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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 39
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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37. Entdeckungen

Zwei junge Forscher begegnen einander in einem Alpentale. Einer macht den anderen auf pflanzliche Erscheinungen aufmerksam, sie untersuchen sie zusammen und schreiben ihre Erfahrungen gemeinsam nieder. Dann aber entfernt sich der eine, angelockt von den beglänzten hohen Firnen, und fängt an, allein auf die Gipfel zu steigen; dort hat er weite Fernsicht, aber er findet kein organisches Leben mehr, alles ist vereist. Je mehr er sich in die Probleme der unfruchtbaren Gletscher vertieft, um so ferner sinken seine lebendigen Studien zurück, er wird immer fanatischer, ohne etwas Neues zu finden, und kehrt am Ende selbst halb vereist zurück, jedes Glaubens beraubt.

So ungefähr verlief die Freundschaft des noch nicht dreißigjährigen Siegmund Freud mit einem weit älteren Wiener Neurologen.

Joseph Breuer hatte ein schwer hysterisches Mädchen, einundzwanzigjährig, das nicht mehr essen noch sprechen, auch oft nicht mehr sehen konnte, unter Hypnose zum Sprechen gebracht und ihm Geständnisse über geheime Gedanken während der Krankheit ihres Vaters entlockt. Das Mädchen wurde von dem Arzte als klug und so kritisch geschildert, daß nur wirkliche Argumente ihr Eindruck machten. In den Abendstunden verfiel sie stets in einen angstvollen hypnotischen Zustand mit Halluzinationen. Nach einiger Zeit fing Breuer an, sie am Morgen zu hypnotisieren und sie dann zur Konzentration ihrer Gedanken zu bringen, worauf ihre Aussagen von früh und abends verglichen und monatelang analysiert wurden. Es ergaben sich Erinnerungen an Erregungen, die sie als Pflegerin ihres inzwischen verstorbenen Vaters gehabt, so zwar, daß diese bisher unterdrückten psychischen Akte ihr bewußt wurden und sich zugleich die physischen Symptome verloren, die sich an jene verdrängten Vorstellungen knüpften.

Das Mädchen, das in der Hypnose immer englisch sprach, nannte dies scherzend »talking cure« oder »chimney sweeping«, der Doktor nannte es Katharsis, Reinigung, nach dem Begriff im griechischen Drama. Es wurde dabei der bewußte und der unbewußte geistige Zustand unterschieden. Das Symptom stellte sich als eine Konversion psychischer Energien in eine physische Äußerung dar. Die Kur oder Reinigung bestand also darin, daß der Patient in der Hypnose mit den bisher verdrängten Ereignissen oder Gefühlen fertig wurde und sie durch Aussprechen überwand.

Hier liegt die Entdeckung des Grundgedankens dessen, was später Psychoanalyse genannt wurde. Der junge Doktor Freud, dem Breuer den Fall mitteilte, war fasziniert, verglich diese Entdeckungen mit den neuesten französischen Forschungen, übertrug die Behandlung durch Hypnose und Erzählen auf andere Kranke und ermunterte Doktor Breuer zu einer gemeinsamen Schrift, was dieser später zögernd tat. Siegmund Freuds Name steht zuerst auf einem kleinen Buch hinter dem Namen Josef Breuers.

Aber Breuer, ein anderer Kolumbus, hatte nicht erkannt, daß er einen neuen Erdteil entdeckt hatte; Freud erkannte es. Deshalb heißt der Erdteil nach Amerigo Vespucci und die Psychoanalyse nach Freud.

Dieser Doktor Breuer hatte aber nicht zufällig einen Schatz gefunden; ein reiches Forscherleben führte ihn später zu entscheidenden Entdeckungen, die sich von der Selbstregulierung der Ein- und Ausatmung bis zur Funktion der halbzirkelförmigen Kanäle im Ohr, vom Gehörorgan der Vögel bis zum Einfluß des galvanischen Stromes auf Fische erstreckten.

Der Lärm, den jene erste Schrift unter den legitimen Professoren hervorrief, Verleumdung, Verspottung, Schädigung, hatten den ältern Arzt mit seiner großen Praxis erschreckt und entmutigt. Er trennte sich von Freud, der übrigens Breuers Priorität stets anerkannt hat. Der Hauptgrund aber war, daß Freud dem Ganzen eine plötzliche Wendung ins Sexuelle gab, der Breuer entschieden widersprach. Ausdrücklich hatte er bei dem Mädchen das sexuelle Element »als erstaunlich unterentwickelt bezeichnet und daß das Element der Liebe in ihrem Seelenleben niemals in Erscheinung trat«. Freud dagegen erklärte sofort Zweifel und behauptete, »daß regelmäßig Affekte sexueller Natur hinter der Neurose wirksam sind«. Zugleich verallgemeinerte er einen einzigen Fall von Hysterie auf alle Formen der Neurose und nannte dies selbst später »einen folgenschweren Schritt«.

Während Breuer, der Entdecker, daran festhielt, solche verdrängten Ideen kämen aus einem hypnotischen Zustande, machte Freud sofort den ungeheuren Sprung und erklärte sie für Erscheinungen des normalen Lebens, was er die Verteidigung jeder normalen Seele nannte. Der berühmte Fall von Hysterie, der die ganze Reihe dieser auf das Sexuelle gerichteten Untersuchungen einleitete, war ein ausgesprochen platonischer. Freud erklärte ihn für sexuell, verallgemeinerte ihn auf alle Neurosen und zugleich auf alle normalen Seelen.

Hier liegt ein Symbol für Freuds Monomanie, die ihn schon in der Jugend diesen ersten gelehrten Freund kostete.

Der junge Doktor Freud hatte aus Armut seinen Forschertrieb aufgeben und rasch eine Praxis anfangen müssen, obwohl er, wie er schreibt, keine besondere Neigung für die Medizin verspürte. Er war durch die Anhörung von Goethes Ode an die Natur zur Naturforschung gelockt worden, die nur zufällig sich ihm als Medizin darstellte; um so erstaunlicher, daß er später jeden innern Zusammenhang mit Natur und Naturforschung verlor. Die Welt jener Goetheschen Ode ist die Oberwelt, die der Freudschen Analyse bezeichnet sich selbst als die Unterwelt.

Schon als Student hat sich Freud in theoretische Nervenstudien vertieft und dadurch sein Examen verzögert. Der Übergang vom Laboratorium einerseits und von der Praxis andererseits zu dem, was sein Leben bestimmen sollte, scheint auf den Zufall zurückzuführen, daß er Breuer traf, der sich als Nervenarzt grade damals originell entwickelte. Der eine Fall jenes hysterischen Mädchens hat Freuds ganzer Laufbahn die Wendung gegeben.

Mit solcher Leidenschaft warf er sich auf die Entdeckung seines Freundes, daß er seine Existenz als Arzt gefährdete, denn bei seinen reaktionären Kollegen machte ihn die neue These nur verdächtig; von materiellen Motiven kann bei Freud weder hier noch später jemals die Rede sein.

Als Freud mit einem Stipendium nach Paris ging, fiel er in ein Staunen, als der ältere und berühmte Professor Charcot zu ihm sagte: »Dans des cas pareils c'est toujours la chose génitale, toujours, toujours, toujours!«

Damals heiratete er ein Mädchen aus Hamburg, mit dem er vier Jahre verlobt gewesen war, ohne sie mehr als gelegentlich zu sehen. Da niemand etwas von einem Sexualleben Freuds außer seinem Hause gehört hat, so scheint seine Phantasie diese spät erwachten Triebe in seine fanatischen Dogmen geworfen zu haben, so wie sich manch gut bürgerlich lebender Künstler in seinen eigenen üppigen Romanen oder wollüstigen Bildern entschädigt.

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