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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 4
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
projectidb7cd4c0e
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2. Die Anklage

Gesunde und Kranke – wir wissen es – leben besonders im Psychischen nicht in zwei getrennten Reichen; hundert Übergänge bestätigen den lateinischen Spruch: Natura non facit saltus. Nachdem wir diese Banalität nochmals vorausgeschickt haben, erheben wir die Anklage in vier Punkten:

1. Freud verfälscht die Grundlagen des normalen Seelenlebens, indem er sie ausdrücklich aus seinen Beobachtungen bei Neurotikern erklärt, eine Identität des kranken mit dem gesunden Seelenleben aufstellt, die Basis als Nervenarzt verläßt und sich als Analytiker am normalen Menschen etabliert.

2. Freud erklärt nicht bloß » alle Neurosen als verdrängte Sexualität« und »ohne Ausnahme als Störung der sexuellen Funktion«, sondern die Handlungen auch der gesunden Menschen aus verdrängten sexuellen Trieben. Er stabiliert, daß jeder Mensch ein natürliches Verlangen zur Vermischung mit seiner Mutter hatte und künstlich verdrängen mußte. Ja, er spricht es ausdrücklich aus, » daß kein Trieb zur Vervollkommnung im Menschen wohnt«, und alles, was als echtes Streben wirkt, sich »ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen läßt«. Die Menschen sind in ihren unbewußten Trieben immer bestialisch und niemals gutartig.

3. Freud gefährdet mit seiner Lehre die Menschen durch Suggestion. Indem er bei der Analyse immer wieder von Drängen und Nachhelfen durch den Arzt spricht, dort, wo der Patient sich wehrt, leitet er diesen auf Wege der Erinnerung und Phantasie, die ihn in düstere, ihm bisher unbekannte Sphären und so von einer Neurose in die andere führen. Seit diese Lehre in Schlagworten populär wurde, lieben es schwache Menschen, sie zu ihrer Rechtfertigung zu benutzen.

4. Freud läßt in seinen späteren Büchern Kunst, Kultur, Religion aus diesen selben verdrängten Trieben stammen und erklärt die Taten großer Männer aus geheimen sexuellen Trieben. In Unkenntnis der Fakten schließt er die höchsten Vertreter der menschlichen Kultur seiner Unterwelt an. Nachdem er erklärt hat: »Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das Letzte, was die Psychoanalyse erkennen kann«, wagt er es, den ganzen Menschen und so auch den großen gänzlich aus Trieben zu erklären.

Alle allgemeinen Thesen Freuds über die menschliche Seele sind ohne Beweis geblieben. Sie sind geeignet, besonders jungen Menschen alles Streben zu entwerten, Schwache für ihre Passivität zu entschuldigen und Unwissende zu Zynikern vor den Schätzen der Menschheit zu machen. Die Verbreitung dieser von den einfachsten Menschen wie von den feinsten Kennern der Seele geleugneten Behauptungen wächst sich zu einer Gefahr unserer Generation aus.

Betrachten wir zuerst, wie er die gesunde Seele der kranken gleichsetzt.

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