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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 41
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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39. In der Arbeit

Kant lebte nicht viel anders, aber er suchte Gott oder den Logos, mit einzelnen Menschenherzen hatte er nichts zu tun; der Philosoph blieb, was er war. Der Nervenarzt dagegen wurde Philosoph, Traumdeuter, Seelenforscher. Seit er so großen Ruf erlangt, machte er täglich acht bis elf Analysen oder setzte sie fort. Dabei ging alles durchs Ohr und nichts durchs Auge: er sah den Patienten nicht an, wenn er sprach, beraubte sich dadurch des größten Mittels jeder Analyse und übertrug diese Praxis auf seine Schüler.

Die Natur dieser Arbeit schließt einen Sekretär aus, ebenso einen Assistenten, denn es ist eine vertrauliche Aufgabe, gut für Naturen, die entweder sehr demütig oder sehr hochmütig sein müssen. Freud machte sich nachher nur ein paar schnelle Notizen und schrieb ungefähr einmal die Woche genauere Skizzen nieder. Das Geld stand dabei nicht im Vordergrunde; Freuds Lohn war das Gefühl der Macht über so viele menschliche Seelen.

Über die Rückwirkung teilt sein Biograph ein interessantes Wort mit. Als sie wieder einmal von den Patienten sprachen, sagte Freud plötzlich leise: »Die Narren!« Sachs betont, daß er ihn dergleichen nur ein einziges Mal habe sagen hören. Ein anderer Satz, diesmal aus Freuds Memoiren, ist ebenso bedeutsam. Als er von frühen Zweifeln an der Wahrheit der ihm gemachten Geständnisse spricht, fügt Freud hinzu: »Damals hätte ich gern die ganze Arbeit im Stich gelassen … Vielleicht hielt ich nur aus, weil ich keine Wahl hatte, etwas anderes zu beginnen.« Soweit ich sehe, gibt es in elf Bänden von Freuds Feder nur wenige Sätze des Zweifels; die übrigen viertausend Seiten sind voll Sicherheit.

Einmal in der Woche empfing er seine nächsten Schüler, angeblich zur Debatte, doch, wie diese versichern, ganz als Meister und Prophet. Wichtige Briefe las er vor Absendung einzelnen Schülern vor. Erzählte er eine Anekdote, so endete sie meist mit einer geistreichen Antwort, die er selbst gegeben. Sogar wenn er auf einem Ausflug im Sommer seine Begleiter zu einer Wette einlud, wer eine bestimmte Art Pilze am schnellsten finden würde, hatte er sich – so berichtet der Biograph – jedesmal vorher versichert, daß er gewinnen würde.

In späteren Jahren baute Freud eine Art von Orden aus, mit Zusammenkünften, Schwesterlogen, mit einer Art Geheimsprache. Seine beiden Zeitschriften mußten nicht bloß den Meister beständig schützen, sondern auch jede unscheinbare Besprechung abdrucken, sofern sie ihm günstig war. Blättert man darin, so glaubt man in einem Parteiorgan zu lesen. Bei Angriffen verteilte er die Mittel der Verteidigung. Fiel ein Schüler ab, so forderte Freud von den anderen, ihn kräftig zu bekämpfen.

Die Jüngeren, sozusagen noch nicht Eingekleideten, durften bei den intimeren Zusammenkünften nur vom Nebenzimmer aus durch offene Türen zuhören. Nach einem Kongreß im Jahre 20 schloß Freud mit sechs oder acht seiner Apostel eine Art Bund, der sich alle zwei Jahre treffen, aber die Gespräche geheimhalten sollte. Sechs seiner Schüler gab er einen Ring, ähnlich dem, den er selbst immer am Finger trug. Der seinige war ein antiker Siegelring mit einem Jupiterkopf; die Schüler erhielten solche mit Halbedelsteinen, doch wird nicht mitgeteilt, was darauf zu sehen war. Da er alles selbst machte, auch jeden Brief und jedes Manuskript mit eigener Hand schrieb, mußte er schnell und konzentriert arbeiten; in einer Stunde schrieb er leicht zehn Briefe.

So verging der Tag und das Jahr im Haus und in der Arbeit, in gleichmäßigem Rhythmus einer Tätigkeit, die, von außen gesehen, vielerlei zu behandeln schien – nur nicht die menschliche Seele.

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