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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 35
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
projectidb7cd4c0e
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33. Vom Ursprung der Kultur

Und so wären wir überraschend schnell bei der Kultur angelangt, von deren »Unbehagen« Freud manches treffend bittere Wort zu sagen weiß.

Da die Kultur allein daran schuld ist, daß wir uns nicht nach unseren natürlichen Trieben mit der Mutter vereinigen, den Vater töten und unsere anderen Instinkte austoben dürfen, so wird sie von Freud als eine Art Sperrdamm angesehen, gegen den die brausenden Wasser vergeblich schlagen. »Ich glaube«, schreibt Freud, »man kann mühelos zeigen, daß sexuelle Ersatzbildungen in Zeiten der Not zur Quelle unserer menschlichen Kultur geworden sind.«

Vor dieser einseitigen, aber möglichen Definition fällt jedermann der verhinderte Wilde ein. Hier entsteht die Frage, welchen Zustand der Philosoph anstrebt und für sich und die Menschheit wünscht. Wenn Rousseau zur Natur zurück wollte, so meinte er nicht Inzest und Vatermord, die man bei ihm vergebens suchen wird, sondern die freie Sphäre für natürliche Gefühle, die ohne Vorurteil und Konvenienzen strömen und wirken können. Auf Freuds düsterem Innern lasten dagegen schwere Felsen. An hundert Stellen wird es klar, daß er mit Inzest, Ödipus, Kannibalismus den natürlichen Zustand bezeichnet, den wir nur immer neu » durch täglichen Verzicht« verlieren und den jeder neugeborene Mensch durch Verzicht verlieren lernen muß, denn dafür, und nicht für die Kultur sind wir in Wirklichkeit geschaffen. Freud schreibt:

»Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten, daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung gebracht hat. Allein, ich glaube nicht an einen solchen inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohlwollende Illusion zu schonen. Die bisherige Entwickelung des Menschen scheint mir keiner anderen Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl der menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der menschlichen Kultur aufgebaut ist.«

Diese nihilistisch trotzige Erklärung, die bei einem alten Mann etwas Großartiges hat, wird von ihm selbst analysiert, durch das, was er Eros und Todestrieb nennt und was in unserer einfachen Sprache den Gedanken an Liebe und Tod im menschlichen Herzen bedeutet. In einem anderen Querschnitt hat Freud den »seelischen Apparat« gegliedert in ein Ich, ein Es und ein Über-Ich. Dieses Über-Ich erklärt er als »die Repräsentanz unserer elterlichen Beziehungen … Es ist sozusagen der Erbe des Ödipus-Komplexes«, durch dessen Aufrichtung sich das Ich dieses Komplexes bemächtigt.

Vor diesen, nur noch für Ordensbrüder verständlichen Formeln und Gebräuchen verneigen wir uns stumm und wenden uns vom Erben des Ödipus-Komplexes seinem Vater zu.

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