Lehrmeisterin geworden wäre. Er fand dann aber heraus, daß der Unterschied ein ähnlicher sei, daß der Bub wiederum ein ganzes Stück mehr habe als das Mädchen.«

Man glaubt, eine Parodie auf Freud zu hören, aber es ist der Meister selber, der seinen Wahn in dem Satze demaskiert: » Es gibt keine harmlosen Träume. Träume, die harmlos erscheinen, werden sich als düster erweisen, wenn man sich die Mühe gibt, sie zu interpretieren.« Genau, was der böse Richter tut, der für sein Vorgefühl der Schuld dem Angeklagten die Geständnisse durch Suggestion abtrotzt.

Für den Gesunden kommt jetzt alles darauf an, endlich zu lernen, daß er krank sei, wie alle anderen, daß er pervers sei und es auch immer war. Wenn ein Junge aus Brotkrumen Männchen macht –: Aha! Als ein acht Wochen altes Kind nur nach Einlegung eines Instrumentes in den After Stuhl haben konnte – errät man, woran das Kind litt? An »unterbewußter Analmasturbation«. Es wird also einem Säugling, der seine Genitalien nicht anders erfaßt wie seine Finger, der unbewußte Trieb zu sexuellen Perversitäten unterlegt, die die meisten Menschen nicht einmal bei voller Geschlechtsreife kennenlernen. Betrachtet aber das Kind später gern seine Exkremente, so bezeugt dieser Blick »einen Hang zum Gelde, denn von der Form des Kotes geht es zu Sandformen, Spielzeug, woraus dann Münzen werden«. Hier ist der Ursprung eines erfolgreichen Wallstreet-Bankiers greifbardargestellt. Freud faßt diesen Hauptteil seiner Lehre in die klassischen Worte zusammen: »Wenn das Kind überhaupt ein sexuelles Leben hat, so kann es nur von perverser Art sein.«

Und nun wird das Labyrinth zum Tempel, denn Freud bezeichnet selbst das vom » Inzest-Verlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern als den Kernkomplex der Neurose«. Zugleich dehnt er aber in gewohnter Weise den Trieb zum Inzest auf alle gesunden Kinder aus, von denen ein Teil diese Instinkte später unter dem Einfluß der Kultur verliert, während andere ihn nicht abschütteln können oder wollen und deshalb neurotisch werden.

Hier sind wir nicht etwa bei einer Marotte, auf der man zuweilen einen ernsten Forscher erwischen kann. Vielmehr nennt einer seiner Hauptschüler den Ödipus-Komplex » den Triumphwagen Freuds, der ihn über die Erde gezogen hat«. Der Meister selbst erklärt, »daß der Ödipus-Komplex der Kern der infantilen Sexualität ist, die wegen ihrer Nachwirkungen die Sexualität der Erwachsenen entscheidend beeinflußt. Die Aufgabe für jeden neuen Menschen ist es, den Ödipus-Komplex zu bemeistern … Er war sowohl der Höhepunkt des infantilen Sexuallebens, wie auch der Knotenpunkt, von dem alle spätere Entwicklung der Psychoanalyse ausging.«

Diese Entdeckung ist für Freud »das Schibboleth geworden, das die Schüler der Analyse von ihren Opponenten unterscheidet«. Kann ein Prophet deutlicher werden? Blicken wir dieser originellen Darstellung der frühesten Kämpfe in jeder Menschenseele, von denen wir Kleinbürger gar nichts wußten, entschlossen ins Gesicht!

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