Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ludwig >

Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 36
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
projectidb7cd4c0e
Schließen

Navigation:

Dritter Teil.
Der Opferpriester

 

»Er muß selber krank sein, er muß den Kranken und Schlechtweggekommenen von Grund aus verwandt sein, um sie zu verstehen … Erst hat er nötig, zu verwunden, um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, den die Wunde macht, vergiftet er zugleich die Wunde.«

Nietzsche

 

34. Ein Besuch

Einmal habe ich den Professor Freud besucht.

Auf seinem Bilde hatten mich diese tiefliegenden, dunkel forschenden Augen angezogen und neugierig gemacht, auch diesen sonderbaren Mann zu sehen. Weder vorher noch nachher hatte ich mit ihm, mit seinen Schülern oder Gegnern zu tun, sie haben auch nie gegen mich geschrieben; ich habe zu keinem der hier zitierten Autoren in irgendeinem Verhältnis gestanden.

Damals, als ich mich bei einem Aufenthalt in Wien im Herbst 1927 bei Freud meldete, lud er mich in einem von seiner klaren Handschrift belebten, höflichen Briefe ein, ich möge ihn am nächsten Abend besuchen.

Mir gefiel sogleich die Einfachheit, mit der ein alter und berühmter Mann in einem winkligen, von Steinstufen besetzten Hause wohnte, ich glaube, im zweiten Stock; auch die Schlichtheit seiner Formen zog mich an, vor allem der Ernst seines Blickes, den ich in der Nähe weniger forschend als grübelnd fand. Er war damals schon Siebzig und sehr leidend, so daß er, wie sein Biograph schreibt, Fremde nur selten empfing. Ich bewunderte die Ruhe, mit der er die nie ganz weichenden Schmerzen in seiner Mundhöhle ertrug. Mit seiner altmodischen Krawatte, Uhrkette und Manschetten, in dem dunklen Konsultationszimmer, erinnerte mich der um fünfundzwanzig Jahre ältere Mann an meinen Vater, den ich in ähnlichem Anzug und Milieu seine Kranken hatte empfangen sehen. Ich hütete mich aber, Freud mit meinem Vater zu identifizieren, denn das hätte zu Komplikationen geführt.

Mit dem unergründlichen Ernste, der dann zwei Abendstunden nicht von ihm wich, begann er, unter Weglassung aller Redensarten, sofort das philosophische Gespräch, auf das es ihm ankam. Überrascht erfuhr ich, daß er einige meiner Bücher kannte; denn er fing an, mich über drei von ihnen auszufragen. Dies geschah in einer geistvollen und zugleich höflichen Weise, daß ich Muße hatte, mich in seine Physiognomie zu versenken, denn deshalb war ich gekommen. Nur ein Gefühl von Kälte verließ mich keinen Augenblick; es schien ihn nicht zu verlassen.

»Sie schweifen zwischen den Individuen«, fing er an, »anarchisch und nach Ihrem Belieben. Und wir bemühen uns hier, Gesetze und Folgen auszufinden.«

Damit hatte er genau den Punkt angezeigt, der uns trennte. Ich war froh, daß er das Gespräch leitete, und antwortete nur: »Sie sind ein Forscher, und ich bin ein Künstler.« Er schien nicht zufrieden und fragte, warum ich in meinem Goethebuch aus der Kindheit nichts Psychologisches mitgeteilt hätte.

»Weil es keine Dokumente gibt«, sagte ich.

»Es gibt aber eines«, sagte er, »und zwar an hervorragender Stelle, gleich zu Anfang von Goethes Memoiren.« Er zitierte die Anekdote, in der der dreijährige Goethe zu seinem Vergnügen Geschirr aus dem Fenster wirft. Als ich fragte, was darin wohl für eine Bedeutung liegen könnte, stellte er mir seine Deutung in allen Einzelheiten dar, wie sie oben nach seinem gedruckten Bericht wiedergegeben wurde. (Siehe Seite 136.) Ich stand ohne Verständnis vor dieser Auslegung, besonders da ich damals noch nicht die Sprünge kannte, die im Freudschen Zirkus um den Namen Goethe geübt wurden. So nahm ich dies und nahm nachher alles zur Kenntnis, verhielt mich als Zuhörer und Zuschauer.

Hierauf kam Freud auf meinen »Napoleon« zu sprechen und machte denselben Einwand, warum ich aus der Kindheit keine Schlüsse gezogen. Dabei führte er eine Deutung aus, die nicht gedruckt vorliegt und die ich hier nur kurz wiedergebe: das einzige Zitat in diesem Buche, das sich auf mündliche Überlieferung stützt.

»Welches war Napoleons Lieblingsbruder?« fragte Freud in seinem lehrhaften Tone.

»Lucien«, sagte ich.

»Nein, Josef.«

Da ich sah, daß er Napoleons Verhältnis zu seinen Brüdern nicht kannte, jetzt aber den Josef brauchte, sagte ich nur:

»Wie Sie meinen. Also Josef. Und was ist es mit diesem?«

»Josef«, sagte Freud, »der ältere Bruder, war in Napoleons Gefühl an die Stelle des Vaters getreten, in ihm sah er den Vater.« Hierauf verbreitete er sich in längerer Darstellung über den suggestiven Einfluß, den Josef als Vaterersatz auf Napoleon geübt, und schloß daraus: »Weil er Josef als Vater empfand, nahm Napoleon eine Frau, die Josefine hieß. Und in Erinnerung an Josef ging er auch nach Ägypten.«

Ich glaubte zu träumen. Da das aber in Freuds Gegenwart gefährlich war, nahm ich mich zusammen und quittierte auch diese zweite Phantasie mit höflichem Kopfnicken.

Später stand er auf und führte mich an eine Tür, auf die er zwei Bilder, ich glaube, ohne Rahmen und mit kleinen Nägeln befestigt hatte. Er ging aufs neue auf eine meiner Studien ein, über Lionardo da Vinci, um zum drittenmal eine von mir nicht beachtete Kindererinnerung zu demonstrieren. Die Bilder zeigten die Heilige Anna Selbdritt in zwei Ausführungen: eines war ein großer Druck oder ein Photo nach dem Pariser Bilde, das andere ein solches nach der bekannten Skizze zu dem Bilde.

Freud erklärte mir nun, daß dieses eine Art zweiköpfiger Madonna sei, weil Lionardo zwei Mütter gehabt hätte, wie wir dieses nach Freuds Buch auf Seite 126 zitiert haben. Ich machte auf das Lionardeske Dreieck zur Erklärung aufmerksam, was er schweigend zur Kenntnis nahm.

»Welches von diesen beiden Bildern«, fragte Freud, »halten Sie für das frühere?«

»Dies da«, sagte ich, und wies auf die Skizze.

»Richtig«, sagte er. »Woher wissen Sie das?«

»Weil die Skizze meistens vor dem Bilde gemacht wird.«

Es entstand eine kleine Pause, und ich schloß, daß in diesem Raum auf eine einfache Frage selten eine einfache Antwort erteilt wurde.

Freud sprach dann von dem Traum Lionardos und von dem Geier, der seinen Schwanz im Munde des Kindes bewegte, wie oben dargestellt. Als er mich nach jenem Traume fragte, erwiderte ich, ich kennte ihn wohl, blieb aber seiner Deutung gegenüber stoisch, wie zuvor bei Goethe und Napoleon. Es kam zu keiner Debatte, denn sein Alter, sein Ernst und seine Krankheit legten mir Schweigen auf.

Ich kehrte durch die Nacht heim, auf einer, wenn ich mich recht erinnere, etwas abschüssigen Straße, und machte dann den ganzen Weg ins Hotel zu Fuß; denn ich brauchte frische Luft, als käme ich von einer Grotte der Unterwelt herauf. Da mir alle drei Deutungen Freuds über drei mir wohlbekannte Gestalten wie Parodien erschienen, mußte ich mich erst fassen.

Seine Enthüllungen wirkten doppelt schrecklich auf mich, weil sie mit einer ruhig-kalten Stimme in unüberwindlichem Ernste vorgetragen wurden und ich von ihrer gedruckten Formulierung damals nichts wußte. Es war mir wie jemand, der drei Menschen geliebt hatte und später von einem Fremden erfuhr, sie wären alle drei wahnsinnig gewesen.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.