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Der entzauberte Freud

Emil Ludwig: Der entzauberte Freud - Kapitel 34
Quellenangabe
authorEmil Ludwig
titleDer entzauberte Freud
publisherCarl Posen Verlag
printrun1. Auflage
year1946
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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32. Ausflüge in die Kunst

»Das Wesen der künstlerischen Leistung ist uns psychoanalytisch unzugänglich.« Bei dieser Erkenntnis hätte Freud stehenbleiben müssen. Aber mit steigenden Jahren erkannte der Diktator die Notwendigkeit, sich auch mit dem Teil der Welt auseinanderzusetzen, der seiner Natur der fremdeste war. Während er sich selbst für einen unmusischen und unmusikalischen Menschen erklärte, spürte er, wie all das, was er sich und der Welt beweisen wollte, von den Künsten in Worten und Gedanken, in Tönen und Farben, in Schwingungen und Visionen im vornhinein teils bewiesen, teils widerlegt worden war. Er fürchtete sich sein Leben lang vor der Kunst, mit der er und die mit ihm nichts anfangen konnte, obwohl sie der Spiegel der Seelenkunde genannt werden könnte.

Daß alle Kunst an sich neurotisch, ja daß der Künstler mit dem Neurotiker identisch war, daß alle diese Männer mitsamt ihren Werken aus der Sexualwelt stammten, war für Freud klar, aber es war schwer zu beweisen. Daß Dichter und Musiker Geheimnisse der Träume verstanden, die Freud nicht verstand, daß die Zauberer vor dem Entzauberer entflohen, ohne sich zu wehren, sogar mit einem heimlichen Gelächter, war schrecklich. Freud folgte ihnen ein Leben lang, wie man Irrlichter verfolgt, die die Kühnheit haben, sich selbst zu leuchten und zu verdunkeln, wann es ihnen paßt.

Schopenhauer und Nietzsche hatten in derselben deutschen Sprache die tiefsten Dinge über die Kunst gesagt, weil sie zugleich Dichter waren, und wenn Freud Schopenhauers Viertes Buch gelesen hätte, so hätte er eigentlich an sich verzweifeln müssen: denn dort war alles, was Freud über den Zusammenhang zwischen Kunst und Nerven entdeckt haben wollte, im vornhinein analysiert und zugleich angezweifelt. So zog sich Freud in seinen Beruf als Nervenarzt zurück, an den er sich immer erinnert, wenn er fürchtet, sich im Labyrinth zu verlaufen, und schrieb:

»Der Künstler hatte sich wie der Neurastheniker vor der unbefriedigenden Wirklichkeit in die Phantasiewelt zurückgezogen; aber anders als der Neurastheniker verstand er, den Rückweg aus ihr zu finden und in der Wirklichkeit wieder festen Fuß zu fassen … Die Kunstwerke waren Phantasiebestätigungen unbewußter Wünsche, ganz wie die Träume.« Nach diesen Worten, die sich fast ebenso bei Nietzsche finden, fährt Freud fort: »Die Analyse kann nichts zur Erklärung der künstlerischen Begabung sagen; auch die Aufdeckung der Mittel, mit denen der Künstler arbeitet, der künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu.«

Während er also erkennt, daß seiner Traumdeutung, ja seiner gesamten Weltdeutung die Kunst entgegensteht, während die Irrlichter unkörperlich vor ihm tanzen, greift er dennoch nach ihnen und wundert sich, daß sie erlöschen. Von allen guten Geistern seines Innern gewarnt, »erklärt« Freud dennoch die Kunst, halb für Kinder, halb für Verrückte:

»Ein Weg führt von der Erklärung der Träume zur Analyse von Autoren und Künstlern. Man fand bald, daß die Träume bei Autoren zur Analyse in demselben Verhältnisse standen wie die wirklichen Träume … Die Konzeption der unbewußten psychischen Aktivität vermittelt uns den ersten Einblick in die Natur der dichterischen Schöpferarbeit. Die Bewertung der Gefühle, die wir beim Studium der Neurosen fanden, ermöglichte uns, die Quellen des künstlerischen Schaffens zu verstehen, und warf das Problem auf, wie der Künstler auf diese Stimula reagiert und wie er diese Reaktionen verkleidet.«

Der Durchbruch ist gelungen: das Reich der Kunst, in dem die größten Analytiker gearbeitet haben, ist jetzt der Psychoanalyse geöffnet. Sie tritt in gewohnter Weise als Entdecker von Quellen auf, die durch und durch geforscht waren. Aber sie hat einen Vorteil, sie ist zum Entgöttern da und zieht zugleich Apollo und den Neun Musen die Masken fort. Dem großen Entzauberer, der die Liebe und den Glauben entlarvt hat, gelingt jetzt das nämliche mit der Kunst: Freud hat eine Art negativer Dreieinigkeit errichtet. Dabei hat er vor der Kunst ein schlechtes Gewissen, denn er fängt einen wichtigen Aufsatz mit den Worten an: »Leider weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am wenigsten zu sagen.« Warum schweigt er dann nicht? Sein Urtrieb treibt ihn vorwärts:

»Einzig die Ableitung aus dem Gebiete des Sexualempfindens scheint gesichert; es wäre ein vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Regung. Die Schönheit und der Reiz sind ursprünglich Eigenschaften des Sexualobjektes. Es ist bemerkenswert, daß die Genitalien selbst, deren Anblick immer aufreizend wirkt, doch fast nie als schön beurteilt werden; dagegen scheint der Charakter der Schönheit an gewissen sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften.«

Da er den Busen der Frauen damit zu meinen scheint, fragt man sich einen Augenblick, warum er ihn bei Lionardo nicht gesehen hat. Geschlechtsmerkmale dürfen eben bei Freud niemals sekundär sein, also läßt er die Schönheit in Ruhe, sie kommt nicht mehr vor.

Vielleicht läßt sich noch eher mit den Dichtern reden? Da wird doch wenigstens manchmal etwas Vernünftiges gedacht und aufgeschrieben, auch wenn es sich am Ende reimt. So geht denn Freud im Alter tapfer auf den schlafenden Drachen zu, er klopft ihn leise an – keine Antwort! Da bricht er in die unsterblichen Worte aus: » Wenn wir wenigstens bei uns oder bei unseresgleichen eine dem Dichter irgendwie verwandte Tätigkeit auffinden könnten!« Erst als er gar nicht vorwärtskommt, zieht er sich in den Hochmut des Naturforschers zurück und erklärt lächelnd: »Der Dichter spielt in Luftschlössern, in Tagträumen.«

Jetzt tut Freud, was die Menschen immer mit Werken tun, die sie nicht verstehen: sie teilen sie ein. So wie wir es in der Tertia lernten, so teilt jetzt der Professor Freud die Dichter in solche ein, »die fertige Stoffe übernehmen, und solche, die ihre Stoffe frei zu schaffen scheinen«: also Halbfabrikate und komplett neue Waren. Freud stellt sich das Dichten offenbar schwieriger vor, wenn man nichts geliefert bekommt, sondern alles selber erfinden muß; wobei Shakespeare sich's freilich leicht gemacht hätte. Jedenfalls sind die Dichter Kinder, also Neurotiker, und der Entzauberer spricht wohlwollend von solchen Dichtern, »die alle Menschen in gute und böse scheiden«. Wie mögen nur diese Dichter heißen?

Während Freud in seiner Ästhetik gewissermaßen rührend wirkt, treten seine Schüler kräftig auf und machen aus dem, was der Meister unsicher andeutete, Plakate wie die grandiose These des Doktors Steckel: » Meine Untersuchungen haben mir den absoluten Beweis gegeben, daß es keinen Unterschied gibt zwischen dem Neurotiker und dem Dichter.« Ebenso kategorisch erklären die Herren Rank und Sachs, »der Ursprung von Konsonanz und Rhythmus ist« – nun? Der Tanz? Das Spiel? Das Lachen? Fehlgeraten: »– ist der Drang zur Homogenität mit dem Sexualakte.«

Weitere Kunstgesetze aus der Unterwelt:

Die Tragödie ist der Ausdruck des Schuldbewußtseins des Sohnes gegenüber seinem Vater (zum Beispiel »Othello« oder »Faust«) oder der Ausdruck aller Schuldgefühle, die aus inzestiösen Beunruhigungen kommen (zum Beispiel »Romeo und Julia«). Die Tragödie ist also die Dramatisierung verdrängter infantiler Komplexe (zum Beispiel »Julius Cäsar«). Dagegen wird in der Komödie »das Schuldbewußtsein des Sohnes auf den Vater übertragen, so daß dieser der schuldige Teil wird« (zum Beispiel »Figaro« oder »Sommernachtstraum«).

Das sind nur ein paar Gedankenblitze. Wollt ihr uns von Architektur nicht auch ein kräftig Wörtchen sagen? Die Gotik ist reiner Sexus, denn was bedeutet in Träumen Pfeiler und Bogen? »Die Gotik ist die Verteidigungsschlacht gegen die Fixation, die die primäre Situation mit sich bringt.« Architektur im allgemeinen »ist das letzte, unauflösbare Element der Unterleibshöhle«.

Bei den Bildhauern ist alles viel einfacher: der Prototyp aller Skulptur ist natürlich der Phallus. Beim Malen und Zeichnen kommt alles von der Oberfläche des menschlichen Körpers, die Landschaftsmalerei dagegen kommt von den » sexualen Analogien und unterdrückten Trieben«. Die Hand des Künstlers, ein Teil seines Körpers, ist ein »libidinöses Organ«. Man sieht, zuerst kommt es auf die Libido an und dann auf das Talent.

Wie steht's denn mit der Musik? Doktor Reick hat unter den Instrumenten das Shofar, das alte Horn der Juden, darum wieder entdeckt, weil er in dem Tone die Stimme Gottes wiederfand, »das heißt hier die Erinnerung an das alte furchtbare Verbrechen des Vatermordes«. Sonst erfahren wir nur, daß alle Musiker unter einem hohen Grade von Verdrängung leiden.

Alles in allem: Woher kommt die Ästhetik? » Die Ästhetik hat ihre Wurzeln in verdrängter Analerotik.« Da sieht man deutlich, wie sich das Schöne aus dem Schmutz erheben kann. Schnell noch zum Schlusse die Ethik: » Die Essenz der Ethik ist ein freiwilliger Verzicht auf sexuelle Befriedigung.« Die Rechtsprechung kommt von dem Original-Vatermorde. Die Politik wird ebenfalls mit phallischen Symbolen und sexuellen Trieben analysiert.

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