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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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6. Traumdeutungen

Im folgenden zitieren wir ein Dutzend Traumdeutungen aus Freuds berühmtem Buche, nur gekürzt. Diese Träume sind ihm alle berichtet oder gebeichtet worden; über Freuds eigene, von ihm dargestellten Träume werden wir später berichten. Wir überlassen es dem Leser, je nach seiner Disposition, das Genie dieser Deutungen zu bewundern oder sich zu fragen, ob er sich vielleicht in einem Irrenhause befindet.

Ein Mann wird im Traum zwischen zwei stattlichen Palästen in ein kleines Haus geführt, dessen Tore verschlossen sind. Seine Frau führt ihn, drückt die Tore ein, »und dann schlüpft sie rasch in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes«. Freuds Deutung: »Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat … wird mit Leichtigkeit in diesem Traum eine Darstellung des Koitusversuches von rückwärts zwischen den beiden stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers finden.« Da damals gerade ein anziehendes junges Mädchen ins Haus des Träumenden gekommen war, und zwar aus Prag, so ist zugleich das Haus zwischen den Palästen der Burg in Prag entnommen.«

Ein Mädchen steckt im Traum eine Kerze in den Leuchter, aber sie ist gebrochen, die anderen Mädchen aus ihrer Schule sagen, sie sei ungeschickt; die Gouvernante sagt aber, es sei nicht ihre Schuld. Freuds Deutung: die Kerze reizt die weiblichen Genitalien; ist sie gebrochen, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes, es sei nicht ihre Schuld.

Eine junge Frau träumt, sie ginge im Sommer spazieren, auf dem Kopf einen Strohhut von eigentümlicher Form, das Mittelstück nach oben aufgebogen, die Seitenteile nach abwärts hängend. Als eine Gruppe von Offizieren vorbeigeht, denkt sie: »Ihr könnt mir alle nichts anhaben.«

Freuds Deutung: »Der Hut ist wohl ein männliches Genital mit seinem emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen … Wenn sie also einen Mann mit so prächtigen Genitalien hat, so braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, das heißt, nichts von ihnen zu wünschen.«

Als eine junge Frau einen an Blumen reichen Traum erzählt hat, der sie in einen Garten führte, läßt Freud zur Erklärung alles, was sexuell zu deuten sei, in seinem Bericht doppelt gesperrt drucken. Die gesperrten Worte lauten: »großen Ast in der Hand – rote Blüten – Kamelien – Blüten abgefallen – dicke Haarbüschel – aus einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen –«. Als die junge Frau sich im Traume gefragt hat, ob es recht sei, daß man sich einen (Ast oder Zweig) nehmen kann, erklärt dies Freud: »Das heißt Masturbieren.« Als sie im selben Traum auf einen jungen Mann zugeht und fragt, ob man solche Äste in ihrem Garten einsetzen könne, erklärt Freud: »Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Gliedes übernommen.«

Von diesem Traum sagt Freud, daß seine » hübsche Symbolik eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete«, fügt aber hinzu: »Der schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht mehr gefallen.« Die sexuelle Deutung, die Freud so sehr gefällt, daß er sie gesperrt drucken läßt und hübsch nennt, erinnert an Rembrandts Susanna im Bade, wo den Alten der Mund wässert. Als aber zum Schlusse die junge Frau sich entsetzt von seiner Deutung abwendet, wundert er sich, daß ihr der schöne, nun zerfetzte Blumentraum »gar nicht mehr gefallen will«.

Freuds Deutungen durch die Blume sind zahlreich; hier eine andere. Eine junge Braut, die ausdrücklich als nicht neurotisch bezeichnet wird, erzählt in englischer Sprache von einem Blumentraum, in dem »violets and pinks of carnation« vorkommen. Freud deutet, mit violets sei »violate« gemeint, »um durch die Blume den Gedanken an die Gewaltsamkeit der Defloration auszudrücken. Vielleicht ist ein masochistischer Zug des Mädchens auszudrücken. Sie erklärt später, daß sie incarnation gemeint habe. Da ihr der Verlobte häufig carnations geschenkt habe, so ist hier »ein weiterer Beweis für ihren phallischen Sinn im Traum gegeben … Der latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich es wäre, würde ich nicht warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt brauchen, daher violate. Ferner war es (im Traum) ein horizontaler Tisch, in dessen Zentrum sie Blumen arrangierte.«

Eine lange verheiratete, aber noch junge Frau träumt, sie säße neben ihrem Manne im Theater, daneben war ein Platz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, ihre Freundin habe mit ihrem Bräutigam auch kommen wollen, aber nur schlechte Plätze bekommen; drei für 1,50 Gulden, die sie nicht mochte. Sie erwidert darauf, das wäre auch kein Unglück gewesen. In der Untersuchung teilt die Träumerin noch mit: Die gleichaltrige Freundin habe sich erst jetzt verlobt. Sie habe die Billetts frühzeitig gekauft und wurde geneckt, da das Theater dann halb leer war. Die Schwägerin bekam neulich 150 Gulden geschenkt und kaufte sich sogleich dafür einen Schmuck. Die Sache mit den drei Karten wäre Unsinn.

Freuds Deutung: Ins Theater gehen bedeutet Heiraten. Hier ist von einer Übereilung die Rede, da dreimal das Wort »eilig« vorkam. Die Erinnerung an Schmuck weist auf Mitgift hin. Die drei Karten sind sexuell, weil die Zahl Drei das männliche Sexualorgan bedeutet. Da sie es als Unsinn bezeichnet, hält sie ihre vorzeitige Heirat für Unsinn. Um dies zu verstecken, träumt sie drei Karten für zwei Personen. » Kann man es abweisen, daß dieser Gedanke: Es war Unsinn! grade durch die Aufnahme eines absurden Elementes in den Traum dargestellt wird?« Daß sie aus 150 Gulden 1,50 macht, beweist, sie bedauerte diese frühe Heirat, denn sie hätte einen hundertmal besseren Mann bekommen können, denn 150 ist hundertmal mehr als 1,50, also: »Es war Unsinn, sich mit der Heirat zu beeilen, Alice hat auch jetzt noch einen Mann bekommen, ich hätte einen hundertmal besseren haben können.«

Hierauf erwidert die junge Frau – nach Freuds eigner Darstellung –: »Sie hätte gar nicht gewußt, daß sie ihren Mann so gering schätzte, sie weiß auch nicht, weshalb sie ihn so gering schätzen sollte.« Da aber Freuds Dogma jeden Traum als einen Wunschtraum enthüllt, so muß er nun den Geheimwunsch der Frau herausbekommen. Sehr einfach: er erinnert daran, daß naive Mädchen sich hauptsächlich deshalb auf ihre Verlobung freuen, weil sie dann zu allen verbotenen Stücken ins Theater gehen dürfen. Daher muß für die Träumerin die frühe Heirat einst eine Wunscherfüllung gewesen sein, »und geleitet von dieser alten Wunscherfüllung, ersetzt sie das Heiraten durch das Theatergehen«. Indem Freud hier aus burlesken Kombinationen einen verrückten Zusammenhang erzwingt, alles gegen den Widerstand der Frau, erschüttert er ihre Ehe und zwingt sie durch seine Suggestion, von jetzt ab ihren Mann gering zu achten – es sei denn, daß sie ihn ausgelacht hat und nie wiederkam.

Aber halten wir uns bei einem einzelnen Falle nicht zu lange auf: das Vorzimmer des Professors ist voll von deutungssüchtigen Damen. Hier ist eine andere, deren Schmerzen er wie folgt berichtet:

Im Traume blickt sie ohne Erregung auf den Tod des einzigen Sohnes ihrer Schwester. Da sie energisch ablehnt, dies als ihren Wunsch anzuerkennen, wird sie von Freud gedrängt, ihre Gedanken zu schärfen und ihre Erinnerungen zu befragen,

»so wie er sie mit Öl betupft;
da kommt sie schon hervorgehupft«.

Freuds Deutung: »Die Frau ist einmal in ein Haus gekommen, in dem gerade ein Kind starb. Dort traf sie einen Mann, der später ihr Liebhaber wurde. Wenn also jetzt der Neffe im Traume stirbt, bedeutet dies nichts anderes, als daß sie ihren Liebhaber wieder treffen möchte.« Es klingt wie die Deutung einer Zigeunerin aus den Handlinien einer unruhigen jungen Frau.

Aber auch unsere Fliegerei, die im Kriege die Freiheit der Welt rettete, stammt aus dem Sexus, und ihre Erfinder, von Lionardo bis zu den Brüdern Wright, nahmen ihre Anregungen nicht etwa vom Vogel oder vom Motor. Hören wir den Meister: »Alle Flugträume sind Verdrängungen eines anderen Wunsches, den wir nicht aussprechen. Wenn dem neugierigen Kind erzählt wird, daß ein großer Vogel die Kinder bringe, und die Alten den Phallus mit Flügeln dargestellt haben, so scheint es daher zu kommen, daß der Wunsch zu fliegen mehr oder weniger in allen Menschen ein Verlangen nach sexueller Betätigung ist. So hat auch die Fliegerei … ihre Wurzeln in der Kindersexualität.«

Die Homosexuellen haben es etwas schwerer, aber auch sie finden hier praktische Anleitungen, wie sie sich aufregen können: sie mögen nur an Bäumen und anderen phallischen Objekten vorbeistreichen oder als Spaziergänger mit Stock oder Schirm anstoßen, da schon zwei zusammengebrachte phallische Objekte die Perversion bedeuten. Ein Patient, der geträumt hatte, er hätte seine (phallische) Pfeife zerbrochen, zerbrach sie andern Tages wirklich, ohne Absicht. »Im Traum verlor er dabei auch eine kleine weiße Elfenbeinspitze, die Samen bedeutet: Hier erkennen wir den Kastrationskomplex; man erstaunt, daß dies geheime Homosexualität aufschloß.«

Wie aber, wenn der Patient durchaus alle »anstößigen« Träume leugnet, die ihm der Arzt suggeriert? Ganz einfach: dann hat ein unsichtbarer Zensor in seinem Traum gewaltet und die unanständigen Vorstellungen, die der Schläfer träumen wollte, in anständige verwandelt. Das ist die »oft sehr anstößige Wunschregung, die ein Wacher leugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traumbildner … Der Traum ist gebaut wie ein neurotisches System, er ist eine Kompromißbildung zwischen dem Anspruch einer verdrängten Triebregung und dem Widerstand einer zensurierten Macht im Ich.«

Als Ornamente zitieren wir noch einige harmlosere Fälle aus Freuds Traumbuch:

Warum träumte ein junger Mann drei Sterne?

Eine Schauspielerin ist ein Star, ein Liebhaber nennt seine Geliebte seinen Stern. In der Schweiz nennen die Mädchen ihren Sexus ihren Stern (!). Eine junge Frau träumt von einem Segelboot auf dem Genfersee, wo die Segel einen Schnitt haben wie ein spitzes Instrument. » Kann man an der Deutung &›zweifeln‹, daß sie von einem Penis träumt?« Eine andere träumt von einem weiten schattigen Garten, wo der Gärtner die Pflanzen wässerte: Deutung automatisch gegeben. In einem dritten Falle wird der geträumte Wald »als Sinnbild des behaarten weiblichen Geschlechtsteiles« gedeutet.

Eine vierte träumte, sie ginge eine ihr allbekannte Straße auf und ab? Bedeutung: Koitus. Eine fünfte greift häufig nach ihrer Handtasche? Natürlich! Eine sechste spielt im Traum Klavier? Masturbation. Ein Mann träumt, er besuche seine Großmutter: » Dahinter steckt sein unbewußter Wunsch, sie zu deflorieren.«

Träume von Zähnen bedeuten Masturbation, im äußersten Falle, das Herausreißen von Zähnen Kastration als Strafe für Onanie. Ein im Traum versäumter Zug bedeutet Impotenz, Nacktheit, Exhibitionismus. Viele, die sich »im Traume schlecht fühlten, leiden an Anal-Erotomanie und wünschten sich Sodomie«. Mit einem kleinen Kind im Arme spielen bedeutet natürlich Masturbation, während kahler Kopf, Haarschneider oder Geköpftwerden »ungezwungen« als Kastration, dagegen eine Reihe von Räumen zu durchschreiten als nichts anderes als ein Bordell gedeutet werden kann.

Ja es geht sogar ganz ohne Traum, im Wachen; ähnlich, wie man heutzutage für das Radio keine Antenne mehr braucht. Wenn nämlich eine Dame die Tür zum Behandlungszimmer plötzlich aufreißt, während grade ein anderer in Analyse daliegt, und sie entschuldigt sich für ihre Voreiligkeit – was, glaubt man wohl, mag dies ganz ungezwungen bedeuten? Jetzt errät man es schon selbst: »Die Neugierde, welche sie seinerzeit ins Schlafzimmer der Eltern eindringen ließ!«

Sind wir vielleicht doch im Irrenhause?

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