Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ludwig >

Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 6
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
projectidb7cd4c0e
Schließen

Navigation:

4. Sechzig sexuelle Symbole

Um eine neue Religion, Gesellschaft oder Wissenschaft aufzubauen – oder doch die alte zu zerstören –, braucht man vor allem eine neue Nomenklatur. Die Namen, die die Analyse gefunden oder wiedergefunden hat, sind ebensoweit gedrungen wie die, die neue politische Parteien seit dreißig Jahren der Menge suggeriert haben: Worte wie Kooperationsstaat, Herrenvolk, Führerprinzip haben die Ohren gedankenloser Millionen nicht stärker kaptiviert als Komplex, Inferiorität, Ödipus.

Die Analytiker, die einen sexuellen Orden gegründet haben, mit »Logen« in der ganzen Welt, brauchten neue Worte und Symbole, um zu wirken, und führten in die tägliche Sprache Begriffe ein, wie Verdrängung, Abreagieren, Katharsis. Das Ganze wird von Freud » Tiefenpsychologie« genannt, als ob es eine Flächenpsychologie gäbe. Gemeint ist: wir tauchen in die Tiefen der Seele, die noch niemand ausgelotet hat. Tatsächlich hat ein Schwärmer von der »Taucherglocke« geschrieben, in deren Schutz Freud unsere Tiefsee erforschte. Um den neuen Glauben suggestiv zu machen, erfand Freud griechisch-lateinische Kombinationen, die durch ihre geheimnisvollen Klänge den Laien auf die sakralen Gefäße hinleiten sollen, ohne sie direkt zu enthüllen. Mit Respekt und Staunen hört der Leser vielleicht zum ersten Male, daß auch der After am Sexus beteiligt ist, was Freud mit »Anal-Erotik« oder auch »unterbewußte Anal-Masturbation« bezeichnet. Wenn aber jemand über das Maß zu spucken pflegt, so heißt dies »sputative neurotische Kompulsion«.

Andere Bezeichnungen sind der antiken Sage entnommen. Weil Zeus einen Gast bestrafte, genannt Kakopraxes, den Taugenichts, der bei Tische den Zeigefinger in die Nase steckte, so leidet ein unerzogener Mensch, der dergleichen macht, »an kakopraxianer Pillendrehlust«. Gewisse Symbole haben unter den Analytikern Kurse wie der Dollar oder das Pfund, sie sind den Träumen entnommen, von diesen aus definiert und müssen jedem, der in den Orden eintritt, geläufig sein. So bedeuten Kleider, Uniformen stets Nacktheit, Abreise bedeutet Sterben; Zahnverlust, aber auch Blindheit bedeutet Kastration.

Natürlich sind alle Gegenstände in männliche und weibliche geteilt, und wir müssen uns von nun an angewöhnen, die Dinge des täglichen Lebens in ihrer wahren, inneren Bedeutung zu erfassen. Oder was, glaubte man wohl, bedeuten die folgenden Gegenstände? Stöcke, Schirme, Stangen, Bäume, Messer, Dolche, Säbel, Gewehre, Pistolen, Wasserhähne, Gießkannen, Springbrunnen, Hängelampen, Bleistifte, Federstiele, Nagelfeilen, Flugmaschinen, Reptilien, Fische und Schlangen? Ohne die letzten vier würde man ohne Zweifel auf den Katalog eines Versandhauses schließen. Es sind aber zwanzig Symbole für Penis. Jeder, der eins von diesen zwanzig träumt, dachte dabei an den männlichen Geschlechtsteil: die einen erfreut, daß sie ihn haben, die anderen wünschend, sie hätten ihn. Beim Regenschirm, fügt Freud ausdrücklich hinzu, » wegen des der Erektion vergleichbaren Aufspannens«. Bei Männern ist auch die Krawatte »häufig« das Symbol des Penis.

Die Damen sind bevorzugt, für den weiblichen Geschlechtsteil gibt es sieben Symbole mehr. Wenn man von Schächten träumt, von Gruben, Höhlen, Gefäßen, Flaschen, Schachteln, Dosen, Koffern, Büchsen, Kisten, Taschen, Schränken, Zimmern, Schlüsseln, Türen, Toren, Holz, Papier, Tischen, Büchern, Schnecken, Muscheln, Kirchen, Kapellen, Schmuck, Äpfeln, Pfirsichen, so will man es sich nur nicht eingestehen: gemeint war immer die Vagina, die die weibliche Träumerin in ihren Symbolen gern angegriffen sehen, der männliche Träumer gern angreifen wollte.

Nachtragskatalog von Freud: »Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als Genital, und zwar des Mannes, zu deuten.«

Zu diesen einundzwanzig plus achtundzwanzig Symbolen treten noch zehn, die schlicht und einfach Beischlaf bedeuten, nämlich Süßigkeiten, Klavierspielen, Überfallenwerden, Gleiten, Fliegen, Tanzen, Reiten, Steigen, Kaminkehren, aber auch Eisenbahnstationen, »weil dort Züge hin und her geschoben werden«.

Nachtragskatalog von Freud: Der Traum durch eine Flucht von Zimmern ist ein Bordell- oder Haremstraum. Beim Steigen gibt er noch die ausdrückliche Erklärung: »Das Steigen auf Leitern und Treppen ist eine symbolische Darstellung des Geschlechtsaktes, und zwar sowohl aufwärts als abwärts.«

Es werden also zunächst einige sechzig Symbole in den Analysen mit den Sexualia gleichgesetzt: da gibt es keine Zweifel, vor allem keinen Einspruch durch den Patienten. So ist es.

Dies waren jedoch nur die unverrückbaren Fundamente der Freudschen Symbollehre; die Einzelheiten hängen vom Gesamtbild ab, und zwar nicht bloß im Traume.

Die hysterische Blindheit ist eine bekannte Erkrankung; Hitler litt daran als Soldat im ersten Weltkriege, was von einem untersuchenden Arzte später als Beweis seiner hysterischen Natur erkannt wurde. Sie ist seit Jahrzehnten bekannt und wird wie in jenem Falle auf Schreck-Erlebnisse zurückgeführt, besonders in der Schlacht, weshalb sie auch meist bei eintretender Ruhe wieder verschwindet. Freud aber erklärt: Die sexuellen Wünsche sind mit den Augen verbunden: der Trieb, zu enthüllen, was die Augen ersehnen, wird unterdrückt, bis aus den verdrängten Trieben die Blindheit entsteht.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.